Hans André

Hans Maximilian André (* 24. März 1891 in Kaiserslautern; † 26. Juli 1966 in Bonn) war ein deutscher Biologe, Botaniker, Naturphilosoph und Hochschullehrer.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Herkunft und Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hans Andrés Jugend und Ausbildung vollzogen sich in Kaiserslautern, einer Stadt im damaligen Königreich Bayern. Seine intellektuelle Prägung fiel in die Epoche des Deutschen Kaiserreichs. Dieser Zeitraum war im deutschsprachigen Raum durch eine fortschreitende Industrialisierung sowie einen signifikanten Aufschwung in den Naturwissenschaften und der Technik charakterisiert. Das von wissenschaftlicher Dynamik geprägte gesellschaftliche Klima dieses Zeitalters übte einen nachhaltigen Einfluss auf die Ausrichtung seiner späteren akademischen Laufbahn aus.
Das Studium der Biologie absolvierte André an den Universitäten München, Heidelberg und Würzburg. Seine Studienzeit an der Universität Würzburg umfasste die Jahre 1911 bis 1914. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 führte zu einer Unterbrechung des Studiums. Über die Aktivitäten Andrés in den Jahren 1914 bis 1918 liegen in den verfügbaren Quellen keine detaillierten Angaben vor. Nach dem Kriegsende und dem Systemwechsel nahm er das Studium an der Universität Würzburg wieder auf.
Promotion und frühe wissenschaftliche Arbeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1919 wurde André an der Universität Würzburg promoviert. Seine pflanzenphysiologische Dissertation befasste sich mit den Steuerungsprozessen pflanzlichen Wachstums und erschien 1920 in Jena unter dem Titel Über die Ursachen des periodischen Dickenwachstums des Stammes. Die Arbeit fügte sich in den zeitgenössischen Forschungsschwerpunkt der botanischen Wissenschaft ein, der sich intensiv der Analyse von pflanzlichen Entwicklungsprozessen widmete. Das periodische Dickenwachstum des Stammes, welches die Entstehung von Jahresringen bedingt, stellte einen zentralen Untersuchungsgegenstand der Pflanzenphysiologie dar. Die Forschung konzentrierte sich auf die Steuerungsfaktoren dieses rhythmischen Prozesses, insbesondere auf das Verhältnis zwischen exogenen Einflüssen – wie Temperatur, Feuchtigkeit und Photoperiode – und endogenen, pflanzeninternen Rhythmen. Die Analyse dieses Zusammenspiels von Umweltfaktoren und internen Regulierungsmechanismen besaß neben dem theoretischen Erkenntniswert auch Relevanz für angewandte Bereiche der Forst- und Landwirtschaft.
Zeitlich fiel die Entstehung der Dissertation in eine Phase theoriegeschichtlicher Transformationen innerhalb der Biologie des frühen 20. Jahrhunderts. Die Disziplin war von der Kontroverse zwischen mechanistischen und vitalistischen Erklärungsmodellen geprägt. Während die mechanistische Strömung biologische Vorgänge auf physikalisch-chemische Gesetzmäßigkeiten reduzierte, postulierte die vitalistische Gegenposition eine Eigengesetzlichkeit des Lebendigen durch spezifische Lebenskräfte. Diese theoretischen Debatten bildeten den Rahmen für die nachfolgende naturphilosophische Entwicklung Andrés; seit dieser Zeit stand er in Verbindung mit dem Entomologen Erich Wasmann.[1]
Tätigkeit in Köln und Habilitation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Promotion war André von 1925 bis 1929 als Assistent am Botanischen Institut der Universität zu Köln tätig. Die 1388 gegründete und 1798 aufgelöste Hochschule war 1919 neu errichtet worden und befand sich in dieser Phase im institutionellen Aufbau. Die Position am Institut ermöglichte André die Fortführung seiner experimentellen Forschungen sowie die akademische Qualifikation für den weiteren Hochschuldienst.
Im Jahr 1926 habilitierte sich André an der Universität zu Köln für das Fach Botanik und erhielt die Lehrbefugnis als Privatdozent. Seine Habilitationsschrift wurde 1932 in München unter dem Titel „Der pflanzliche Formwechsel und speziell die Baumgestaltung im Lichte der biologischen Feldtheorie, nebst Beschreibung einer Totalreparation bei der Roßkastanie“ veröffentlicht. Die Arbeit dokumentierte eine methodische Neuausrichtung innerhalb seines wissenschaftlichen Ansatzes durch die Einbeziehung feldtheoretischer Modelle. Die Schrift markierte eine Hinwendung zu theoretischen und naturphilosophischen Fragestellungen innerhalb der Biologie. Das Konzept der biologischen Feldtheorie griff zeitgenössische Diskurse der 1920er Jahre auf, die morphogenetische Entwicklungs- und Gestaltungsprozesse von Organismen mithilfe von Feldmodellen erklärten. Diese Ansätze wiesen konzeptionelle Parallelen zu vitalistischen Denkschulen auf, verzichteten jedoch auf das Postulat metaphysischer Lebenskräfte. Ihr Fokus lag stattdessen auf der begrifflichen Erfassung von Ganzheitlichkeit und Selbstorganisation lebender Systeme.
Die Untersuchung des pflanzlichen Formwechsels und der Baumgestaltung dokumentierte Andrés Fokus auf morphologische Aspekte der Botanik. Seine Forschung befasste sich mit der Genese und Modifikation pflanzlicher Strukturen im Entwicklungsverlauf sowie mit den Gesetzmäßigkeiten biologischer Regenerationsprozesse nach Gewebeschädigungen. Die in der Habilitationsschrift dokumentierte Totalreparation bei der Roßkastanie diente hierbei als empirische Fallstudie für die Ableitung umfassenderer theoretischer Modelle zur zellulären und strukturellen Regeneration.
Während seiner Tätigkeit als Privatdozent an der Universität zu Köln von 1926 bis 1929 leitete André Vorlesungen und Seminare im Fachbereich Botanik. Seine akademische Lehre war durch eine Verknüpfung von empirischer Methodik und grundlagenorientierten, theoretischen Fragestellungen der Biologie gekennzeichnet.
Professur in Braunsberg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1929 wurde André auf den Lehrstuhl für Allgemeine Biologie an der Staatlichen Akademie im ostpreußischen Braunsberg berufen. Das im Ermland gelegene Braunsberg bildete einen katholischen Bildungs- und Forschungsstandort innerhalb einer mehrheitlich protestantisch geprägten Region.
Die Berufung an die Staatliche Akademie Braunsberg markierte den Aufstieg Andrés zum ordentlichen Professor. Mit der Ausrichtung des Lehrstuhls auf Allgemeine Biologie ging die Vertretung des Fachgebiets in seiner Gesamtheit sowie der Naturphilosophie in Lehre und Forschung einher, statt einer Begrenzung auf spezielle Teildisziplinen.
Die katholische Ausrichtung der Akademie Braunsberg fiel zeitlich mit Andrés Hinwendung zum Neuthomismus in den 1920er und 1930er Jahren zusammen. Im Rahmen dieser naturphilosophischen Strömung wurde versucht, naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit der scholastischen Philosophie des Thomas von Aquin zu verbinden. Diese im katholischen Spektrum etablierte Denkrichtung zielte auf eine Synthese von moderner Naturwissenschaft und christlicher Metaphysik ab.
Die Phase in Braunsberg fiel mit dem Ende der Weimarer Republik und der Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur zusammen. André trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.070.433).
Umhabilitation nach München und weitere Tätigkeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 1932 vollzog André die Umhabilitation an die Universität München, an der er zuvor studiert hatte, wodurch seine Lehrbefugnis an diese Institution übertragen wurde. Der weitere Verlauf seiner akademischen Laufbahn nach 1932 ist in den vorliegenden Quellen nicht dokumentiert.
Neben seiner akademischen Tätigkeit fungierte André ab 1925 als Herausgeber der Buchreihe Bücher der neuen Biologie und Anthropologie. Das Programm der Reihe war auf die Vermittlung und Förderung ganzheitlicher Forschungsansätze ausgerichtet, die sich konzeptionell gegen eine rein mechanistische Biologie abgrenzten.
André stand in Verbindung zum sogenannten Spannkreis, einem interdisziplinären Netzwerk um den Wiener Soziologen und Nationalökonomen Othmar Spann. Dessen universalistische Gesellschaftslehre richtete sich gegen Individualismus sowie Materialismus und propagierte eine organische, ständisch gegliederte Gesellschaftsordnung. Zu diesem Kreis gehörten Wissenschaftler, die den Menschen nicht als isoliertes Einzelwesen sahen, sondern ganzheitliche Ansätze vertraten. Dies passte zur Methode Andrés, der sich gegen eine zerstückelte und rein maschinenhafte Sicht auf die Welt wandte.
Zudem lehrte André als Dozent am Institut für Ständewesen in Düsseldorf. Diese Einrichtung befasste sich mit der Theorie und Praxis ständischer Ordnungsvorstellungen. Das in konservativen und katholischen Kreisen der Zwischenkriegszeit vertretene Ständedenken definierte Gesellschaft als organische Gliederung von Berufs- und Sozialständen statt als Summe gleichberechtigter Individuen. Konzeptionell grenzte es sich sowohl vom liberalen Individualismus als auch vom marxistischen Klassenkampfmodell ab und zielte auf ein alternatives Modell der Gesellschaftsorganisation. In Lehrgängen und Wochenendseminaren dozierten neben Hans André unter anderem Paul Karrenbrock, Wilhelm Andreae, Erwin von Beckerath, Peter Berns, Friedrich Bülow, Ernst Ferber (1906–1944), Roman Hädelmayr, Karl Gottfried Hugelmann, Hans Riehl, Friedrich Völtzer und Wilhelm Wernet (1901–1984).
Naturphilosophie und Evolutionstheorie im Rahmen des Neuthomismus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hans André wollte zeigen, dass der christliche Glaube und die moderne Evolutionstheorie von Charles Darwin kein Widerspruch sein müssen. Er nutzte dafür den sogenannten Neuthomismus. Das ist eine Erneuerung der Philosophie von Thomas von Aquin, die Papst Leo XIII. im Jahr 1879 zur offiziellen Denkart der katholischen Kirche erklärt hatte. Das Ziel dieser Bewegung war es, die moderne Wissenschaft mit der Religion zu verbinden.
Für André war die Evolution kein zielloser, rein mechanischer Zufall, sondern ein von Gott getragener Entwicklungsweg. Er erklärte das mit zwei verschiedenen Ursachen, die perfekt zusammenarbeiten: Gott ist die Erstursache. Er steht über der Natur und greift nicht in die Biologie ein, sondern er gibt der Natur überhaupt erst die Kraft und den Raum, sich zu verändern. Die Natur wiederum ist die Zweitursache.[2] Sie handelt durch biologische Prozesse wie Auslese und Vererbung völlig eigenständig, baut aber auf dem Fundament auf, das Gott ihr schenkt. Religion und Wissenschaft sind hier also keine Gegner.
Diese spirituelle Entwicklung fasste André in zwei Grundsätzen zusammen. Das Prinzip Reichtum durch Mangel besagt, dass der Mensch und die Natur unvollkommen sind. Genau dieser Mangel und die Angewiesenheit auf Gott sind aber der Motor dafür, dass sich die Schöpfung überhaupt weiterentwickeln und an Gottes Fülle teilhaben kann. Der zweite Grundsatz, Annäherung durch Abstand, bedeutet, dass der Mensch Gott nicht dadurch ähnlich wird, dass er sich selbst für unfehlbar hält. Er kommt Gott vielmehr näher, indem er akzeptiert, dass Gott unendlich größer und ganz anders ist als er selbst. Erst durch diesen respektvollen Abstand wird eine echte Beziehung zwischen Schöpfung und Schöpfer möglich.
Die Nachkriegszeit und späte Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus lebte André in der Bundesrepublik Deutschland. Über Andrés berufliche Situation und eine mögliche neue Position in der Nachkriegszeit geben die zugänglichen Quellen keine Auskunft.
Ein Dokument aus seinen späten Jahren ist ein Brief, den André am 4. Dezember 1965 an Werner Heisenberg richtete.[3] In dem Schreiben bat André um eine Auskunft. Er bezog sich auf Äußerungen aus Heisenbergs Göttinger Vortrag zum Verhältnis von Sprache, Religion und der Unbestimmtheitsrelation.
In diesem Schreiben informierte André Heisenberg zudem über seine Erblindung, welche seine Lese- und Schreibfähigkeit einschränkte. Dennoch thematisierte er in dem Brief seine Ansichten zur Vermischung von Wissensdisziplinen, wie sie auch in Heisenbergs Publikationen angesprochen wurde, und strebte weiterhin eine Verbindung von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und metaphysischer Reflexion an.
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Über die Ursachen des periodischen Dickenwachstums des Stammes. In: Zeitschrift für Botanik, 12. Jahrgang, Heft 4. Jena, 1920. S. 177–218 (Digitalisat).
- Die Kirche als Keimzelle der Weltvergöttlichung: Ein Ordnungsbauriss im Lichte biologischer Betrachtung. Leipzig, 1921.
- Die Seele in der modernen Lebenswissenschaft und die Wiedergeburt der scholastisch-aristotelischen Biologie. München, 1922.
- Religiös-sittliche Normen als organische Lebensgesetze. Paderborn, 1922.
- Über künstliche Blatt- und Blütenmetamorphoses bei der Schneebeere. 1927.
- Hans André, Frederik Jacobus Johannes Buytendijk: Vues sur la psychologie animale. 1930.
- Die Einheit der Natur: eine biologische und naturphilosophische Untersuchung. 1931.
- Urbild und Ursache in der Biologie. München und Berlin, 1931 (Digitalisat).
- Der pflanzliche Formwechsel und speziell die Baumgestaltung im Lichte der biologischen Feldtheorie: Nebst Beschreibg einer Totalreparation bei der Roßkastanie. Oldenburg, 1932.
- Hans André, Armin Müller (1888–1967)[4], Edgar Dacqué: Deutsche Naturanschauung als Deutung des Lebendigen. München und Berlin, 1935 (Digitalisat).
- Die dreieinige Selbstüberschreitung als Urprozess alles Lebendigen. In: Staatliche Akademie zu Braunsberg Personal- und Vorlesungs-Verzeichnis Wintersemester 1935/36 und Sommersemester 1936 Königsberg, 1935. S. 1–71 (Digitalisat).
- Die Polarität der Pflanze als Schlüssel zur Lösung des Generationswechselproblems. 1938.
- Dialektik des Lebendigen. Gumbinnen: Bibliothek der Staatlichen Akademie Braunsberg, 1941.
- Vom Sinnreich des Lebens: Eine Ontologie gläubiger Wurzelfassung. Salzburg, 1952.
- Annäherung durch Abstand: Der Begegnungsweg der Schöpfung. Salzburg, 1955.
- Wunderbare Wirklichkeit-Majestät des Seins. Salzburg, 1955.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gustav Siewerth: André's Philosophie des Lebens. 1959.
- Gustav Siewerth: Zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Hans André.1961.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hans André. In: Galerie der Professorinnen und Professoren der Universität zu Köln.
- Hans André. In: Rheinland-Pfälzische Personendatenbank.
- Hans André. In: Soziologie in Österreich.
- Hans André. In: Deutsche Digitale Bibliothek.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Lexikon für Theologie und Kirche: Thomaschristen bis Žytomyr. Herder, 1993, ISBN 978-3-451-22001-2 (google.de [abgerufen am 19. Juni 2026]).
- ↑ Markus Enders, Holger Zaborowski: Jahrbuch für Religionsphilosophie. Verlag Karl Alber, 2021, ISBN 978-3-495-82537-2 (google.de [abgerufen am 19. Juni 2026]).
- ↑ Brief von Hans André an Werner Heisenberg, 04.12.1965 . In: Kalliope | Verbundkatalog für Archiv- und archivähnliche Bestände und nationales Nachweisinstrument für Nachlässe und Autographen. Abgerufen am 19. Juni 2026.
- ↑ Soziologie in Österreich: Armin Müller (1888–1967). Abgerufen am 19. Juni 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | André, Hans |
| ALTERNATIVNAMEN | André, Hans Maximilian (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Biologe, Botaniker, Naturphilosoph und Hochschullehrer |
| GEBURTSDATUM | 24. März 1891 |
| GEBURTSORT | Kaiserslautern |
| STERBEDATUM | 26. Juli 1966 |
| STERBEORT | Bonn |