Hjerkinn
Hjerkinn ist ein Dorf in der Kommune Dovre im norwegischen Fylke Innlandet. Es liegt in knapp über 1000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel im Dovregebirge an der Europastraße 6 und ist mit einem durchschnittlichen Niederschlag von nur 222 mm pro Jahr einer der trockensten Orte Norwegens.[1]


Die 1921 eröffnet Bahnlinie Dovrebanen erreicht nahe Hjerkinn mit 1024 Metern über dem Meeresspiegel ihren höchsten Punkt, der mit einer Gedenksäule aus dem Eröffnungsjahr markiert ist. Der Bahnhof Hjerkinn ist damit auch der höchstgelegene der Linie auf 1017 m.[1]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hjerkinn liegt am Pilgrims- og Kongeveien, einem der Nidaroswege, der von Oslo bis zum Nidarosdom in Trondheim führt. Man nimmt an, dass einige Berghütten in der Gegend um Hjerkinn bereits 900 v. Chr. bewohnt waren.[2] Den organisierten Betrieb von Berghütten führte jedoch König Øystein Magnusson um das Jahr 1120 ein. Seit dieser Zeit war die Herberge in Hjerkinn ein bedeutender Rastplatz für Reisende über den Dovrefjell. Die Betreuung der Pilger wurde als so bedeutend erachtet, dass es bereits früh in der norwegischen Gesetzgebung, dem Gulatingsloven, detaillierte Ausführungen zum Aufenthalt in diesen Herbergen gab.[3] Im 13. Jahrhundert wurde auf dem Dovrefjell eine erste Kirche errichtet. Da die Reise über das Gebirge gefährlich war und viele Menschen dabei zu Tode kamen, vor allem im Winter, zählte es zu den Pflichten des Herbergswirtes nach Ende des Winters die Toten zu bergen und auf dem Kirchhügel zu bestatten.[2] Die Berghütten in Hjerkinn waren mindestens ab dem 17. Jahrhundert dauerhaft bewohnt. Da die Gegend jedoch karg ist und sich die Bewohner mit Viehzucht, Jagd und Fischfang kaum ernähren konnten, wurden Getreideabgaben eingeführt. Die Bauern aus den tiefergelegenen und fruchtbareren Gegenden im Süden und Norden mussten Getreideabgaben an die Berghüttenbewohner in Hjerkinn und anderen Orten auf dem Dovrefjell entrichten.[2] Aus diesen Rechten erwuchsen jedoch auch Pflichten. Die Berghüttenwirte mussten die Männer des Königs auf deren Reisen durch das Gebirge unentgeltlich beherbergen. Zudem durften die Berghütten niemandem die Unterkunft verweigern, auch nicht den einfachen Wanderern und Pilgern. So entstanden nach und nach weitere Hütten. Die Herbergsbetreiber waren zudem verpflichtet Post zu befördern und Transportmittel bereitzustellen. Während des Großen Nordischen Kriegs wurden im Dezember 1718 von norwegischen Soldaten alle Berghütten auf dem Dovrefjell niedergebrannt, um schwedische Truppen unter General Armfeldt an der Überquerung des Dovrefjells in Richtung Süden zu hindern, so auch in Hjerkinn. Zu dieser Zeit standen in Hjerkinn 27 Gebäude. Im darauffolgenden Jahr, 1719, erhielt Hjerkinn dann von König Friedrich IV. eine neue Blockhütte als Basis für den Wiederaufbau. Diese Hütte ist bis heute erhalten. Mit Einführung der Telegrafie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam die Pflicht hinzu, alle Telegramme innerhalb ihres Gebietes unentgeltlich zuzustellen.[2] Und mit Ausbau der Straße, so dass sie mit Pferd und Wagen befahrbar war, erweiterte dies die Verpflichtung der Herbergswirte, die Straße im Frühjahr freizuschaufeln. Für die Herberge in Hjerkinn bedeutete dies eine Strecke von etwa 15 Kilometern. Ende des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Berghütten allmählich. Waren zuvor hauptsächlich königliche Gefolgschaften und Pilger die Übernachtungsgäste, so kam nun erster Tourismus auf.


1921 schließlich wurde die Bahnstrecke von Dombås bis Oppdal fertiggestellt und damit die letzte Lücke zwischen Oslo und Trondheim geschlossen. Hjerkinn erhielt nun einen Bahnhof. Mit Eröffnung der Dovrebanen verlor Hjerkinn jedoch an Bedeutung als Rast- und Übernachtungsplatz und der norwegische Staat zog sich aus der Verantwortung zurück, für den Betrieb der Herbergen zu sorgen. 1927 durften die Hüttenbesitzer die Hütten und einen Teil des umliegenden Landes kaufen.[2] Seither entwickelte sich Hjerkinn hauptsächlich als Tourismusziel, was heute die Haupteinnahmequelle der Bewohner darstellt.
Nahe Hjerkinns betrieb Folldal Verk (dt. Folldal-Werk), ein ehemaliges Bergbauunternehmen aus dem benachbarten Folldal, von 1968 bis Anfang der 1990er Jahre auf dem Tverrfjellet ein Bergwerk, in dem Erze für Kupfer und Zink, sowie Schwefel abgebaut wurden. 1993 wurde der Betrieb eingestellt und die Anlagen zurückgebaut, nachdem die vorhandenen Ressourcen erschöpft waren.[4] Zudem befand sich nordwestlich von Hjerkinn von 1923 bis 2008 auch ein großer militärischer Schießübungsplatz der Norwegischen Streitkräfte, das Hjerkinn skytefelt.[1] Dieser wurde 2008 stillgelegt und das Gelände in den Folgejahren bis 2020 geräumt und in der bis dahin umfangreichsten Maßnahme Norwegens dieser Art renaturiert.[5]
Namensherkunft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hjerkinn wird erstmals in Sverris saga aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert erwähnt.[6] Es wird angenommen, dass der Ortsname Hjerkinn (altnordisch: Hjarðkinn) auf die Worte hjǫrð mit der Bedeutung Herde oder Vieh und kinn mit der Bezeichnung einer Bergwand oder eines steilen Berghangs zurückgeht.[6]
Verkehr
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hjerkinn liegt an der Bahnlinie Dovrebanen und verfügt über einen eigenen Bahnhof mit täglich sechs Abfahrten nach Norden als auch nach Süden.[7] Zudem liegt der Ort an der Fernstraße E6 und der Riksvei 29 mündet aus Osten kommend in Hjerkinn auf die E6. Nahe des Bahnhofs befindet sich zudem eine Ladestation für Elektrofahrzeuge.[8] Zwischen dem Hjerrkinhus nahe des Bahnhofs und der etwa 15 km entfernten DNT-Touristenhütte Snøheim am Fuße des Berges Snøhetta verkehrt ein Shuttlebus.[9]
Tourismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heute ist Hjerkinn hauptsächlich durch Tourismus geprägt, wobei sich die Tourismussaison aufgrund der Witterung vorwiegend auf die schneefreien Sommermonate beschränkt. Es befinden sich am Ort Campingplätze, Ferienhütten und Hotels. In der Gegend um Hjerkinn findet man zahlreiche markierte Wanderwege, unter anderem bis in den angrenzenden Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark mit dem Berg Snøhetta. Im Nationalpark leben Moschusochsen, die einzige wild lebende Population in Norwegen. Nachdem die Tiere in Europa Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ausgerottet waren, gelang in Norwegen von 1947 bis 1953 eine erfolgreiche Wiederansiedlung mit Tieren aus Grönland.[10] In Hjerkinn befindet sich zudem ein Wildrentier-Besucherzentrum mit Informationen und einer Ausstellung rund um das Thema Wildrentiere. Auf dem Berg Tverrfjellet befindet sich der Aussichtspunkt Viewpoint Snøhetta, der Besuchern während des Sommers von Juni bis Oktober einen überdachten Unterstand mit Panoramablick auf die Snøhetta und andere umliegende Berge bietet.[11]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Dovrebanen. (PDF) In: Zine magasin. NSB, archiviert vom am 27. September 2007; abgerufen am 14. Mai 2026 (norwegisch).
- 1 2 3 4 5 Historien. In: Hjerkinn Fjellstue og Fjellridning. Abgerufen am 14. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ Historie. In: Pilgrimsleden - St. Olavsvegene til Trondheim. Abgerufen am 14. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ Historien. In: Stiftelsen Folldal Gruver. Abgerufen am 14. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ Norgeshistoriens største naturrestaurering. In: Tidens Krav. 9. Oktober 2016, abgerufen am 16. Mai 2026 (norwegisch).
- 1 2 Hjerkinn. In: Store Norske Leksikon. 24. Februar 2025, abgerufen am 14. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ F6 Oslo S - Trondheim S. (PDF) In: SJ Nord. Abgerufen am 15. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ Hjerkinn. In: Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark. Abgerufen am 15. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Skyttelbuss til Snøheim. In: Det Norske Turistforening. Abgerufen am 15. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ Forvaltningsplan for moskusbestanden på Dovrefjell. In: Fylkesmannen i Sør-Trøndelag Miljøvernavdelingen. 12. Dezember 2017, abgerufen am 14. Mai 2026 (norwegisch).
- ↑ Besucherzentrum Wildrentier. In: Norsk Villreinsenter. Abgerufen am 15. Mai 2026.