Morgentief
Als Morgentief (engl. morning exacerbation)[1] wird bezeichnet, dass ein Patient morgens deutlich stärkere Symptome hat als im weiteren Verlauf des Tages. Es handelt sich um einen psychopathologischen Begriff aus der Psychiatrie. Das Morgentief ist Teil des somatischen Syndroms. Betroffen sind vor allem depressive Patienten.
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es handelt sich um ein Beschwerdebild mit tiefer Schwermut, Hoffnungslosigkeit, Furcht vor dem beginnenden Tag, „Berg auf der Brust“, fehlendem Antrieb u. a.[2]
Tagesschwankungen wie das Morgentief sind häufig. Sie müssen nicht wirklich jeden Tag vorhanden sein, werden aber doch als relativ typisches Muster erlebt und beobachtet.[3] Es gibt auch eine Abendaufhellung (im AMDP-System Nr. 91 „abends besser“), wie auch eine abendliche Verschlechterung (im AMDP-System Nr. 90 „abends schlechter“). Sun-downing bezeichnet abendliche Zunahme von Unruhe. Tagesschwankungen sind auch bei deliranten Patienten beschrieben.[1] Sie werden in Deutschland insgesamt weniger beachtet.[1]
Einordnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im AMDP-System (System zur Erstellung des psychiatrischen Befundes) findet sich das Morgentief als „morgens schlechter“ unter Nr. 89.
Depressionen wurden bis zum Erscheinen der heutigen Klassifikationen (ICD und DSM) grob in endogen (biologisch erklärbar) und neurotisch (lebensgeschichtlich verständlich) unterschieden. Diese Einteilung ist in der modernen Psychiatrie verlassen worden. Das Morgentief galt als endogenes Merkmal.[4]
Diagnostik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Symptom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es wird nicht immer ohne weiteres spontan (ohne Frage danach) vom Patienten berichtet. Man kann dann folgende Frage stellen: „Fühlen Sie sich morgens schlechter als abends?“[5]
Aus dem isolierten Vorliegen von morgendlichem Antriebsschwierigkeiten, ohne weitere Symptomatik, kann jedoch keinesfalls schon auf das Vorliegen einer psychiatrischen Krankheit geschlossen werden. Das einzelne Symptom erhält seinen diagnostischen Stellenwert erst im Rahmen des gesamten Symptomenverbandes. Tagesschwankungen sind an sich unspezifisch und kommen auch bei Gesunden vor.[6]
Beispiele
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]„Morgens habe ich Mühe in Gang zu kommen.“
„Immer morgens ist die Stimmung im Keller.“[3]
Behandlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der Grunderkrankung. Mit dem Behandlungsfortschritt verschwindet das Morgentief allmählich.[7] So kann ein depressiver Patient berichten, das ohne Behandlung in der Regel bis 11 Uhr bestehende Morgentief bestehe nach beginnender Besserung nur bis 10 Uhr, bei weiterer Besserung bis 9 Uhr usw.
Abgrenzung (Differentialdiagnose)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Früherwachen: ebenfalls oft quälend, jedoch zeitlich vorverlagertes Erwachen
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. 11. Auflage. Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie (AMDP). Verlag hogrefe, 2023, ISBN 978-3-8017-3193-9; 254 Seiten.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 608.
- ↑ Volker Faust: Psychiatrie. Ein Lehrbuch. Gustav Fischer, Stuttgart 1995, ISBN 3-437-00759-9, S. 946.
- 1 2 Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System. 11. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S. 133.
- ↑ Volker Faust: Psychiatrie. Ein Lehrbuch. Gustav Fischer, Stuttgart 1995, ISBN 3-437-00759-9, S. 24.
- ↑ Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 101.
- ↑ Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 3. Auflage. Uni-Med, Bremen 1999, ISBN 3-89599-141-4, S. 40.
- ↑ Gerd Huber: Psychiatrie. 7. Auflage. Schattauer, Stuttgart / New York 2005, ISBN 3-7945-2214-1, S. 233.