Marienfried
Marienfried ist eine Gebetsstätte nahe Pfaffenhofen an der Roth im Landkreis Neu-Ulm in Bayern. An der Gebetsstätte befinden sich die Gnadenkapelle, die Marienfriedkirche, die Pilgerheime Haus Marienfried, Haus Bethanien und Haus Tabor, eine Lourdes- und Fátima-Grotte, ein Rosenkranz- und Immaculata-Weg und ein Kreuzweg.

Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Pfarrei St. Martin in Pfaffenhofen legte mit ihrem Pfarrer Martin Humpf (1907–1996) im Kriegsjahr 1944 folgendes Gelübde ab: „Wenn die Pfarrgemeinde von den Kriegsschäden verschont bleibt, bauen wir der Gottesmutter zum Dank eine Kapelle.“ Dieses Gelöbnis wurde von einer Gruppe der Schönstatt-Mädchenjugend aufgegriffen.[1] Ab 1944 wird von Auditionen[2], 1946 von kirchlich nicht anerkannten Visionen des Gruppenmitglieds Barbara „Bärbl“[3] Rueß (1924–1996), einer Nichte Hermann Köhls (1888–1938)[4], berichtet, bei denen ihr die Gottesmutter Maria erschienen sein und ihr „Botschaften“ übermittelt haben soll. Rueß war 1944 an einer für sie lebensbedrohlichen Hirnhautentzündung erkrankt.[5] Zwei Jahre nach den angeblichen Erscheinungen (1948) soll die stigmatisierte „Seherin“ in der Karwoche nicht nur Opfer einer Entführung und Nötigung, bei der ihr Tod billigend in Kauf genommen wurde[6], sondern auch Zeugin eines vermeintlich jüdischen[7] Hostienfrevels geworden sein.[8] Mit solchen Gerüchten[9] wurde nicht nur an mittelalterliche antijudaistische Legenden angeknüpft, einzelne Erzählformen (Aussehen der Männer, Geld zählen) erinnern auch stark an die nationalsozialistischen Stereotypen über jüdische Menschen. Um das Gelöbnis einzulösen, wurde eine der „Dreimal Wunderbaren Mutter und Mittlerin der Gnaden“ gewidmete Gnadenkapelle, auch Marienfriedkapelle genannt, erbaut und am 18. Mai 1947 mit bischöflicher Genehmigung benediziert.
Am 23. Juni 1972 benedizierte der damalige Augsburger Weihbischof Rudolf Schmid eine erste, provisorische Kirche („Große Marienfriedkirche“)[10], die aber ein gutes Jahr später, in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1973, vollständig niederbrannte. Einzig der Korpus des gekreuzigten Christus soll als Torso erhalten geblieben sein.[11] Eine neue, zweite „Notkirche“ wurde am 5. Oktober 1974, zusammen mit dem Marienfriedhaus, von Bischof Josef Stimpfle geweiht.[12] Am 4. Juli 1995 verlieh Diözesanbischof Viktor Josef Dammertz der Gebetsstätte den Titel „Maria, Mutter der Kirche“ und errichtete Marienfried als Kirchenstiftung. In den Jahren 2010 und 2011 wurde die Marienfriedkirche dann grundlegend um- und neugebaut und am 23. Oktober 2011 von Bischof Konrad Zdarsa geweiht.
1974 wurde im südwestlichen Waldwinkel eine Fatima-Grotte geschaffen. Die Lourdes-Grotte entstand ebenfalls 30 Jahre nach dem Gelübde, 1974; sie wurde 2014 in den Gebetspark integriert. Auf der Festwiese wurde 2000 der große Freialtar errichtet. Der Kreuzweg – von der Gnadenkapelle in Richtung Süden – ist ein Werk des Bildhauers Wolfgang Klein (* 1931), errichtet in den Jahren 2000 bis 2002.
Seelsorge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben regelmäßigen Gottesdiensten und Lichterprozessionen finden in Marienfried Gebets- und Einkehrtage sowie Exerzitien statt. Die Jugendbewegung Jugend 2000 führte dort gelegentlich eines ihrer internationalen Prayerfestivals durch, zuletzt 2020.[13]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Heinrich Eizereif: Das Zeichen des lebendigen Gottes. Muttergottes-Erscheinungen in Marienfried. Christiana-Verlag, Stein am Rhein (CH) 1976. Ausgabe A mit Anmerkungen: ISBN 3-7171-0668-6, Ausgabe B ohne Anmerkungen: ISBN 3-7171-0669-4. Zweite Auflage 1994 mit Vorwort von Ferdinand Holböck, Kommentar von René Laurentin und Hinweis des Verlags (S. 4): „Aus Kostengründen hat sich der Verlag entschlossen, die 1496 Anmerkungen zu diesem Buch ab der zweiten Auflage nur noch an wissenschaftlich interessierte Leser abzugeben in Form eines hektographierten Registerbandes von 97 Buchseiten Umfang...“ ISBN 3-7171-0668-6. Beide Auflagen enthalten zu Beginn (jeweils S. 5–7) eine „programmatische Erklärung“ des damaligen Bischofs von Regensburg, Rudolf Graber, mit 16 für die „Echtheit“ Marienfrieds sprechenden Punkten aus einer Predigt, die er am 25. Juli 1976 in Marienfried gehalten hat. Eine vollständige Wiedergabe der Predigt ist zudem im „Anhang“ der 2. Auflage (S. 281–288) zu finden.
- Lisl Gutwenger: Die Seherin von Marienfried. Sind Bärbls Leben und Botschaft glaubwürdig? Vorwort von Altabt Thomas Niggl OSB, Kommentar von Bischof Dr. Rudolf Graber, Nachwort von Arnold Guillet. Christiana-Verlag, Stein am Rhein (CH), 2. Auflage 1999, ISBN 3-7171-1046-2. Lizenzausgabe: Miriam-Verlag, Jestetten 2015, ISBN 978-3-87449-406-9.
- Josef Hanauer: Marienfried (1946). In: Josef Hanauer: »Muttergottes-Erscheinungen«. Tatsachen oder Täuschungen? Karin Fischer, Aachen 1996, ISBN 3-89514-056-2, S. 44–57.
- Josef Künzli: Die Erscheinung in Marienfried. Geschichte und Bedeutung. 11., überarbeitete Auflage. Miriam-Verlag, Jestetten 2015, ISBN 978-3-87449-012-2.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Homepage der Gebetsstätte Marienfried
- Jens Carsten: Gebetstag: Marienfried erwartet tausende Gläubige. Augsburger Allgemeine, 17. Juli 2012.
- Wallfahrtsorte und Gebetsstätten. Bistum Augsburg.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Was das Verhältnis Schönstattbewegung – Marienfried betrifft, hob Josef Künzli in den ersten vier Auflagen seiner Kleinschrift Die Erscheinung in Marienfried noch Folgendes hervor (3. Auflage 1973: S. 49f.; 11. Auflage 2015: S. 60f.; von der 5. (1976) bis zur 8. Auflage (1989) fehlte dann das betreffende Unterkapitel „Marienfried und die Schönstatt-Bewegung“, ab der 9. Auflage 1992, dem Todesjahr Künzlis, ist es dann wieder enthalten): „Tatsache ist (...), dass das offizielle Schönstatt von Anfang an und grundsätzlich Privatoffenbarungen und Erscheinungen ablehnte und diese Einstellung auch gegenüber der Botschaft von Marienfried praktizierte. Schönstatt leitet seine Entstehung, Sendung und Spiritualität aus dem wachen und erleuchteten Vorsehungsglauben ab. Darum war es nur folgerichtig, dass es Marienfried mit seiner Botschaft, trotz weitgehender gedanklicher Übereinstimmung, nicht als 'legitimes Kind der Familie' betrachtet[e].“ Bei einem Besuch des Gründers der Schönstattbewegung, Pater Josef Kentenichs, in Marienfried am 8. September 1966 soll dieser es dann als „besonders bemerkenswert“ bezeichnet haben, „dass der Inhalt der Marienfried-Botschaft der geistigen Entwicklung der Schönstatt-Familie von der vorwiegend marianischen zur trinitarischen Spiritualität um ein Jahrzehnt voraus war“, und daraus gefolgert haben, „dass die Marienfried-Kapelle zu einem Schönstatt-Heiligtum und zu größerem Wachstum prädestiniert sei“. Zum Thema vergleiche man auch den „Anhang I“, in: Eizereif, Zeichen (Ausgabe A und 2. Auflage), S. 251–263, der mit dem Hinweis beginnt (S. 251): „Es geht in diesem Exkurs nicht um einen Vergleich zwischen der Spiritualität der Schönstattbewegung und dem theologischen Gedankengut der Marienfriedbotschaft, sondern um die Klärung der beiden Fragen, ob zwischen ‚Marienfried‘ und ‚Schönstatt‘ eine wesentliche Beziehung besteht (A), und wie das Verhalten der Vertreter Schönstatts zu Marienfried von 1947 bis heute zu erklären ist (B).“
- ↑ Vgl. Gutwenger, Die Seherin 2015, S. 34: „Bärbl fühlte sich dem Tod nahe. Zu dieser Zeit verlangte sie Anna Humpf zu sprechen, mit der sie bisher keinen persönlichen Kontakt gehabt hatte. (...) ‚Die Mutter Gottes sagte mir, ich solle mir von jemandem helfen lassen. Willst du das tun?‘[, fragte Bärbl.] Zum ersten Mal erfährt man, dass Bärbl mit der Mutter Gottes gesprochen hat.“
- ↑ In der Marienfried-Literatur am häufigsten anzutreffende Variante. Bei Künzli wird dagegen die Kurzform „Bärbel“ verwendet.
- ↑ Vgl. Gutwenger, Die Seherin (1999 u. 2015), S. 18.
- ↑ Vgl. Gutwenger, Die Seherin 2015, S. 34–35; Eizereif, Zeichen, S. 156 u. S. 333 En. 817: „Bärbls Hirnhautentzündung zeigte noch nach einem Jahr Auswirkungen in Form von ‚Lähmungserscheinungen und Ohnmachtsanfällen‘ (Pfr. Humpf, Brief vom 21.5.1947 an P. Max Schmid SJ, MEA/KII [Marienfried-Erscheinungsakten/Korrespondenz vom und an den Geistl. Rat Pfr. Martin Humpf], 308)“.
- ↑ Gewisse „Männer und Frauen“ sollen die Entführte dazu gezwungen haben, eine zuvor in Gift getauchte, angeblich konsekrierte Hostie zu verzehren, um so zu verhindern, dass diese an einen Hund verfüttert wird. Zum Beweis, dass es sich bei der betreffenden Flüssigkeit tatsächlich um Gift handelte, soll einer Katze etwas davon eingeträufelt worden sein, „worauf diese sich zusammenkrampfte und tot umfiel“. Rueß soll die Hostie dennoch konsumiert, den Anschlag dann aber unbeschadet überstanden haben. Vgl. Gutwenger: Die Seherin 1999, S. 93–94, Die Seherin 2015, S. 90; Eizereif: Zeichen, S. 55–56.
- ↑ Vgl. Eizereif, Das Zeichen, S. 54–55: „Bärbl schildert hierüber: (...) «Eine Zeitlang muss ich wohl bewusstlos gewesen sein. Als ich wieder zu mir gekommen war, sah ich einige Männer (um mich) herumstehen. Sie unterhielten sich teils in fremder, teils in deutscher Sprache miteinander. Ich sah auch solche darunter, die wie Juden aussahen. Andere standen (etwas mehr) hinten und zählten Geld. (...) Beim Erwachen hörte ich, wie ein Mann - eine Hostie in der Hand - furchtbar über sie lästerte. Er schien Jude zu sein, sprach in einer abgehackten Redeweise, war dick und hatte schwarzes Haar»“; entsprechend: Gutwenger, Die Seherin 1999, S. 91–92, wo der Satz „Ich sah auch solche...“ und die Angabe „[er] schien Jude zu sein“ jedoch jeweils durch Auslassungspunkte ersetzt sind, und Die Seherin 2015, S. 87–88, wo im ersten Fall auch die Auslassungspunkte fehlen. Einer Kapitelüberschrift in Gutwengers Rueß-Biografie zufolge soll es sich entsprechend um eine „Entführung durch Satanisten“ (1999: S. 89; 2015: S. 85) gehandelt haben.
- ↑ Vgl. Eizereif: Zeichen, S. 52–58; Gutwenger: Die Seherin 1999, S. 89–95, Die Seherin 2015, S. 85–91; Hanauer: Marienfried (1946), S. 49–51.
- ↑ Für den katholischen Kirchenhistoriker und Publizisten Dr. Josef Hanauer (1913–2003) gab es keinen deutlicheren „Beweis, dass Bärbl bloß geflunkert hat“, als diese „'Entführungs'geschichte“, die „allein schon Ursprung und Wert aller 'Erscheinungen' und 'Botschaften' von Marienfried zur Genüge“ erkläre. (Hanauer: Marienfried (1946), S. 49 u. 51.)
- ↑ Ein Schreiben des Bischöflichen Ordinariats Augsburg vom 3. August 1972 an Pfarrer Martin Humpf verdeutlichte die Rolle, die Marienfried und seiner Kirche vom Augsburger Bischof zugedacht war: „Die Voraussetzung für die Genehmigung zur Errichtung der kürzlich benedizierten (geweihten) Kirche wie zur Zulassung von Marienfried als Gebetsstätte - keinesfalls als Wallfahrtsort - war und ist, dass dort ausschließlich eine gesunde Marienverehrung gemäß Artikel VIII ›Lumen Christi‹[sic]* geübt und gepflegt werde. Von einer ›Botschaft‹ oder von ›Erscheinungen‹ darf ebenso wenig die Rede sein wie von einem diesbezüglichen Jubiläum.“ (BOA [Bischöfliches Ordinariat Augsburg], Schr[eiben] vom 3. August 1972 (Nr. 5510) an Pfr. Humpf, MEA/KI [Marienfried-Erscheinungsakten/Korrespondenz vom und an das BO Augsburg], 81a, zitiert nach: Eizereif, Zeichen, S. 133–134; Rechtschreibung angepasst.) *) Gemeint ist die dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche „Lumen Gentium“.
- ↑ Vgl. Künzli, Erscheinung 2015, S. 108–109; Gutwenger, Seherin 1999, S. 53; Schwäbische Zeitung Nr. 178, 4. August 1973: „Marienfried-Wallfahrtskirche“ brennt ab. Brandstiftung wird nicht ausgeschlossen mit Abbildungen von Kirche und Brandstelle.
- ↑ Künzli, Erscheinung 2015, S. 109.
- ↑ Prayerfestivals: Was ist das? ( des vom 22. Januar 2021 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Jugend 2000, abgerufen am 1. Dezember 2016.
Koordinaten: 48° 21′ 4,7″ N, 10° 10′ 35,2″ O