Jacob Epstein



Sir Jacob Epstein KBE (* 10. November 1880 in New York City; † 19. August 1959 in London) war ein britischer Bildhauer, Maler, Zeichner und Kunstschriftsteller russisch-polnischer Herkunft. Er gilt als einer der zentralen Erneuerer der modernen Bildhauerei im Großbritannien des 20. Jahrhunderts.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Jacob Epstein wurde 1880 in New York als Sohn jüdischer Einwanderer geboren. Er studierte bis 1902 an der Art Students League of New York. Anschließend ging er nach Paris, wo er an der École des Beaux-Arts sowie an der Académie Julian studierte. Im Januar 1905 ließ er sich in London nieder und erhielt 1907 die britische Staatsbürgerschaft.
Seinen ersten großen öffentlichen Auftrag erhielt er im selben Jahr von dem Architekten Charles Holden für monumentale Fassadenskulpturen am Gebäude der British Medical Association in London. Die von Gedichten Walt Whitmans inspirierten Figuren lösten heftige öffentliche Kontroversen aus. Zwischen 1908 und 1912 arbeitete Jacob Epstein an dem Grabmal für Oscar Wilde auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Das Monument wurde wegen angeblicher Obszönität verhüllt und wiederholt beschädigt. In dieser Zeit stand er in Kontakt mit Künstlern wie Pablo Picasso, Constantin Brancusi und Amedeo Modigliani. 1913 war er Mitbegründer der London Group, 1914 schloss er sich zeitweise dem Vortizismus an und veröffentlichte Zeichnungen in der Zeitschrift Blast. Während des Ersten Weltkriegs entstand mit The Rock Drill eines seiner radikalsten Werke.[2]
In den 1920er- und 1930er-Jahren erhielt Jacob Epstein zahlreiche öffentliche Aufträge und schuf zugleich eine Reihe erfolgreicher Porträtbüsten bedeutender Persönlichkeiten. Seine religiösen und symbolistischen Skulpturen stießen jedoch weiterhin häufig auf Ablehnung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden seine monumentalen Auftragsarbeiten breiter akzeptiert. 1954 wurde Jacob Epstein zum Ritter geschlagen. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Universitäten Aberdeen und Oxford. Jacob Epstein starb 1959 in London.[1]
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Jacob Epstein führte eine moderne, expressive Formensprache in die britische Bildhauerei ein und zählt neben Henry Moore zu den bedeutendsten britischen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst monumentale Steinskulpturen, expressive Bronzebildnisse, religiöse und symbolistische Plastiken sowie Zeichnungen und Aquarelle. In seinen frühen Arbeiten sind Einflüsse von Auguste Rodin sowie der ägyptischen, assyrischen und afrikanischen Skulptur erkennbar. Ab etwa 1913 wandte er sich zunehmend archaisierenden und vereinfachten Formen sowie der direkten Steinbildhauerei zu. Seine öffentlichen Werke riefen wegen ihrer als roh empfundenen Formensprache vielfach Kontroversen hervor.[1]
Zu seinen bekanntesten Skulpturen zählen The Rock Drill, Rima, Night und Day, Genesis, Adam, Lucifer sowie zahlreiche Christusdarstellungen. Große Bedeutung erlangten auch seine Porträtbüsten, unter anderem von Joseph Conrad, Albert Einstein, George Bernard Shaw, Paul Robeson, Haile Selassie und Winston Churchill. Neben der Bildhauerei schuf Epstein Zeichnungen mit alttestamentlichen Motiven sowie Landschafts- und Blumenstudien. Zudem veröffentlichte er mehrere kunsttheoretische und autobiografische Schriften.[1]
Lucifer (1945)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die monumentale Bronzeskulptur Lucifer von Jacob Epstein zählt zu den bekanntesten Werken der Sammlung des Birmingham Museum and Art Gallery. Sie zeigt den Erzengel Luzifer als geflügelte, nackte Figur in überlebensgroßer Darstellung. Die Skulptur ist etwa 3,36 Meter hoch und wiegt rund zwei Tonnen. Epstein arbeitete über einen Zeitraum von fünf Jahren an dem Werk, das 1945 vollendet wurde. Die Darstellung geht auf Epsteins intensive Beschäftigung mit John Miltons Epos Paradise Lost zurück. Der Künstler sah Luzifer als Lichtträger und als den schönsten aller Engel, bevor er fiel. Die Skulptur verbindet männlich und weiblich wirkende Körpermerkmale. So ist der Körper anatomisch männlich ausgeprägt, während der Kopf nach dem Modell einer Frau gestaltet ist, die Epstein mehrfach porträtierte. Die großen, nach oben gerichteten Flügel sind ein zentrales formales Element der Figur.[3]
Lucifer wurde erstmals 1945 in den Leicester Galleries in London ausgestellt, die damals Epsteins Hauptausstellungsort waren. Das Werk blieb zunächst unverkauft und wurde 1946 von Professor Arnold Lawrence erworben. Versuche, die Skulptur in großen nationalen Institutionen wie dem Fitzwilliam Museum in Cambridge, dem Victoria and Albert Museum und der Tate Gallery unterzubringen, blieben erfolglos. Die Ablehnung durch diese Institutionen führte zu umfangreicher Berichterstattung in der britischen Presse. Im Jahr 1947 schenkte Jacob Epstein die Skulptur gemeinsam mit dem Seven Pillars of Wisdom Trust[4] der Birmingham Museum and Art Gallery. Sie traf am 23. Juni 1947 in Birmingham ein und wurde zwei Tage später der Öffentlichkeit vorgestellt. Aufgrund ihrer Größe musste sie durch ein Fenster in das Gebäude gehoben werden. Seitdem war sie überwiegend im zentralen Rundsaal des Museums, dem sogenannten Round Room, aufgestellt. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Standort der Skulptur innerhalb des Museums mehrfach diskutiert. Lucifer wurde ausgeliehen, eingelagert oder an anderen Orten im Museumsgebäude ausgestellt, darunter in den Edwardian Tea Rooms und später in der Münzgalerie. In den frühen 1960er Jahren wurde sogar in Erwägung gezogen, die Skulptur im Freien im Cannon Hill Park aufzustellen. Diese Pläne wurden jedoch nach öffentlichem Protest aufgegeben. In den folgenden Jahrzehnten blieb die Skulptur ein prägendes Objekt der Sammlung des Birmingham Museum and Art Gallery und wurde wiederholt als eines der wichtigsten Werke Epsteins bezeichnet. Während der baulichen und technischen Arbeiten am Museum ab den 2020er Jahren blieb Lucifer als eines der wenigen Großwerke dauerhaft im Gebäude präsent und spielte eine wichtige Rolle bei Ausstellungen zur Geschichte und Identität der Stadt Birmingham. Im Jahr 1952 war Lucifer ein zentrales Werk der großen Jacob-Epstein-Retrospektive in der Tate Gallery in London.[5]

Werksauswahl
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1907/08: Ages of Man, The Strand, London. 18 Fassadenskulpturen für das Gebäude der British Medical Association, beschädigt/zerstört
- 1911: Grabmal für Oscar Wilde, Friedhof Père-Lachaise, Paris
- 1913: Flenite Relief, Henry Moore Institute, Leeds
- 1913/14: The Rock Drill, zerstört[6]
- 1917: Venus, Marmor. Yale Center for British Art, Yale University, New Haven
- 1919: Risen Christ, Bronze. Scottish National Gallery, Edinburgh[7]
- 1923: W. H. Hudson Memorial, Rima, Hyde Park, London
- 1928/29: Day and Night, Verwaltungsgebäude 55 Broadway der London Underground über der Station St. James’s Park
- 1929: Genesis, Marmor. Whitworth Art Gallery, Manchester
- ab 1934 Ecce Homo, Subiaco Marmor. Coventry Cathedral, England
- 1936: Consummatum Est (‚Es ist vollbracht‘), Alabaster. Scottish National Gallery, Edinburgh[7]
- 1939: Adam, Alabaster. Harewood House, Leeds
- 1940: Jacob and the Angel, Tate Gallery Collection[5]
- 1945: Lucifer, Birmingham Museum and Art Gallery[3]
- 1947: Lazarus, New College, Oxford
- 1950: Madonna and Child, Convent of the Holy Child Jesus, London
- 1954: Social Consciousness, Philadelphia Art Museum, Philadelphia
- 1958: St Michael's Victory over the Devil, Bronze. Coventry Cathedral
- 1959: Rush of Green, Hyde Park, London
Jacob Epstein schuf zahlreiche Porträtbüsten, darunter jene der nachstehenden Persönlichkeiten (Auswahl):
- 1924: Joseph Conrad, Bronze. Museum of Canterbury, England
- 1928: Paul Robeson, Museum of Modern Art, New York City
- 1933: Albert Einstein[7]
- 1934: George Bernard Shaw
- 1938: Rabbi Dr. S. Wise
- 1938: Young Paul Robeson
- 1945: Yehudi Menuhin
- 1946: Winston Churchill
- 1957: William Blake, Westminster Abbey, England
- 1909: Oscar Wilde
- ???: Jawaharlal Nehru
- ???: Rabindranath Tagore
Autobiografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Let There Be Sculpture. Joseph, London 1940.
Postume Ausstellungen (unvollständig)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1961: Auckland, Auckland City Art Gallery
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 5: Dyck – Gémignani. Paris, 2006.
- Allgemeines Künstlerlexikon – Internationale Künstlerdatenbank – Online. Herausgegeben von: Andreas Beyer, Bénédicte Savoy und Wolf Tegethoff, De Gruyter 2009.
- Barbara Barsch: Vitalität und Gefühl für den Menschen. Zum Werk von Jakob Epstein. In: Bildende Kunst, Berlin, 10/1981, S. 507–510
- Richard Cork: Jacob Epstein. London 1999.
- June Rose: Demons and Angels: A Life of Jacob Epstein. London 2002.
- Evelyn Silber: The Sculpture of Jacob Epstein. With A Complete Catalogue. Oxford 1986.
- Jane F. Babson: The Epsteins: A Family Album. London 1984.
- Terry Friedman: Epstein’s ‘Rima’. ‘The Hyde Park Atrocity’. Creation and Controversy. Leeds City Art Gallery, 1988.
- Stephen Gardiner: Epstein: Artist Against The Establishment. London 1992.
- Raquel Gilboa: Walt Whitman’s ‘Comradeship’. Epstein’s Drawings of The Calamus Lovers. Walsall 2005.
- Raquel Gilboa: … And There Was Sculpture. Epstein’s Formative Years (1880–1930). London 2009.
- Raquel Gilboa: … Unto Heaven will I ascend. Jacob Epstein‘s Inspired Years (1930–1959). London 2013.
- Raquel Gilboa: Epstein and ‘Adam’ Revisited. In: The British Art Journal. Bd. 5, Nr.3, Winter 2004, S. 73–79.
- Raquel Gilboa: Jacob Epstein’s model Meum: Unpublished drawings. In: The Burlington Magazine. Bd. CXVII, S. 837–380.
- Moysheh Oyved: The Two Jacobs. An Impression of Jacob Epstein. In: Quest. Bd. 18, Nr. 1–4, 1927, S. 405–410.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Sir Jacob Epstein, 1880–1959. Tate Gallery
- Sir Jacob Epstein. American / British (1880–1959). National Galleries of Scotland
- Sir Jacob Epstein KBE bei WikiArt
- Lucifer at home in Birmingham
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c d Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 5: Dyck – Gémignani. Paris 2006.
- ↑ Tate: ‘Torso in Metal from ‘The Rock Drill’‘, Sir Jacob Epstein, 1913–15. Abgerufen am 4. Januar 2026 (britisches Englisch).
- ↑ a b Lucifer at home in Birmingham. Abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- ↑ SEVEN PILLARS OF WISDOM TRUST - Charity 208669. Abgerufen am 4. Januar 2026 (britisches Englisch).
- ↑ a b vgl. Sir Jacob Epstein: Jacob and the Angel, 1940–41. Tate Gallery.
- ↑ vgl. Curator Chris Stephens discusses Torso in Metal from ‘The Rock Drill’. Tate Gallery, 18 October 2013.
- ↑ a b c Sir Jacob Epstein. American / British (1880–1959). Scottish National Gallery.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Epstein, Jacob |
| KURZBESCHREIBUNG | amerikanisch-britischer Bildhauer und Zeichner |
| GEBURTSDATUM | 10. November 1880 |
| GEBURTSORT | New York City |
| STERBEDATUM | 19. August 1959 |
| STERBEORT | London |
- Bildhauer (Vereinigtes Königreich)
- Maler (Vereinigtes Königreich)
- Künstler des Vortizismus
- Zeichner (Vereinigtes Königreich)
- Knight Commander des Order of the British Empire
- Mitglied der American Academy of Arts and Letters
- US-amerikanischer Emigrant im Vereinigten Königreich
- US-Amerikaner
- Brite
- Geboren 1880
- Gestorben 1959
- Mann