Kiddicraft
| Kiddicraft | |
|---|---|
| Besitzer/Verwender | Hilary Page (1932–1957) Hestair Group (1957–1989) Bébé-Confort (1958–1989) Fisher-Price (1990–2001) Thorsten Klahold (seit 2023) |
| Einführungsjahr | 1932 |
| Produkte | Spielwaren |
Kiddicraft ist eine ursprünglich britische Spielzeugmarke, die historisch als Wegbereiter der modernen Klemmbausteine gilt. Die von Gründer Hilary Page entwickelten und produzierten Kunststoffbausteine gelten als ein Vorläufer der Lego-Klemmbausteine.[1]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gründung und Pionierarbeit (1932–1946)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hilary Page gründete Kiddicraft im Jahr 1932. In den späten 1930er Jahren experimentierte Page als Pionier des Spritzgussverfahrens mit Kunststoffen.[2]
Pionierarbeit im Bereich Vorschulspielzeug
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kiddicraft leistete Pionierarbeit bei der Etablierung von Kunststoffspielzeug für das Kleinkindalter. 1937 führte Hilary Page die Produktlinie „Sensible Toys“ ein, die auf entwicklungspsychologischen Beobachtungen von Page in Kindergärten basierte.[3]
Ein noch bis heute verbreitetes Produkt dieser frühen Kiddicraft-Produkte sind die „Building Beakers“ (Art.Nr. K2 Stapelbecher)[4], die Page 1937 als hygienische und farbechte Alternative zu den damals üblichen lackierten Holzspielzeugen (russische Matrjoschka Puppen) entwickelte. Das grundlegende Design dieser ineinander stapelbaren Becher wurde später zum weltweiten Industriestandard und findet sich noch heute nahezu unverändert in den Sortimenten zahlreicher Hersteller wieder (beispielsweise in der Serie MULA von IKEA).
1939 meldete Page das Patent für die „Kiddicraft Self-Locking Building Bricks“ an (Britisches Patent Nr. 529.580).[5] Ein weiteres maßgebliches Patent für Kunststoff-Bausteine wurde 1945 angemeldet und 1949 erteilt (GB633055A).[6] Die Maße der Steine entsprachen einem im Maßstab 1:7 verkleinerten britischen Standard-Backstein. Die Kunststoffsteine kamen 1947 auf den Markt.[7]
Produktminiaturen mit Lizenzsystem
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab den 1940er Jahren erweiterte Kiddicraft sein Sortiment um die „Kiddicraft Miniatures“. Hierbei handelte es sich um maßstabsgetreue Nachbildungen von Alltagsprodukten (vor allem vom britischen Markt), die primär für das Spiel im Kaufladen konzipiert waren.[8]
Die Marke leistete hierbei Pionierarbeit im Bereich des frühen Lizenzmarketings: In Kooperation mit namhaften Herstellern wie Nestlé oder Kellogg’s wurden deren Produkte als realistische Kunststoff-Miniaturen produziert. Hierfür wurden Lizenzgebühren an die Hersteller abgeführt. Das war zu der Zeit eine neue Entwicklung am Markt.
Am 11. November 1945 wurde die Marke „Kiddicraft“ in Frankreich unter der Nummer 50.817 eingetragen.[9]
Self-Locking Building Bricks
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Auf der London Toy Fair 1947 (im Rahmen der British Industries Fair)[10] stellte Kiddicraft unter anderem die von Hilary Page entwickelten „Self-Locking Building Bricks“ vor. Um die Möglichkeiten des neuen Baustein-Systems aus Kunststoff zu demonstrieren, ließ Page von der Angestellten Johnnie Adamthwaite und seiner Familie über 1,60 Meter hohe Wolkenkratzer-Modelle bauen.[11] Diese Inszenierung sowie die Verwendung von farbigem Celluloseacetat – zu einer Zeit, als britisches Spielzeug noch überwiegend aus Holz oder Blech gefertigt wurde – sicherte Kiddicraft eine technologische Vorreiterrolle. Diese Bausteine spielten jedoch im Produktprogramm eine untergeordnete Rolle.[12]
Später übernahmen Lego und andere Hersteller wie Cobi, Qman oder Mega Bloks die Abmessungen der Kiddicraft-Klemmbausteine, mit denen die modernen Produkte kompatibel und verbaubar sind. Das Noppenmuster an der Oberseite der Steine gleicht den modernen Nachfahren. Von ihnen unterscheiden sich die Kiddicraft-Steine jedoch insofern, als sie innen gänzlich hohl sind und nicht die von Lego-Steinen gewohnten Hohlzylinder auf der Innen- bzw. Unterseite aufweisen, die in die Noppen an der Oberseite des darunterliegenden Steins greifen. Damit dennoch eine hinreichend feste Klemmverbindung erreicht wird, haben Kiddicraft-Steine an jeder Stirnseite einen vertikal über die gesamte Höhe des Steins verlaufenden Schlitz, der dem Stein elastische Verformbarkeit verleiht. Des Weiteren sind die vertikalen Kanten der Kiddicraft-Steine stärker abgerundet als diejenigen heute üblicher, zu ihnen kompatibler Klemmbausteine.
Marktführerschaft in Großbritannien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Folge stieg Kiddicraft zum führenden Anbieter von Kunststoffspielzeug im Vereinigten Königreich auf. Während viele Konkurrenten noch mit Materialknappheit und veralteten Fertigungsmethoden kämpften, exportierte Kiddicraft seine Produkte bereits Ende der 1940er Jahre in weite Teile des Commonwealth sowie nach Frankreich. Die Marke etablierte sich insbesondere durch den pädagogischen Ansatz der „Sensible Toys“, die gezielt für die frühkindliche Entwicklung in Kindergärten und Schulen konzipiert waren. Dokumente belegen, dass der Lego-Gründer Ole Kirk Christiansen Ende der 1940er Jahre Muster dieser Steine untersuchte und darauf basierend mit geringfügigen Änderungen seine eigenen „Automatic Binding Bricks“ entwickelte.[13]
Obwohl Hilary Page Patente für seine Bausteine in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz hielt, versäumte oder unterließ er eine Anmeldung in skandinavischen Ländern (nicht bekannt ob das aus versehen oder aus finanziellen Gründen geschah). Diese Lücke im Patentschutz ermöglichte es dem dänischen Unternehmen Lego, ab 1949 eine nahezu identische Version der Steine in Dänemark zu produzieren und zu vertreiben, ohne Lizenzgebühren an Kiddicraft entrichten zu müssen.[14]
Eigentümerwechsel und Einstellung (1957–2001)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weiterführung und Verkauf an die Hestair Group (1957–1989)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Tod von Hilary Page im Jahr 1957 wurde die Geschäftsführung von David Day übernommen, während Pages Witwe Oreline als Direktorin im Unternehmen verblieb.[15] In dieser Phase konzentrierte sich die Marke verstärkt auf den Markt für Vorschulspielzeug.
Im Jahr 1977 wurde das Unternehmen an das Konglomerat Hestair verkauft, woraus die Firmierung Hestair-Kiddicraft hervorging.[16] Unter der neuen Leitung wurden sowohl klassische Entwürfe fortgeführt als auch neue Produktlinien, maßgeblich gestaltet von David Day, eingeführt. Ein entscheidender historischer und wirtschaftlicher Markstein für die Marke war das Jahr 1981: Im Zuge eines Rechtsstreits mit dem Konkurrenten Tyco erwarb die Lego-Gruppe alle verbliebenen Patente und Rechte am Kiddicraft-Design von Hestair-Kiddicraft für eine Summe von 45.000 Pfund Sterling, um die eigene Rechtsposition international, vor allem im laufenden Rechtsstreit mit der Firma Tyco, abzusichern.[13]
Der Markenname „Kiddicraft“ verblieb aber laut Aufzeichnungen des EUIPO bei Hestair.
Weiterentwicklung und die Ära „Phase Bébé Kiddicraft“ (1958–1989)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Tod des Gründers Hilary Page im Jahr 1957 verlagerte sich der Schwerpunkt von Kiddicraft zunehmend von den ursprünglichen Baukastensystemen weg, hin zu hochwertigem Lernspielzeug für Säuglinge und Kleinkinder.
1953/54 wurde die „Kiddicraft Deutschland, Kurt Molineus KG“ gegründet und verkaufte nach schleppendem Start erfolgreich die recht hochpreisigen Kiddicraft-Produkte auf dem deutschen Markt.[17]
1958 ging die Kiddicraft Deutschland mit der französischen Marke Bébé-Confort Sarl (heute zu Dorel Industries gehörig) zusammen und es entstand die Firma „Bébé-Confort Deutschland GmbH & Co. KG“.
In den 1970er und 1980er Jahren erlebte die Marke in Kooperation mit der französischen Spielzeugfirma Bébé / Minitoy (Philippe Mayer, langjähriger Freund und Partner von Hillary Page) und dem deutschen Geschäftsmann Kurt Molineus unter dem Namen „Bébé Kiddicraft“ eine zweite Phase großer internationaler Bekanntheit, die vor allem den kontinental-europäischen und deutschen Markt prägte.[13]
Kurt Molineus beendete 1975 die Kooperation mit Bébé Confort, nachdem es zu Unstimmigkeiten über die zukünftige Ausrichtung der Produktlinien gekommen war. Deren Änderung war seiner Meinung nach durch den demographischen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland nötig geworden.
Auch in Spanien gab es einen Lizenznehmer (Juguetes Racionales), der zwischen 1955 und 1975 Kunststoff-Spielzeug unter dem Markennamen Kiddicraft auf dem spanischen Markt vertrieb.
Das pädagogische Phasen-Konzept
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zentrales Merkmal dieser Ära war die konsequente Einteilung des Sortiments in aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen („Phasen“). Dieses System basierte auf Pages ursprünglicher Philosophie der „Sensible Toys“ (vernünftiges Spielzeug) und sollte Eltern eine Orientierungshilfe bieten:
- Phase 1: Spielzeug zur Förderung der Sinne und Motorik für Neugeborene (z. B. Rasseln, Greiflinge).
- Phase 2: Spielzeug für das Krabbelalter (z. B. Badespielzeug, erste Fahrzeuge).
- Phase 3: Spielzeug zur Förderung der Koordination für Kleinkinder (z. B. Stapelbecher, Formensortierer).
Die Produkte zeichneten sich durch eine charakteristische Formsprache aus: robuster, abgerundeter Kunststoff in Primärfarben (Rot, Gelb, Blau) kombiniert mit Weiß. Zu den bekanntesten Produkten dieser Zeit gehörten die Kiddicraft-Stapelbecher sowie das Activity Center für Kinderbetten.
Übernahme durch Fisher-Price (1990–2001)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anfang der 1990er Jahre (ca. 1989–90) wurde Kiddicraft von dem US-amerikanischen Spielwarenkonzern Fisher-Price (später Teil des Mattel-Konzerns) übernommen. In der Folge wurden der Markenname „Phase Bébé“ schrittweise eingestellt und das Sortiment in das globale Portfolio von Fisher-Price integriert. Viele der ursprünglichen Kiddicraft-Designs blieben jedoch unter dem neuen Markennamen erhalten und beeinflussten die Gestaltung moderner Kleinkindspielzeuge maßgeblich weiter.
Fisher-Price nutzte die Marke allerdings ohne Bezug zum ursprünglichen Klemmbaustein-System. Im Jahr 2001 gab das Unternehmen sie endgültig auf.[18][19]
Neuregistrierung des Markennamens 2022
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem die Markenrechte über zwei Jahrzehnte ungenutzt geblieben waren, erfolgte im Jahr 2022 eine Neuregistrierung der Marke durch Thorsten Klahold alias Johnny’s World.[20] Durch einen verlorenen Rechtsstreit 2021 aufgrund Markenrechtsverletzung von in importierten Qman-Spielsets enthaltenen Spielfiguren entwickelte Klahold eine eigene Figur, für deren Vertrieb die Kiddicraft-Marke neu registriert wurde.[21]
Galerie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Das Kiddicraft Set No.1, wie es 1947 auf der London Toy Fair der Öffentlichkeit vorgestellt wurde
- Patentzeichnung GB 633.055 für Kunststoff-Bausteine (erteilt 1949)
- Historische Kiddicraft-Steine (blau, gelb) verbaut mit Steinen von Lego, Cobi, Qman und Mega Bloks
- Original-Kiddicraft-Steine in der Unteransicht mit Herstellerprägung
- Kiddicraft Klim-Bim Baby Activity-Center aus der Bébé-Kiddicraft-Phase
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Jens Andersen: The LEGO Story HarperCollins / Mariner 2022, ISBN 978-0-06-325802-0
- ↑ The most popular toys ever – a decade-by-decade guide. In: V&A. Abgerufen am 26. Februar 2026 (englisch).
- ↑ Hilary Page, Playtime in the First Five Years, 2. Auflage, überarbeitet, 1953 178 Seiten George Allen & Unwin Ltd London
- ↑ Hilary Page, Playtime in the First Five Years, 2. Auflage, überarbeitet, 1953 178 Seiten George Allen & Unwin Ltd London Seite 82–83
- ↑ Improvements in toy building blocks. GB529580A, 25. November 1940 (espacenet.com [abgerufen am 16. April 2026]).
- ↑ Patent GB633055A: Improvements in toy building blocks. Angemeldet 1945, veröffentlicht 1949.
- ↑ Hilary Fisher Page & Kiddicraft - Jim Hughes & Chas Saunter. Twisted Dragon Design, 2008, abgerufen am 9. April 2026 (englisch).
- ↑ Alexandra Lange: The Design of Childhood: How the Material World Shapes Independent Kids—Featuring the Author's Pulitzer Prize-Winning Essays. Bloomsbury Publishing USA, 2025, ISBN 978-1-63973-929-5 (google.de [abgerufen am 16. April 2026]).
- ↑ Archives commerciales de la France : journal hebdomadaire... 31. Oktober 1950, abgerufen am 9. April 2026 (deutsch).
- ↑ 1947 British Industries Fair - Graces Guide. Abgerufen am 17. April 2026.
- ↑ Jesse (Johnnie) Smith - Skyscraper Builder. Twisted Dragon Design, 21. November 2015, abgerufen am 9. April 2026 (englisch).
- ↑ Jim Hughes & Chas Saunter, Hilary Fisher Page and Kiddicraft, 2008, abgerufen am 24. Februar 2026
- 1 2 3 Jim Hughes, Chas Saunter: Hilary Fisher Page & Kiddicraft. In: hilarypagetoys.com. Abgerufen am 19. Februar 2026 (Abschnitt: Lego in Britain).
- ↑ Hilary Page Plagiarised - LEGO Denmark. Twisted Dragon Design, abgerufen am 9. April 2026 (englisch).
- ↑ People - David Day. In: Hilary Page Toys. Twisted Dragon Design, abgerufen am 9. April 2026 (englisch).
- ↑ KIDDICRAFT LIMITED filing history - Memorandum and Articles of Association. In: Companies House. gov.uk, 16. März 1977, abgerufen am 10. April 2026 (englisch).
- ↑ Arcinsys | Detailseite: Hessisches Wirtschaftsarchiv, Bestand 8, Kiddicraft-Deutschland Kurt Molineus (KG), Bebra. Abgerufen am 17. April 2026.
- ↑ Registerauskunft Registernummer 637615. In: DPMAregister. DPMA, abgerufen am 10. April 2026.
- ↑ Registerauskunft Registernummer DD612421. In: DPMAregister. DPMA, abgerufen am 10. April 2026.
- ↑ Paderborner Lego-Rebell will mit eigener Marke die Kinderzimmer erobern. In: Neue Westfälische. 10. Januar 2025, abgerufen am 25. Februar 2026.
- ↑ Christopher Müller: Paderborner Spielzeughändler bringt eigene Spielfigur auf den Markt. In: Westfalen-Blatt. 16. Juli 2023, abgerufen am 25. Februar 2026.