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Herman Witkin

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Herman Witkin (1977)

Herman Allen Witkin (* 2. August 1916 in New York City; † 8. Juli 1979 ebenda) war ein US-amerikanischer Psychologe und zuletzt leitender Wissenschaftler beim Educational Testing Service in Princeton.[1][2]

Er studierte zuerst an der Cornell University, wechselte dann an die New York University, wo er 1935 einen A.B.-Abschluss in Biologie erwarb, es folgte 1936 ein M.A. 1939 promovierte er zum Ph.D. in Psychologie. Während seiner Zeit an der New York University arbeitete Herman Witkin eng mit dem Tiersychologen Theodore Christian Schneirla zusammen.

Danach verbrachte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter ein Jahr am Swarthmore College, wo er mit dem Gestalttheoretiker Wolfgang Köhler forschte. Dort lernte er auch Solomon Asch kennen und begann eine langjährige Zusammenarbeit mit ihm. 1940 trat er eine Stelle als Dozent am Brooklyn College in New York an und setzte dort seine Arbeiten zur Wahrnehmung unter der wissenschaftlichen Schirmherrschaft von Wolfgang Köhler und Max Wertheimer fort. 1952 verließ er das Brooklyn College und wechselte an die Abteilung für Psychiatrie am Downstate Medical Center College of Medicine der State University of New York (SUNY). Hier führte er den Großteil seiner Forschungsarbeiten zu kognitiven Stilen und Lernstilen durch. 1971 trat er in den Dienst des Educational Testing Service in Princeton; wo er bis zu seinem Tod als leitender Wissenschaftler tätig.

Er gilt als Kognitionspsychologe, der für seine Theorie der Lernstile und kognitiven Stile zur Informationsaufnahme und -verarbeitung bekannt wurde. Sein Konstrukt der Feldunabhängigkeit/-abhängigkeit gilt als der bekannteste der kognitiven Stile. Eine feldabhängige Person orientiert sich eher an externen als an internen Bezugspunkten und verlässt sich stärker auf Hinweisreize sowie auf Personen, die in die jeweilige Situation eingebettet sind. Feldunabhängige Personen hingegen verlassen sich stärker auf sich selbst, suchen nach kontextunabhängigen Hinweisreizen und lassen sich im Allgemeinen weniger durch Gruppendruck oder die bloße Anwesenheit anderer beeinflussen. Dazu führte er zahlreiche Studien durch – viele davon interdisziplinär und kulturvergleichend –, die sich mit der Wahrnehmungsdifferenzierung sowie mit individuellen Unterschieden in der Informationsverarbeitung befassten. Seine Erkenntnisse und Einsichten nehmen sowohl innerhalb der kognitiven Psychologie als auch der kulturvergleichenden Psychologie eine wichtige Stellung ein. Zum Zeitpunkt seines Todes arbeitete er gerade an einer interdisziplinären Längsschnittstudie über Unterschiede in der psychologischen Entwicklung verschiedener Bevölkerungsgruppen, die im zentralafrikanischen Regenwald beheimatet sind.

Er entwickelte zur Erfassung des Konstrukts der Feldabhängigkeit mit Solomon Asch den Rod and Frame Test (RFT; Stab-und-Rahmen-Test), bei dem den Versuchsteilnehmern in einem abgedunkelten Raum ein leuchtender Stab präsentiert wird, der von einem leuchtenden quadratischen Rahmen umschlossen ist. Während des Experiments werden sowohl der Stuhl des Teilnehmers als auch der Rahmen in unterschiedliche Winkel geneigt; die Versuchsperson erhält dabei die Anweisung, den Stab so auszurichten, dass er vollkommen senkrecht steht. Richtet der Teilnehmer den Stab so aus, dass er sich am Rahmen orientiert, deutete dies auf Feldabhängigkeit hin. Ignoriert der Teilnehmer hingegen die kontextuellen Hinweisreize und nutzte stattdessen die Informationen seines eigenen Körpers zur Ausrichtung des Stabes, weist dies auf eine Tendenz zur Feldunabhängigkeit hin. Da der RFT als schwierig und extrem zeitaufwendig in der Durchführung war, entwickelte er in Anlehnung an die sog. Gottschaldt-Figuren ein weniger komplexes Messverfahren: den Embedded Figures Test (EFT; Test der eingebetteten Figuren) sowie dessen Gruppenversion (GEFT). Diese Tests erfassen die Fähigkeit zur „Disembedding“ (dt. Herauslösung), eine kognitive Umstrukturierungsleistung, die sich aus dem jeweiligen kognitiven Stil einer Person ableitet. Jedes komplexe Muster oder Bild enthält eine eingebettete einfache Figur oder geometrische Form; die Aufgabe des Teilnehmers besteht darin, diese eingebettete Form so schnell wie möglich zu identifizieren oder zu erkennen. Feldunabhängige Personen können die versteckten Figuren schnell finden, während feldabhängige Personen Schwierigkeiten hatten, sie zu entdecken. Beide Messverfahren wurden erfolgreich validiert. Heute werden die von ihm gemessenen Merkmale allerdings eher als visuell-perzeptive Fähigkeiten denn als ein Aspekt der Persönlichkeit oder des Charakters betrachtet.

Ehrungen/Positionen

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  • 2002: Nach der Fachzeitschrift „Review of General Psychology“ wird Herman A. Witkin zu den 100 bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts gezählt.[3]
  • 1977: Ehrendoktorwürde durch die Universität Tilburg
  • 1976: Ehrenmitglied der International Association for Cross-Cultural Psychology

Am Brooklyn College lernte er seine spätere Frau, die Genetikerin Evelyn Maisel (1921–2023), kennen; die beiden heirateten 1943. Aus der Ehe stammten zwei Söhne, der Mediziner Joseph „Joe“ Witkin, Mitgründer von Sha Na Na (* 1949) und der Informatiker Andrew Witkin (1952–2010). Herman Witkin verstarb 1979 im New York Hospital nach einer kurzen Krankheit im 63. Lebensjahr.

Publikationen (Auswahl)

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Monografien
  • Cognitive Styles, Essence and Origins: Field Dependence and Field Independence (Psychological Issues). International Universities Press, Madison 1981, ISBN 978-0-8236-1003-7.
  • Cognitive Styles in Personal and Cultural Adaptation (Heinz Werner Lectures). Clark University Press, Worcester 1977.
  • Psychological Differentiation: Studies of Development. John Wiley & Sons, Hoboken 1974, ISBN 978-0-470-95755-4.
  • Personality Through Perception: An Experimental and Clinical Study. Greenwood Press, London 1972, ISBN 978-0-8371-5276-9.
  • Group Embedded Figures Test (GEFT). APA PsycTests, Washington, DC 1971.
  • Mit Philip K. Oltman; Evelyn Raskin; S. A. Karp: A manual for the embedded figures tests. Consulting Psychologists Press, Palo Alto 1971.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Mit Sarnoff A. Mednick; Fini Schulsinger; Eskild Bakkestrøm; Karl O. Christiansen; Donald R. Goodenough; Kurt Hirschhorn; Claes Lundsteen; David Robert Owen; John Philip; Martha Stocking: Criminality in XYY and XXY Men. In: Donald B. Rubin (Hrsg.): Matched Sampling for Causal Effects. Cambridge University Press, Cambridge 2012, ISBN 978-0-511-81072-5.
  • Mit D. R. Goodenough: Cognitive styles: essence and origins. Field dependence and field independence. In: Psychological Issues, 1981, 51 (51), S. 1–141.
  • Mit D. R. Goodenough; Philip K. Oltman: Psychological differentiation: Current status. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1979, 37 (7), S. 1127–1145.
  • Mit Donald R. Goodenough; Philip K. Oltman; Florence Friedman; Carol Ann Moore; David Robert Owen; Evelyn Raskin: Cognitive Styles in the Development of Medical Careers. In: Journal of Vocational Behavior, 1979, 14, S. 341–351.
  • Field-Dependence-Independence and Psychological Differentiation: Bibliography with Index. In: ETS Research Bulletin Series, 1978 (Supplement No. 2).
  • Mit D. R. Goodenough; E. Gandini; I. Olkin; L. Pizzamiglio; D. Thayer: A study of X-chromosome linkage with fielddependence and spatial visualising. In: Behavior Genetics, 1977, 7 (5), S. 373–378.
  • Mit Donald R. Goodenough; Kurt Hirschhorn: XYY Men: Are They Criminally Aggressive? In: The Sciences, 1977, 17, (6), S. 10–13.
  • Mit Donald R. Goodenough: Field dependence and interpersonal behavior. In: Psychological Bulletin, 1977, 84 (4), S. 661–689.
  • Mit Philip K. Oltman; Donald R. Goodenough; Norbert Freedman; Florence Friedman: Psychological differentiation as a factor in conflict resolution. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1975, 32 (4), S. 730–736.
  • Mit John W. Berry: Psychological Differentiation in Cross-Cultural Perspective. In: ETS Research Bulletin, 1975, 1. S. 4–87.
  • Mit Douglass Price-Williams; Mario Bertini; Jacques Van Meel: Social Conformity and Psychological Differentiation. In: International Journal of Psychology, 1974, 9 (1), S. 11–29.
  • Mit Hanna F. Faterson: Longitudinal study of development of the body concept. In: Developmental Psychology, 1970, 2 (3), S. 429–438.
  • Mit Stephen A. Karp; Donald R. Goodenough: Alcoholism and psychological differentiation: Effect of alcohol on field dependence. In: Journal of Abnormal Psychology, 1965, 70 (4), S. 262–265.
  • Mit Leonard A. Rosenblum; I. Charles Kaufman; Leonard Brosgole: Perceptual Disembedding in Monkeys: Note on Method and Preliminary Findings. In: Perceptual and Motor Skills, 1965, 20, (3), S. 729–736.
  • Mit Ruth B. Dyk: Family Experiences Related to the Development of Differentiation in Children. In: Child Development, 1965, 36 (1), S. 21–55.
  • Mit Ruth B. Dyk; H. F. Fattuson; Stephen A. Karp: Psychological Differentiation: Studies of Development. In: The American Journal of Psychology, 1963, 76 (4), S. 709–711.
  • Mit S. E. Asch: Studies in space orientation: IV. Further experiments on perception of the upright with displaced visual fields. In: Journal of Experimental Psychology, 1948, 38, S. 762–782.
Commons: Herman Witkin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • S. Messick: Obituary: Herman A. Witkin (1916–1979). In: American Psychologist, 1980, 35 (1), S. 99–100.
  • Hans-Peter Musahl: Untersuchungen zum Konzept der sog[enannten] Feldabhängigkeit (WITKIN): eine experimentelle Grundlagenstudie. Westdeutscher Verlag, Opladen 1976 (zugl. Univ. Düsseldorf, Diss. an der Math.-Naturwiss. Fak., 1975), ISBN 978-3-531-02553-7.

Einzelnachweise

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  1. Prof. dr. H.A. (Herman) Witkin auf Tilburg University, abgerufen am 17. Mai 2026.
  2. P. Banerjee: Witkin, Herman A. . In: Rieber, R.W. (Hrsg.): Encyclopedia of the History of Psychological Theories. Springer, New York 2012, ISBN 978-1-4419-0463-8.
  3. S. J. Haggbloom; R. Warnick; J. E. Warnick; V. K. Jones; G. L. Yarbrough; M. Russell; C. M. Borecky; Powell III, J. L. McGahhey; J. Beavers; E. Monte: The 100 most eminent psychologists of the 20th century. In: Review of General Psychology, 2002, 6 (2), S. 139–152.