Martin Mutschmann

Martin Mutschmann (* 9. März 1879 in Hirschberg; † 14. Februar 1947 in Moskau) war ein deutscher Unternehmer und nationalsozialistischer Politiker. Von 1925 bis 1945 war er NSDAP-Gauleiter, ab 1930 Mitglied des Reichstags, ab 1933 Reichsstatthalter und ab 1935 zusätzlich Ministerpräsident von Sachsen.
Familie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mutschmann kam als Sohn des Schuhmachermeisters August Louis Mutschmann und dessen Frau Sophie Karoline Henriette, geborene Lieber, in Hirschberg zur Welt. Beide entstammten proletarisch-kleinbürgerlichen Verhältnissen.[1]
1909 heiratete Martin Mutschmann Minna Auguste Popp, die Tochter eines Ziegelei- und Gutsbesitzers. Die Ehe blieb kinderlos. Minna trat 1927 der NSDAP bei und war von 1934 bis 1945 Landesleiterin des Deutschen Roten Kreuzes. Am 16. Juni 1950 wurde sie zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach ihrer vorzeitigen Entlassung im Dezember 1955 reiste die 71-jährige 1957 in die Bundesrepublik aus und starb 1971 in Jülich.[2.1]
Biographie
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Ausbildung und Beruf bis Kriegsende
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das mangelnde Arbeitsplatzangebot in Hirschberg zwang die Familie, in die Textil- und Spitzenmetropole Plauen zu ziehen.[1] Dort besuchte Mutschmann ab 1885 die evangelisch-lutherische Bürgerschule, von 1894 bis 1896 die Plauener Handelsschule und begann zugleich eine Ausbildung zum Stickermeister. Vom Lagerchef und Abteilungsleiter stieg Mutschmann bald zum Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens auf. Seinen Militärdienst absolvierte er von 1901 bis 1903 beim 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiment Nr. 138 in Straßburg. 1907 gründete Mutschmann zusammen mit Karl Eisentraut die Spitzenfabrik Mutschmann & Eisentraut in der Plauener Bärenstraße. In den Folgejahren beteiligte er sich an weiteren Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten. 1912/13 erlitt die Plauener Spitzenbranche einen weltweiten Absatzeinbruch, unter anderem wegen der Balkankriege und der hohen Zollschranken in den Vereinigten Staaten.
Mutschmann fand in den aus Osteuropa stammenden Juden („Ostjuden“) schnell seinen Sündenbock. Als Mitglied der Ortsgruppe der antisemitischen Deutschsozialen Partei verunglimpfte er diese als „jüdische Ramscher“. Als Oberbürgermeister Julius Dehne nicht seinen Forderungen entsprach, entlud sich die Wut der Antisemiten am 2. und 3. August 1914 im sog. Ramscherkrieg. So verübte eine aufgehetzte Volksmenge in Plauen Gewalt und verschüchterte jüdische Geschäftsinhaber. Mutschmann galt als ein Inspirator der Judenpogrome in der Plauener Forststraße, wo eine Reihe jüdischer Geschäftsleute wohnte. Es kam zu keiner Anklage.
Mutschmann wurde am 4. August 1914 zum Militärdienst im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 133 (24. Reserve-Division) einberufen.[2.2] Im April 1916 wurde er vor Verdun verwundet. Im Dezember 1916 konnte er, als kriegsuntauglich entlassen, nach Plauen zurückkehren. Mutschmanns Geschäftspartner Eisentraut wurde kurz vor Kriegsende eingezogen und fiel. Einem Bericht zufolge soll Mutschmann den Gesellschaftervertrag mit Eisentraut vor der Einziehung gekündigt haben.[2.3] Damit stieg Mutschmann zum alleinigen Geschäftsführer der Firma auf.
Weimarer Republik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mutschmann trat 1919 dem antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund und 1922 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 5.346).[3] In den Nachkriegswirren verschmolz Mutschmanns Antisemitismus mit dem des Anti-Marxismus. Die Übergriffe des Rätekommunisten Max Hoelz im Vogtland brachten Mutschmann zur Überzeugung, dass der Marxismus sowie das Judentum den „Niedergang Deutschlands“ bedeuten würden. Der Sieg der roten Arbeiterbewegung in Sachsen und die ökonomischen Probleme im Nachkriegsdeutschland förderten Mutschmanns politische Radikalisierung.
In der in Sachsen 1921 gegründeten NSDAP machte Mutschmann rasch Karriere. Profitieren konnte er dabei von seinen unternehmerischen Vernetzungen. Dabei drängte er den ersten Vorsitzenden der sächsischen NSDAP Fritz Tittmann aus der Führung und anschließend ganz aus Sachsen.[4] Karrierefördernd wirkten sich Mutschmanns frühe Verbindungen zu Adolf Hitler aus, den er 1924 in der Haft in Landsberg besuchte und finanziell förderte. Während des Verbotes der NSDAP gründete Mutschmann in Sachsen den Völkischsozialen Block. Nach der erneuten Gründung der NSDAP trat Mutschmann ihr zum 2. Juni 1925 bei (Mitgliedsnummer 35),[5][6] wurde von Hitler im selben Monat zum Gauleiter für Sachsen ernannt und überführte den Block in die Partei. Wahlkämpfe finanzierte er vermutlich mit den Erlösen seiner Firma. Der Gau Sachsen wurde nach der Mitgliederzahl einer der größten der NSDAP. Im Sommer 1930 gründete Mutschmann die Tageszeitung Der Freiheitskampf. 1930 ging Mutschmanns Firma aufgrund der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Bei der Reichstagswahl 1930 wurde Mutschmann Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis 30 Chemnitz-Zwickau. In der dortigen NSDAP-Fraktion übernahm er das Sachgebiet Handel und Industrie und gehörte dem Reichstagsausschuss für Handelspolitik an. Mutschmann war befreundet mit Gregor Strasser. Im Juli 1932 ernannte Strasser Mutschmann zum Landesinspekteur der neu geschaffenen NSDAP-Reichsinspektion. Innerhalb der sächsischen NSDAP war Manfred von Killinger Mutschmanns schärfster Rivale.
Zeit des Nationalsozialismus
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Persönliche Machtergreifung (1933–1935)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Machtergreifung im Januar 1933 bezichtigte Mutschmann seinen Förderer Strasser öffentlich als Juden. Mutschmann hatte Hitler gegenüber die „Strasser-Verschwörung“ aufgedeckt und stärkte Adolf Hitlers Vertrauen in seine Person. Im Zuge des Umbaus der Reichspartei verlor Mutschmann den Titel des Landesinspekteurs von Sachsen und Thüringen, gewann aber am 5. Mai 1933 das Amt des Reichsstatthalters von Sachsen. So konkurrierte er mit dem aus dem Freikorps stammenden SA-Führer und nun sächsischen Ministerpräsidenten Manfred von Killinger um die Führungspositionen innerhalb Sachsens. Erst der „Röhm-Putsch“ im Sommer 1934 entschied den Zwist zu seinen Gunsten. Killinger wurde zunächst in ein Konzentrationslager gesperrt und später in den Auswärtigen Dienst abgeschoben.
Anfang 1935 ernannte Hitler Mutschmann zum Ministerpräsidenten, so dass die Positionen des Partei-Gauleiters, des Reichsstatthalters und des Ministerpräsidenten in einer Person zusammenfielen. Darüber hinaus sicherte sich Mutschmann, seit 1933 Ehrenführer der SA bei der SA-Standarte 100, mit Übernahme der Funktion eines SA-Obergruppenführers die Loyalität von Killingers ehemaliger Parteiarmee.
Politisches Programm
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Reichsstatthalter förderte Mutschmann die Deutsche Arbeitsfront (DAF) nachhaltig. Als der DAF Ende 1933 die von den Gewerkschaften geraubten Geldsummen langsam ausgingen, entwickelte sie Modelle zur weiteren Bereicherung. Sie zielten auf eine karteimäßige Erfassung aller Arbeiter, um die Unternehmer zu veranlassen, den DAF-Beitrag zusammen mit den Steuern vom Lohn vorweg abzuziehen sowie von allen im Betrieb Beschäftigten eine DAF-Mitgliedschaft zu verlangen. Mutschmann war der Initiator für diesen direkten Abzug der DAF-Beiträge vom Lohn.[7]
Mutschmann verfocht die nationalsozialistische Ideologie besonders gegen Demokraten und Juden. So veranlasste er 1933 die Verhaftung von Hermann Liebmann, SPD-Vorsitzender von Leipzig, der an den Folgen der Haft 1935 verstarb. Zusammen mit Julius Streicher hetzte Mutschmann für „judenreine“ Dresdener Wohnbezirke. Im Dresdener Landtagsgebäude jagte Mutschmann mit SS-Helfern insbesondere abtrünnige Parteigenossen der NSDAP. Andere Opfer waren der SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Böchel und ein jüdischer Parlamentsjournalist, der nur knapp überlebte. Mutschmann befeuerte das mörderische Treiben der Wachen des KZ Hohnstein. Nachdem sie deshalb vor dem Landgericht angeklagt wurden, erreichte er durch Vortrag bei Adolf Hitler deren vorzeitige Entlassung.
Sein uncharismatisches, mitunter jähzorniges Auftreten sowie seine sächsische Mundart bildeten eine Grundlage für Spötteleien und Karikaturdarstellungen, gegen die er sich vehement wehrte. Mutschmann galt als selbstherrlich und egozentrisch. Er wurde vom Volk als König Mu(h) bezeichnet. Auf sein Betreiben hin galt aber paradoxerweise Sächsisch als unheldisch.
Mutschmann war Jäger und der Gaujägermeister. Im Tharandter Wald ließ er im Jagdschloss Grillenburg 1936 den Sächsischen Jägerhof einrichten. Von 1938 bis 1939 wurde das Neue Jägerhaus als auch privat genutztes Gästehaus gebaut und neben seinem Dresdner Wohnsitz in der Comeniusstraße 32 ebenfalls als „Mutschmann-Villa“ betitelt.
Zweiter Weltkrieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu dessen Beginn wurde Mutschmann ferner Reichsverteidigungskommissar und verantwortlich für die Umstellung auf kriegswichtige Produktion sowie den Mord an psychisch Kranken in der NS-Tötungsanstalt Sonnenstein. Während des Krieges vernachlässigte er den Bau von Luftschutzbunkern, ließ sich allerdings 1943 an seinem Dresdner Wohnsitz einen eigenen Bunker errichten. Nach den Luftangriffen vom 13. und 14. Februar 1945 war Mutschmann Reichsstatthalter und Gauleiter in Personalunion. Unterstützung erhielt er von Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, dessen Heeresgruppe Mitte auf dem Gebiet Sachsens und Böhmens aufmarschiert war.
Im April 1945 erklärte er Dresden zur Festung und rief zur Fortsetzung des Kampfes „bis zum Letzten“ auf. Alle Verstöße dagegen bestrafte Mutschmann als Landesverrat mit dem Tod. Nachgewiesen sind in Sachsen Dutzende derartiger Todesurteile.[2.4] Ende April 1945 befahl Mutschmann seinem Stellvertreter und Militärberater Werner Vogelsang die Aufstellung sogenannter Werwolf-Gruppen zur Fortsetzung des Kampfes aus dem Untergrund. Vogelsang lehnte dies als aussichtslos ab.
Haft und Hinrichtung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Flucht und Festnahme im Mai 1945
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Noch Anfang Mai 1945 ließ Mutschmann in Sachsen Aufrufe zur Fortsetzung des Krieges verbreiten. Am 5. Mai versammelte er letztmals die noch erreichbaren NSDAP-Kreisleiter in der Gau-Behelfszentrale im Lockwitzgrund. Hier ordnete er unter anderem an, Dokumente zu verbrennen.[2.5] Am 6./7. Mai ließ er in Grillenburg seinen persönlichen Besitz auf Lastkraftwagen verladen und nach Oberwiesenthal bringen sowie die Geheimakten der NSDAP-Gauleitung vernichten. Gauleitung und Regierung lösten sich faktisch auf; ihre Mitglieder versuchten – zum Teil erfolgreich – unterzutauchen und Richtung Westen zu fliehen. Am 8. Mai floh auch Mutschmann mit seinem Vertrauten Werner Schmiedel vor der einrückenden Roten Armee aus Dresden. Im Chaos zwischen vorstoßender Roter Armee, fliehenden Zivilisten und überrannten Wehrmachtseinheiten gelangten Mutschmann und Schmiedel in einem Pkw über Pirna und das Müglitztal nur bis nach Glashütte. Von sowjetischen Truppen überrascht, flüchteten sie von dort zu Fuß in das bereits besetzte Grillenburg, das sie am 10. Mai erreichten. Dort versteckten sie sich drei Tage in einer Jagdhütte außerhalb des Ortes.[2.6]
Am 14. Mai entschlossen sich Mutschmann und Schmiedel, in das 90 Kilometer entfernte Oberwiesenthal zu fliehen, wohin sich auch Mutschmanns Frau und die Reste der Landesregierung abgesetzt hatten. Bereits am 15. Mai erreichte der 66-Jährige den Ort angeblich zu Fuß. Der Fußmarsch wurde von Mutschmann bei seiner ersten Vernehmung vermutlich vorgetäuscht, um Helfer zu decken.[2.7] Die nach Oberwiesenthal geflüchteten Nazifunktionäre hatten sich bereits zerstreut. Mutschmanns persönlicher Referent Eugen Schramm beging am 10. Mai Suizid. Der im April aus Köln nach Sachsen geflohene Gauleiter Josef Grohé, der mit dieser Gruppe unterwegs gewesen war (worüber sich Mutschmann in seinen Vernehmungen ausschwieg[2.8]), konnte untertauchen und sich nach Westen absetzen. In Oberwiesenthal erfuhr Mutschmann offenbar, dass seine Frau Tage zuvor in das 5 Kilometer entfernte Tellerhäuser weitergezogen war. Mutschmann kam dort am 16. Mai im abgelegenen Haus eines Kohlenhändlers unmittelbar an der sächsisch-böhmischen Grenze unter. Seine Frau war bereits am 14. Mai in Rittersgrün festgenommen worden.
Am Abend des 16. Mai erhielt der Oberwiesenthaler Bürgermeister Hermann Klopfer (SPD), erst kurz im Amt, den Anruf eines unbekannt Gebliebenen aus Tellerhäuser, der den Hinweis gab, dass Mutschmann sich dort versteckt hielt. Klopfer fuhr noch am Abend mit einigen Polizisten und Freiwilligen nach Tellerhäuser, wo Mutschmann festgenommen wurde. In der Nacht wurde Mutschmann im Rathaus von Oberwiesenthal an Antifaschisten aus Annaberg übergeben und am 17. Mai in Annaberg auf dem Marktplatz zusammen mit einigen weiteren festgenommenen Nazis auf einem Sockel, von dem aus Hitler und Mutschmann in früheren Jahren Reden gehalten hatten, einer – zeitgenössischen Berichten zufolge – zahlreich zusammengeströmten Menschenmenge präsentiert. Der KPD-Bürgermeister Max Schmitt hielt dazu eine kurze Rede.[2.9] Am 18. Mai wurde Mutschmann im Chemnitzer Polizeigefängnis der sowjetischen Besatzungsmacht übergeben.
Verhöre in sowjetischer Haft 1945/46
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mutschmann war der prominenteste NSDAP-Funktionär, der sich unmittelbar nach Kriegsende in sowjetischer Haft befand. In der von der Besatzungsmacht in Dresden herausgegebenen Tageszeitung für die deutsche Bevölkerung erschien am 2. Juni ein ganzseitiges Interview mit Mutschmann, das mit einem Foto illustriert war, das ihn bei der Vernehmung durch einen sowjetischen Offizier zeigte. In dem Interview erklärte Mutschmann unter anderem, er habe bis zuletzt angenommen, „angesehen und beliebt“ zu sein, müsse aber angesichts der von der Bevölkerung ihm gegenüber nach seiner Verhaftung bekundeten Ablehnung einsehen, dass das nicht so sei. Über die Nazipropaganda sagte Mutschmann demnach: „Goebbels hat Propaganda gemacht, und Propaganda ist für das gewöhnliche Volk da.“[2.10]
Am 28. Mai wurde Mutschmann nach Moskau geflogen und in das Gefängnis der Lubjanka gebracht. Die neu gebildeten sächsischen Behörden rechneten aber noch längere Zeit mit einem Prozess gegen Mutschmann in Dresden, der zunächst auch von sowjetischer Seite erwogen wurde. Der Direktor des sächsischen Landeskriminalamtes forderte im August Polizeibehörden auf, binnen weniger Tage von Zeugen bestätigtes Material über die Rolle Mutschmanns unter anderem bei der „Vernichtung von Geisteskranken“ und der Verfolgung der Juden zu ermitteln.[2.11] Wenig später allerdings entschied sich die Besatzungsmacht dafür, Mutschmann nicht in Dresden, sondern beim Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht zu stellen. Der sowjetische Vorschlag wurde aber von den westlichen Alliierten Ende August abgelehnt. Begründet wurde die Ablehnung mit der angeblich zu geringen Bekanntheit und Bedeutung Mutschmanns.[2.12] In den Verhören von 19 Mutschmann-Vertrauten in Sachsen und in Moskau, in denen ehemalige Minister, Juristen, „Wirtschaftsführer“ und Funktionäre der NSDAP umfassende Aussagen machten und Mutschmann schwer belasteten, war unterdessen eine konkrete Verantwortung Mutschmanns für Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern deutlich geworden, weshalb für die Besatzungsmacht auch ein Prozess in Dresden nicht mehr in Betracht kam.
Die sowjetischen Vernehmer konzentrierten sich in den Verhören Mutschmanns, die offenbar mit Rücksicht auf dessen schlechten Gesundheitszustand im Gegensatz zur üblichen sowjetischen Verhörpraxis ausschließlich tagsüber stattfanden,[2.13] auf die Komplexe Judenverfolgung, Euthanasieverbrechen, Verfolgung von politischen Gegnern und Kriegsverbrechen. Mutschmann, der von seinen ehemaligen Gefolgsleuten als herrschsüchtiger „Sachsenführer“ dargestellt worden war, der keine andere Meinungen habe ertragen können, präsentierte sich in den Verhören als „lokaler Parteiführer“, der von Anweisungen übergeordneter Instanzen abhängig gewesen sei. Staatliche Führungsämter habe er 1933 gar nicht angestrebt. Er bekannte sich zu seiner antisemitischen Haltung, stritt aber ab, gewusst zu haben, wohin die sächsischen Juden deportiert worden waren. Von der Judenvernichtung habe er „nichts gewusst“.[2.14]
Hinsichtlich der Euthanasiemorde verwies Mutschmann ebenfalls auf zentrale Weisungen, rechtfertigte diese aber. Die Zahl der in diesem Zusammenhang in Sachsen getöteten Menschen gab er mit 8.000 bis 10.000 an und machte auch Angaben zum Ort und zur Art und Weise der Tötung. Die Opfer seien „hinsichtlich ihrer Versorgung mit Lebensmitteln Ballast für das deutsche Volk“ gewesen. Es habe sich kein einziger Arzt in dieser Angelegenheit mit Einwänden bei ihm gemeldet. Vom Vernehmer gefragt, wie er die Vernichtung „unter dem Gesichtspunkt der Menschlichkeit und der deutschen Kultur“ beurteile, sagte Mutschmann, er bleibe „bei meinem Standpunkt“: „Ich kann das nicht als Verbrechen betrachten.“[2.15] Er räumte auch ein, zu Beginn der „Aktion“ in Pirna-Sonnenstein bei einer Tötung von 20 bis 25 Menschen mit Gas zugegen gewesen zu sein.
Dagegen war Mutschmann bemüht, seine persönliche Rolle bei der Verfolgung von Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen politischen Gegnern möglichst zu minimieren. Dabei konnte er ausnutzen, dass die Vernehmer über Einzelheiten dieser Verfolgung in Sachsen ab 1933 kurz nach Kriegsende nur bruchstückhaft informiert waren. Sie gingen zum Beispiel davon aus, es habe in Sachsen nur zwei (statt tatsächlich mehr als 20) Lager gegeben. Die Gesamtzahl der Inhaftierten – allein im KZ Hohnstein über 5.000 - gab Mutschmann wahrheitswidrig mit einigen Hundert an. Nur nach Vorhalt von Zeugenaussagen räumte er ein, 1933 mehrmals persönlich im KZ Hohnstein gewesen zu sein und dabei auch Zeuge der Misshandlung des früheren sächsischen Innenministers Hermann Liebmann geworden zu sein, die er allerdings „verboten“ habe.[2.16]
Mit Blick auf die Außenpolitik erklärte Mutschmann, er habe das „Lebensraum“-Konzept unterstützt, darunter aber den Anschluss von Territorien mit deutschsprachiger Bevölkerung an das Deutsche Reich verstanden. Während der Chemnitzer Unternehmer Fritz Hoffmann ausgesagt hatte, dass Mutschmann ihm gegenüber bereits vor 1941 erklärt habe, dass ein Krieg gegen die UdSSR „notwendig“ sei, bestritt Mutschmann, von dem geplanten Angriff auf die Sowjetunion gewusst zu haben; einer „Kolonisierung“ im Osten habe er nie das Wort geredet. Als der Vernehmer ihm vorhielt, er müsse doch gewusst haben, dass Hitler in Mein Kampf Eroberungen nichtdeutscher Gebiete in Osteuropa gefordert hatte, erklärte Mutschmann: „Ich habe das Buch ‚Mein Kampf‘ nicht gelesen.“[2.17]
Mutschmann wies auch jegliche Verantwortung für das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen in Lagern wie Zeithain zurück. Er habe weder als Gauleiter noch als Reichsverteidigungskommissar die Befugnis gehabt, in Angelegenheiten der Kriegsgefangenen einzugreifen.[2.18] Den Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in der Industrie habe er zwar unterstützt; die konkrete Verantwortung dafür aber habe beim Landesarbeitsamt bzw. dem Reichsarbeitsministerium gelegen. Dagegen hatte Werner Vogelsang angegeben, Mutschmann habe noch im April 1945 angeordnet, die 16.000 Zwangsarbeiter bei der HASAG in Leipzig zu „liquidieren“.[2.19]
Das letzte Verhör Mutschmanns fand im März 1946 statt. In einer Auswertung der Verhöre wurde Mutschmann anschließend als zentrale Figur der Nazidiktatur eingestuft. Er sei einer der frühen Geldbeschaffer für Hitler und die NSDAP gewesen, habe persönlich die Verfolgung von „Kommunisten, Sozialdemokraten und demokratisch eingestellten Personen in Sachsen“ veranlasst und sei Anstifter und Organisator der Verfolgung von Juden, von Euthanasiemorden, zustimmender Mitwisser der Ausbeutung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern und Agitator für die Eroberung fremden Territoriums gewesen.[2.20]
Prozess und Hinrichtung 1947
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Prozess gegen Mutschmann fand am 30. Januar 1947 nichtöffentlich vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR statt. Mutschmann erklärte sich – bis auf die „Teilnahme an den Judenpogromen“ – für nicht schuldig und gab wie in den Verhören zuvor nur das zu, was ihm nachgewiesen werden konnte. Er verwies auf höhere Instanzen und versuchte, sich als Befehlsempfänger auszugeben. Seine gesamte Tätigkeit sei „ausschließlich administrativer“ und „nicht politischer“ Natur gewesen.[2.21] Von den ihm vorgehaltenen Sachverhalten wollte er in den meisten Fällen erst nach Kriegsende erfahren haben. Über den Angriff auf die Sowjetunion zum Beispiel sei er „fürchterlich erstaunt“ gewesen. Als der Vorsitzende ihn fragte: „Sie waren Ministerpräsident und lebten ohne Informationen?“, antwortete Mutschmann mit „Ja.“[2.22] Nach einer Verhandlung von nur wenigen Stunden verurteilte das Gericht Mutschmann zum Tod durch Erschießen. Die Verurteilung erfolgte unter Berufung auf einen Erlass von 1943 über die Bestrafung von Verbrechen gegen sowjetische Bürger auf dem Territorium der UdSSR. Das Urteil wurde am 14. Februar 1947 vollstreckt.
Die Verhöre, der Prozess und die Hinrichtung Mutschmanns wurden als Staatsgeheimnis behandelt. Auch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR erhielt intern keine Informationen von sowjetischer Seite und beendete 1969 eigene Recherchen zu Mutschmann mit dem Vermerk „Verbleib unbekannt“.[2.23] Mutschmanns „Verschwinden“ begünstigte die Entstehung von Legenden und Gerüchten. So behauptete Albert Speer 1975, Mutschmann sei im April 1945 in Dresden „totgeschlagen“ worden. Mit der Öffnung der sowjetischen Archive wurde nach 1990 zunächst das Todesdatum Mutschmanns bekannt und der Umstand, dass es einen Prozess gegen ihn gegeben hatte. 1996 veröffentlichten russische Historiker Auszüge aus den Verhörprotokollen. Noch mehrere Jahre danach erschienen in Deutschland allerdings Publikationen, in denen falsche Sterbedaten genannt und die Todesumstände als ungeklärt bezeichnet wurden.[2.24]
Sekundärliteratur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mike Schmeitzner: Martin Mutschmann und Manfred von Killinger. Die „Führer der Provinz“. In: Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Sandstein-Verlag, Dresden 2012, S. 22–31, ISBN 978-3-942422-85-7.
- Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann. Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Sax-Verlag, Beucha u. a. 2011, ISBN 978-3-86729-090-6.
- Mike Schmeitzner, Andreas Wagner (Hrsg.): Von Macht und Ohnmacht. Sächsische Ministerpräsidenten im Zeitalter der Extreme 1919–1952. Sax-Verlag, Beucha 2006, ISBN 3-934544-75-4.
- Andreas Wagner: Mutschmann gegen von Killinger. Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der „Machtergreifung“ im Freistaat Sachsen. Sax-Verlag, Beucha 2001, ISBN 3-934544-09-6.
- Agatha Kobuch: Mutschmann, Martin. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 18. Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 659–660 (deutsche-biographie.de).
Quellen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Markante Worte aus den Reden des Gauleiter und Reichsstatthalter Pg. Martin Mutschmann. Aus den Zeiten des Kampfes um die Macht bis zur Vollendung des Grossdeutschen Reiches, Schriftleitung Kurt Haupt, Dresden, Gauverlag 1939.
- Oskar Kramer: Der Sächsische Jägerhof Grillenburg. In: Mitteilungen des Landesvereines Sächsischer Heimatschutz. Bd. 25, Heft 9/12, 1936, S. 193–210.
- Walter Bachmann: Grillenburg. In: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Bd. 25, Heft 5/8, 1936, ISSN 0941-1151, S. 97–149.
Film und Ton
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gnadenlos mächtig – Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann. Dokumentation, Deutschland 2002, 30 Minuten, Buch und Regie: Ernst-Michael Brandt, Produktion: MDR, Erstsendung: 28. Oktober 2007, Inhaltsangabe ( vom 1. Januar 2004 im Internet Archive) des MDR.
- Martin Mutschmann. Reportage in der Sendereihe: Geschichte Mitteldeutschlands, Deutschland, 2007, Produktion: MDR, Inhaltsangabe des MDR.
- König Mu – der Diktator von Dresden. Gespräch Peter Neumanns mit Mike Schmeitzner über Aufstieg und Fall des Martin Mutschmann. Deutschland, 2012, 55 Minuten, Produktion: MDR 1 Radio Sachsen, Ausstrahlung: 15. Februar 2012, Inhaltsangabe des MDR. König Mu - der Diktator von Dresden ( vom 11. Februar 2013 im Webarchiv archive.today).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Martin Mutschmann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Literatur von und über Martin Mutschmann in der Sächsischen Bibliografie
- Zeitungsartikel über Martin Mutschmann in den Historischen Pressearchiven der ZBW
- Martin Mutschmann in der Datenbank der Reichstagsabgeordneten
- Bunker unter dem Neuen Jägerhaus in Grillenburg
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b Andreas Wagner: Mutschmann gegen von Killinger. Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der Machtergreifung in Sachsen. Sax-Verlag 2001, S. 17.
- ↑ Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann. Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Sax-Verlag, Beucha u. a. 2011, ISBN 978-3-86729-090-6.
- ↑ Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923 (= Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte. Band 6). Leibniz-Verlag, Hamburg 1970, S. 317, ISBN 3-87473-000-X.
- ↑ Andreas Peschel: Fritz Tittmann – Der „vergessene“ Gauleiter. Eine biografische Skizze (= Sächsische Heimatblätter. Heft 2, Nr. 56). 2010, S. 122–126.
- ↑ Bundesarchiv R 9361-III/568857
- ↑ Institut für Zeitgeschichte: Mecklenburg im Zweiten Weltkrieg. Die Tagungen des Gauleiters Friedrich Hildebrandt mit den NS-Führungsgremien des Gaues Mecklenburg 1939–1945. Eine Edition der Sitzungsprotokolle. 2009, S. 1048.
- ↑ Deutsches Zentralarchiv, DZA Potsdam, RWM, Bd. 10287, Bl. 187–191. Als die Zwangsmitgliedschaft zwingend in die Betriebsordnungen aufgenommen werden sollte, widersprachen anfangs das Reichsarbeitsministerium und das Reichswirtschaftsministerium, RWM. Dagegen billigten beide Ministerien im Oktober 1934 den direkten Lohnabzug des DAF-Beitrags. 1939 zogen bereits rund 70 % der Betriebe die Beiträge für die DAF ein.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mutschmann, Martin |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher mittelständischer Unternehmer, Politiker (NSDAP), MdR und sächsischer Ministerpräsident (1935–1945) |
| GEBURTSDATUM | 9. März 1879 |
| GEBURTSORT | Hirschberg |
| STERBEDATUM | 14. Februar 1947 |
| STERBEORT | Moskau |
- Unternehmer (Sachsen)
- Reichsstatthalter
- Ministerpräsident (Sachsen)
- Reichstagsabgeordneter (Weimarer Republik)
- Reichstagsabgeordneter (Deutsches Reich, 1933–1945)
- Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund
- SA-Mitglied
- NSDAP-Mitglied
- Wirtschaft und NSDAP bis 1933
- Ehrenbürger von Löbau
- Ehrenbürger von Radebeul
- Ehrenbürger von Reichenbach im Vogtland
- Ehrenbürger von Zittau
- Person (Dresden)
- Hingerichtete Person (Sowjetunion)
- Deutscher
- Geboren 1879
- Gestorben 1947
- Mann
- Gauleiter (NSDAP)
- SMT-Verurteilter
- Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich)
- Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse