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Multikulturalismus

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Multikulturalismus (zumeist abwertend[1] auch Multi-Kulti oder Multikulti) ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit Handlungsimplikationen für die Gesellschaftspolitik eines Staates.

Rein deskriptiv beschreibt Multikulturalismus das Vorhandensein mehrerer (lateinisch multus) Kulturen in einem Raum.[2][3] Häufig hat Multikulturalismus auch eine normative Verwendungsweise, nach der das Zusammenleben Angehöriger verschiedener Kulturen ohne Assimilation stattfinden soll.[3][4] Nach dieser Auffassung des Begriffs tritt der Multikulturalismus als politisches Konzept für den Schutz und die Anerkennung kultureller Unterschiede ein: „Multikulturalismus ist die Idee, dass Menschen ‚nicht trotz ihrer Unterschiede gleich, sondern wegen dieser Unterschiede verschieden‘ zu behandeln seien“.[5]

Im liberalen Multikulturalismus erfolgt die kulturelle Differenzierung nur im privaten Bereich, während man sich bemüht, den öffentlichen Raum neutral zu gestalten und statt der Unterschiede die bestehenden Gemeinsamkeiten (z. B. hinsichtlich wirtschaftlicher Interessen oder Politik) hervorzuheben.[6]

Die Theorien des Multikulturalismus stehen dem Gedanken einer dominanten Nationalkultur ebenso entgegen wie dem in den USA weit verbreiteten Gedanken des Melting Pot, der von einer Angleichung der verschiedenen Kulturen und der daraus resultierenden Herausbildung einer gemeinsamen, nationalen Kultur ausgeht.

Als Beispiele für multikulturelle Gesellschaften können das Achämenidenreich und die Habsburgermonarchie dienen.

Ziele und Anwendungsbereiche

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Monument to Multiculturalism von Francesco Perilli, enthüllt 1985 in Toronto

Ziel des Multikulturalismus ist die multikulturelle Gesellschaft, in der es keinen staatlichen oder auch nichtstaatlichen Anreiz oder Zwang zur Assimilation geben soll. Die kulturellen Gruppen sollen hingegen nebeneinander existieren. Dabei beruht dieses Modell auf dem Postulat, dass die Angehörigen der jeweiligen Gruppen sich gegenseitig Verständnis, Respekt, Toleranz entgegenbringen und einander als gleichberechtigt ansehen können. Kanada wird des Öfteren als positives Beispiel für die Umsetzung des Multikulturalismus angeführt.[7]

Meist werden Ethnien, wie etwa die französischsprachige Bevölkerung Kanadas, oder Religionsgruppen als Zielgruppen multikultureller Politik gesehen, selten auch andere Gruppen wie zum Beispiel Geschlechter[8] oder Gruppen, die durch die sexuelle Orientierung ihrer Mitglieder abgegrenzt sind. Allgemein geht es jedoch schlicht um kulturell unterschiedliche Gruppen jeder Art.

Entwicklung des Multikulturalismus im Laufe der Zeit

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Das Heilige Römische Reich im Hochmittelalter. Vor der Entstehung der Nationalstaaten ab dem 16. Jahrhundert waren lokale und regionale Identitäten in Europa stark ausgeprägt. Jede Region und jede Stadt hatte ihren eigenen Dialekt, ihre eigenen Bräuche und Traditionen.

Nach Ansicht des Migrationsforschers Hein de Haas ist die Vorstellung, dass heutige Gesellschaften vielfältiger seien als je zuvor, ein Mythos. Er argumentiert, dass die Darstellung der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts als außergewöhnlich vielfältig auf einem verzerrten Bild früherer Gesellschaften beruhe, bei dem die historische Vielfalt häufig übersehen werde.[9] Historische Migrationswellen hätten zu einem mindestens ebenso hohen Maß an Vielfalt geführt.[9] Europäische Länder wie das Vereinigte Königreich, Frankreich, Deutschland und die Niederlande seien aufgrund kolonialer Migration, Arbeitsmigration und der Zuwanderung von Flüchtlingen seit Langem vielfältige Gesellschaften.[9]

Europa war historisch durch eine große Vielfalt ethnischer, sprachlicher und religiöser Gruppen geprägt, deren Zahl die der Nationalstaaten bei Weitem überstieg. Lokale und regionale Identitäten waren stark ausgeprägt, wobei jede Region und jede Stadt über einen eigenen Dialekt, eigene Bräuche und Traditionen verfügte. Ab dem 16. Jahrhundert entstanden größere Nationalstaaten. Dieser Prozess beschleunigte sich nach der Französischen Revolution und verfestigte sich im 19. Jahrhundert.[9]

Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert sind die Gesellschaften Europas und Nordamerikas durch die Konsolidierung der Nationalstaaten kulturell homogener geworden. Die Regierungen förderten nationale Identitäten durch Bildung, Wehrpflicht und die Standardisierung der Sprachen. In Frankreich führte beispielsweise die Förderung des Französischen zum Rückgang regionaler Sprachen wie Bretonisch, Okzitanisch und Katalanisch. Auch in Westeuropa ging die Verwendung zahlreicher lokaler Dialekte zurück. Darüber hinaus schwächten sich die zuvor ausgeprägten religiösen Trennlinien in westlichen Ländern infolge des abnehmenden Einflusses organisierter Religionen und der fortschreitenden Säkularisierung ab. Diese Entwicklung zeigte sich auch in anderen Teilen Europas und Nordamerikas, wo die nationale Einigung mit einer kulturellen Homogenisierung einherging.[9]

Im 19. Jahrhundert wanderten Millionen Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft in die Vereinigten Staaten und nach Europa aus, um bessere wirtschaftliche Möglichkeiten zu finden oder der Verfolgung zu entkommen. Die Vereinigten Staaten bildeten einen Schmelztiegel verschiedener Bevölkerungsgruppen, darunter irische, italienische, chinesische, deutsche und jüdische Einwanderer, die zunächst häufig als Bedrohung für die nationale Identität wahrgenommen wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren 14,7 % der US-amerikanischen Bevölkerung Einwanderer, etwa derselbe Anteil wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts.[9]

Laut der Homogenisierungsthese hat die Globalisierung die kulturellen Unterschiede weiter verringert. Die Entstehung einer zunehmend globalen Jugendkultur in den 1920er-Jahren, die sich ab den 1950er-Jahren erheblich beschleunigte, erleichterte es jungen Menschen auf der ganzen Welt, gemeinsame Bezugspunkte in den Bereichen Ernährung, Musik, Film, Literatur und anderen Formen künstlerischen Ausdrucks zu finden. Internationale Reisen sowie die Verbreitung des Fernsehens und des Internets förderten die Entwicklung sowohl nationaler als auch internationaler Kulturen. Die Verbreitung des Englischen als Weltsprache, Filme aus Hollywood und die weltweite Verfügbarkeit von Fast-Food-Ketten wie McDonald’s sind Anzeichen für eine zunehmend kulturell homogene Welt. Obwohl städtische Gebiete tendenziell eine größere ethnische Vielfalt aufweisen, haben die Unterschiede zwischen Regionen und Ländern abgenommen, was häufig als Verlust an kultureller Vielfalt betrachtet wird.[9]

Auch im 21. Jahrhundert setzt sich die Homogenisierung weltweit fort, wobei der Rückgang der Minderheitensprachen ein wichtiger Indikator für diese Entwicklung ist. Schätzungen zufolge stirbt alle zwei Wochen eine Sprache aus, wenn ihr letzter Sprecher verstirbt.[9]

Der Multikulturalismus wird von seinen Befürwortern als ein gerechteres Gesellschaftsmodell angesehen, das es den Menschen ermöglicht, ihre Identität innerhalb der Gesellschaft frei auszudrücken, größere Toleranz fördert und eine bessere Anpassung an gesellschaftliche Herausforderungen erlaubt.[10] Sie argumentieren, dass Kultur keine eindeutig definierbare Größe sei, die auf einer einzigen ethnischen Herkunft oder Religion beruhe, sondern vielmehr das Ergebnis verschiedener Faktoren, die sich im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen wandeln.

In seinem Werk Ein Brief über Toleranz (1689) erkannte John Locke an, dass politische Unruhen häufig religiös begründet wurden. Er vertrat jedoch die Auffassung, dass solche Konflikte in der Regel eher auf die Benachteiligung religiöser Minderheiten als auf die Glaubensvorstellungen bestimmter Religionen zurückzuführen seien. Er argumentierte, dass jede Gruppe, die systematischer Diskriminierung ausgesetzt sei, wahrscheinlich Widerstand gegen diese Verhältnisse leisten würde. Aus dieser Perspektive lasse sich eine stabile gesellschaftliche Ordnung durch gleiche Bürgerrechte und rechtliche Toleranz wirksamer erreichen als durch erzwungene Konformität.[11]

Historisch betrachtet geht die Unterstützung des modernen Multikulturalismus auf die Veränderungen in westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, die Susanne Wessendorf als „Menschenrechtsrevolution“ bezeichnet. Nach dem Holocaust ließen sich die Schrecken des institutionalisierten Rassismus und der ethnischen Säuberungen kaum noch ignorieren. Gleichzeitig führte der Zusammenbruch des europäischen Kolonialsystems dazu, dass kolonisierte Länder in Afrika und Asien erfolgreich für ihre Unabhängigkeit kämpften und auf die diskriminierenden Grundlagen des Kolonialsystems hinwiesen. Insbesondere in den Vereinigten Staaten ging diese Entwicklung mit dem Aufstieg der Bürgerrechtsbewegung einher, die Vorstellungen von Assimilation kritisierte, welche häufig Vorurteile gegenüber Menschen begünstigten, die sich nicht an angloamerikanische Normen anpassten. Dies führte auch zur Entwicklung akademischer Studiengänge im Bereich der Ethnic Studies, um der mangelnden Berücksichtigung der Beiträge ethnischer Minderheiten im Bildungswesen entgegenzuwirken.[12][13] Wie diese historische Entwicklung zeigt, wurde der Multikulturalismus in westlichen Ländern als Mittel zur Bekämpfung des Rassismus, zum Schutz unterschiedlicher Minderheitengemeinschaften und zur Überwindung von Maßnahmen angesehen, die Minderheiten daran gehindert hatten, die vom Liberalismus seit dem Zeitalter der Aufklärung versprochenen Möglichkeiten der Freiheit und Gleichheit vollständig wahrzunehmen.

Will Kymlicka befürwortet „gruppendifferenzierte Rechte“, die es religiösen und kulturellen Minderheiten ermöglichen sollen, innerhalb des Gesamtstaates ihren Platz zu finden, ohne die Rechte der übrigen Gesellschaft zu beeinträchtigen. Er begründet dies mit seiner Auffassung, dass die allgemeinen Menschenrechte nicht ausreichten, um Minderheitenrechte zu schützen, da der Staat nicht unbedingt ein eigenes Interesse am Schutz dieser Minderheiten habe.[14]

C. James Trotman argumentiert, dass der Multikulturalismus wertvoll sei, weil er „mehrere Disziplinen nutzt, um vernachlässigte Aspekte unserer Sozialgeschichte hervorzuheben, insbesondere die Geschichte von Frauen und Minderheiten [... und] den Respekt vor der Würde des Lebens und den Stimmen der Vergessenen fördert“.[15] Indem der Multikulturalismus Wissenslücken schließe und das Bewusstsein für die Vergangenheit schärfe, versuche er, in einer postmodernen Epoche, die das menschliche Leben und Denken fragmentiere, ein Gefühl der Ganzheit wiederherzustellen.[15]

Tariq Modood vertritt die Auffassung, dass der Multikulturalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts „besonders zeitgemäß und notwendig“ sei und dass „wir mehr davon brauchen, nicht weniger“. Er begründet dies damit, dass der Multikulturalismus diejenige „Form der Integration“ sei, die (1) dem Ideal des Egalitarismus am besten entspreche, (2) in der Welt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und den Anschlägen vom 7. Juli 2005 die „besten Erfolgsaussichten“ habe und (3) „moderat [und] pragmatisch“ geblieben sei.[16]

Bhikhu Parekh wendet sich gegen die seiner Ansicht nach verbreitete Tendenz, Multikulturalismus mit ethnischen Minderheiten gleichzusetzen, die „Sonderrechte fordern“, und diese Forderungen als Ausdruck eines „kaum verhüllten Rassismus“ darzustellen. Stattdessen argumentiert er, dass es beim Multikulturalismus eigentlich „nicht um Minderheiten“ gehe, sondern um „die angemessenen Bedingungen für die Beziehungen zwischen verschiedenen kulturellen Gemeinschaften“. Dies bedeute, dass die Maßstäbe, nach denen diese Gemeinschaften ihre Meinungsverschiedenheiten beilegen, beispielsweise die „Grundsätze der Gerechtigkeit“, nicht allein aus einer Kultur stammen dürften, sondern „durch einen offenen und gleichberechtigten Dialog zwischen ihnen“ entwickelt werden müssten.[17]

Étienne Balibar bezeichnet bestimmte Formen der Kritik am Multikulturalismus als „differenzialistischen Rassismus“. Darunter versteht er eine verdeckte Form des Rassismus, die weniger die ethnische Überlegenheit einer Gruppe behauptet, sondern vielmehr auf Stereotypen über eine vermeintliche „Unvereinbarkeit von Lebensweisen und Traditionen“ beruht.[18]

Gegenpositionen

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Kritik am Multikulturalismus wird von unterschiedlichen Kreisen ausgeübt, darunter auch von Anhängern des Konzepts der Transkulturalität. Im Rahmen des kritischen Multikulturalismus[19] wird die Grundannahme des Multikulturalismus, dass die ethnische bzw. kulturelle Zugehörigkeit für die Gesellschaftmitglieder die wichtigste Identifikationskategorie darstellen würde, angesichts der vielfachen Zugehörigkeiten zu verschiedenen nicht nur ethnisch markierten Gruppen (Multikollektivität) infrage gestellt.

Einer der ersten, die sich kritisch mit der Idee des Multikulturalismus auseinandersetzte, war der links-liberale US-Historiker und enge Freund der Familie Kennedy Arthur M. Schlesinger. In seinem Buch „The Disuniting of America – Reflections on a Multicultural Society“ (1991) konstatiert er mit Blick u. a. auf den sich damals anbahnenden Jugoslawienkrieg und auf die Sezessionsbewegungen in Spanien (Katalonien), Großbritannien (Schottland), Belgien (Flandern) und anderen Ländern die „inhärente Fragilität der multiethnischen Gesellschaft“. Die Grundfrage des zu Ende gehenden 20. und des 21. Jahrhunderts sei: „Was passiert, wenn Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Religionen praktizieren, in derselben geographischen Region und unter derselben politischen Autorität miteinander zusammenleben? Wenn kein gemeinsames Ziel sie verbindet, werden ethnische Feindseligkeiten sie auseinandertreiben. Ethnische und rassische Konflikte werden, so viel scheint sicher, von nun an den Konflikt der Ideologien als das explosive Problem unserer Zeit bestimmen“.[20] Ähnlich hatte auch Daniel Cohn-Bendit als Gründer und erster Leiter des Frankfurter „Amtes für Multikulturelle Angelegenheiten“ auf die erheblichen Konfliktpotenziale der multikulturellen Gesellschaft hingewiesen, wenn diesen nicht vorbeugend begegnet wird: „Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt (…)“[21] Dies wurde von konservativer Seite schon bald – etwa vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber in seiner Regierungserklärung am 8. Dezember 1994 – aufgegriffen.[22] Viele Gegner des Multikulturalismus sehen diesen als gescheitert an.[23]

Auch der ehemalige britische Premierminister David Cameron vertritt diese Position. In seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 5. Februar 2011 stellte er Segregation und Separatismus als Schlüsselthemen hinter der Bedrohung des islamistischen Extremismus dar und setzte sich für eine „gemeinsame nationale Identität“ ein, um „die Doktrin des staatlichen Multikulturalismus“ zu ersetzen. Als Konsequenz forderte er einen „aktiven und starken Liberalismus“ und kündigte die Einstellung der staatlichen Förderung islamistischer, terrorismusfördernder Organisationen an.[24][25][26]

Der Berliner Politologe und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban erklärt die Ideologie des Multikulturalismus für unvereinbar mit den Grundprinzipien einer freiheitlichen und menschenrechtlich orientierten Gesellschaft: „Die Ideologie des Multikulturalismus stammt von dem Philosophen Charles Taylor. Seine These: Der liberale Individualismus führt dazu, dass der Mensch der Befriedigung seiner Bedürfnisse nachgeht und durch die Konsumwelt entfremdet und amoralisch wird. Das könne man korrigieren, indem man auf alte Strukturen zurückgreift, nämlich die Gemeinschaft, die eine authentische Identität und eine gute Sittlichkeit liefere. Das geht einher mit Einschränkungen der individuellen Freiheit, aber führt zur Aufhebung der Entfremdung. Taylor benutzt eine marxistische Terminologie, die er jedoch total umformt. Ich bin der Auffassung, Multikulti ist keine linke, sondern eine reaktionäre Ideologie, gerichtet gegen den liberalen Individualismus“.[27] Er betont die Bedeutung der Menschenrechte als eine der Verfassung zugrunde liegende Basis für die Demokratie; dem Multikulturalismus hingegen fehle eine gemeinsame Basis.[27]

Nach vergleichbaren Positionierungen durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und die ehemaligen Premierminister von Australien und Spanien, John Howard und José María Aznar, die am Multikulturalismus kritisieren, dass er Erfolgen bei der Integration von Einwanderern im Wege stünde,[28] schaltete sich am 11. Februar 2011 auch der Vatikan in die Debatte ein: Als Präsident des Päpstlichen Kulturrats erklärte Kurienkardinal Gianfranco Ravasi das Modell des Multikulturalismus ebenfalls für gescheitert, sprach sich stattdessen für Interkulturalität aus und kündigte ein offizielles Vatikandokument hierzu an.[29]

Am Konzept des Multikulturalismus hat der Rostocker Althistoriker Egon Flaig in einem Gespräch mit dem Blog der Wochenzeitung Die Zeit schon vor einigen Jahren Kritik geübt: „Der Multikulturalismus wird nur von der so genannten Linken in den liberalen Gesellschaften vertreten. Außerhalb dieser Gesellschaften gibt es keinen Multikulturalismus und hat es nie einen gegeben“.[30] Dort, wo der Multikulturalismus die „Gleichheit“ und das „Eigenrecht“ aller Kulturen erklärt und keinen kulturübergreifenden Werte-Konsens anerkennt – etwa den Maßstab der universellen Menschenrechte –, sieht Flaig den „linken“ Multikulturalismus überdies in der Nähe „rechter“ ethnopolitischer Vorstellungen (Ethnopluralismus) von der „Apartheid“ unantastbarer kultureller Entitäten mit ihren jeweiligen Werte- und Moralkategorien: „Wenn jede Kultur das absolute Recht hätte, zu bestimmen, was ein Verbrechen ist und was nicht, ohne Rücksicht auf universale Werte, dann wäre Auschwitz kein Verbrechen mehr“.[31] Ähnlich argumentiert auch der deutsch-syrische Politologe Bassam Tibi in Bezug auf die muslimische Einwanderung nach Europa: „Beispielsweise neigen Kulturrelativisten dazu, die fundamentalistische Forderung nach einer Geltung der Scharia für die in Europa lebenden Muslime im Sinne von multikultureller Toleranz als ‚Präsentation‘ einer anderen Kultur zuzulassen“. Der „innere Frieden in Gesellschaften, in die Migrationsschübe erfolgen“, hänge jedoch „von der Bejahung einer Ordnung ab, die auf einer Werte-Verbindlichkeit basiert“.[32]

Auf eine besondere Widersprüchlichkeit wies der grüne Landtagsabgeordnete Toni Schuberl hin, wonach der Bayerische Landtag gleichzeitig mit der Definition einer aus seiner Sicht „chauvinistischen“ Leitkultur in der Präambel des Bayerischen Integrationsgesetzes auch „eine Definition von Multikulturalismus“ im selben Gesetz verankert hatte. In Art. 3 Abs. 1 Satz 1 BayIntG heißt es: „Gelingende Integration bedarf der gegenseitigen Rücksichtnahme und Toleranz sowie des Respekts vor der Einzigartigkeit der Lebensgeschichte und den Prägungen des jeweils anderen.“[33]

Begriff „Multikulti“

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Das politische Schlagwort Multikulti wird in Debatten teilweise auch verwendet, um eine angenommene oder tatsächliche multikulturalistische Ideologie des Gegenübers abwertend zu kommentieren.

  • Imke Leicht: Multikulturalismus auf dem Prüfstand. Kultur, Identität und Differenz in modernen Einwanderungsgesellschaften. Metropol Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-940938-43-5.
  • Heiner Bielefeldt: Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft. Plädoyer für einen aufgeklärten Multikulturalismus. Transcript, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89942-720-2.
  • Andrew Cardozo, Louis Musto (Hrsg.): The Battle over Multiculturalism. Band 1. PSI, Ottawa 1997, ISBN 0-9681458-0-9.
  • Will Kymlicka: Multikulturalismus und Demokratie. Über Minderheiten in Staaten und Nationen. Hrsg. Otto Kallscheuer. Rotbuch, Hamburg 1999, ISBN 3-434-53046-0.
  • Stefan Luft: Abschied von Multikulti: Wege aus der Integrationskrise. Gräfelfing 2007, ISBN 978-3-935197-46-5.
  • Stefan Luft/Peter Schirmany: Integration von Zuwanderern. Erfahrungen, Konzepte, Perspektiven. Transcript Verlag, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1438-1.
  • Alf Mintzel: Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika: Konzepte, Streitfragen, Analysen, Befunde. Rothe, Passau 1997.
  • Bhikhu Parekh: The Future of Multi-Ethnic Britain: Report of the Commission on the Future of Multi-Ethnic Britain. Profile Books, 2000, ISBN 1-86197-227-X.
  • Uli Sanwald, Stefan Stautner-Bhuruth: Am deutschen Multikulturalismus soll die Welt genesen. In: Spiel ohne Grenzen. Verbrecher, Berlin 2004, ISBN 3-935843-39-9.
  • Axel Schulte: Multikulturelle Gesellschaft: Chance, Ideologie oder Bedrohung? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 23–24/1990.
  • Friedhelm Steffens: Integrations- und Segregationsmuster von türkischen Migranten. Menschen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die Ford-Mitarbeiter in Köln. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3736-1.
  • Charles Taylor: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Mit Kommentaren von Amy Gutmann, Steven C. Rockefeller, Michael Walzer und Susan Wolf. Mit einem Beitrag von Jürgen Habermas. Fischer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-10-076704-7.
  • Bassam Tibi: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. Bertelsmann, München 1998, ISBN 3-570-00169-5 (Neuausgaben 2000/2002 mit dem Untertitel Leitkultur oder Wertebeliebigkeit, Neuausgabe 2016 mit dem Untertitel Europäisierung oder Islamisierung).
  • The Hegemony of Multiculturalism. A Comment on Will Kymlicka’s Theory of Nationalism. (Memento vom 10. Januar 2006 im Internet Archive) (PDF; 211 kB; 16 S.) Croatian Political Science Review, 38 (5), 2002, S. 48–61 (Kritik von Kymlickas einflussreicher Theorie (englisch).
  • Cinzia Sciuto: Die Fallen des Multikulturalismus. 1. Auflage. Rotpunktverlag, Zürich 2020, ISBN 978-3-85869-886-5.
Wiktionary: Multikulturalismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Multikulti – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: multikulti – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  1. ↑ H. Bielefeldt: Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft: Plädoyer für einen aufgeklärten Multikulturalismus. Transcript, Bielefeld 2007, S. 20.
  2. ↑ Jürgen Bolten: Einführung in die interkulturelle Wirtschaftskommunikation. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8252-2922-1, S. 133.
  3. 1 2 Frank Beyersdörfer: Multikulturelle Gesellschaft. LIT Verlag, Münster 2004, S. 49.
  4. ↑ Ruud Koopmans: Assimilation oder Multikulturalismus?: Bedingungen gelungener Integration. LIT Verlag, Münster 2017.
  5. ↑ So die Formulierung des britischen Publizisten Kenan Malik, zitiert nach Thierry Chervel: Das Schinkenbrot. Perlentaucher.de, 23. November 2017, Essay
  6. ↑ Birgit Rommelspacher: Anerkennung und Ausgrenzung - Deutschland als multikulturelle Gesellschaft. Campus Verlag, Frankfurt 2002, S. 181.
  7. ↑ Geißler Rainer: Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland? | APuZ. Abgerufen am 1. Juli 2020.
  8. ↑ Audre Lorde: Age, Race, Class and Sex: Women Redefining Difference. In: Audre Lorde: Sister Outsider. The Crossing Press, Freedom CA 1984, S. 114–123.
  9. 1 2 3 4 5 6 7 8 Hein de Haas: How Migration Really Works: The Facts About the Most Divisive Issue in Politics. Basic Books, 2023, ISBN 978-1-5416-0431-5, Myth 4: Our Societies Are More Diverse Than Ever (englisch).
  10. ↑ Antony Lerman: In defence of multiculturalism. In: The Guardian. 22. März 2010, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 16. Oktober 2026]).
  11. ↑ Locke, John. "Toleration." McMaster University Archive. 1689. 16 December 2025.
  12. ↑ Susanne Wessendorf, The multiculturalism backlash: European discourses, policies and practices, p. 35; accessed through Google Books, 12 February 2011.
  13. ↑ Paul C. Gorski, "A Brief History of Multicultural Education", EdChange.org, November 1999; accessed 12 February 2011.
  14. ↑ Will Kymlicka: Multicultural Citizenship. Oxford University Press, 1996, ISBN 978-0-19-829091-9, Justice and Minority Rights, S. 107–130, doi:10.1093/0198290918.003.0006 (englisch).
  15. 1 2 C. James Trotman: Multiculturalism: roots and realities. Indiana University Press, 2002, ISBN 978-0-253-34002-3, S. 9–10 (englisch, google.com).
  16. ↑ Tariq Modood: Multiculturalism: a civic idea. Polity, 2007, ISBN 978-0-7456-3288-9, S. 14 (englisch, google.com).
  17. ↑ Bhikhu C. Parekh: Rethinking multiculturalism: cultural diversity and political theory. Harvard UP, 2002, ISBN 978-0-674-00995-0, S. 13 (englisch).
  18. ↑ Sneja Gunew: Haunted Nations: The colonial dimensions of multiculturalisms. Routledge, 11 New Fetter Lane, London EC4P 4EE 2004, ISBN 978-0-415-28483-7, S. 80 (englisch).
  19. ↑ Birgit Rommelspacher: Anerkennung uns Ausgrenzung - Deutschland als multikulturelle Gesellschaft. Campus Verlag, Frankfurt 2002, S. 185.
  20. ↑ Arthur M. Schlesinger, Jr.: „The Disuniting of America – Reflections on a Multicultural Society“, W.W.Norton, New York, 1991; Vorwort, S. 10 (eigene Übersetzung); Internet-Fundstelle für das englische Originalzitat (das Buch selbst ist seit langem vergriffen)
  21. ↑ In einem Artikel in der Zeit, zusammen mit Thomas Schmid: Wenn der Westen unwiderstehlich wird. In: Die Zeit, Nr. 48/1991
  22. ↑ Vgl. Harald Ermisch: Minderheitenschutz ins Grundgesetz? Die politische Diskussion über den Schutz ethnischer Minderheiten in der BRD im Rahmen der Beratungen der gemeinsamen Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat. LIT, Berlin/Hamburg/Münster 2000, S. 37 (Google books).
  23. ↑ So etwa der Bremer Politologe Stefan Luft in seinem Buch Abschied von Multikulti. Resch, Gräfelfing 2006.
  24. ↑ Nach Merkel sagt auch Cameron, dass der Multikulturalismus gescheitert sei (Memento vom 11. Februar 2011 im Internet Archive)
  25. ↑ Cameron: Multikulturalismus ist eine Ursache für Extremismus (Memento vom 18. Januar 2012 im Internet Archive)
  26. ↑ PM’s speech at Munich Security Conference (Memento vom 5. Februar 2011 im Internet Archive)
  27. 1 2 In: Islamwissenschaftler Ralph Ghadban: Wenn die Frauen rebellieren, zerfallen die Clans, Interview mit der Berliner Zeitung, 4. Nov. 2019
  28. ↑ AFP: Multiculturalism has failed, says French president (Memento vom 15. Februar 2011 im Internet Archive)
  29. ↑ Interkulturelles Duett: Vatikan erklärt „Multikulti“ für gescheitert (Memento vom 30. Juli 2012 im Webarchiv archive.today)
  30. ↑ „Multikulturalismus führt in den Bürgerkrieg“ – Gespräch mit Prof. Flaig III (Memento vom 11. Juni 2008 im Internet Archive), Die Zeit, 9. Juni 2008.
  31. ↑ Flaig, ebd.
  32. ↑ Bassam Tibi: „Europa ohne Identität? Leitkultur oder Wertebeliebigkeit“. Bertelsmann 1998 / Goldmann 2001 / ibidem 2016, S. 159 ff.
  33. ↑ Toni Schuberl, MdL, in: Kunst trifft Verfassung. 75 Jahre Bayerische Verfassung, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, München 2023.