Nagyágit, veraltet auch als Blättererz, Blättertellur, Nagyiakererz oder Nagyakker-Silber bekannt, ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung [Pb3(Pb,Sb)3S6](Au,Te)3[2] und gehört strukturell zu den Sulfosalzen.
Bereits 1782 untersuchte der österreichische Chemiker und Mineraloge Franz Joseph Müller von Reichenstein die damals noch unbekannten Minerale Nagyágit und Sylvanit in den Golderzen aus der Grube Mariahilf bei Zlatna (dt. Klein Schlatten, ung. Zalatna) nahe Sibiu (dt. Hermannstadt, Siebenbürgen, Rumänien), die weniger Gold als erwartet enthielten. Er führte dies auf das Vorkommen eines neuen, bislang unbekannten Elementes zurück, und verlieh der metallischen Phase den Namen metallum problematicum (auch aurum problematicum beziehungsweise aurum paradoxum).
1797 untersuchte Martin Heinrich Klaproth in Berlin die Proben von Reichenstein erneut, bestätigte im Jahr darauf dessen Vermutung und verlieh dem neuen Element den Namen Tellur.
Abraham Gottlob Werner führte 1789 die Bezeichnung Nagiakererz[8] bzw. Nagyakker-Silber in seiner Mineralsystematik ein und ergänzte diesen mit der Bemerkung: „Von dem Nagyakker-Silber ist mir zur Zeit noch nichts weiter bekannt, als dass es mit dem Nagyakker-Golderz den Geburtsort, wie schon der Nahme zeigt, gemein hat, auch demselben überhaupt ziemlich ähnlich, jedoch heller von Farbe ist.“[9]Dietrich Ludwig Gustav Karsten übernahm diese Bezeichnung zunächst, änderte diesen aber 1800 mit der Begründung „Der in Wien übliche Gattungs-Name Blättererz ist in mancher Hinsicht vorzüglicher als das geographische Wort Nagyakkererz.“[8]
Haidinger bezeichnete das Mineral 1845 in seinem „Handbuch der bestimmenden Mineralogie“ schließlich als Nagyagit, in Anlehnung an dessen bereits von Werner genannten TyplokalitätNagyág (heute Săcărâmb) im Kaisertum Österreich (heute Rumänien).[10]
Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde Nagyágit als potentieller Hochtemperatursupraleiter erneut untersucht. Erst im Zuge dieser Forschungen wurde 1999 die Kristallstruktur von Nagyágit von Mineralogen in Wien und Salzburg endgültig geklärt.
In älteren Publikationen ist der Mineralname meist in der Schreibweise Nagyagit (ohne Akut) zu finden, was allerdings nicht den Vorgaben zur Mineralbenennung der International Mineralogical Association (IMA) entspricht[11], nach der beispielsweise Minerale, die nach einem geographischen Fundort benannt wurden, darauf geachtet werden muss, dass die Schreibweise des Namens derjenigen an der Typlokalität entspricht. Die bei vielen Mineralen uneinheitliche Schreibweise ihrer Namen wurde mit der 2008 erfolgten Publikation „Tidying up Mineral Names: an IMA-CNMNC Scheme for Suffixes, Hyphens and Diacritical marks“[12] bereinigt und der Nagyágit wird seitdem international in der Schreibweise mit dem zugehörigen Akut geführt.[13]
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte[13]9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Nagyágit zwar auch in die Klasse der „Sulfide und Sulfosalze (Sulfide, Selenide, Telluride, Arsenide, Antimonide, Bismutide, Sulfarsenide, Sulfantimonide, Sulfbismutide)“, dort jedoch in die Abteilung „Sulfosalze mit SnS als Vorbild“ ein. Diese ist zudem weiter unterteilt nach den in der Verbindung vorherrschenden Metallen. Das Mineral ist entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit Cu, Ag, Fe, Sn und Pb“ zu finden, wo es als einziges Mitglied eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 2.HB.20a bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Nagyágit die System- und Mineralnummer 02.11.10.01. Auch dies entspricht der Klasse der „Sulfide und Sulfosalze“ und dort der Abteilung „Sulfidminerale“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Sulfide – einschließlich Seleniden und Telluriden – mit der Zusammensetzung AmBnXp, mit (m+n):p=2:3“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 02.11.10.
Als seltene Mineralbildung konnte Nagyágit nur an wenigen Fundorten nachgewiesen, wobei bisher (Stand 2015) rund 70 Fundorte[15] als bekannt gelten. Neben seiner Typlokalität Săcărâmb trat das Mineral in Rumänien noch bei Baia de Arieș im Kreis Alba und in der Kupfer-Gold-Lagerstätte „Musariu“ bei Brad im Kreis Hunedoara auf.
Der bisher einzige bekannte Fundort in Österreich ist die Grube Stüblbau bei Schellgaden in der Salzburger Gemeinde Muhr und der ebenfalls bisher einzige bekannte Fundort in der Schweiz ist Gondo im Kanton Wallis.
Yves Moëlo, Emil Makovicky, Nadejda N. Mozgova, John L. Jambor, Nigel Cook, Allan Pring, Werner Paar, Ernest H. Nickel, Stephan Graeser, Sven Karup-Møller, Tonči Balic-Žunic, William G. Mumme, Filippo Vurro, Dan Topa, Luca Bindi, Klaus Bente, Masaaki Shimizu:Sufosalt systematics: a review. Report of the sulfosalt sub-committee of the IMA Commission on Ore Mineralogy. In: European Journal of Mineralogy. Band20, 2008, S.7–46 (englisch, ima-mineralogy.org[PDF; 1,7MB; abgerufen am 25.August 2024] Nagyágit ab S. 18).
H. Effenberger et al.:Toward the crystal structure of nagyagite, [Pb(Pb,Sb)S2][(Au,Te)]. In: American Mineralogist. Band84, 1999, S.669–676 (englisch, minsocam.org[PDF; 134kB; abgerufen am 25.August 2024]).
John Leslie Jambor, Andrew C. Roberts:New Mineral Names. In: American Mineralogist. Band80, 1995, S.184–188 (englisch, minsocam.org[PDF; 486kB; abgerufen am 25.August 2024]).
Hans Jürgen Rösler:Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S.303.
Nagyágite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 16.August 2020(englisch).
12345Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.124 (englisch).
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
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↑Nagyágite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 25.August 2024(englisch).
12Hans Lüschen:Die Namen der Steine. Das Mineralreich im Spiegel der Sprache. 2. Auflage. Ott Verlag, Thun 1979, ISBN 3-7225-6265-1, S.189–190.
↑Dietrich Ludwig Gustavus Karsten:Museum Leskeanum, regnum animale (regnum minerale) quod ordine systematico. Band2. Müller, Leipzig 1789, S.9derungezähltenTabelleamBuchanfang, 107. Nagyakker Silber (einschließlich Fußnote) (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 16.August 2020]).
↑Wilhelm Ritter von Haidinger:Handbuch der bestimmenden Mineralogie. Verlag Braumüller&Seidel, Wien 1845, S.563–570, hier S. 566: XIV. Ordnung Glanze. 31. Nagyagit (rruff.info[PDF; 451kB; abgerufen am 25.August 2024]).
↑Ernest H. Nickel, Joel D. Grice:The IMA Commission on New Minerals and Mineral Names: Procedures and Guidelines on Mineral Nomenclature. In: The Canadian Mineralogist. Band36, Nr.3, 1998, S.913–926, General Guidelines for Mineral Nomenclature (englisch, cnmnc.units.it, frei verfügbar auf der Website der IMA/CNMNC [PDF; 336kB; abgerufen am 25.August 2024]).
↑Ernst A.J. Burke:Tidying up Mineral Names: an IMA-CNMNC Scheme for Suffixes, Hyphens and Diacritical marks. In: Mineralogical Record. Band39, Nr.2, 2008, S.131–135 (englisch, rruff.info[PDF; 751kB; abgerufen am 25.August 2024]).