Midhat Pascha


Ahmed Şefik Midhat Pascha (osmanisch احمد شفيق مدحت پاشا, * 18. Oktober 1822 in Istanbul; † 8. Mai 1884 in Taif, heute Saudi-Arabien) war ein prowestlicher, aufgeklärter türkischer Reformer, Staatsmann und Großwesir des osmanischen Reiches.[1] Er gilt als der Vater der Osmanischen Verfassung von 1876.[2] Weiterhin war er Autor der Provinzialverordnung (Vilâyet nizâmnâmesi) von 1863/67 und Begründer des ländlichen Kreditwesens sowie der Einrichtung von Gewerbeschulen in Anatolien.[3] 1881 wurde er zum Tode verurteilt, letztlich in das arabische Taif verbannt und 1884 unter ungeklärten Umständen, wahrscheinlich durch Schergen des Sultans, ermordet.
Nach der jungtürkischen Revolution von 1908 wurde Midhat Pascha rehabilitiert, als türkischer Patriot gefeiert und wird seither gleichzeitig mit dem Dichter und Publizisten Namık Kemal genannt.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Midhat war 1822 als Sohn des Richters (kadi) Mehmed Eşref Efendi aus Russe in Istanbul geboren. Sein Vater, ein Reformist, bereitete ihn auf die Karriere in der Verwaltung vor. Midhat lernte Arabisch, Persisch und etwas Französisch.[4] Im Alter von 22 wurde er Sekretär des Faik Efendi, den er drei Jahre in Syrien begleitete. Nach seiner Rückkehr nach Istanbul wurde Midhat vom Großwesir zum Chefdirektor für vertrauliche Berichte ernannt und nach einer neuen finanziellen Mission in Syrien zum zweiten Schreiber (Katip) des Divan-ı humayün – dem Staatsrat des Osmanischen Reiches erhoben. Seine Gegner konnten ihn indes erfolgreich von diesem Posten verdrängen und beschuldigten ihn damit, dass er eine Revolte und wildes Räuberunwesen in Rumelien unterstütze.
Seine gerichtlichen Maßnahmen im Eyālet-i Edirne waren hart, ihr Erfolg war überraschend und die Regierung machte ihn zu einem Offiziellen ersten Ranges und gab ihm seinen Platz im Divan-ı humayün wieder. Ab 1849 war er im Obersten Justizrat beschäftigt. Im nächsten Jahr wurde er als Inspekteur nach Syrien entsandt, wo er eine Reihe von Missständen in der Zollverpachtung und Militärverwaltung aufdecken konnte. 1854/55 bereiste er in ähnlicher Funktion die Gebiete von Sliwen und Schumen.
1857 untersuchte er Vorfälle in Nordbulgarien. Als jedoch seine Untersuchungen über namhafte Persönlichkeiten aus dem Palast zurückgewiesen wurden, begab er sich für sechs Monate auf Reisen durch Europa. 1860 wurde er zum Wesir und Pascha, und im Januar 1861 Wali (Gouverneur) des Vilayet Niš. Erfolgreich waren seine Bemühungen bei der Bekämpfung von Plünderungen und die dadurch veranlasste Auswanderung der Bulgaren Richtung Serbien, so dass ihm 1863 das problematische Prizren unterstellt wurde. Da seine Reformen erfolgreich waren, beauftragte Sultan Abdülaziz ihn, sowie Fuad Pascha und Ali Pascha, eine Vorlage für die Adaptation der Reformen für das ganze Reich vorzubereiten. Dies wurde später als die Provinzialverordnung (Vilâyet nizâmnâmesi) bekannt. Sie umfasste 83 Artikel, die die Aufgaben der Verwaltungseinheiten vom Dorf bis zu Provinz regelten[5] und sollte zunächst in einer Musterprovinz umgesetzt werden. Dabei wurden die Provinzen Silistrien, Niš und Widin zum Vilâyet Tuna zusammengeschlossen und Midhat Pascha mit der Regierung beauftragt.
In den darauffolgenden drei Jahren leitete Midhat Pascha einen großen Umfang von Reformen bzw. führte sie durch. Sie schlossen Straßen- und Brückenbauten, die Gründung einer Donauschifffahrtssegelschaft, die von Kreditinstituten und Gewerbeschulen, die Ordnung des Steuerwesen und des Polizeihaushalts, die Errichtung eines Postdienstes und Kommunalverwaltungen ein. Durch die Erhöhung der Schlagfertigkeit der Militär- und Polizeiverbände konnte man die öffentliche Sicherheit erhöhen und der bulgarischen Befreiungsbewegung für längere Zeit den Boden entziehen.[6] In seine Regierungszeit fällt auch der Bau und die Eröffnung der Eisenbahnlinie Warna-Russe im Jahr 1866. Midhat Pascha gab weiterhin den Anstoß zur Gründung der genossenschaftlich organisierten Memleket sandıkları (Landkassen), aus denen später die Ziraat Bankası, eine heute noch bestehende türkische Großbank, hervorging,[7]. 1863 wurde die erste dieser Kassen in der Kleinstadt Pirot (heute: Serbien) gegründet.
Ab 1867 sollten Midhat Paschas Reformen auf den größten Teil des Osmanischen Reiches übertragen werden, er selbst wurde im März 1868 zum Vorsitzenden des Staatsrates (Şura-ı Devlet) ernannt worden. Im selben Jahr griff er erneut in Bulgarien ein und leitete die Vernichtung der Freischar von Chadschi Dimitar und Stefan Karadscha.
1869 bis 1872 war Midhat Pascha Gouverneur von Bagdad,[8] wobei sich seine Zuständigkeit auch auf Basra und Mosul erstreckte. Auch hier wurde er als Reformer[8] tätig, bemühte sich um die Schiffbarmachung von Euphrat und Tigris, begann mit der Erdölgewinnung in Mandali[8] und reetablierte eine effektive Kontrolle des Osmanischen Reiches über Kuwait, al-Hasa und Katar.
1871 schien der reformfeindliche Einfluss des Großwesirs Mahmud Nedim Pascha für Midhat Pascha eine Gefahr für das Land, und in einem persönlichen Gespräch mit dem Sultan stellte er seinen Standpunkt mit Nachdruck dar. Der Sultan war so von seiner Meinung und Selbstlosigkeit beeindruckt, dass er Midhat Pascha anstelle des Mahmud Nedim Pascha zum Großwesir ernannte. Während seiner ersten, nur etwa drei Monate dauernden Amtszeit als Großwesir (1872) opponierte Midhat Pascha gegen einen kaiserlichen Erlass (Ferman), der dem Khediven von Ägypten die Befugnis zur eigenständigen Auslandsverschuldung ohne Zustimmung der Hohen Pforte einräumte. Er konnte den Erlass zwar nicht verhindern, warnte jedoch vor den finanziellen Konsequenzen – eine Entwicklung, die schließlich zur enormen Verschuldung Ägyptens und 1882 zur britischen Besetzung führte.[9] Da er sich auch beim Kampf gegen Korruption im Palastumfeld Feinde machte, wurde er nach 80 Tagen entlassen. Nach einer kurzen Statthalterschaft in Saloniki lebte er fern von allen Staatsgeschäften bis 1876 in Istanbul. Ende 1876 und Anfang 1877 nahm er jedoch an der Konstantinopeler Botschaftskonferenz teil, die sich mit der Zukunft der Balkanvölker befasste.
Während Midhat Pascha mit den Ideen und Absichten der Jungosmanen sympathisierte, war er bemüht seine Ungeduld zurückzuhalten, aber das Verhalten des Sultans führte zu einem Bündnis zwischen dem Großwesir, dem Kriegsminister und Midhat Pascha. Sie setzte den Sultan im Mai 1876 ab; am 4. Juni 1876 wurde Abdülaziz ermordet.
Sein Neffe Murad V. wurde daraufhin im August abgesetzt und durch seinen Bruder Abdülhamid II. ersetzt. Midhat Pascha wurde Großwesir; Reformen wurden versprochen und das osmanische Parlament feierlich eröffnet. Aber im nächsten Februar wurde Midhat wegen des Verdachts der Komplizenschaft bei der Ermordung des Sultans Abdülaziz entlassen und verbannt. So besuchte er verschiedene europäische Hauptstädte und blieb für einige Zeit in London, wo er die Arbeit des britischen Unterhauses studierte.[4]
Gouverneur in Syrien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im November 1878 wurde Midhat Pascha zum Gouverneur von Syrien ernannt. Er kam am 3. Dezember 1878 in Damaskus an und wurde dort von den Intellektuellen stürmisch als „Vater der Liberalen“ (abū l-aḥrār) und „überzeugter Befürworter des liberalen und konstitutionellen Denkens“ begrüßt.[10] Noch im Jahre 1878 gründeten seine Anhänger die erste syrische Zeitung mit dem Titel Dimaschq.[11] Midhat Pascha selber gründete während seiner zweijährigen Statthalterschaft in Syrien mehrere Schulen, darunter auch Berufsschulen, baute Straßen, ließ in Tripoli eine Straßenbahnlinie anlegen, die die Stadt mit dem Hafen verband, baute Gendarmerie und Bürokratie aus, in die auch Christen integriert wurden, gründete in Damaskus ein Theater und eine öffentliche Bibliothek. Bei seinen Schulprojekten wurde er von Tāhir al-Dschazā'irī unterstützt, der als sein Inspektor über das Schulwesen fungierte.[12] Weniger erfolgreich war Midhat Pascha im Umgang mit den arabischen Stämmen, die mehrere Aufstände unternahmen. Da Sultan Abdülhamid zu der Auffassung gelangte, dass Midhat eine Gefahr für ihn darstellte, berief er ihn im August 1880 ab und machte ihn zum Gouverneur von Izmir.[13]
Verbannung und Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Mai 1881 wollte ihn der Sultan gefangen nehmen, und obwohl er fliehen konnte und im französischen Konsulat in Izmir Zuflucht suchte, wurde er bald unter der Bedingung eines fairen Prozesses ausgeliefert[14].
Der Prozess fand im Juni 1881 in einem von der Palastgarde umzingelten Gerichtszelt im Yıldız-Park statt. Neben Midhat Pascha standen unter anderem zwei Schwäger des Sultans (darunter Mahmud Celaleddin Pascha), Offiziere und Bedienstete vor Gericht. Kritiker und ausländische Beobachter bezeichneten das zweitägige Verfahren als Justizskandal und Parodie der Gerechtigkeit, da die Angeklagten keine reale Möglichkeit zur Verteidigung erhielten und Geständnisse teilweise unter Folter erpresst worden sein sollen.[15]
Nachdem das Todesurteil vom Kassationshof bestätigt worden war, berief Abdülhamid II. einen Sonderrat (Heyet-i Fevkalade) ein. Um internationalen wie inländischen Protesten entgegenzuwirken und ein Zeichen der Milde zu setzen, wandelte der Sultan die Todesstrafe schließlich in lebenslange Haft um. Am 28. Juli 1881 wurden die Verurteilten an Bord des Schiffes „İzzeddin“ über Dschidda in die Festung von Taif deportiert.[16] Dort lebte Midhat Pascha unter strengen Haftbedingungen, bis er am 8. Mai 1884 starb, wahrscheinlich durch Erdrosselung im Auftrag des Sultans. Obwohl das Verfahren international scharf als Justizskandal kritisiert wurde, sahen manche zeitgenössische osmanische Beobachter den Prozess als relativen Fortschritt im Vergleich zu früheren Zeiten an: Noch ein halbes Jahrhundert zuvor wäre ein gestürzter Großwesir – wie Pertev Pascha im Jahr 1837 – ohne öffentliches Gerichtsverfahren direkt hingerichtet und sein Vermögen konfisziert worden.[17] Am 26. Oktober 1951 wurde der Leichnam zum Friedhof Abide-i Hürriyet in Istanbul überführt.
Midhat Pascha war Angaben der Großloge der Freien und Angenommenen Maurer der Türkei zufolge Freimaurer.[18]
Trivia
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das İnönü Stadı, Heimstadion des türkischen Fußballvereins Beşiktaş Istanbul, hieß von 1952 bis 1973 Midhat-Pascha-Stadion.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mathias Bernath, Felix von Schroeder, Gerda Bartl: Midhat Pascha. In: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Band 3, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1979, S. 192ff.
- R.H. Davison: Art. Midḥat Pas̲h̲a. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. VI, S. 1031b-1035b.
- Hans-Jürgen Kornrumpf: Midhat Pascha, Ahmed Şefik. In: Mathias Bernath, Felix von Schroeder (Hrsg.), Gerda Bartl (Red.): Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Band 3. Oldenbourg, München 1979, ISBN 3-486-48991-7, S. 192–194.
- Ali Haydar Midhat: The Life of Midhat Pasha. John Murray, London 1903 (Digitalisat).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Midhat Pascha. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. (englisch, iranicaonline.org – mit Literaturangaben).
- Bibliography of Ahmed Midhat Pasha ( vom 12. Januar 2007 im Internet Archive)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ D.P. Hupchick: The Balkans. ISBN 0-312-21736-6, S. 244.
- ↑ K. Kreiser, Ch. K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. S. 342.
- ↑ Klaus Kreiser: Midhat Paşa. S. 421–434 in: Schnittstellen: Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa : Festschrift für Holm Sundhaussen zum 65. Geburtstag. Oldenbourg 2007, ISBN 3-486-58346-8.
- 1 2 Encyclopedia of the Ottoman Empire. Infobase Publishing, 2009, ISBN 978-1-4381-1025-7, S. 378–379 (englisch, google.com [abgerufen am 9. Juli 2013]).
- ↑ K. Kreiser, Ch. K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. S. 335. Bundeszentrale für politische Bildung
- ↑ Mathias Bernath, Felix von Schroeder, Gerda Bartl: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Band 3, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1979, ISBN 3-486-48991-7, S. 193.
- ↑ Angaben auf der Website der Bank
- 1 2 3 Philippe Pétriat: Aux pays de l’or noir – Une histoire arabe du pétrole. In: Martine Allaire (Hrsg.): Collection folio histoire inédit. Nr. 306. Éditions Gallimard, Paris 2021, ISBN 978-2-07-282739-6, S. 25 (französisch).
- ↑ Yılmaz Öztürk: Mithad Paşa Bir Özgürlük Savaşçısı mıdır? In: Bütün Dünya. Başkent Üniversitesi, September 2003, S. 21–22 (türkisch).
- ↑ Vgl. Antonino Pellitteri: Islam e Riforma. L’ambito arabo-ottomano e l’opera di Rafīq Bey al-ʿAẓm intelletuale damasceno riformatore (1865–1925). Facoltà di Lettere e Filosofia, Palermo, 1998. S. 64.
- ↑ Vgl. Pellitteri: Islam e Riforma. 1998, S. 42.
- ↑ Vgl. Pellitteri: Islam e Riforma. 1998, S. 65f.
- ↑ Vgl. Davison: Art. „Midḥat Pasha“ S. 1034.
- ↑ Ali Haydar Mithat: The Life of Midhat Pasha. A Record of his Services, Political Reforms, Banishment, and Judicial Murder. Derived from Private Documents and Reminiscenses by his Son Ali Haydar Mithat Bey. John Murray, London 1903, S. 201 ff
- ↑ François Georgeon: Sultan Abdülhamid. Homer Yayınları, Istanbul 2006, S. 133–134 (türkisch).
- ↑ Bilal N. Şimşir: Fransız Belgelerine Göre Midhat Paşa'nın Sonu (1878-1884). Türk Tarih Kurumu, Ankara 1970 (türkisch).
- ↑ François Georgeon: Sultan Abdülhamid. Homer Yayınları, Istanbul 2006, S. 133–134 (türkisch).
- ↑ Großloge der Freien und Angenommenen Maurer der Türkei: Berühmte Türkische Freimaurer ( vom 27. April 2012 im Internet Archive) (türkisch)
| Vorgänger | Amt | Nachfolger |
|---|---|---|
| Mahmud Nedim Pascha | Großwesir des Osmanischen Reiches 31. Juli 1872–19. Oktober 1872 | Mütercim Mehmed Rüşdi Pascha |
| Mütercim Mehmed Rüşdi Pascha | Großwesir des Osmanischen Reiches 19. Dezember 1876–5. Februar 1877 | İbrahim Edhem Pascha |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Midhat Pascha |
| ALTERNATIVNAMEN | Ahmed Şefik Midhat Pascha |
| KURZBESCHREIBUNG | osmanischer Reformer, Großwesir |
| GEBURTSDATUM | 18. Oktober 1822 |
| GEBURTSORT | Istanbul |
| STERBEDATUM | 8. Mai 1884 |
| STERBEORT | Taif, heute Saudi-Arabien |