Neues Gera

Neues Gera ist ein lokales Anzeigenblatt des Verlags Dr. Frank mit Sitz in Gera.[1] Seit 1993 bis 2011 erschien es als Amtsblatt der Stadt Gera wöchentlich bis zweiwöchentlich in einer Druckauflage von bis zu 56.000 Exemplaren.[2] Nach dem Wegfall der öffentlichen Bekanntmachungen der Stadt Gera fungiert Neues Gera als interessengeleitetes Gratismedium. In der Folge einer Umstellung der Vertriebsstruktur von Haushaltszustellung auf Auslagestellen, sank die Auflage auf schätzungsweise 20.000 Exemplare. Neues Gera finanziert sich überwiegend aus privaten und gewerblichen Anzeigen sowie aus Spenden. Die politische Grundhaltung des Blatts ist nationalkonservativ bis rechtspopulistisch.[3]
Inhalte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Inhalt von Neues Gera sind Bekanntmachungen aus der Stadt Gera, Mitteilungen der im Stadtrat vertretenen Parteien, Berichte über lokale Ereignisse und ehrenamtliches Engagement in Gera. Im inhaltlichen Teil werden sowohl Beiträge, die Positionen des Thüringer AfD-Landesverbands wiedergeben, als auch Texte von Publizisten wie zum Beispiel Vera Lengsfeld abgedruckt, die der Neuen Rechten zuzuordnen sind. Unregelmäßig werden Wiederabdrucke veröffentlicht, die zuvor in Publikationen wie dem Magazin Tumult, Sezession oder eigentümlich frei erschienen sind und klar der Neuen Rechten zugeordnet werden.[4]
Verleger
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der 1992 gegründete Verlag Dr. Frank GmbH verlegt neben dem Neuen Gera Kalender, Broschüren und heimatkundliche Bücher über Ostthüringen. Geschäftsführer ist Harald Frank. Frank ist Politiker (AfD) und Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Geraer Stadtrat.
Kritik
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Kritisiert wird am Anzeigenblatt Neues Gera, dass Harald Frank, Fraktionsvorsitzender der AfD im Geraer Stadtrat, das Anzeigeblatt für politische Zwecke einsetzt.[5] Als Vorsitzender der AfD-Fraktion im Geraer Stadtrat und Herausgeber des Neues Gera lässt er vorrangig Autoren zu Wort, die unverblümt AfD-Positionen wiedergeben, deren Texte fremdenfeindliche Parolen enthalten, teils offenkundig Fehlinformationen verbreiten oder sich als islamophob deuten lassen. Das Netzwerk Recherche e.V. stellt in seinem Greenhouse Report Nr. 4[6] fest, dass sich das Anzeigenblatt zu einer Art verdeckter AfD-Parteizeitung gewandelt hat.
Im Rahmen der Demonstrationen gegen Coronamaßnahmen veröffentlichte Neues Gera z. B. die private Anschrift des Oberbürgermeisters der Stadt Gera, woraufhin Tausende Demonstranten vor sein Privathaus zogen. Vereinzelt werden Inhalte der Partei DIE LINKE und ihrer Mandatsträger durch den Verlag Dr. Frank GmbH von deren Medien kopiert und im Neuen Gera veröffentlicht.[7]
Bei den pseudo-journalistischen Beiträgen von Mitgliedern des Thüringer AfD-Landesverbands findet eine Trennung von Bericht und Kommentar nicht statt.[8]
Das Anzeigenblatt Neues Gera ist in keinem Mitgliedsverband des Deutschen Presserates vertreten und nimmt somit nicht an der freiwilligen Selbstkontrolle der Printmedien teil.
Harald Frank unterstützt die Aktionen des Neonazi Christian Klar mittels seines Blattes. Die von ihm organisierten wöchentlich „Montags-Demonstrationen“ des „Aufbruch Gera“ und seine anderer politischer Versammlungen in Gera werden durch das „Neue Gera“ beworben.[9][10][11]
Gegenaktionen
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Das Aktionsbündnis Gera gegen Rechts hat 2021 und 2022 mit verschiedenen öffentlichen Aktionen zum Beispiel Fernsehinterviews, Pressemitteilungen und Informationsbriefen an die Anzeigenkunden des Verlages auf die hochproblematischen Inhalte im Neuen Gera hingewiesen. Auch tausende Briefkastenaufkleber wurden durch die Aktivisten an Geraer Haushalte verteilt. Nachdem Parteien, Sportvereine, Lokal- und Landespolitiker sowie Gewerkschaften beschlossen hatten, keine Inhalte mehr im Neuen Gera zu veröffentlichten, sah auch die Stadtverwaltung davon ab, das Geraer Amtsblatt im Neuen Gera abdrucken zu lassen.[12] Probleme, Anzeigenkunden zu gewinnen, hat das Anzeigenblatt, seitdem die Funke Logistik GmbH den Ende 2022 ausgelaufenen Vertrag mit dem Verlag Dr. Frank über die Verteilung in die Haushalte nicht verlängerte und sich auch kein anderer Dienstleister fand.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website vom Neues Gera
- Artikel der taz: Anzeigenblatt als rechtes Medium. Ganz unauffällig – Artikel vom 5. Januar 2021
- Artikel des Spiegel: AfD-nahes Anzeigenblatt Amtlich rechts – Artikel vom 9. März 2021
- Artikel des Focus: Neues Gera AfD-Propaganda in Thüringer Anzeigenblatt: „Was die Zeitung macht, ist Zersetzung“ – Artikel vom 10. März 2021
- Artikel von politikorange: Ein Anzeigenblatt macht AfD-Werbung – Artikel vom 24. September 2021
- Beitrag des MDR vom 23. Februar 2022: Verschwörungstheorien in kostenlosen Anzeigenblättern? ( vom 24. Februar 2022 im Internet Archive) (Video nicht mehr online verfügbar)
- Johanna Jürgens und Martin Nejezchleba: AfD in Anzeigenblättern: Einwurf von rechts, Die Zeit 10. Februar 2024
- Beitrag des ZDF Magazin Royale vom 20. September 2024: Wie Rechtspopulisten die Krise des Lokaljournalismus’ ausnutzen, ZDF 25. September 2024
- Greenhouse Report Nr. 4: Lückenfüller Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?
Quellen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Neues Gera: Aktuelles, Gesellschaft. Abgerufen am 26. September 2024.
- ↑ Neues Gera: Mediaservice / Allgemeine Angaben. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 25. November 2020; abgerufen am 27. Oktober 2023.
- ↑ Komrex Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration: Analyse des politisch-programmatischen Profils der Lokalzeitung Neues Gera. Hrsg.: Friedrich-Schiller Universität Jena. Jena 2021.
- ↑ Lokalredaktion: Analyse des politisch-programmatischen Profils der Lokalzeitung Neues Gera – gera nazifrei. Abgerufen am 7. Februar 2021 (deutsch).
- ↑ Michael Bartsch: Anzeigenblatt als rechtes Medium: Ganz unauffällig. In: Die Tageszeitung: taz. 5. Januar 2021, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 7. Februar 2021]).
- ↑ Lückenfüller: Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht? "Rechtspopulistische Akteur:innen nutzen die Krise der Lokalzeitung und unterwandern kostenlose Anzeigenblätter. So erreichen sie mit ihren politischen Inhalten große Teile der Bevölkerung, die manchmal gar nicht merken, wie ihnen geschieht."
- ↑ Neues Gera: Ausgabe 22. Februar 2023. Abgerufen am 2. April 2023.
- ↑ Greenhouse Report Nr. 4 / Ergebnisse: „Dem geschulten Auge fallen diese Mängel beim Blick ins Neue Gera (z. B. in der Ausgabe vom 4. März 2026) schnell auf. Eine Trennung von Bericht und Kommentar findet nicht statt – zumindest dann nicht, wenn sich mit dem Thema Stimmung machen lässt.“
- ↑ https://www.endstation-rechts.de/node. endstation-rechts.de, archiviert vom ; abgerufen am 11. August 2024 (deutsch).
- ↑ »Die Situation in Thüringen hat sich seit 2015 verschlechtert«, auf jungle.world
- ↑ Ein "Hotspot" der rechtsextremen Szene, auf tagesschau.de
- ↑ Aktionsbündnis Gera gegen Rechts, abgerufen am 27. Oktober 2023.