Michael Scotus

Michael Scotus (auch Michael Scot und Michael Scottus; * im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts; † vor 1236) war ein mittelalterlicher Gelehrter, Übersetzer, Astrologe und Arzt. Er stammte wahrscheinlich aus Schottland oder Irland, wirkte in Toledo, Bologna sowie am Hof Kaiser Friedrichs II. und zählt zu den wichtigen Vermittlern arabischer Wissenschaft und Philosophie in die lateinische Gelehrtenwelt. Bekannt wurde er vor allem durch lateinische Übersetzungen naturphilosophischer, astronomischer und zoologischer Schriften aus dem Arabischen, darunter Werke von Alpetragius und Aristoteles sowie den zoologischen Teil von Avicennas Kitāb al-Shifāʾ. Sein eigenes Hauptwerk ist der Liber introductorius. Im späteren Mittelalter wurde er auch als Magier und Alchemist überliefert. Dante Alighieri stellte ihn in der Commedia unter die Wahrsager.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Herkunft und Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Michael Scotus stammte wahrscheinlich aus Schottland oder Irland und wurde im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts geboren.[1.1] Über seine Ausbildung ist wenig bekannt. Der Titel magister, den die Quellen ihm geben, weist auf eine gelehrte Stellung hin, ohne dass sich daraus Studienort oder Lehrtätigkeit sicher erschließen ließen.[2.1]
Toledo und Bologna
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Spätestens 1215 gehörte Michael Scotus zum Umfeld des Toledaner Erzbischofs Rodrigo Jiménez de Rada und nahm mit diesem am Vierten Laterankonzil teil.[2.2] Zwei Jahre später ist er in Toledo als Übersetzer greifbar: Am 18. August 1217 schloss er dort gemeinsam mit einem Juden namens Abuteus die lateinische Übersetzung von al-Biṭrūǧīs Kitāb fī l-hayʾa ab, die unter dem Titel De motibus celorum in die Überlieferung einging.[2.3][3.1]
Welche Sprachen er selbst beherrschte, wo er sie erworben hatte und wie der Anteil seiner Mitarbeiter an den Übersetzungen zu gewichten ist, bleibt ungeklärt.[2.4][4.1] Im Oktober 1220 ist er in Bologna nachweisbar, wo eine handschriftliche Notiz ihn im Zusammenhang mit einer medizinischen Konsultation nennt.[2.5]
Päpstliche Kanzlei und Hof Friedrichs II.
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zwischen 1224 und 1227 bemühte sich die päpstliche Kanzlei mehrfach um eine Pfründenversorgung für Michael Scotus. Am 16. Januar 1224 bat Honorius III. den Erzbischof von Canterbury, Stephen Langton, ihn in dessen Kirchenprovinz mit einem Benefizium zu bedenken. Am 18. März desselben Jahres erhielt Michael die Erlaubnis, zwei Pfründen mit Seelsorge zu kumulieren. Im Mai 1224 war er für das Erzbistum Cashel vorgesehen, lehnte das Amt jedoch wegen fehlender Kenntnis des Irischen ab. Am 9. Mai 1225 gestattete Honorius ihm zusätzlich zu einer Pfarre in England eine weitere englische und zwei schottische Pfründen.[2.6]
Am 28. April 1227 wandte sich Gregor IX. erneut an Langton. Das Schreiben schildert Michael als einen Gelehrten, der sich von Jugend an dem Studium gewidmet und sich neben der lateinischen Bildung auch im Hebräischen und Arabischen hervorgetan habe. Dies ist die letzte bekannte päpstliche Urkunde, in der sein Name erscheint.[2.7]
In seinen späten Jahren ist Michael Scotus im Umfeld Kaiser Friedrichs II. belegt. Die Handschriften des Liber introductorius, des Liber particularis und des Liber physiognomiae nennen ihn als Astrologen des Kaisers. Mehrere dieser Texte entstanden auf kaiserlichen Wunsch oder sind Friedrich gewidmet. Welche Rolle er am Hof tatsächlich einnahm, lassen die Quellen allerdings im Dunkeln.[2.8]
Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Michael Scotus starb vor 1236. Ein politisches Gedicht des normannischen Dichters Heinrich von Avranches, das Palmer auf 1234 datiert, nennt ihn bereits als Verstorbenen. Eine Neudatierung auf 1235/36 ergäbe ein entsprechend späteres Jahr.[1.1]
Übersetzungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Michael Scotus zählt zu den bedeutenden Vermittlern arabischer Naturkunde, Astronomie und Philosophie ins lateinische Schrifttum. In Toledo knüpfte er an eine Tradition an, die Dominicus Gundissalinus, Gerhard von Cremona und Johannes Hispalensis begründet hatten, und nutzte deren Arbeiten nachweislich für die eigene Werkstatt.[2.4][5]
1217 vollendete er die Übersetzung von al-Biṭrūǧīs De motibus celorum. Wahrscheinlich noch vor seinem Weggang aus Toledo übertrug er die arabische Fassung der zoologischen Schriften des Aristoteles ins Lateinische. In der Überlieferung umfasst dieses Corpus 19 Bücher und entspricht den Texten, die später als Historia animalium, De partibus animalium und De generatione animalium unterschieden wurden.[6.1][7.1] Albertus Magnus schöpfte daraus für sein eigenes De animalibus.[7.2] Zu den gesicherten oder wahrscheinlichen Übersetzungen zählt ferner Avicennas Abbreviatio de animalibus, der zoologische Teil des Buches der Genesung, der Kaiser Friedrich II. gewidmet ist.[7.3]
Die Averroes-Übersetzungen hat die Forschung unterschiedlich beurteilt. Den großen Kommentar zu De caelo et mundo weist eine eigene, an den Pariser Theologen Stephanus de Provinis gerichtete Widmungsvorrede ausdrücklich Michael Scotus zu. Hasse zeigte 2010 anhand von Übersetzungsstil und wiederkehrenden Formeln, dass ihm darüber hinaus die großen Kommentare zur Physik und zur Metaphysik zuzurechnen sind, ferner der mittlere Kommentar zu De generatione et corruptione, das Kompendium zu den Parva naturalia und De substantia orbis. Ob der große Kommentar zu De anima ebenfalls von ihm stammt, bleibt wegen der schmalen handschriftlichen Basis offen. Den Kommentar zur Meteorologie schied Hasse aus seinem Œuvre aus.[8.1]
Liber introductorius und weitere Schriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das wichtigste eigene Werk ist der Liber introductorius, der sich in ein allgemeines Proömium, den Liber quatuor distinctionum, den Liber particularis und den Liber physiognomiae gliedert.[9.1] Abgeschlossen wurde das Friedrich II. gewidmete Werk nach der Heiligsprechung des Franz von Assisi am 16. Juli 1228, da Franz im Proömium bereits als Heiliger erwähnt wird.[6.2][3.2]
Der Liber introductorius fasst Astronomie, Astrologie, Naturlehre, Medizin, Musik und Komputistik zu einer scientia de astris zusammen, in der astronomische, astrologische, naturphilosophische und theologische Fragen ineinandergreifen.[9.2] Der Liber particularis versammelt unter anderem Antworten auf Fragen Friedrichs II., der Liber physiognomiae ist Zeugung, Schwangerschaft, Embryologie und physiognomischen Deutungen gewidmet.[6.3]
Daneben steht der Liber de signis et imaginibus celi, ein illustrierter astrologischer Traktat über die Sternbilder, den Ackermann neben dem Liber physiognomiae als eines der wirkungsmächtigsten Werke Michaels einschätzt.[2.9]
Genannt werden ferner ein Kommentar zur Sphaera des Johannes de Sacrobosco, die Ars alchemie und De divisione philosophiae.[10] Zahlreiche magische und alchemistische Texte, die unter seinem Namen umliefen, sind spätere Zuschreibungen. Die Ars alchemie hingegen gilt der neueren Forschung als echtes Werk.[10][11]
Rezeption und Legende
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Michael Scotus wurde im Mittelalter sowohl als Übersetzer aristotelischer und arabischer Naturphilosophie als auch als Astrologe wahrgenommen. Im deutschen Sprachraum blieb er als „Michel der Schott“ präsent. Inhalte aus seiner Übersetzung von De animalibus gelangten über Thomas von Cantimpré in Konrad von Megenbergs Buch der Natur und wirkten so noch im 14. Jahrhundert nach.[1.2][7.2]
Sein späterer Ruf fußt vor allem aus astrologischen, magischen und alchemistischen Zuschreibungen. Salimbene von Parma berichtet in seiner Cronica die Anekdote, Friedrich II. habe seinen Hofastrologen mit einer Frage nach der Himmelsweite auf die Probe gestellt. Michael soll die heimliche Absenkung einer Saalhöhe durch den Kaiser erkannt und daraus geschlossen haben, der Himmel müsse sich gehoben oder die Erde gesenkt haben.[2.10] Dante Alighieri wies ihm in der Commedia einen Platz unter den Wahrsagern zu.[10] Die Todeslegende vom herabfallenden Stein gehört in denselben Überlieferungsstrang. Greifbar wird sie seit dem 14. Jahrhundert bei Pipino von Bologna.[12.1]
Ausgaben und Handschriften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Alpetragius: De motibus celorum. Critical Edition of the Latin Translation of Michael Scot. Edited by Francis J. Carmody. University of California Press, Berkeley 1952.
- Aristoteles: De animalibus. Michael Scot’s Arabic-Latin Translation. Part Three: Books XV–XIX, Generation of Animals. Edited by Aafke M. I. van Oppenraay. Brill, Leiden/New York/Köln 1992.
- Aristoteles: De animalibus. Michael Scot’s Arabic-Latin Translation. Part Two: Books XI–XIV, Parts of Animals. Edited by Aafke M. I. van Oppenraay. Brill, Leiden/New York/Köln 1998.
- Aristoteles: De animalibus. Michael Scot’s Arabic-Latin Translation. Part One: Books I–III, History of Animals. Edited by Aafke M. I. van Oppenraay. Brill, Leiden/Boston 2020.
- Michel Scot: Liber particularis. Liber physonomie. Édition critique, introduction et notes par Oleg Voskoboynikov. SISMEL, Florenz 2019.
- Michaelis Scoti Astrologia cum figuris (Liber introductorius). München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 10268. Digitalisat
- Liber de signis. In: Silke Ackermann: Sternstunden am Kaiserhof. Michael Scotus und sein Buch von den Bildern und Zeichen des Himmels. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, S. 99–281.
- S. Harrison Thomson: The Texts of Michael Scot’s Ars Alchemie. In: Osiris. Band 5, 1938, S. 523–559.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Silke Ackermann: Sternstunden am Kaiserhof. Michael Scotus und sein Buch von den Bildern und Zeichen des Himmels. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009.
- Alexander Brungs: Michael Scotus. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. Band 6. De Gruyter, Berlin/Boston 2014.
- Charles Burnett: Michael Scot and the Transmission of Scientific Culture from Toledo to Bologna via the Court of Frederick II Hohenstaufen. In: Micrologus. Band 2, 1994, S. 101–126.
- Thomas E. Burman: Michael Scot and the Translators. In: María Rosa Menocal, Raymond P. Scheindlin, Michael Sells (Hrsg.): The Literature of Al-Andalus. Cambridge University Press, Cambridge 2000, S. 404–412, DOI: 10.1017/CHOL9780521471596.027.
- Glenn M. Edwards: The Two Redactions of Michael Scot’s Liber Introductorius. In: Traditio. Band 41, 1985, S. 329–340.
- Graziella Federici Vescovini: Michael Scot. In: Wouter J. Hanegraaff u. a. (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2006.
- Nadia Givsan: Zur Seelenlehre des Michael Scotus im Kontext der Wissenskultur am Hofe Friedrichs II. In: Micrologus. Band 12, 2004, S. 103–133.
- Charles H. Haskins: Michael Scot and Frederick II. In: Isis. Band 4, 1921, S. 250–275.
- Dag Nikolaus Hasse: Latin Averroes Translations of the First Half of the Thirteenth Century. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 2010, ISBN 978-3-487-14432-0.
- Lorenzo Minio-Paluello: Michael Scot. In: Charles Coulston Gillispie (Hrsg.): Dictionary of Scientific Biography. Band 9. Scribner, New York 1974, S. 361–365.
- Aafke M. I. van Oppenraay, Charles Burnett, Eleonora Andriani: Michael Scot. In: Encyclopaedia of Islam Three Online. Brill, DOI: 10.1163/1573-3912_ei3_COM_36411.
- Nigel F. Palmer: Scotus, Michael. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 8. De Gruyter, Berlin/New York 1992, Sp. 966–971.
- Lucy K. Pick: Michael Scot in Toledo: Natura naturans and the Hierarchy of Being. In: Traditio. Band 53, 1998, S. 93–116, DOI: 10.1017/S0362152900012095.
- Dorothea Waley Singer: Michael Scot and Alchemy. In: Isis. Band 13, 1929, S. 5–15.
- Lynn Thorndike: Michael Scot. Nelson, Edinburgh 1965.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Nigel F. Palmer: Scotus, Michael. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 8. De Gruyter, Berlin/New York 1992, Sp. 966–971.
- Silke Ackermann: Sternstunden am Kaiserhof. Michael Scotus und sein Buch von den Bildern und Zeichen des Himmels. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009.
- Lucy K. Pick: Michael Scot in Toledo: Natura naturans and the Hierarchy of Being. In: Traditio. Band 53, 1998, S. 93–116, DOI: 10.1017/S0362152900012095.
- Aafke M. I. van Oppenraay, Charles Burnett, Eleonora Andriani: Michael Scot. In: Encyclopaedia of Islam Three Online. Brill, DOI: 10.1163/1573-3912_ei3_COM_36411.
- ↑ s.v. Michael Scot
- ↑ Charles Burnett: Michael Scot and the Transmission of Scientific Culture from Toledo to Bologna via the Court of Frederick II Hohenstaufen. In: Micrologus. Band 2, 1994, S. 101–126.
- Nadia Givsan: Zur Seelenlehre des Michael Scotus im Kontext der Wissenskultur am Hofe Friedrichs II. In: Micrologus. Band 12, 2004, S. 103–133.
- Aafke M. I. van Oppenraay: Aristotle. De Animalibus. Michael Scot's Arabic-Latin Translation. Part One: Books I–III, History of Animals. Brill, Leiden/Boston 2020.
- Dag Nikolaus Hasse: Latin Averroes Translations of the First Half of the Thirteenth Century. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 2010.
- ↑ S. 27–29, 32
- 1 2 3 Alexander Brungs: Michael Scotus. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. Band 6. De Gruyter, Berlin/Boston 2014.
- ↑ Dorothea Waley Singer: Michael Scot and Alchemy. In: Isis. Band 13, 1929, S. 5–15.
- Charles H. Haskins: Michael Scot and Frederick II. In: Isis. Band 4, 1921, S. 250–275.
- ↑ S. 254
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Scotus, Michael |
| ALTERNATIVNAMEN | Scot, Michael; Scottus, Michael |
| KURZBESCHREIBUNG | mittelalterlicher Gelehrter, Übersetzer und Astrologe |
| GEBURTSDATUM | zwischen 1175 und 1199 |
| STERBEDATUM | vor 1236 |