Die Unzer Group (kurz Unzer) ist ein europäisches Finanztechnologie-Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin. Es ist als Zahlungsdienstleister tätig und bietet Lösungen für den digitalen und den stationären Handel.
Unzer entstand 2020 durch die Zusammenführung mehrerer europäischer Finanzdienstleister, darunter die deutsche Heidelpay.[3] Heute betreut die Gruppe nach eigenen Angaben über 90.000 Händler[4] und verarbeitet ein jährliches Transaktionsvolumen von rund 19Milliarden Euro.[2]
2019 erwarb die US-amerikanische Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) die Anteilsmehrheit an Heidelpay.[5] Das seit 2003 bestehende Unternehmen hatte sich in der Anfangszeit des E-Commerce als Dienstleister für modulare Bezahlsysteme positioniert.[6]
Mit dem Einstieg von Finanzinvestoren begann eine Phase der akquisitorischen Expansion. Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche andere Zahlungsdienstleister übernommen.[9] Ziel war es, die gesamte Wertschöpfungskette des Zahlungsverkehrs im stationären und digitalen Handel abzudecken.[3]
Diese Strategie wurde 2020 mit Gründung der neuen Unzer Group vollendet. In der Dachgesellschaft wurden Heidelpay und andere Schwesterunternehmen im Besitz von KKR zusammengeführt.[10] Während der Standort Heidelberg für zentrale Fachbereiche wie Finanzen und Service erhalten blieb, wurde Berlin zum Zentrum für die internationale Konzernsteuerung und technologische Entwicklung ausgebaut.[11]
Im Jahr 2023 hatte das Unternehmen mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Grund waren hohe Kosten für die Expansion sowie verfehlte Geschäftsziele.[12] Im Rahmen eines Anteilstauschs gegen Forderungsverzicht übernahm ein Konsortium aus den bisherigen Kreditgebern um Alcentra, Goldman Sachs Asset Management und die Partners Group die Mehrheit am Unternehmen. Das Konsortium stellte frisches Eigenkapital bereit, um die Bilanz der Unzer Group zu stärken und die strategische Neuausrichtung zu finanzieren, und löste den bisherigen Mehrheitseigentümer KKR ab.[13][14]
In den folgenden Jahren führte die Gruppe ihre Strategie der vertikalen Integration weiter. So bietet Unzer nunmehr klassische Finanzdienstleistungen wie Geschäftskonten und Zahlungskarten für Händler an. Unzer arbeitet dabei mit Partnern zusammen. Das Unternehmen tritt damit zunehmend in Wettbewerb mit Banken und Sparkassen.[2]
Die Unzer Group firmiert als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Die Holding mit Sitz in Berlin koordiniert ein Netzwerk aus mehreren operativ tätigen Tochtergesellschaften.[15]
Das Fundament des digitalen Geschäfts bildet Unzer E-Com mit Sitz in Heidelberg. Die Gesellschaft fungiert als Trägerin der deutschen Erlaubnis für Zahlungsdienste.[16] Grenzüberschreitende Bankdienstleistungen werden vorwiegend von Unzer Luxembourg mit Sitz in Munsbach abgewickelt.[8] Das Geschäft im stationären Handel wird operativ durch Unzer POS aus Hamburg betreut.[17]
Die Geschäftsführung der Unzer Group besteht aus Robert Bueninck (CEO), Jacob von Ingelheim (CFRO), Pascal Beij (CCO), Max Steiger (CCGO) und Götz Möller (CFO).[18][15]
Zur strategischen Überwachung und Beratung wurde 2022 ein Beirat eingerichtet,[19] dessen Vorsitz Jon Wrennall innehat. Dem Gremium gehören weitere Experten des deutschen und schweizerischen Finanzsektors an.[20]
Der Konzern beschäftigt rund 750 Mitarbeiter aus mehr als 50 Nationen in vier europäischen Ländern.[1] Zwar ist Berlin der offizielle Firmensitz, doch sind die einzelnen Gruppenfunktionen dezentral über die weiteren Standorte Aarhus (Dänemark), Hamburg, Frankfurt, Berlin, Heidelberg, München, Munsbach (Luxemburg) und Wien (Österreich) verteilt.[4]
Das Geschäftsmodell von Unzer basiert auf der technologischen Verzahnung des stationären Einzelhandels mit dem digitalen Absatz. Das Unternehmen stellt eine Plattform bereit, die Zahlungs- und Verkaufsdaten eines Händlers kanalübergreifend bündelt. Datenströme aus Onlineshops, mobilen Anwendungen und physischen Kartenterminals werden zusammengeführt und können über ein zentrales Dashboard ausgewertet werden.[1]
Die operative Tätigkeit umfasst die technische Bereitstellung von allen relevanten Zahlungsarten, darunter zahlreiche Kreditkarten. Im digitalen Bereich geschieht dies über programmierbare Schnittstellen (API) und vorgefertigte Module für gängige Warenwirtschafts- und Shopsysteme.[1]
Für das stationäre Geschäft entwickelt und vertreibt das Unternehmen Kassensoftware und Kartenterminals. Diese kombinieren die Kassensoftware, Barcodescanner und Belegdrucker in einem Gerät. Sie enthalten branchenspezifische Funktionen, etwa für die Gastronomie, und sind mit Funktionen für die Lagerhaltung und zur Einhaltung behördlicher Aufzeichnungspflichten ausgestattet.[1]
Darüber hinaus bietet Unzer ergänzende Finanzdienstleistungen an. Das Angebot umfasst ein Geschäftskonto sowie eine Firmenkreditkarte.[2]
Ein funktionaler Schwerpunkt liegt auf eigens entwickelten Zahlmethoden wie dem Rechnungskauf und der Ratenzahlung, die unter fremdem Markennamen (White Label) angeboten werden.[1] Über spezialisierte Einheiten übernimmt das Institut für den Händler die Bonitätsprüfung der Endkunden in Echtzeit sowie das vollständige Ausfallrisiko. Durch diese Zahlungsgarantie erhält der Händler den Gegenwert einer Transaktion unmittelbar nach der Abrechnung, unabhängig vom tatsächlichen Zahlungszeitpunkt des Endverbrauchers.[1]
Infolgedessen verhängte die BaFin im August 2022 ein Bußgeld und ein vorübergehendes Verbot der Annahme von Neukunden gegen die Unzer E-Com. Zudem wurde ein Sonderbeauftragter bestellt, um die Umsetzung der angeordneten Maßnahmen zu überwachen.[21][23]
Nach Verbesserungen wurde die Maßnahme im Oktober 2024 vollständig aufgehoben.[24]
2025 gerieten mehrere deutsche Zahlungsdienstleister in die Schlagzeilen, darunter auch Unzer.[25] Das Bundeskriminalamt und die Landeszentralstelle Cybercrime der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz untersuchten ein internationales Betrugsnetzwerk, das zwischen 2016 und 2021 die Infrastruktur mehrerer Zahlungsdienstleister für Abrechnungen zu fiktiven Abonnements genutzt haben soll.[26][27] Unter den mehr als 40 Beschuldigten ist auch der ehemalige Gründer von Heidelpay.[25][27]