Los Panchos

Das Trío Los Panchos ist eines der bekanntesten und einflussreichsten lateinamerikanischen Gesangs- und Gitarrentrios des 20. Jahrhunderts.[1] Es wurde 1944 in New York City von den beiden Mexikanern Alfredo Bojalil Gil (genannt „El Güero“) und Chucho Navarro sowie dem Puerto-Ricaner Hernando Avilés gegründet. Als Datum des ersten öffentlichen Auftritts gilt der 14. Mai 1944 in einem nicht näher lokalisierten Teatro Hispano in New York.[2]
Los Panchos entwickelten sich zu prägenden Vertretern des Bolero in Lateinamerika. Die Gruppe verband die Tradition des romantischen Bolero mit Elementen internationaler sentimental ballads und etablierte einen klar erkennbaren, dreistimmigen Gesangsstil, den estilo panchista.[3] Kennzeichnend ist der Einsatz der Requinto-Gitarre, eines kleiner gebauten und höher gestimmten Instruments, die von Alfredo Gil erfunden wurde.[4]
Zwischen 1944 und 1993 verkaufte das „trío romántico“, Los Panchos, mehrere hundert Millionen Tonträger und wirkte in zahlreichen Rundfunk-, Fernseh- und Filmproduktionen mit.[5]
Mit dem Tod von Chucho Navarro im Jahr 1993, des letzten noch lebenden Gründungsmitglieds, endete nach 49 Jahren die Ära des klassischen Trío Los Panchos. In der Folge traten verschiedene Formationen unter dem Namen Los Panchos oder ähnlichen Bezeichnungen auf, darunter Ensembles um Rafael Basurto Lara[6], die letzte Primera Voz des Originaltrios, sowie um Chucho Navarro Junior, den Sohn des Gründers.
Namensgebung
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„Pancho“[7] ist eine Koseform des männlichen spanischen Vornamens „Francisco“.
Warum sich das Trio am 14. Mai 1944 den Namen „Los Panchos“ gegeben hat, ist nicht eindeutig dokumentiert und wird in der Literatur unterschiedlich erklärt.
In der populären Überlieferung heißt es, das Ensemble habe sich zunächst „Los Tres Panchos“ („Die drei Panchos“) genannt, in Anspielung auf drei bekannte Figuren mit dem Spitznamen „Pancho“: den mexikanischen Revolutionär Francisco „Pancho“ Villa, den Politiker Francisco (Pancho) I. Madero sowie die Disney-Figur „Panchito Pistoles“, die 1944 im Film The Three Caballeros eingeführt wurde. Diese Deutung ist jedoch nicht durch zeitgenössische Quellen aus der Gründungszeit belegt und gilt als legendär.
Nach einer Darstellung der Musikwissenschaftlerin Celina Fernández spielte bei der Namenswahl zudem eine soziokulturelle Komponente eine Rolle. Der Ausdruck „panchos“ sei in den Vereinigten Staaten als abwertende Bezeichnung für Mexikaner gebräuchlich gewesen; das Trio habe erwogen, diesen depretiativen Begriff bewusst zu übernehmen, in der Hoffnung, ihn positiv umdeuten zu können:
«También influyó que “panchos” era una palabra despectiva con la que los estadounidenses llamaban a los mexicanos, y el trío pensó que la podían utilizar a su favor e incluso revertir el significado.»
„Was die Namensgebung außerdem beeinflusste war, dass ‚panchos‘ ein abwertender Ausdruck war, mit dem US-Amerikaner Mexikaner bezeichneten, und das Trio dachte, man könne ihn zu seinen Gunsten verwenden, ja sogar seine Bedeutung umkehren.“
Der Name „Trío Los Panchos“ wurde durch den internationalen Erfolg des Ensembles positiv besetzt. Er wurde zu einem kommerziellen Markenzeichen.
Periodisierung der Gründerära (1944–1993)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Geschichte des „Trío Los Panchos“ ist durch eine außergewöhnliche personelle Kontinuität bei gleichzeitiger Flexibilität in der Besetzung der melodieführenden Gesangsstimme („Primera voz“) gekennzeichnet. Während Chucho Navarro und Alfredo Gil über Jahrzehnte hinweg die stilistische Identität des Ensembles prägten, wechselte die sogenannte primera voz mehrfach und bestimmte jeweils Klangfarbe und Repertoire der einzelnen Schaffensphasen.
Die folgende Übersicht fasst die personelle Entwicklung des Trios von der Gründung im Jahr 1944 bis zum Tod von Chucho Navarro im Jahr 1993 zusammen, der als letztes noch lebendes Gründungsmitglied die klassische Ära von Los Panchos repräsentierte.
Die Periodisierung folgt der Darstellung von Celina Fernández und berücksichtigt auch kurzzeitige Übergangs- und Rückkehrphasen einzelner Sänger.[9]

| Zeitraum | Primera voz (Gesang) | Begleitstimme (Gesang) | Requinto-Gitarre |
|---|---|---|---|
| 1944–1951 | Hernando Avilés | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1951–1952 | Raúl Shaw Moreno | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1952–1956 | Julio Rodríguez Moreno | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1957–1958 | Hernando Avilés | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1958–1966 | Johnny Albino | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1966–1972 | Enrique Cáceres | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1972–1976 | Ovidio Hernández | Chucho Navarro | Alfredo Gil |
| 1976–1993 | Rafael Basurto Lara | Chucho Navarro | Alfredo Gil (bis 1981) |
Die Übersicht verdeutlicht, dass die wechselnde Besetzung der primera voz nicht zu stilistischen Brüchen führte, sondern im Rahmen eines konstanten Klangkonzepts erfolgte, das durch Navarro und Gil über Jahrzehnte hinweg getragen wurde.
Aufnahmen mit Solistinnen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben der klassischen Trio-Besetzung traten Los Panchos wiederholt gemeinsam mit weiblichen Solistinnen auf. Diese Kooperationen stellten eine Erweiterung des traditionellen trío romántico dar und trugen wesentlich zur internationalen Rezeption des Ensembles bei.
Die bekannteste und kommerziell erfolgreichste Zusammenarbeit bestand mit der US-amerikanischen Sängerin Eydie Gormé. Auf Anregung von CBS nahm sie ab 1964 gemeinsam mit Los Panchos mehrere Alben auf, darunter Amor (Great Love Songs in Spanish) (1964) und More Amor / Cuatro vidas (1965). Die Aufnahmen verbanden Gormés Solostimme mit dem dreistimmigen Gesang des Trios und erreichten ein internationales Publikum, insbesondere in den Vereinigten Staaten.[10][11]
Darüber hinaus arbeiteten Los Panchos im Verlauf ihrer Geschichte mit weiteren Solistinnen zusammen, darunter Gigliola Cinquetti und Estela Raval[12], mit der in den frühen 1970er Jahren mehrere Alben entstanden.[13]
| Solistin | Zeitraum | Ausgewählte Alben |
|---|---|---|
| Eydie Gormé | 1964–1966 | Amor (Great Love Songs in Spanish) (1964); More Amor / Cuatro vidas (1965); Blanca Navidad / Navidad Means Christmas (1966) |
| Estela Raval | 1972–1973 | Martha (1972); Tú me acostumbraste (1973) |
| Gigliola Cinquetti | 1968 | Gigliola Cinquetti e il Trio Los Panchos in Messico (1968) |
Namensrechte und Nachfolgeformationen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Tod von Chucho Navarro im Jahr 1993, des letzten noch lebenden Gründungsmitglieds, existierte das ursprüngliche Trío Los Panchos nicht mehr in seiner klassischen Besetzung. In den folgenden Jahren traten verschiedene Ensembles auf, die sich auf das musikalische Erbe des Trios beriefen und unter dem Namen Los Panchos oder unter namensähnlichen Bezeichnungen auftraten.
Rafael Basurto Lara, der von 1976 bis 1993 die Rolle der Primera Voz innehatte, führte die Tradition des Trios unter der Bezeichnung „La Voz de Los Panchos“ fort und interpretierte weiterhin das Repertoire des Originalensembles in Konzerten und Tonträgerproduktionen.[14]
Parallel dazu trat eine Formation unter dem Namen Trío Los Panchos de Chucho Navarro Fundador auf, die von Chucho Navarro Jr., dem Sohn des Gründungsmitglieds Chucho Navarro, geleitet wird. Auch dieses Ensemble pflegt das musikalische Repertoire der historischen Gruppe und beruft sich auf die Tradition des ursprünglichen Trios.[15]
Die Koexistenz mehrerer Formationen unter ähnlichen Namen ist in der lateinamerikanischen Popularmusik nicht ungewöhnlich und spiegelt die anhaltende Popularität sowie die kulturgeschichtliche Bedeutung des Trío Los Panchos wider.
Bekannte Lieder
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Repertoire des Trío Los Panchos besteht überwiegend aus Interpretationen bereits etablierter Boleros und romantischer Lieder (títulos ajenos), daneben auch aus Eigenkompositionen einzelner Ensemblemitglieder. Die folgenden Titel zählen zu den bekanntesten und meistrezipierten Aufnahmen des Trios:
Títulos ajenos (Fremdkompositionen)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Titel | Komponist |
|---|---|
| Bésame mucho | Consuelo Velázquez |
| Sin ti | Pepe Guízar |
| Solamente una vez | Agustín Lara |
| Quizás, quizás, quizás | Osvaldo Farrés |
| Aquellos ojos verdes | Nilo Menéndez |
| Noche de ronda | Agustín Lara |
| Cuando vuelva a tu lado | María Grever |
| Rayito de luna | José Antonio Méndez |
| Sabor a mí | Álvaro Carrillo |
| Contigo aprendí | Armando Manzanero |
| El reloj | Roberto Cantoral |
Eigenkompositionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Titel | Komponist | Erste Aufnahme durch Los Panchos |
|---|---|---|
| Sin un amor | Alfredo Gil | 1948[16] |
| Si tú me dices ven | Alfredo Gil | 1972[17] |
| Lo dudo | Alfredo Gil | 1972 |
| Basura | Alfredo Gil | 1971 |
Filmographie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Trío Los Panchos wirkte zwischen den späten 1940er und den 1960er Jahren in zahlreichen Spiel- und Musikfilmen mit. In der Regel handelte es sich um kurze Auftritte, bei denen das Ensemble ein oder mehrere Lieder innerhalb der Filmhandlung vortrug.
Eine systematische Übersicht der Auftritte des Trios in 32 Filmen von En cada puerto un amor (1949)[18] bis El jibarito Rafael (1966)[19] bietet Celina Fernández in ihrer Monografie Los Panchos.[20]
Die Darstellung umfasst neben den 32 Filmtiteln auch die jeweils im Film interpretierten Lieder.
Liebeslyrik des Trío Los Panchos (Beispiel)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die emotionale Wirkung der Lieder von Los Panchos beruht nicht nur auf der dreistimmigen Gesangstechnik und dem charakteristischen Klang der Requinto-Gitarre, sondern ebenso auf ihrer stark verdichteten, existenziell geprägten Liebeslyrik.[21]
Ein paradigmatisches Beispiel hierfür ist das 1948 von Alfredo Gil[22] komponierte und getextete Lied Sin un amor[23], das zu den bekanntesten Eigenkompositionen des Trios zählt. Der Text formuliert in einfacher, repetitiver Sprache die Vorstellung von Liebe als notwendiger Lebensbedingung.
Sin un amor la vida no se llama vida
Sin un amor le falta fuerza al corazón
Sin un amor el alma muere derrotada
Desesperada en el dolor
Sacrificada sin razón
Si un amor no hay salvación
No me dejes de querer te pido
No te vayas a ganar mi olvido
Sin un amor el alma muere derrotada
Desesperada en el dolor
Sacrificada sin razón
Sin un amor no hay salvación
Ohne Liebe ist das Leben kein Leben
Ohne Liebe fehlt dem Herzen Kraft
Ohne Liebe geht die Seele zugrunde
Verzweifelt im Schmerz,
Geopfert ohne Grund.
Ohne Liebe gibt es kein Heil.
Hör nicht auf, mich zu lieben, ich flehe dich an
Geh nicht weg, um mein Vergessen zu erringen
Ohne Liebe stirbt die Seele, geschlagen
Verzweifelt im Schmerz
Geopfert ohne Grund
Ohne Liebe gibt es kein Heil[24]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Allmusic: Biographie des „Trío Los Panchos“
- Tony Évora: El libro del bolero. Alianza Editorial, Madrid 2001, ISBN 84-206-4521-4, S. 241–246.
- Celina Fernández: Los Panchos: la historia de los embajadores de la canción romántica contada por su voz Rafael Basurto Lara. Ediciones Martínez Roca, Madrid 2005, ISBN 84-270-3071-1.
- Juan Montero Aroca: Bolero: Historia de un siglo de emociones, 2. Auflage, Tirant Humanidades, Valencia 2013, ISBN 978-8498767766, S. 221-224 und S. 367-39, Leseprobe.
- Mark Pedelty: Musical Ritual in Mexico City. From the Aztec to NAFTA, University of Texas Press, Austin 2004, ISBN 978-0292702318 S.258/9
- George Torres (Hrsg.): Encyclopedia of Latin American Popular Music, Greenwood, Westport (Connecticut), 2013, ISBN 978-0-313-08794-3.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Los Panchos – bei Allmusic.
Fußnoten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Manuel Román Fernández: Bolero de amor. Historias de la canción romántica. Editorial Milenio, Lleida 2015, ISBN 978-84-9743-665-6, S. 90–91.
- ↑ Juan Montero Aroca: Bolero: Historia de un siglo de emociones, 2. Aufl., Tirant Humanidades, Valencia 2013, ISBN 978-84-9876-776-6, S. 19 und S. 222.
- ↑ Celina Fernández: Los Panchos: la historia de los embajadores de la canción romántica contada por su voz Rafael Basurto Lara. Ediciones Martínez Roca, Madrid 2005, ISBN 84-270-3071-1, S. 209
- ↑ Celina Fernández: Los Panchos: la historia de los embajadores de la canción romántica contada por su voz Rafael Basurto Lara. Ediciones Martínez Roca, Madrid 2005, ISBN 84-270-3071-1, S. 19, 211.
- ↑ George Torres (Hg.): Encyclopedia of Latin American Popular Music. Greenwood, Oxford 2013, S. 44–45
- ↑ Los Panchos: Si tú me dices ven mit spanischen Untertiteln mit Liedtext – auf YouTube.
- ↑ Vgl. Real Academia Española: Diccionario de la lengua española, 23. Aufl., Madrid 2014, s. v. Pancho: „Koseform von Francisco; Entstehung durch f → p Lautwechsel und Hinzufügung des Diminutivs -cho.“ – Vgl. auch Joan Corominas, Diccionario crítico etimológico castellano e hispánico, 2. Aufl., Barcelona 1980, Bd. 2, S. 1801.
- ↑ Celina Fernández: Los Panchos: la historia de los embajadores de la canción romántica contada por su voz Rafael Basurto Lara. Ediciones Martínez Roca, Madrid 2005, ISBN 84-270-3071-1, S. 29.
- ↑ Celina Fernández: Los Panchos. Ediciones Martínez Roca, Barcelona 2005, S. 278.
- ↑ Ilan Stavans: Latin Music – Musiker, Genres und Themen. Greenwood, Oxford 2014, S. 798–799.
- ↑ George Torres (Hrsg.): Encyclopedia of Latin American Popular Music. Greenwood, Oxford 2013, S. 44–45.
- ↑ Manuel Román Fernández: Bolero de amor. Historias de la canción romántica. editorial Milenio, Lleida 2015, ISBN 978-84-9743-665-6, S. 96.
- ↑ Estela Raval y Los Panchos – Tú me acostumbraste
- ↑ Celina Fernández: Los Panchos: la historia de los embajadores de la canción romántica contada por su voz Rafael Basurto Lara. Ediciones Martínez Roca, Madrid 2005, S. 157–161.
- ↑ George Torres (Hg.): Encyclopedia of Latin American Popular Music. Greenwood, Oxford 2013, S. 44–45.
- ↑ Juan Montero Aroca: Bolero. Un siglo de emociones. S. 221.
- ↑ Juan Montero Aroca: Bolero. Un siglo de emociones. S. 367.
- ↑ Spanisch: En cada puerto un amor (Film)
- ↑ Filmplakat
- ↑ Celina Fernández: Los Panchos: la historia de los embajadores de la canción romántica contada por su voz Rafael Basurto Lara. Ediciones Martínez Roca, Madrid 2005, S. 269–277.
- ↑ Manuel Román Fernández: Bolero de amor. Historias de la canción romántica. editorial Milenio, Lleida 2015, ISBN 978-84-9743-665-6.
- ↑ Juan Montero Aroca: Bolero: Historia de un siglo de emociones, 2. Auflage, Tirant Humanidades, Valencia 2013, ISBN 978-8498767766, S. 221, Leseprobe
- ↑ Hörbeispiel, Los Panchos: Sin un amor – auf youTube
- ↑ Text abgehört und übersetzt vom Autor dieses Artikels