Oberweyer
Oberweyer Stadt Hadamar | |
|---|---|
| Koordinaten: | 50° 28′ N, 8° 6′ O |
| Höhe: | 228 (225–230) m ü. NHN |
| Fläche: | 4,16 km²[1] |
| Einwohner: | 855 (31. Dez. 2024)[2] |
| Bevölkerungsdichte: | 206 Einwohner/km² |
| Eingemeindung: | 31. Dezember 1971 |
| Postleitzahl: | 65589 |
| Vorwahl: | 06433 |
Luftbild von Oberweyer aus Richtung Nordosten | |
Oberweyer ist ein Stadtteil von Hadamar im mittelhessischen Landkreis Limburg-Weilburg. Die vorher selbstständige Gemeinde wurde zum 1. Januar 1972 eingemeindet.
Geografische Lage
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Oberweyer befindet sich am nordöstlichen Rand des Limburger Beckens, am Südrand des Westerwaldes.
An die in Nord-Süd-Richtung gestreckte Gemarkung grenzen vom Südwesten im Uhrzeigersinn die Hadamarer Stadtteile Niederweyer, Oberzeuzheim und Steinbach, im Südosten der Beselicher Ortsteil Obertiefenbach und im Süden der Limburger Stadtteil Ahlbach. Rund 500 Meter südwestlich des Ortsrands verläuft die Bundesstraße 54 in Nordwest-Südost-Richtung. Nördlich des Orts fließt der Holzbach nach Westen. Der Ort selbst liegt auf rund 230 Metern Höhe. Die Gemarkung steigt nach Süden und Osten auf rund 240 Meter leicht an. Nach Nordwesten fällt das Gelände zunächst zum Holzbach bis auf 215 Meter ab, um danach auf das Heidenhäuschen (Gemarkung Hangenmeilingen) zu wieder anzusteigen. Die Gemarkung ist bis auf einen kleinen, bewaldeten Teil im Norden fast ausschließlich mit landwirtschaftlicher Fläche bedeckt.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Besiedlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fundstücke lassen vermuten, dass Oberweyer durch die Alemannen schon vor der Völkerwanderung gegründet und später von den Franken unter König Chlodwig (um 500 n. Chr.) erweitert worden ist.[3] Auch der Namensbestandteil -weyer ist ein, wenn auch unsicherer, Hinweis auf eine vor- oder frühgermanische Gründung.
Erstmalige urkundliche Erwähnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 772 wurde Oberweyer bekanntermaßen erstmals im Lorscher Codex, einer Schenkungsurkunde, erwähnt. Die Komtesse Rachild (auch: Rachilt) – eine Tochter von Graf Cancor aus dem Geschlecht der Robertiner, schenkte am 12. August 772 dem Kloster Lorsch Besitzungen im Lahngau, darunter auch in Oberweyer. Unter Rachilds Besitzungen im Lahngau befand sich auch „Wilere“, das heutige Oberweyer. In der Festschrift zur 1200-Jahr-Feier von Oberweyer im Jahr 1972 ist folgende Übersetzung dieser Urkunde veröffentlicht:[4]
Schenkung der Rachild in Wilina und Saltrissa. Im Namen Christi. Am 12. August im 4. Jahr König Karls. Dem heiligen Märtyrer Nazarius, dessen Leib im Kloster Lorsch, dem der ehrwürdige Gundulandus als Abt vorsteht, ruht, schenke ich Rachild, was ich im Lahngau in Wilina, Brachina, Saltrissa, Barenbach, Albach, Vchilheim, Wilere, Torndorf und Holtzhausen besitze, und 44 Leibeigene. Bereitwilligst bestätige ich dies und will, dass diese Schenkung auf immer gültig sei. Die Unterschrift ist hinzugefügt. Vollzogen im Kloster Lorsch zu der oben angegebenen Zeit.
Die zweite urkundliche Erwähnung von Oberweyer datiert auf das Jahr 790. Damals schenkte Karl der Große einige Höfe in verschiedenen Siedlungen des Lahngaus, darunter auch in Vilare, dem Kloster Prüm in der Eifel. Der Ortsname in der heutigen Schreibweise ist mit Sicherheit erst ab 1633 belegt. Vorher war die Ortschaft neben „Wilere“ und „Vilare“ auch als „Wilre“ und „Oberenwilre“ erwähnt.[4]
Niederlahngau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Niederwerfung der einheimischen Bevölkerung etablierten die fränkischen Herrscher im Frühmittelalter durch die Einrichtung des Lahngaus das Grafschaftsprinzip. Der fränkische Herrscher setzte Gaugrafen als seine Stellvertreter vor Ort ein, die gleichzeitig auch als oberste Richter fungierten. Noch vor dem Jahr 900 wurde der Lahngau in den Oberlahngau und den Niederlahngau geteilt, wobei Oberweyer Teil des Niederlahngaus wurde. Wie alle anderen fränkischen Gaue wurde auch der Niederlahngau in Zentmarken unterteilt. Die Zugehörigkeit von Oberweyer zur Zentmark Reckenforst bei Dietkirchen, zur Hadamarer Mark oder zur Ellarer Mark ist derzeit noch ungeklärt.
Die Grafen des Niederlahngaus stammten aus dem Adelsgeschlecht der Konradiner. Nach dem Tod von Eberhard als letztem konradinischen Grafen im Jahr 966 ging der Niederlahngau auf die Grafschaft Diez über.
Zugehörigkeit zur Grafschaft Diez und zur Grafschaft Nassau-Dillenburg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Niedergang des Niederlahngaus im 10. Jahrhundert gehörte Oberweyer politisch zunächst zur Grafschaft Diez und dort zum Verwaltungs- und Gerichtsbezirk „Dehrner Cent“. Nach dem Tod des Gerhard VII. als letzter Graf von Diez im Jahr 1386 fiel sein verbliebenes Herrschaftsgebiet an das Haus Nassau-Dillenburg unter Graf Johann I. von Nassau-Dillenburg aus der ottonischen Linie. Nach dessen Tod seines Sohnes Graf Adolf von Nassau-Dillenburg im Jahr 1420 konnte das Haus Nassau-Dillenburg nur den Besitz der halben Grafschaft Diez, die zu dieser Zeit zu einem erheblichen Teil an zahlreiche Gläubiger verpfändet war, wahren. Erst durch den Frankfurter Vertrag vom 30. Juni 1557 fiel das 3. Viertel ebenfalls an das Haus Nassau-Dillenburg. Das letzte Viertel kam über mehrere Umwege im Jahr 1535 in den Besitz von Kurtrier. Erst mit dem Abschluss des Diezer Vertrages vom 27. Juli 1564 teilten Nassau-Dillenburg und Kurtrier die Grafschaft Diez endgültig untereinander auf. Für Oberweyer bedeutete dies, dass der Erzbischof und Kurfürst von Trier seine Mitherrschaft über den Ort an Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg abgab.
Für 1566 sind als Besitzer von Höfen in Oberweyer das Kloster Dierstein bei Diez, die Ritterfamilie Frei von Dehrn sowie die niederadligen Familie von Waldmannshausen, Mudersbach und Specht von Bubenheim verbürgt.
Dreißigjähriger Krieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In den Jahren 1623 und 1632 forderte die Pest in Oberweyer zahlreiche Opfer. Zudem wurde Oberweyer im Dreißigjährigen Krieg von Schweden geplündert.
Nassau-Hadamar
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1620 wurde das Dorf nach dem Tod von Graf Wilhelm Ludwig von Nassau-Dillenburg der Grafschaft Nassau-Hadamar seines Onkels Johann Ludwig (Nassau-Hadamar) zugeordnet. Nachdem ein Jahrhundert später das Fürstengeschlecht Nassau-Hadamar durch den Tod von Fürst Franz Alexander von Nassau-Hadamar 1711 ausgestorben war, kam es zu mehreren Besitzwechseln, bevor Oberweyer 1743 an Nassau-Diez, kurz darauf an Oranien-Nassau fiel.
Neuere Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Zeit Napoleons gehörte Oberweyer zum Großherzogtum Berg. 1813 richteten russische Truppen, die die Franzosen in Richtung Westen verfolgten, in Oberweyer große Verwüstungen an. Ab 1816 gehörte das Dorf zum neu entstandenen Herzogtum Nassau. Die Freiheitsbewegung des Jahres 1848 hatte zur Folge, dass die Oberweyerer Katholiken wieder viele Jahrzehnte zur Wallfahrtskapelle Maria Hilf Beselich pilgerten und dort eindrucksvoll ihren Glauben kundgaben.[5]
Während des Zweiten Weltkrieges unterhielt die Wehrmacht am westlichen Dorfrand eine Funkstation. Diese Anlage war vermutlich das Ziel eines amerikanischen Bombenangriffs, bei dem am 11. März 1945 rund 200 Sprengbomben in unmittelbarer Nähe des Dorfes niedergingen. Keine der Bomben traf ihr Ziel. Lediglich an einigen Häusern und der Kirche gab es leichte Schäden. Zum Dank für die Verschonung wird in Oberweyer noch heute jährlich eine Wallfahrt zur Wallfahrtskapelle Maria Hilf Beselich organisiert. Im Ersten Weltkrieg fielen 18 und im Zweiten Weltkrieg 36 Männer aus dem Dorf. Ab den 1950er Jahren begann sich das Dorf insbesondere nach Süden auszudehnen. 1962 erfolgte eine Flurbereinigung, die zu einer Zusammenlegung zahlreicher durch die Erbteilung zersplitterter Landwirtschaftsflächen führte.
Zum 31. Dezember 1971 erfolgte der freiwillige Anschluss an die Stadt Hadamar,[6][7] nachdem im Jahr 1970 auch eine Hinwendung zur neu gebildeten Gemeinde Beselich im Gespräch war.[8]
Die ehemalig selbstständigen Gemeinden Hadamar, Niederweyer, Niederzeuzheim, Oberweyer, Oberzeuzheim und Steinbach bildeten die neue Stadtgemeinde Hadamar. Sitz der Gemeindeverwaltung wurde Hadamar. Für diese ehemaligen Gemeinden wurde je ein Ortsbezirk gebildet.[9]
Im Jahr 1973 wurde das alte Schulhaus abgerissen. In den Jahren 1992 bis 1993 erfolgte der Neubau eines Feuerwehrhauses. Von 1994 an wurde in zwei Abschnitten bis etwa 2005 das Neubaugebiet „Hinter dem Acker“ besiedelt, was zu einer wesentlichen Ausdehnung der Ortsfläche in Richtung Nordwesten führte. 1997 errichtete der Sportverein ein Vereinsheim am Sportplatz. Im Jahr 2002 eröffnete der Verschönerungsverein das Dorfmuseum. Im selben Jahr begannen die Erschließungsarbeiten für ein Gewerbegebiet südwestlich des Orts, unmittelbar an der Auffahrt zur Bundesstraße 54. 2003 löste ein neu gebauter Kindergarten gegenüber der Pfarrkirche das bis dahin als Kindergarten genutzte Gebäude des ehemaligen Pfarrhauses ab.
Schule
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Reformationszeit muss die erste Schule im Ort gegründet worden sein, an der auch die Kinder aus den übrigen Dörfern des Kirchspiels unterrichtet wurden. 1827 entstand das erste für diesen Zweck errichtete Schulhaus, 1883 ein Neubau, der genau hundert Jahre später abgerissen wurde, in der Schulstraße auf dem Grundstück des heutigen Spielplatzes.
Wirtschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Oberweyer ist ein traditionell von der Landwirtschaft geprägter Ort. Allerdings gab es in der Gemarkung auch kurzzeitig einen Abbau mineralischer Rohstoffe. Eine Tongrube wurde in den 1930er Jahren nordwestlich des Orts im Oberweyerer Wald betrieben, die heute mit Wasser gefüllt ist. Nördlich des Orts an der Südflanke der Erhebung „Kissel“ befand sich ein Steinbruch zur Deckung des örtlichen Baustoffbedarfs. Nach der Nutzung als Müllkippe und später als Standort des Schützenhauses des inzwischen aufgelösten örtlichen Schützenvereins befindet sich dort heute eine Grillhütte. Lehm für den örtlichen Bedarf wurde am heutigen Ostrand der Bebauung, an der Straße nach Obertiefenbach, gewonnen.
Verwaltungsgeschichte im Überblick
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die folgende Liste zeigt die Staaten und Verwaltungseinheiten,[Anm. 1] denen Oberweyer angehört(e):[10][11]
- vor 1711: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Nassau-Hadamar, Amt Hadamar
- 1717–1743: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Nassau-Dillenburg, Amt Hadamar
- 1743–1806: Heiliges Römisches Reich, Grafen von Nassau-Diez als Teil des Fürstentums Nassau-Oranien, Amt Hadamar
- 1806–1813: Fürstentum Großherzogtum Berg,[Anm. 2] Département Sieg, Arrondissement Dillenburg, Kanton Hadamar
- 1813–1815: Nassau-Oranien, Amt Hadamar
- ab 1816: Herzogtum Nassau,[Anm. 3] Amt Hadamar
- ab 1849: Herzogtum Nassau, Kreisamt Hadamar[Anm. 4]
- ab 1854: Herzogtum Nassau, Amt Hadamar
- ab 1867: Norddeutscher Bund[Anm. 5], Königreich Preußen,[Anm. 6] Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Oberlahnkreis[Anm. 7]
- ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Oberlahnkreis
- ab 1886: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Limburg
- ab 1918: Deutsches Reich (Weimarer Republik), Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Limburg
- ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Nassau, Landkreis Limburg
- ab 1945: Amerikanische Besatzungszone,[Anm. 8] Groß-Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Limburg
- ab 1946: Amerikanische Besatzungszone, Land Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Limburg
- ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Limburg
- ab 1968: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Limburg
- ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Limburg, Stadt Hadamar[Anm. 9]
- ab 1974: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Limburg-Weilburg, Stadt Hadamar
- ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Limburg-Weilburg, Stadt Hadamar
Kirchengeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anfänge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zunächst gehörte Oberweyer zum vor dem Jahr 841 gegründeten Stift Dietkirchen, das den Mittelpunkt der gesamten rechtsrheinischen Gebiete der Diözese Trier bildete und Sitz eines Archidiakonats war. Folgende Orte gehörten ebenfalls zur Pfarrei Dietkirchen: Lindenholzhausen, Eschhofen, Mühlen, Ennerich, Runkel, Dehrn, Steeden, Hofen, Schue (früher zwischen Obertiefenbach und Schupbach), Kraich (früher zwischen Ahlbach und Limburg), Oberahlbach, Niederahlbach (Urselthaler Hof), Faulbach, Offheim, Niederhadamar, Elz (beide nur bis 1476).[12] Erwiesen ist, dass sich das Stift in den Schutz der Herren Specht von Bubenheim gegeben hat und ihnen dafür den Zehnten von Oberweyer überlassen hat.[13] Nicht ganz klar ist es, ob Oberweyer ab dem Jahr 1476 zusammen mit Steinbach zur neu gegründeten Pfarrei Niederhadamar gehörte.[14]
Erste Kapelle in Oberweyer (1488)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Genaue Informationen, wann die erste Kapelle in Oberweyer errichtet wurde, sind nicht bekannt. Im Jahr 1488 wurde erstmals eine Kapelle als Vorläuferbau der heutigen Pfarrkirche in Oberweyer erwähnt.[14] Vermutlich war es ein kleiner Fachwerkbau, wie es zur damaligen Zeit üblich war. Nicht belegt ist, ob Fürst Siegfried II. von Runkel tatsächlich eine Sommerwohnung in Oberweyer hatte und sie als Dotation für die Kapelle gegeben hatte. Belegt ist jedoch, dass das Adelsgeschlecht Specht von Bubenheim Patronatsherren sowie Collatores der Kapelle waren und deshalb ein Vorschlagsrecht bei der Anstellung der Geistlichen hatten. Als erster Seelsorger in Oberweyer ist „Capellan Henrich Radenrade von Roderod“ im Jahr 1545 namentlich bekannt[12], der entweder von Dietkirchen oder von Niederhadamar aus den Ort betreute.
Reformation ab 1564 und Gründung der Pfarrei im Jahr 1567
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schon ab dem Jahr 1553 führte Graf Wilhelm dem Reichen von Nassau-Dillenburg in den Gebieten, in denen er alleiniger Herrscher war, allmählich die Reformation ein. In der Grafschaft Diez und damit auch in Oberweyer, konnte er die lutherische Lehre jedoch noch nicht einführen, da die Grafschaft bekanntlich durch das Erzbistum Trier mitregiert wurde. Jedoch sofort nach Abschluss des Diezer Vertrages, mit dem die Grafen von Nassau-Dillenburg die alleinige Herrschaft über Oberweyer erlangten, änderte sich die Situation, obwohl im Vertrag festgelegt wurde, dass die neuen Herrscher ihre Untertanen „von der alten Religion nit abhalten, zwingen und einige Ungnad deshalb anzeigen“ sollten: Unter Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg wurde ab 1564 auch im Dehrner Zehnt und somit in Oberweyer die Reformation eingeführt.[15] Im September 1564 kam es dazu, dass der Kaplan von Obertiefenbach, das durch seine Zugehörigkeit zur Grafschaft Wied-Runkel bereits reformiert war, in Oberweyer „sonntags das Wort Gottes verkündigt und predigt, ohne dass den Gläubigen das Sakrament gereicht werde und in der Woche statt der Werktagsmesse eine Predigt halte.“ Im selben Jahr beschwerten sich die Oberweyerer beim Landesherrn Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg: Oberweyer sei Pfarrfiliale von Dietkirchen und Dietkirchen gehöre dem Kurfürsten von Trier. Der Pfarrer von Dietkirchen sei doch für sie zuständig und nicht der Kaplan von Obertiefenbach. Am 27. September 1564 beschied die nassauische Verwaltung jedoch den Oberweyerern, dass es bei der Zuständigkeit des reformierten Kaplans bleibe.
Im Jahr 1567 wurde Oberweyer zu einer selbstständigen Pfarrei erhoben und ihr alle Orte der Grafschaft Nassau-Dillenburg auf hadamarischem Gebiet zugewiesen, die bisher zum Stift Dietkirchen gehörten: Ahlbach, Niedertiefenbach, Niederweyer und Steinbach sowie vermutlich auch Nieder-Ahlbach (Urselthaler Hof). Im Zeitraum während und nach der Reformation waren in Oberweyer acht evangelische Geistliche im Einsatz: Im Jahr 1568 wurde Magister Beilstein aus Wetzlar als erster evangelischer Pfarrer in Oberweyer eingesetzt. Der Kirchenbesuch blieb sehr gering und es gibt Berichte, dass die Einwohner so sehr in Opposition gegen den protestantischen Pfarrer standen, dass ihm sogar die Fensterscheiben eingeworfen wurden. Um 1578 wurde nach dem Prinzip „cuius regio, eius religio“ das calvinistische Bekenntnis eingeführt, da der herrschende Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg konvertierte.
Erste Pfarrkirche
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Gründung der eigenständigen Pfarrei Oberweyer im Jahr 1567 begann die Planung für eine neue Kirche. Schon im Folgejahr kam es aber zu einem Streit, weil sich die Filialdörfer weigerten, den Kirchenbau zu finanzieren. Auch die Patronatsherren der bisherigen Kapelle – die Familie Specht zu Bubenheim – waren nicht bereit, sich finanziell zu beteiligen. Der Bau erfolgte dann wahrscheinlich im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Das genaue Einweihungsdatum ist nicht mehr bekannt. Es handelte sich um ein kleines einschiffiges, gotisches Gotteshaus mit einem steilen Dach und einem massigen Turm mit spitzem Turmhelm, insgesamt aber nur halb so hoch wie der jetzige Kirchturm. Der Eingang der alten Kirche befand sich dort, wo sich heute das Missionskreuz befindet. Der Fußboden der Kirche war rund 1,60 Meter tiefer als heute. Erst im Jahr 1883 wurden das Gelände zum Friedhof hin und der Fußboden der Kirche auf das heutige Niveau aufgeschüttet. Die alte Kirche war wohl von innen und außen verputzt. Reste des Außenputzes wurden 1965 bei den Verputzarbeiten am Nachfolgebauwerk entdeckt.
Der Innenraum hatte bei einer Länge von 15 Metern und einer Breite von 8,25 Metern nur eine Bodenfläche von 125 Quadratmetern. Aufgrund der Mauerstärke des Turms ist davon auszugehen, dass er auch für Verteidigungszwecke vorgesehen war. Belegt ist, dass der Zelebrationsaltar am 23. April 1630 durch den Mainzer Weihbischof Ambrosius Seibaeus geweiht wurde. Renovierungen der alten Kirche erfolgten in den Jahren 1720 und 1773. In diesem Zusammenhang hielt der barocke Baustil Einzug.
Gegenreformation im Jahr 1630
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Johanns VI. Sohn Johann Ludwig von Nassau-Hadamar, trat 1629 zum Katholizismus über. Daher führte ab 1630 in seiner Grafschaft eine gemäßigte Gegenreformation durch. Am 12. Februar 1630 teilte der Graf Pfarrer Philipp Kempfer und auch den Geistlichen aus Niederzeuzheim, Frickhofen, Niederhadamar und Lahr mit, dass sie als Pfarrer entlassen seien. Einige der Geistlichen blieben ihrem calvinistischen Glauben treu und verließen das Land. Pfarrer Kempfer lebte jedoch, mit einer Gnadenpension des Grafen und ohne weitere seelsorgerische Betätigung, bis zu seinem Tode am 12. Februar 1631 in Oberweyer. In den ersten Jahren nach der Gegenreformation wechselten die Geistlichen in Oberweyer sehr schnell. Überall waren die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges und der Pest-Epidemien zu spüren. Pater Wilhelm Feiner, der von 1652 bis 1662 Pfarrer in Oberweyer war, hatte in der kurzen Zeitspanne zwischen 1630 und 1652 insgesamt 23 Vorgänger als Priester in dem kleinen Westerwalddorf.
Zweite Pfarrkirche
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die erste Pfarrkirche wurde schon bald zu klein für das große Kirchspiel. Schon im Jahr 1750 gab es ein Schreiben an die fürstliche Landesregierung mit der Bitte um einen Kirchenneubau. Die Regierung kam dieser Bitte jedoch nicht nach, zumal die Rechtslage der Kirche nicht ganz eindeutig war: Die Spechte von Bubenheim bestritten, dass sie durch ihr Patronat über die Kirche auch unterhaltspflichtig seien, da sie auch in der Vergangenheit nie zu Reparaturkosten herangezogen worden seien. Erst im Jahr 1805 kam aus Dillenburg die Entscheidung, dass Oberweyer sich bemühen sollte, von den Freiherren zu Specht eine freiwillige Baukostenunterstützung zu erhalten. Bei diesen war aber nichts mehr zu holen: Sie waren zwischenzeitlich nach Würzburg gezogen und nicht mehr im Besitz ihrer Höfe in Oberweyer. Spätere Baupläne scheiterten an der Finanzierung.
Erst im Jahr 1880 wurden die Pläne konkreter. Nach Erteilung der Baugenehmigung am 29. April 1883 wurden in der Folgezeit die nicht benötigten Teile der ersten Pfarrkirche abgerissen und mit den Bauarbeiten für die heutige Kirche begonnen. Vom Architekten ist nur noch der Nachname Goldmann bekannt. Die Benedizierung und erstmalige Nutzung erfolgte an Allerheiligen 1885. Die feierliche Konsekration konnte aber – auch durch den Kulturkampf – erst am 6. November 1888 bei der Firmspendung durch Bischof Karl Klein durchgeführt werden. Als Ausdruck der Dankbarkeit für die umfangreichen Spenden der Bürger wird jedes Jahr in der Zeit von Weihnachten bis Dreikönig eine Stiftungsmesse gefeiert.
Im Jahr 1927 wurde ein Pfarrhaus errichtet, das bis zum Jahr 2003 den Kindergarten beherbergte.[16]
Die Kirche war bis Jahresende 2019 im Eigentum der katholischen Kirchengemeinde Oberweyer. Seit Jahresanfang 2020 gehört sie zur Pfarrei St. Johannes Nepomuk Hadamar.[17]
Bevölkerung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einwohnerentwicklung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1518: 25 Familien in Oberweyer
- 1612: 27 Familien in Oberweyer
- 1648: 16 Haushalte in Ober- und Niederweyer
- 1809: 56 Familien mit 329 Einwohnern in Oberweyer
- 1860: 121 Familien mit 503 Einwohnern
- 1912: 110 Familien mit 560 Einwohnern
- 1932: 126 Familien mit 598 Einwohnern
- 1948: 180 Familien mit 656 Einwohnern (darunter 107 Vertriebene)
- 1970: 196 Haushalte mit 653 Einwohnern
| Oberweyer: Einwohnerzahlen von 1809 bis 2019 | ||||
|---|---|---|---|---|
| Jahr | Einwohner | |||
| 1809 | 329 | |||
| 1834 | 397 | |||
| 1840 | 442 | |||
| 1846 | 474 | |||
| 1852 | 501 | |||
| 1858 | 501 | |||
| 1864 | 535 | |||
| 1871 | 554 | |||
| 1875 | 529 | |||
| 1885 | 553 | |||
| 1895 | 529 | |||
| 1905 | 562 | |||
| 1910 | 560 | |||
| 1925 | 530 | |||
| 1939 | 509 | |||
| 1946 | 643 | |||
| 1950 | 625 | |||
| 1956 | 595 | |||
| 1961 | 612 | |||
| 1967 | 641 | |||
| 1970 | 653 | |||
| 1980 | ? | |||
| 1990 | ? | |||
| 2000 | ? | |||
| 2011 | 819 | |||
| 2019 | 864 | |||
| Datenquelle: Historisches Gemeindeverzeichnis für Hessen: Die Bevölkerung der Gemeinden 1834 bis 1967. Wiesbaden: Hessisches Statistisches Landesamt, 1968. Weitere Quellen: LAGIS[10]; Gemeinde Hadamar[1]; Zensus 2011[18] | ||||