Julien Duvivier

Julien Duvivier (* 8. Oktober 1896 in Lille; † 29. Oktober 1967 in Paris) war ein französischer Regisseur und Drehbuchautor, der in den 1930er Jahren den Poetischen Realismus mitprägte und auch in Hollywood tätig war.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Duviviers Schulausbildung begann am Collège des Jésuites in Lille, später wechselte er nach Paris. Gemeinsam mit einem Schulfreund besuchte er dort 1916 das Théâtre Odéon. Da in Kriegszeiten an den meisten Theatern Besetzungsnot herrschte, gab man dem unerfahrenen jungen Mann eine Chance. Sein Manko war, dass er sich Texte nur schlecht merken konnte. Als das während einer Aufführung offenbar wurde, bei der Duvivier einen völligen Aussetzer hatte, riet ihm ein Freund, sich lieber auf das Geschehen zu verlagern, das keine Bühnenpräsenz erforderte.[1]
So kam es, dass Duvivier sich auf die Regie verlegte und als Regisseur am Theater begann. Da er auch als Autor tätig war, stieß er bald darauf zum Film und schrieb Drehbücher und inszenierte Stummfilme. Er wurde in den 1930er Jahren einer der Hauptvertreter des Poetischen Realismus. Er fand im Gegensatz zu anderen Regisseuren, die Stummfilme bevorzugten, Tonfilme ansprechender, da sie die Möglichkeit für ihn erweiterten, dramatische Werke ausdrucksvoller darzustellen. Duvivier produzierte Filme über religiöse Themen, drehte Komödien und auch Krimis. In Paris war Herbert E. Meyer sein Ko-Regisseur.[2]
Duvivier war einer der routiniertesten Regisseure des französischen Films, bei dem Spitzenleistungen, wie sein 1937 erschienenes Filmdrama Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier mit Jean Gabin, neben gekonnter Unterhaltung, wie die ersten beiden Don-Camillo-und-Peppone-Filme mit Fernandel und Gino Cervi (1952, 1953), und durchschnittlichem Gebrauchskino standen. Ab Ende der 1930er Jahre drehte er auch in Hollywood. Für MGM inszenierte er die aufwändige Johann-Strauss-Biografie Der große Walzer (1938), auf die in den Kriegsjahren das Filmdrama Ein Frauenherz vergißt nie (1941) mit Merle Oberon sowie die starbesetzten Episodenfilme Sechs Schicksale (1942) und Das zweite Gesicht (1943) folgten. In Zusammenarbeit mit Jean Anouilh schrieb er zudem das Drehbuch für seine 1948 erschienene gleichnamige Verfilmung des Tolstoi-Romans Anna Karenina mit Vivien Leigh in der Hauptrolle. Der dramatische Thriller Der Engel, der ein Teufel war mit Jean Gabin und Danièle Delorme kam 1956 in die Kinos, auch hier führte Duvivier Regie und schrieb die Geschichte.

Julien Duvivier war 1959 Mitglied der Jury der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Zu den Bewunderern Duviviers gehörten Jean Renoir und Ingmar Bergman. Neben weiteren filmischen Tätigkeiten trat er bei sieben seiner Filme auch als Produzent in Erscheinung, etwa bei dem Abenteuerfilm Der schwarze Jack (1950) und dem Gruselthriller Das brennende Gericht (1962). Sein letzter Film, der Kriminalthriller Mit teuflischen Grüßen mit Alain Delon und Senta Berger, kam erst nach seinem Tod im Dezember 1967 in die Kinos.
Ende Oktober 1967 erlitt Duvivier in seinem Auto einen Herzinfarkt, wodurch es zu einem Verkehrsunfall kam, bei dem der 71-Jährige den Tod fand. Er hinterließ seinen Sohn Christian, seine Frau Olga war schon lange vor ihm verstorben. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Rueil-Malmaison.
Filmografie (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Regisseur
- 1919: Haceldama ou le Prix du sang
- 1920: La Réincarnation de Serge Renaudier
- 1922: Les Roquevillard
- 1922: Der unheimliche Gast (L’Ouragan sur la montagne)
- 1923: Le Reflet de Claude Mercœur
- 1924: La Machine à refaire la vie (Dokumentarfilm)
- 1924: Credo ou la Tragédie de Lourdes
- 1924: Cœurs farouches
- 1924: L’Œuvre immortelle
- 1925: Der Goldfisch (L’Abbé Constantin)
- 1925: Poil de carotte
- 1926: Der Mann mit den 100 PS (L’Homme à l’hispano)
- 1927: L’Agonie de Jérusalem
- 1927: Le Mariage de Mademoiselle Beulemans
- 1927: Le Mystère de la tour Eiffel
- 1928: Im Taumel von Paris (Le Tourbillon de Paris)
- 1929: Die Insel der Verschollenen (La Divine croisière)
- 1929: Irene Rysbergues große Liebe (Maman Colibri)
- 1929: La Vie miraculeuse de Thérèse Martin
- 1930: Das Fräulein vom Kleiderlager (Au bonheur des Dames)
- 1930: David Golder
- 1931: Die fünf verfluchten Gentlemen
- 1932: Hallo Hallo! Hier spricht Berlin! (Allo Berlin? Ici Paris!)
- 1932: Karottenkopf (Poil de carotte)
- 1932: La Vénus du collège
- 1933: Maigret – Um eines Mannes Kopf (La Tête d’un homme)
- 1933: Der kleine König (Le petit roi)
- 1934: Le Paquebot Tenacity
- 1934: Menschen im Norden (Maria Chapdelaine)
- 1935: Das Kreuz von Golgatha (Golgotha)
- 1935: Die Liebesgasse von Marokko (La Bandéra)
- 1936: Le Golem
- 1936: Zünftige Bande (La belle équipe)
- 1937: Der Mann des Tages (L’Homme du jour)
- 1937: Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier (Pépé le Moko)
- 1937: Spiel der Erinnerung (Un carnet de bal)
- 1938: Der große Walzer (The Great Waltz)
- 1939: Lebensabend (La Fin du jour)
- 1939: La Charrette fantôme
- 1941: Ein Frauenherz vergißt nie (Lydia)
- 1942: Sechs Schicksale (Tales of Manhattan)
- 1943: Untel père et fils
- 1943: Das zweite Gesicht (Flesh and Fantasy)
- 1944: The Impostor
- 1946: Panik (Panique)
- 1947: Anna Karenina
- 1949: Eine Heilige unter Sünderinnen (Au royaume des cieux)
- 1950: Der schwarze Jack (Black Jack)
- 1951: Unter dem Himmel von Paris (Sous le ciel de Paris)
- 1952: Don Camillo und Peppone (Le Petit Monde de don Camillo)
- 1952: Auf den Straßen von Paris (La Fête à Henriette)
- 1953: Don Camillos Rückkehr (Le Retour de don Camillo)
- 1954: Der Fall Maurizius (L’Affaire Maurizius)
- 1955: Marianne (deutsche Version)
- 1955: Marianne de ma jeunesse (französische Version)
- 1956: Der Engel, der ein Teufel war (Voici le temps des assassins)
- 1956: Der Mann im Regenmantel (L’Homme à l’imperméable)
- 1957: Immer wenn das Licht ausgeht (Pot-Bouille)
- 1958: Ein Weib wie der Satan (La Femme et le Pantin)
- 1958: Marie-Octobre
- 1960: Das kunstseidene Mädchen
- 1960: Lichter von Paris (Boulevard)
- 1962: Das brennende Gericht (La Chambre ardente)
- 1962: Der Teufel und die Zehn Gebote (Le Diable et les Dix Commandements)
- 1963: Rasthaus des Teufels (Chair de poule)
- 1967: Mit teuflischen Grüßen (Diaboliquement vôtre)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Sophie Albers: Julien Duvivier. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. 3. Auflage, Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010662-4, S. 197–200.
- Eric Bonnefille: Julien Duvivier. Le mal aimant du cinéma français, volume 1, 1896–1940. L’Harmattan, collection Champs visuels, Paris 2002, 318 S.
- Eric Bonnefille: Julien Duvivier. Le mal aimant du cinéma français, volume 2, 1940–1967. L’Harmattan, collection Champs visuels, Paris 2002, 326 S.
- Ralph Eue et al.: Julien Duvivier. Virtuoses Kinohandwerk. Synema, Wien 2023, ISBN 978-3-901644-91-7.
- Ben Mccann: Julien Duvivier. (French Film Directors), Manchester University Press, 2019.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Julien Duvivier bei IMDb
- Julien Duvivier in der Datenbank Find a Grave
- Julien Duvivier bei filmreference.com (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Sophie Albers: Julien Duvivier. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. 3. Auflage, Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010662-4, S. 197–200.
- ↑ Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 837.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Duvivier, Julien |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Regisseur und Drehbuchautor |
| GEBURTSDATUM | 8. Oktober 1896 |
| GEBURTSORT | Lille, Frankreich |
| STERBEDATUM | 29. Oktober 1967 |
| STERBEORT | Paris, Frankreich |