Linarit kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und entwickelt meist tafelige bis prismatische, flächenreiche Kristalle und Kristallgruppen bis etwa 8cm Größe[6] mit einem starken glasähnlichen bis schwach diamantähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Er kommt aber auch in Form krustiger Überzüge und verfilzter Mineral-Aggregate vor. Das durchsichtige bis durchscheinende Mineral ist von strahlend bis dunkel azurblauer Farbe und hinterlässt als eigenfarbiges Mineral auch auf der Strichtafel einen blassblauen Strich.
Erstmals beschrieben wurde das Mineral 1822 durch Henry James Brooke, der es als cupreous sulphate of lead (deutschkupferhaltiges Bleisulfat) bezeichnete. Brooke zufolge wurde das Mineral allerdings auch schon zuvor durch Sowerby im dritten Band seines Werkes British Mineralogy sehr kurz unter der Bezeichnung blue carbonate of copper (deutschblaues Kupferkarbonat) beschrieben. Die von Brooke beschriebenen sowie die von Sowerby abgebildeten Mineralproben sollen bei Wanloch Head oder Lead Hills gefunden worden sein.[9][Anmerkung 1]
Von August Breithaupt wurde das Mineral 1823 unter der Bezeichnung Bleilasur in der zweiten Auflage von dessen Werk Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems aufgeführt.[10]
Seinen bis heute gültigen Namen erhielt Linarit 1839 von Ernst Friedrich Glocker, wobei das Mineral in seinem Werk Grundriß der Mineralogie unter dem Hauptlemma Kupferbleyspath geführt und die Bezeichnung Linarit als Synonym neben cupreous sulphate of lead, Kupferbleyvitriol (nach von Leonhard) und Diplogener Bleybaryt (nach Haidinger) und Bleilasur genannt wird. Glocker nennt als Fundort ebenfalls zuerst Leadhills in Schottland, wobei das Mineral angeblich auch zusammen mit Kohlenbleyspath in Cumberland und bei Linares in Spanien vorkommt.[11]
Da der Linarit bereits lange vor der 1958 gegründeten International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt war, wurde dies von ihrer Commission on New Minerals, Nomenclature and Classification (CNMNC) übernommen und der Linarit als sogenanntes „grandfathered“ (G) Mineral bezeichnet.[2] Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Linarit lautet „Lna“.[1]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Linarit die System- und Mineralnummer 30.02.03.01. Das entspricht ebenfalls der Klasse der „Sulfate“ (und Verwandte) und dort der Abteilung „Wasserfreie Sulfate mit Hydroxyl oder Halogen“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Wasserfreie Sulfate mit Hydroxyl oder Halogen mit (AB)2XO4Zq“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 30.02.03.
Die Kristallstruktur von Linarit besteht aus kantenteilenden Cu(OH)4O2-Oktaedern, die Ketten entlang der b-Achse [010] bilden. Diese werden durch SO4-Tetraeder verstärkt, welche jeweils zwei Ecken mit den Oktaedern teilen. Die Ketten sind durch Pb[10,11]-Ionen und Wasserstoffbrückenbindungen miteinander verknüpft.[3]
Linarit ist dem Azurit an Farbe und Kristallstruktur sehr ähnlich, kann von diesem jedoch durch die „Salzsäure-Probe“ unterschieden werden. Beim Linarit scheidet sich im Gegensatz zum Azurit bei Behandlung mit Salzsäure weißes Bleichlorid (PbCl2) ab.[16][8] Ebenfalls löslich ist Linarit in Salpetersäure (HNO3), wobei sich Bleisulfat (PbSO4) abscheidet.[17]
Als relativ häufige Mineralbildung kann Linarit an verschiedenen Fundorten zum Teil reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er aber nicht sehr verbreitet. Weltweit sind bisher zwischen 900 und 1200 Vorkommen dokumentiert (Stand 2026).[18] Außer an seiner Typlokalität bei Linares sowie in den dortigen Gruben Arrayanes und Coto La Luz in der Provinz Jaén trat das Mineral in Spanien noch an weiteren Orten in den Provinzen Almería, Córdoba, Granada und Málaga (Andalusien); Huesca und Saragossa (Aragonien); Ciudad Real (Castile-La Mancha); Soria (Kastilien-León); Barcelona, Girona und Tarragona (Katalonien) sowie im Fürstentum Asturien (Meredo) und weiteren Einzelfundorten in anderen Regionen auf.
Bekannt für außergewöhnliche Linaritfunde mit 5 bis 8cm Größe ist unter anderem die „Mammoth Mine“ und die „Grand Reef Mine“ in Arizona (USA).[19]
In Deutschland konnte Linarit bisher unter anderem in vielen Gruben in Baden-Württemberg (Breisgau-Hochschwarzwald, Ortenaukreis), in einigen Gruben in Bayern (Fichtelgebirge), Hessen (Taunus), Niedersachsen (St Andreasberg, Clausthal-Zellerfeld, Langelsheim), Nordrhein-Westfalen (Hochsauerlandkreis, Siegen-Wittgenstein), Rheinland-Pfalz (Altenkirchen, Eifel, Hunsrück), Sachsen-Anhalt (Harzgebirge, Mansfeld-Südharz), Sachsen (Erzgebirgskreis) und Thüringen entdeckt werden.
In der Schweiz kennt man das Mineral vor allem aus dem Kanton Wallis (Entremont, Martigny, Saint-Luc). Einzelne Fundorte wurden aber auch in den Kantonen Glarus, Graubünden und Tessin bekannt.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Ägypten, Argentinien, Australien, Belgien, Bolivien, Bulgarien, Chile, China, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grönland, Iran, Irland, Isle of Man, Italien, Japan, Kanada, Kasachstan, Marokko, Mexiko, Myanmar, Namibia, Neuseeland, Norwegen, Pakistan, Portugal, Rumänien, Russland, Sambia, Slowakei, Slowenien, Südafrika, Tadschikistan, Thailand, Tschechien, Ungarn, im Vereinigten Königreich (England, Schottland, Wales) und den Vereinigten Staaten (fast die Hälfte der Bundesstaaten).[18]
Aufgrund seiner relativen Seltenheit hat Linarit als Kupfer- oder Bleierz keine Bedeutung. Seine oft leuchtend blauen und oft gut ausgebildeten Kristalle macht das Mineral auch bei meist nur geringen Kristallgrößen jedoch für Sammler sehr interessant und begehrenswert.
Nach neueren Forschungen der Festkörperphysik könnte das Mineral allerdings auch als sogenannter Quantenmagnet von Interesse sein. So konnte ein Forschungsteam, bestehend aus Stefan Süllow, Britta Willenberg und Anja Wolter die Existenz exotischer magnetischer Phasen im Linarit nachgeweisen. Bei einer Temperatur von einem Kelvin (etwa −272 °C) und Magnetfeldern von bis zu 10 Tesla (etwa das 200.000-fache des Erdmagnetfeldes) führen Konkurrenzeffekte verschiedener magnetischer Anordnungen zu einem sehr komplexen magnetischen Verhalten innerhalb des Minerals und dadurch zur sogenannten „magnetischen Frustration“ (siehe auch Helimagnetismus und Geometrische Frustration).[20]
H. I. Brooke:On a new lead ore. In: The Annals of Philosophy. Band4, 1822, S.117–119 (englisch, Digitalisat bei rruff.info (Memento vom 6. August 2024 im Internet Archive) [PDF; 253kB; abgerufen am 4.April 2026]).
Ernst Friedrich Glocker:Grundriß der Mineralogie mit Einschluß der Geognosie u. Petrefactenkunde. 2. Auflage. Verlag von Joh. Leonh. Schrag, Nürnberg 1839, S.618–619 (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 5.April 2026]).
V. H. G. Bachmann, J. Zemann:Die Kristallstruktur von Linarit, PbCuSO4(OH)2. In: Acta Crystallographica. Band14, 1961, S.747–753, doi:10.1007/BF00639741.
H. Effenberger:Crystal structure and chemical formula of schmiederite Pb2Cu2(OH)4(SeO3)(SeO4), with a comparison to linarite, PbCu(OH)2(SO4). In: Mineralogy and Petrology. Band36, 1987, S.3–12, doi:10.1007/BF01164365 (englisch).
Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie (=Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S.140.
Linarite search results.In:rruff.net.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 4.April 2026(englisch).
↑Sehr wahrschlich sind hier die Ortschaften Wanlockhead und Leadhills im Südwesten Schottlands gemeint. Vergleiche dazu auch die Fundortliste für Linarit.
1234567Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.376 (englisch).
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
123456789
Linarite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 53kB; abgerufen am 4.April 2026]).
123456Linarite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 4.April 2026(englisch).
↑H. I. Brooke:On a new lead ore. In: The Annals of Philosophy. Band4, 1822, S.117–119 (englisch, Digitalisat bei rruff.info (Memento vom 6. August 2024 im Internet Archive) [PDF; 253kB; abgerufen am 4.April 2026]).
↑Johann Friedrich August Breithaupt:Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems. Zweite, gänzlich umgearbeitete Auflage. Arnoldische Buchhandlung, Dresden 1823, S.279–280, 184. Bleilasur (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 5.April 2026]).
↑Ernst Friedrich Glocker:Grundriß der Mineralogie mit Einschluß der Geognosie u. Petrefactenkunde. 2. Auflage. Verlag von Joh. Leonh. Schrag, Nürnberg 1839, S.618–619 (eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche [abgerufen am 5.April 2026]).
↑
Typlokalität Linares beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat, abgerufen am 5. April 2026.
↑Richard V. Gaines, H. Catherine W. Skinner, Eugene E. Foord, Brian Mason, Abraham Rosenzweig:Dana’s New Mineralogy. 8. Auflage. John Wiley & Sons, New York u. a. 1997, ISBN 0-471-19310-0, S.629.
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Fundortliste für Linarit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 4. April 2026.
↑Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie (=Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S.140.