Mary Sheepshanks
Mary Ryott Sheepshanks (* 25. Oktober 1872 in Liverpool; † 21. Januar 1960 in Hampstead, London) war eine englisch-britische Frauenrechtlerin, Pazifistin, Journalistin und Sozialarbeiterin.[1][2]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sheepshanks war das zweite von dreizehn überlebenden Kindern von John Sheepshanks (1834–1912), dem späteren Bischof von Norwich, und seiner Frau Margaret Ryott (1852–1943), einer Nachfahrin von Oliver Cromwell. Sie empfand ihr Elternhaus in Liverpool als streng und freudlos, ihre Mutter hatte aufgrund ihrer vielen Kinder nicht viel Zeit für sie, und auch Marys Beziehung zu ihrem Vater war schlecht, was zu ihrer lebenslangen Ablehnung großer Familien und ihrer völligen Entfremdung von der Religion führte. Die Bildungs- und anderen Privilegien, die nur ihren sieben Brüdern gewährt wurden, verstärkten ihren Feminismus. Mit vierzehn Jahren besuchte sie die Liverpool High School for Girls, wo sie sich in modernen Sprachen und Literatur hervortat. Mit siebzehn Jahren lebte sie in Kassel, um Deutsch zu lernen. 1891 schrieb sich Sheepshanks am Newnham College, Cambridge ein, um mittelalterliche und moderne Sprachen zu studieren.
Während ihrer Studienzeit begann Sheepshanks, Erwachsenen in Barnwell, Cambridgeshire, Lesen und Schreiben beizubringen. In dieser Zeit lernte Sheepshanks Bertrand Russell kennen, dessen progressive Ideen sie so stark beeinflussten, dass ihr Vater sie während der Ferien nicht nach Hause kommen lassen wollte.[3] 1895 trat Sheepshanks der Women’s University Settlement in Southwark bei, wo junge Erwachsene mit Hochschulabschluss armen Menschen halfen.
1897 wurde sie stellvertretende Direktorin – de facto jedoch Direktorin – des Morley College for Working Men and Women und wurde damit auch zu einer Pionierin im Bildungswesen. Sheepshanks brachte ihren Feminismus am Morley College zum Ausdruck, indem sie die erschöpften Studentinnen aus der Arbeiterklasse unterstützte, denen es ihrer Meinung nach an intellektuellem und sozialem Selbstvertrauen fehlte. Sie förderte Frauengymnastik, Frauenradfahren und Debattierclubs, engagierte Virginia Woolf für den Unterricht in Abendkursen zur Geschichte und richtete inspirierende Vorträge über Frauen wie Charlotte Brontë und Themen wie die Women’s Co-operative Guild ein.
Sheepshanks wohnte zur Miete in einem Haus in Westminster, das sie sich mit einer Reihe von Freundinnen teilte, darunter die Quäkerinnen Hilda Clark und Alice Clark, Catherine Marshall und Irene Cooper, allesamt Suffragetten. Sie selbst wurde von 1908 bis 1913 zu einer prominenten Suffragetten-Rednerin und lud Christabel Pankhurst und Amber Reeves ein, im Morley College zu sprechen. Sheepshanks schloss die Debatte mit Pankhurst mit der Feststellung, dass Frauen das Wahlrecht gewährt werden sollte, weil dies sowohl für sie als auch für den Staat von Vorteil sei. Sheepshanks war eine eher moderate Suffragette, die die gewalttätigen Aktionen der Suffragetten ablehnte, aber dennoch deren Mut schätzte. Sheepshanks trat der National Union of Women’s Suffrage Societies (NUWSS) bei und unternahm 1913 eine Europareise, um über das Wahlrecht und andere Themen zu sprechen, die Frauen betrafen. Im selben Jahr besuchte sie den Internationalen Frauenkongress in Budapest als Teil der britischen Delegation zusammen mit Agnes Harben, einer der Gründerinnen der United Suffragists. Sheepshanks wurde zur Sekretärin der International Alliance of Women und zur Herausgeberin ihrer Zeitschrift Jus Suffragii ernannt,[4] wozu sie von Jane Addams ermutigt worden war.
Sheepshanks war Pazifistin und lehnte den Ersten Weltkrieg ab. Sheepshanks vertrat ihren Standpunkt in Jus Suffragii und forderte Abrüstung. Im November 1914 schrieb sie:
„Armaments must be drastically reduced and abolished, and their place taken by an international police force. Instead of two great Alliances pitted against each other, we must have a true Concert of Europe. Peace must be on generous, unvindictive lines, satisfying legitimate national needs, and leaving no cause for resentment such as to lead to another war. Only so can it be permanent.“
„Die Rüstung muss drastisch reduziert und abgeschafft werden, und an ihre Stelle muss eine internationale Polizeitruppe treten. Anstelle zweier großer, gegeneinander gerichteter Allianzen brauchen wir ein echtes Konzert Europas. Der Frieden muss großzügig und ohne Rachegedanken gestaltet sein, legitime nationale Bedürfnisse befriedigen und keinen Anlass zu Ressentiments geben, die zu einem weiteren Krieg führen könnten. Nur so kann er dauerhaft sein.“
Sheepshanks wollte, dass das Jus Suffragii in seinen Berichten über das Wahlrecht neutral blieb, und bat daher Frauen in nicht kriegführenden Staaten, ihr Nachrichten über Frauen in den Mittelmächten zu schicken. Sheepshanks setzte sich auch dafür ein, dass Großbritannien belgische Flüchtlinge aufnahm, und das International Women's Relief Committee wurde in den Büros von Jus Suffragii untergebracht. Viele Suffragistinnen waren mit Sheepshanks neutraler Haltung nicht einverstanden und sie wurde sowohl von ihnen als auch von der Presse wegen ihrer Aufmerksamkeit für „Feindstaaten“ heftig kritisiert. Sheepshanks reagierte, in dem sie eine Ablage für „anonyme Beschimpfungen“ anzulegen. Es gab jedoch auch Menschen, die Sheepshanks Neutralität verteidigten, und nach dem Krieg erhielt sie zahlreiche Briefe, in denen man ihr dafür dankte, dass sie die Frauenbewegung geeint gehalten hatte.[4]
1918 wurde Sheepshanks zur Sekretärin des Fight the Famine Council ernannt, einer Organisation, die sich mit der Notwendigkeit einer neuen Wirtschaftsordnung in Europa befasste. 1920 setzte sie sich beim Völkerbund dafür ein, Deutschland aufzunehmen und die im Vertrag von Versailles geforderten Reparationen zu revidieren. Sheepshanks wurde internationale Sekretärin der Women’s International League for Peace and Freedom und trat 1931 von ihrem Amt zurück, weil sie mit der Haltung anderer Vorstandsmitglieder nicht einverstanden war. Sheepshanks organisierte weiterhin Konferenzen, setzte sich für den Frieden ein und half Kriegsopfern. Zwischen 1939 und 1940 nahm Sheepshanks ihre alte Freundin, die tschechisch-jüdische Sozialarbeiterin Marie Schmolková, bei sich auf. Der Zweite Weltkrieg hatte Sheepshanks pessimistisch gemacht, wie sie ihrer Nichte schrieb:
„[…] I admit that this war has made me deeply pessimistic, the incredible savagery and beastliness of the Germans and the immeasurable suffering they caused make me despair of human nature […]“
„[…] Ich gebe zu, dass dieser Krieg mich zutiefst pessimistisch gemacht hat. Die unglaubliche Grausamkeit und Brutalität der Deutschen und das unermessliche Leid, das sie verursacht haben, lassen mich an der menschlichen Natur verzweifeln […]“
Sheepshanks war gegen Flächenbombardements und fürchtete die Folgen von Atomwaffen.
In ihren späteren Jahren litt Sheepshanks unter verschiedenen Gesundheitsproblemen, darunter Arthritis. 1955 schrieb Sheepshanks ihre Memoiren. 1960, durch Arthritis an einen Stuhl gefesselt und mit der Zwangseinweisung in ein Pflegeheim konfrontiert, nahm sie sich das Leben und starb im Alter von 87 Jahren in ihrem Haus in Hampstead, London.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Sofern nicht anders angegeben folgt die Darstellung Sybil Oldfield: Sheepshanks, Mary Ryott (1872–1960). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 4. Oktober 2012, doi:10.1093/ref:odnb/38534.
- ↑ Paul Ewans: Mary Sheepshanks (1872–1960). In: Humanist Heritage. Humanists UK, abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ a b John Simkin: Mary Sheepshanks. In: History of Socialism. Spartacus Educational, Oktober 2022, abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ a b Sybil Oldfield: Mary sheepshanks edits an internationalist suffrage monthly in wartime: jus suffragii 1914–19. In: Women’s History Review. Band 12, Nr. 1, 2003, S. 119–134, doi:10.1080/13664530300200350.
- ↑ Mary Sheepshanks in: Jus Suffragii vom 1. November 1914, S. 184.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Sheepshanks, Mary |
| ALTERNATIVNAMEN | Sheepshanks Ryott, Mary; Ryott, Mary (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | englisch-britische Frauenrechtlerin, Pazifistin, Journalistin und Sozialarbeiterin |
| GEBURTSDATUM | 25. Oktober 1872 |
| GEBURTSORT | Liverpool, England, Vereinigtes Königreich |
| STERBEDATUM | 21. Januar 1960 |
| STERBEORT | Hampstead, London, England, Vereinigtes Königreich |