Jennie Livingston

Jennie Livingston (geboren 24. Februar 1962 in Dallas) ist eine US-amerikanische Regisseurin. International bekannt wurde sie durch die von ihr gedrehte Dokumentation Paris brennt aus dem Jahr 1990, in der es um die sogenannte Ballroom Culture, einer Subkultur hauptsächlich nicht-weißer Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft im New York der 1980er Jahre, geht.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Livingston wurde in Dallas im US-Bundesstaat Texas geboren, allerdings zog ihre Familie, als Livingston zwei Jahre alt war, nach Los Angeles, wo sie mit ihren Eltern und zwei älteren Brüdern auch aufwuchs.[1] Livingston besuchte zunächst die Beverly Hills High School[2] und studierte anschließend an der Yale University Fotografie, Zeichnen und Malerei sowie englischsprachige Literatur als Nebenfach. Ihren Abschluss machte sie 1983; an der Universität lernte sie auch den Fotografen Tod Papageorge kennen, der einer ihrer Dozenten war. Nach ihrem Abschluss besuchte sie 1984 einen Sommer lang einen Regiekurs an der New York University.[3]
Mehrere Mitglieder aus Livingstons Familie waren ebenfalls zumindest teilweise im künstlerischen Bereich tätig. Ihr Onkel war der Regisseur Alan J. Pakula, an dessen Film Kellerkinder sie 1987 als Assistentin am Szenenbild mitwirkte.[4] Livingstons Mutter Myra Cohn Livingston war als Dichterin, Kinderbuchautorin und Anthologin tätig.[5] Ihr Vater Richard Livingston, ein Buchhalter, verfasste ebenfalls ein Kinderbuch.[6] Livingstons Bruder Jonas arbeitete als Manager[7] bei Music Corporation of America[8] sowie Geffen Records und drehte das Musikvideo zu What I Am, dem erfolgreichsten Lied der Band Edie Brickell & New Bohemians.[9]
1985 zog Livingston nach New York, wo sie sich als AIDS-Aktivistin bei Act Up engagierte. Gegenwärtig lebt Livingston in Brooklyn.[10] 2020 erklärte sie, sich in jungen Jahren als lesbisch, aber dennoch nicht als Frau identifiziert zu haben.[11] Sie betrachte sich stattdessen nun als genderqueer und verwende in Bezug auf sich selbst weibliche sowie geschlechtsneutrale Pronomen.[12]
Karriere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erster Film
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1985 sah Livingston im Washington Square Park, wie einige Personen Vogue tanzten. Sie wollte von ihnen mehr über diesen Tanzstil wissen, weswegen sie sie auf einen Ball einluden, auf dem mehrere zumeist afro- oder lateinamerikanische Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft in künstlerischen Wettbewerben gegeneinander antreten. Die Teilnehmenden sind dabei stets Mitglieder verschiedener Houses genannter Vereinigungen. Livingston war von der Kultur fasziniert, weswegen sie zwei Jahre lang über diese recherchierte und mit Teilnehmenden und Besuchern sprach. Sie entschloss sich schließlich, darüber einen Dokumentarfilm anzufertigen. Die Dreharbeiten dauerten von 1987 bis 1989.[13]
In Paris brennt werden sowohl die älteren als auch jüngeren Mitglieder der Ballroom Culture interviewt. Viele der Betroffenen wurden aufgrund ihrer Homosexualität von ihren Familien verstoßen und leben in Armut, weswegen für sie der Ball eine Art Zufluchtsort ist. Livingston dokumentierte in ihrem Film auch den Ursprung des Tanzes Vogue, die Wünsche der trans Frauen der Kultur nach Wohlstand, einem Familienleben und geschlechtsangleichende Maßnahmen sowie die damals weit verbreitete gesellschaftliche Transphobie, unter anderem am Beispiel der Gesprächspartnerin Venus Xtravaganza, die vor der Fertigstellung des Films ermordet wurde.[14]
Paris brennt gilt in der Gegenwart als wichtige Produktion sowohl des US-amerikanischen Independent-Films als auch des New Queer Cinema und ist deshalb weiterhin gelegentlich auf aktuellen Filmfestivals zu sehen. Er spielte 4 Millionen Dollar an den Kinokassen ein, ein vergleichsweise hohes Ergebnis für eine unabhängige Produktion, und war einer der ersten Erfolge für den damals noch recht neuen Verleiher Miramax.[3] Die Produktion erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Teddy Award,[15] einen Gotham Award[16] und einen GLAAD Media Award.[17] Sie wurde auch von mehreren Kritikern, unter anderem in der Los Angeles Times[18] und The Washington Post, als eine der besten Filme des Jahres 1991 bezeichnet.[19] Paris brennt war zudem neben Madonnas gleichnamigen Lied und Musikvideo (in dem mehrere Interviewpartner aus Paris brennt vorkamen) einer der Auslöser der gesteigerten Popularität des Vogue.[14] 2016 wurde Paris brennt neben 24 weiteren Produktionen ins Filmarchiv der Library of Congress aufgenommen.[20]
Karriere nach Paris brennt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Livingstons erstes Projekt nach Paris brennt war wieder eine Dokumentation. Der Kurzfilm Hotheads entstand durch die Unterstützung der Red Hot Organization, die mit popkulturellen Methoden AIDS bekämpft. Er handelt von zwei Künstlerinnen, die sich gegen an Frauen verübter Gewalt einsetzen. Bei den Protagonistinnen handelt es sich um die Comickünstlerin Diane DiMassa sowie die Schauspielerin und Komikerin Reno. Hotheads war auf MTV und dem lokalen Sender KQED aus San Francisco zu sehen und wurde auf einer von der Red Hot Organizaton herausgegeben Kassette zusammen mit anderen Kurzfilmen veröffentlicht.[21]
Who’s the Top?, Livingston nächster Kurzfilm und erste fiktive Produktion, wurde auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2005 uraufgeführt. In diesem spielen Marin Hinkle, Shelly Mars und Steve Buscemi die Hauptrollen. Who’s the Top? ist eine „lesbische Sex-Komödie“ mit mehreren Musikeinlagen, an denen professionelle Broadway-Tänzer mitwirkten und die vom ebenfalls am Broadway beschäftigten Choreografen John Carrafa geleitet wurden.[3] Die Produktion war auf über 100 Filmfestivals zu sehen und wurde unter anderem im Museum of Fine Arts, Boston sowie dem Institute of Contemporary Arts vorgeführt.[22]
Through the Ice ist ein 2005 für den öffentlichen New Yorker Fernsehsender WNET produzierter Dokumentar-Kurzfilm über den 23-jährigen Miguel Flores. Der Immigrant aus Honduras brach im Prospect Park in einen zugefrorenen See ein. Zudem kommen mehrere Passanten zu Wort, die ihm zur Hilfe kamen, ihn aber letztlich nicht retten konnten.[22] Der Film war auf dem Sundance Film Festival 2006 zu sehen.[23]
2011 startete Livingston eine Crowdfunding-Kampagne, um ihren Film Earth Camp One finanzieren zu können. Die Dokumentation behandelt ihre persönliche Trauer und Erinnerungen an ihren Aufenthalt in einem Hippie-Sommercamp in den 1970er Jahren. Laut ihr sei er ein Einblick in die Art und Weise, auf die US-Amerikaner Vergänglichkeit, persönliche sowie politische Niederlagen verarbeiten. Livingston fing 2000 mit der Arbeit am Projekt an, da sie die Themen Trauer und Verlust nach dem Ableben ihrer Eltern, eine ihrer Großmütter sowie einer ihrer Brüder zwischen 1990 und 2000 behandeln wollte.[13]
Ebenfalls 2011 führte Livingston Regie bei einem Video für Elton Johns Show The Million Dollar Piano, im Caesars Palace in Las Vegas lief. Es bestand aus kurzen Schwarz-Weiß-Porträts verschiedener Bewohner New Yorks und war während Darbietungen des Lieds Mona Lisa and Mad Hatters im Hintergrund zu sehen.[24]
Eine weitere geplante Produktion von Livingston ist Prenzlauer Berg über den Alltag von Künstlern in New York und Ost-Berlin der späten 1980er Jahre.[25]
Livingston war an mehreren Universitäten als Dozentin tätig, unter anderem an der Yale University, dem Brooklyn College sowie dem Connecticut College. Sie erhielt daneben für ihre Arbeit Stipendien verschiedener Stellen, darunter der Guggenheim Foundation, des Getty Center, Deutschen Akademischen Austauschdienstes und National Endowment for the Arts.[26]
Ab 2018 arbeitete Livingston als Produktionsberaterin der FX-Serie Pose, die von der New Yorker Ballroom Culture der 1980er und 1990er sowie dem Alltag ihrer Mitglieder handelt und nach Angaben der Erfinder Ryan Murphy, Brad Falchuk und Steven Canals sehr stark von Paris brennt beeinflusst wurde.[27] Livingston inszenierte auch die siebte Folge der zweiten Staffel Blow (deutscher Titel Rückschläge).[28]
Filmografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1990: Paris brennt (Dokumentarfilm, auch Produktion)
- 1990: Arena (Dokumentar-Fernsehsendung, Regie Episode 15x15)
- 1993: Hotheads (Dokumentar-Kurzfilm, auch Produktion)
- 2005: Who’s the Top? (Kurzfilm, auch Drehbuch und Produktion)
- 2005: Through the Ice (Dokumentar-Kurzfilm, auch Produktion)
- 2019: Pose (Fernsehserie, Regie Episode 2x7)
Auszeichnungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 2020: Beste Drama-Fernsehserie, für Pose
- 1990: Publikumspreis in der Kategorie Bester Dokumentarfilm, für Paris brennt
- 1992: Vito Russo Film Award, für Paris brennt
- 1991: Open Palm Award, für Paris brennt
International Documentary Association[33]
- 1990: IDA Award, für Paris brennt (zusammen mit Barry Swimar)
Internationale Filmfestspiele Berlin 1991[34]
- Teddy Award in der Kategorie Bester Dokumentarfilm, für Paris brennt
Los Angeles Film Critics Association[35]
- 1990: LACFA Award in der Kategorie Bester Dokumentarfilm, für Paris brennt (zusammen mit Bilder einer alten Welt von Dusan Hanák)
Seattle International Film Festival[36]
- 1991: Golden Space Needle Award in der Kategorie Bester Dokumentarfilm, für Paris brennt
Semana Internacional de Cine de Valladolid[37]
- 1991: Spezialerwähnung für den Tiempo de Historia Award in der Kategorie Bester Dokumentarfilm, für Paris brennt
- 1991: Großer Preis der Jury in der Kategorie Dokumentarfilm, für Paris brennt
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Rita Berman Fischer: Myra CohnLivingston. In: Jewish Women’s Archive. Abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ David Ansen: Cross-Dressed For Success. In: Newsweek. 11. August 1991, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ a b c Eugene Hernandez: 5 Questions for Jennie Livingston, Director of “Paris Is Burning” and “Who’s The Top?” In: IndieWire. 6. August 2005, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Bryce J. Renninger: In the Works: New Doc from “Paris is Burning” Director, Sundance’s “Pariah,” Chicago Mob Boss & More. In: IndieWire. 6. Januar 2011, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Poetry Foundation: Myra Cohn Livingston. In: Poetry Foundation. Abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ E. Jean Porter: PROFILE: Myra Cohn Livingston. Language Arts, Band 57, Ausgabe 8, November / Dezember 1980, S. 903.
- ↑ Jonas C. Livingston ’78. In: Reed Magazine. 1. November 2002, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Live Boasts New Attitude On ‘V’. In: Billboard. 16. Juli 2001, abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Amanda London: “What I Am” by Edie Brickell and the New Bohemians. In: Song Meanings and Facts. 21. Mai 2022, abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Trish Bendix: ‘Pose’ Picks Up Where ‘Paris Is Burning’ Left Off. In: Huffpost. 8. Januar 2018, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Willow Catelyn Maclay: Jennie Livingston on Paris Is Burning 30 Years Later. In: Hyperallergic. 26. Februar 2020, abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Rich Juzwiak: Paris Is Burning Director Jennie Livingston on Legacy, Controversy, and Harvey Weinstein. In: Jezebel. 28. Februar 2020, abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Saeed Jones: Filmmaker Jennie Livingston On Life And Loss After „Paris Is Burning“. In: BuzzFeed. 23. März 2013, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ a b Julianne Escobedo Shepherd: The Music And Meaning Of ‘Paris Is Burning’. In: National Public Radio. 30. April 2012, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Jenni Zylka: Der Appell an die Gesellschaft gilt noch. In: Deutschlandfunk. 23. August 2016, abgerufen am 22. Februar 2020.
- ↑ Gotham Independent Film Awards. In: Gotham International Film Festival. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 25. März 2016; abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Angela Morrison: ‘Paris is Burning’ and the Legacy of New York Ballroom Culture. In: Film School Rejects. 16. August 2019, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Katie Walsh: Review: Before RuPaul, the documentary ‘Paris Is Burning’ illuminated drag. In: Los Angeles Times. 3. Juli 2019, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Hal Hinson: ‘Paris Is Burning’ (R). In: The Washington Post. 9. August 1991, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Mariah Cooper: ‘Paris is Burning’ added to National Film Registry. In: Washington Blade. 15. Dezember 2016, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Jennie Livingston: Hotheads. In: Jennie Livingston.com. Abgerufen am 22. Februar 2020 (em).
- ↑ a b Dena Seidel: An Interview with Jennie Livingston. In: Films for the Feminist Classroom. Abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Eugene Hernandez: Sundance Unveils Short Film Lineup for ’06 Fest. In: IndieWire. 5. Dezember 2005, abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Marian Sandberg: Still Standing: Elton John In The Colosseum At Caesars Palace. In: Live Design. 2. März 2012, abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Jennie Livingston. In: MacDowell. Abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ About. In: Jennie Livingston.com. Abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Malcolm Venable: The Mind-Blowing 1990 Documentary You Must See Before Watching Pose. In: TV Guide. 29. Mai 2018, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Srarah Gooding: ‘paris is burning’ director jennie livingston reflects on the film's legacy. In: Vice. 11. Juni 2019, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 22. Februar 2020; abgerufen am 8. November 2025 (englisch).
- ↑ Wilson Morales: Watchmen Wins Big At 4th Annual Black Reel Awards for Television Awards. In: BFTV. 8. August 2020, abgerufen am 17. Dezember 2022 (englisch).
- ↑ Audience Award Winners. In: Frameline Filmfestival. Abgerufen am 17. Dezember 2022 (englisch).
- ↑ Simone Fraser: Why pioneering queer drag documentary Paris Is Burning continues to inspire LGBTQI+ youth 30 years on. In: XCity Plus. 17. Mai 2021, abgerufen am 17. Dezember 2022 (englisch).
- ↑ Paris is Burning. In: Facets. Abgerufen am 17. Dezember 2022 (englisch).
- ↑ PJ Raval: Jennie Livingston’s ‘Paris Is Burning’. In: International Documentary Association. 13. Juni 2019, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Anja Kümmel: Warum „Paris is Burning“ noch immer aktuell ist. In: Queer.de. 24. August 2025, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ Patrick Pacheco: MOVIES : At the Drag Queens’ Ball : Jennie Livingston’s documentary, ‘Paris Is Burning,’ delves into sexual and ethnic self-image – and elicits charges of exploitation. In: Los Angeles Times. 4. August 1991, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ Golden Space Needle History 1990–1999. In: Seattle International Film Festival. Abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
- ↑ 36 Semana Internacional de Cine de Valladolid. In: Semana Internacional de Cine de Valladolid. Abgerufen am 17. Dezember 2022 (spanisch).
- ↑ Brian Moylan: Paris Is Burning sizzles again at the Sundance film festival. In: The Guardian. 29. Januar 2015, abgerufen am 22. Februar 2020 (englisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Livingston, Jennie |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanische Regisseurin |
| GEBURTSDATUM | 24. Februar 1962 |
| GEBURTSORT | Dallas, Texas |