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Gebildbrot

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„Klausenmann“ (heiliger Nikolaus) aus Oberschwaben
Martinsgans als Hefeteiggebildbrot

Gebildbrot, auch Gebildebrot, Sinn- oder Bildergebäck ist ein Brot oder Gebäck in Form von figürlichen Darstellungen, wie beispielsweise Mensch, Hase, Vogel und andere, oder kunstvolle Teigflechtungen.[1] Es sind Gebäcke, die zu Festen des Kirchen- oder des Bauernjahres in bestimmten Formen hergestellt und verzehrt werden.

Gebildbrot wird an den Tagen verschenkt und gegessen, die zu dem versinnbildlichten oder dem kalendarischen Anlass in Beziehung stehen.

Sie werden von Hand geformt oder in Modeln hergestellt und können aus unterschiedlichen Teigen wie Brotteig, aber auch Semmel- oder Lebkuchenteig gebacken werden.[2]

Galizischer Lebkuchen

Den Begriff Gebildbrot prägte der Historiker und Volkskundler Ernst Ludwig Rochholz (1809–1892), neben ihm dann Christian August Lobeck, der in seinem Pemmatologia sacra neben antiken Sakralgebäcken auch viele deutsche Gebildbrote vergleichend behandelte.[3] Max Höfler (1848–1914) gilt mit seinen zahlreichen Werken und Abhandlungen als maßgeblicher Sammler und Deuter der deutschen Gebildbrote, doch wird ihm vorgehalten, dass er hinter jedem Gebildbrot einen Seelen- oder Totenkult vermutet (Beispiel Brezel).[3] Auch die Populärliteratur verbreitet seit je viele haltlose Kombinationen, die oft genug einfach nur der Laune eines Bäckers entsprungen sein können.[3] In der Deutung nordischer Gebildbrote hat sich der schwedische Volkskundler Nils Edvard Hammarstedt (1861–1939) verdient gemacht.[3]

Das 1974 erschienene Wörterbuch der deutschen Volkskunde zeigt sich gegenüber solchen Meinungen der „Populärmythologen des 19. Jahrhunderts“ kritisch, obwohl es diese ausführlich referiert. Eher müsse mit dem „persönlichen Bildnertrieb des Herstellers und mit Bäckerlaunen“ oder den Erfordernissen des Backvorgangs (Durchlöcherung, Aufspaltung) gerechnet werden.[4] Wenngleich einige Gebildbrote auf ein hohes Alter dieses Brauches deuten, ist der Beweis für die Existenz von Gebildbroten bei den vorchristlichen Germanen aus Mangel an Zeugnissen nur schwer zu erbringen.[5] Höfler sah in einer Stelle von Eligius (Nullus in calendis Jan. nefanda aut ridiculosa, vetulas aut cervulos aut iotticos alias ulerioticas faciat, neque mensas super noctem companat neque strenas aut bibitiones superfluas exerceat) den ältesten Beleg für Neujahr-Gebildbrote, indem er jotticos zu jota/jutta stellte (für Diefenbach hat es die Bedeutung warmmûs, broth, muos).[5] Höfler verstand also diese Stelle als Verbot, zu Neujahr Gebildbrote in Form eines Hirsches oder Kalbes zu backen. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Stelle auf die belegte Sitte der Tierverkleidungen bezieht und iotticos meint demnach Possenreißer.[5] Als Zeugnis zu jung ist der Bericht der Fridthiofssaga, die besagt, dass die Heiden Götterbilder buken, während die von Ekkehard von St. Gallen in den Benedictiones ad mensas erwähnten Gebildbroten auf Klostergebäcke antik-italienischer Herkunft deuten.[5] Es bleibt allein die Bemerkung Bedas im Zusammenhang mit den Monatsnamen der Angeln: Sol- monath / Februar / dici potest mensis placentarum, quas in eo diis suis offerebant. Wenngleich die Zeugnisse dürftig sind, lassen die späteren teils jahreszeitlich, teils landschaftlich gebundenen Backwerksformen und der altertümliche Charakter einiger von ihnen doch die Vermutung zu, dass die Sitte des Gebildbrotes den Germanen nicht fremd war.[5]

Ernst Burgstaller (1906–2000) listete für den Österreichischen Volkskundeatlas die folgenden Brauchgebäcke auf:

  • Fastenzeit: Fastenbreze, Palmbreze – die Bezeichnung Brezel (von lat. bracellum) soll an die mönchische Gebetshaltung der verschränkten Arme erinnern
  • Ostern: Osterfleck, Osterstriezel, Osterkipfel, Osterbreze, Osterweihbrote
  • Allerseelen: Allerseelenstriezel, Allerseelenzopf, Seele
  • Weiteres Gebäck in Form von Hirschen (zu Allerseelen, Nikolaus, Weihnachten, Ostern und Pfingsten), Hähnen und Hennen.

In frühen Formen des Leichenschmauses wurden mit Gewürzen bestreute Gebildebrote bei Begräbnissen verzehrt, um böse Geister abzuwehren.[6]

Der Karawai ist das althergebrachte Brot, das beim traditionellen Erntefest in Belarus angebrochen wird, nachdem die Frauen mit einer Sichel die ersten Getreidehalme geschnitten haben.

Der Künstler Hermann Josef Hack nutzt Gebildbrote in seinen sogenannten Weckmanndemos der Brote Armee Fraktion, indem er die Weckmannfiguren mit sozialpolitischen Botschaften in Szene setzt.

Bekannte Gebildbrote

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Osterhase aus Hefeteig
Osterlamm aus Rührteig in Backform
Gebäck (Kenkentjüch) am friesischen Jöölboom
  • Brezel in vielen Ausführungen
  • Zopf (z. B. als Hefezopf)
  • Couque de Dinant: Gebildelebkuchengebäck aus Belgien, Vorläufer der Aachener Printen
  • Lebkuchenherzen
  • Christbaumschmuck: Engel, Sterne, Mond und ähnliches aus Lebkuchenteig oder Salzteig
  • Dresdner Christstollen
  • Frankfurter Stutzweck
  • Kenkentjüch, Gebildgebäck am nordfriesischen Jöölboom
  • Neujahrsgebäck (z. B. Neujahrsbopp)
  • Agathabrot oder Agathabrötchen zum Fest der hl. Agatha am 5. Februar
  • Osterbrote
  • Osterlamm mit Siegesfahne
  • Reutlinger Mutschel
  • die Hefeteigfiguren wie Stutenkerl, Weckmann, Klausenmann oder Grättimaa genannt; auch als Johannismandl zum Fest der Geburt des hl. Johannes des Täufers üblich
  • Zuckermännle; Honigkuchenteig aus Sachsen
  • Schöderer Vögel (in Erinnerung an die Wiederkehr der Vögel nach der Pestzeit) werden am 1. Mai in Schöder (Steiermark) gebacken
  • Reformationsbrötchen
  • die tschechische oder polnische Kolatsche, die bei der Hochzeit dem Brautpaar als Geschenk gereicht wurde
  • Bubenschenkel (unterschiedliche, aber symmetrische Formen ohne Rosinen, in Mainz, Aschaffenburg, Steinfurth, Gelnhausen)
  • Fieze-Weck (zwei zusammengebackene Brötchen aus süßem Teig, Aschaffenburg)
  • Inge Carius: Gebildbrot. Brauchtum im Jahres- und Lebenslauf. Langewiesche, Königstein 1986, ISBN 3-7845-6260-4.
  • Hans Jürgen Hansen (Hrsg.): Kunstgeschichte des Backwerks. Geschichte und Entwicklung der Gebäckarten und ihrer Formen. Stalling Verlag, Hamburg / Oldenburg 1968, S. 31–42.
  • Max Höfler: Ostergebäcke. Eine vergleichende Studie der Gebildbrote zur Osterzeit (Zeitschrift für österreichische Volkskunde. Supplement-Heft IV zum XII. Jahrgang 1906). Verlag des Vereines für österr. Volkskunde, Wien 1906.

Einzelnachweise

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  1. ↑ IREKS-Arkady-Institut für Bäckereiwissenschaft (Hrsg.): IREKS-ABC der Bäckerei. 4. Auflage. Institut für Bäckereiwissenschaft, Kulmbach 1985.
  2. ↑ Claus Schünemann, Günter Treu: Technologie der Backwarenherstellung: fachkundliches Lehrbuch für Bäcker und Bäckerinnen. Gildebuchverlag GmbH, 2002, ISBN 978-3-7734-0150-2, S. 114 (google.de [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  3. 1 2 3 4 Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Bächtold-Stäubli: Handwörterbuch zur deutschen Volkskunde - Aberglaube. Hrsg.: Verband deutscher Vereine für Volkskunde. Band 3. Walter de Gruyter, 2019, ISBN 978-3-11-135469-9, Sp. 374–375 (google.de [abgerufen am 24. Oktober 2026]).
  4. ↑ Beitl: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974, S. 259; Katalog Schweizerisches Museum für Brot und Gebäck, Luzern o. J. (Begriff stammt von Rochholz) S. 6.
  5. 1 2 3 4 5 Holger Homann: Der Indiculus superstitionum et paganiarum und verwandte Denkmäler. Georg-August-Universität, 1965, S. 130–131 (Dissertation).
  6. ↑ Manfred Heim: Von Ablaß bis Zölibat: Kleines Lexikon der Kirchengeschichte. München 2008, S. 265.