Gallus Anonymus
Gallus Anonymus († nach 1116) war ein Benediktinermönch und Chronist, dessen wirklicher Name und Herkunft unbekannt sind. Er ist der Verfasser einer dreibändigen Chronik der polnischen Geschichte bis 1113.
Herkunft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einigkeit besteht in der Forschung nur darin, dass Gallus Anonymus kein Pole war.[1] Der Posener Mediävist Tomasz Jasiński (* 1951) hat die These einer italienisch-venezianischen Herkunft aufgestellt.[2] Aufgrund von Ausbildung, Rezeption anderer in Bamberg liegender Werke in der Chronik wurde von Johannes Fried auch die These vertreten, dass Gallus aus Bamberg stammte, vielleicht sogar Bischof Otto von Bamberg selbst war.[3] Weitere Theorien zu seiner Herkunft waren Nordfrankreich, das Rhein-Maas-Gebiet (Lüttich), Südfrankreich und Ungarn (Somogy). Gelegentlich wurde auch vermutet, er sei Böhme oder Italiener. In der Chronik finden sich jedoch keine Hinweise auf die Nationalität des Autors.[4]
Auch die Ausbildungsorte des Anonymus werden diskutiert und die Umstände, die ihn in das piastische Polen führten.[5] Ein Großteil der Wissenschaftler vermutet, dass er kurz vor der Abfassung seiner Chronik nach Polen kam.[6]
Chronik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit der lateinischen Cronica et gesta ducum sive principum Polonorum verfasste Gallus Anonymus die erste Überlieferung, die sich mit der Geschichte des polnischen Herzogtums beschäftigte. Für seine Darstellung verwendete Gallus nicht mehr erhaltene polnische Annalen und eine verlorene Adalbert-Vita, er zog jedoch keine Urkunden heran. Besonders wichtig muss für seine Berichte die mündliche Überlieferung am Hof gewesen sein.[7]
Das Buch ist in der Zeit Bolesław Schiefmunds etwa vor dem Jahr 1115/1116 entstanden und stellt eine legitimierende und rechtfertigende Schrift für die polnischen Herzöge dar. Es entstand dabei während des Machtkampfs zwischen dem polnischen Herzog Bolesław III. und seinem älteren Halbbruder Zbigniew. Der Bruderkampf endete mit der Gefangennahme und Blendung Zbigniews, die bei dessen Anhängern heftige Kritik hervorrief. Um diese Krise zu bewältigen, schien eine Geschichtsdarstellung nützlich, die die Taten Bolesławs beschönigte und so die weitere Herrschaft im Land stabilisieren würde.[8]
Die Herrscher der Piasten bilden den Mittelpunkt der Darstellung. Dabei vertritt Gallus Anonymus die Auffassung, die Macht des Piastengeschlechts sei gottgewollt. Die Chronik will die Großtaten Bolesław Schiefmunds und seiner Vorfahren zeigen. Gegenüber dem Kaiserreich akzeptiert der Chronist eine Unterordnung Polens, solange sich der Reichsherrscher nicht in die inneren Angelegenheiten Polens einmischte.[9]
Die Chronik ist die wichtigste Überlieferung des hochmittelalterlichen Polen. Das Werk besteht aus drei Büchern und umfasst einen Berichtszeitraum von 250 Jahren. Buch I beginnt mit der mythischen Frühzeit Polens und berichtet über die wichtigsten Taten der Herrscher bis zum Geburtsjahr von Bolesław III. 1085. Buch II ist ausführlicher und behandelt die Zeit von 1086 bis 1109, Buch III konzentriert sich auf die Geschehnisse von 1109 bis 1113. Die Darstellung endet mit der Schilderung der Eroberung des pommeranischen Kastells Nakło an der Netze. Jeder der drei Teile hat eine Vorrede in Form eines Widmungsbriefes und einen gereimten Epilog. Das historiographische Werk bietet bis in das zweite Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts oft die einzige Darstellung der Originalnachrichten zur frühpiastischen Geschichte.
Erst 1551 schrieb Marcin Bielski die Geschichte Polens in polnischer Sprache. Ebenfalls im 16. Jahrhundert trug Marcin Kromer den Namen Gallus in die sogenannte „Heilsberger Handschrift“ ein. Dieser Name sollte die französische Herkunft betonen. 1749 wurde von Gottfried Lengnich, dem Herausgeber der ersten Edition, die Bezeichnung Gallus als Autor gedeutet, so dass sich der Name in der Wissenschaft behauptete.
In der jüngeren Forschung dominieren besonders die Fragen nach der Herkunft des Chronisten, nach seinen Quellen und literarischen Vorbildern und nach der politischen Funktion und Wirkungsweise des Textes.[10]
Werkausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Galli Anonymi cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum (= Monumenta Poloniae Historica N. S. 2). Herausgegeben von Karol Maleczynski. Krakau 1952.
- Polens Anfänge – Gallus Anonymus: Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef Bujnoch. Graz u. a. 1978, ISBN 3-222-10554-5.
- Gesta principum Polonorum. The deeds of the princes of the Poles (= Central European medieval texts. Bd. 3). Herausgegeben von Paul W. Knoll und Frank Schaer. Budapest 2003, ISBN 963-9241-40-7.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Johannes Fried: Kam der Gallus Anonymus aus Bamberg? In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Bd. 65 (2009), S. 497–545. (Digitalisat)
- Gerard Labuda: Gallus Anonymus. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 4. Artemis & Winkler, München/Zürich 1989, ISBN 3-7608-8904-2, Sp. 1099.
- Eduard Mühle: Cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum. Neue Forschungen zum so genannten Gallus Anonymus. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Bd. 65 (2009), S. 459–496 (Digitalisat).
- Eduard Mühle: Neue Vorschläge zur Herkunft des Gallus Anonymus und zur Deutung seiner Chronik. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung, Bd. 60 (2011) S. 267–285 (Digitalisat).
- Andrzej Pleszczyński: Das Reich und das Verhältnis des Piastenstaates zu ihm im Urteil der Chronik des sogenannten Gallus Anonymus. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 43 (2009), S. 297–314.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gallus Anonymus in der Bibliotheca Augustana
- Bericht von H-Soz-u-Kult über das Exzellenzcluster „Religion und Politik in der Vormoderne und Moderne“ und dem Workshop „Die Chronik des Gallus Anonymus im Kontext zeitgenössischer Narrativität“
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Eduard Mühle: Cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum. Neue Forschungen zum so genannten Gallus Anonymus. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Bd. 65 (2009), S. 459–496, hier: S. 464. (Digitalisat)
- ↑ Tomasz Jasinski: O pochodzeniu Galla Anonima. Krakau 2008.
- ↑ Johannes Fried: Kam der Gallus Anonymus aus Bamberg? In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Bd. 65 (2009), S. 497–545, bes. 520 (Digitalisat).
- ↑ Monika Murawska: Königtum und Adel bei Gallus Anonymus. In: Jürgen Sarnowsky (Hrsg.): Bilder - Wahrnehmungen - Vorstellungen. Neue Forschungen zur Historiographie des hohen und späten Mittelalters. Göttingen 2007, S. 77–95, hier: S. 81.
- ↑ Die wichtigsten Forschungsmeinungen zur Herkunft sammelt: Eduard Mühle: Cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum. Neue Forschungen zum so genannten Gallus Anonymus. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Bd. 65 (2009), S. 459–496. (Digitalisat) Eduard Mühle: Neue Vorschläge zur Herkunft des Gallus Anonymus und zur Deutung seiner Chronik. In: Zeitschrift für Ostforschung, Bd. 60 (2011) S. 267–285 (online)
- ↑ Monika Murawska: Königtum und Adel bei Gallus Anonymus. In: Jürgen Sarnowsky (Hrsg.): Bilder - Wahrnehmungen - Vorstellungen. Neue Forschungen zur Historiographie des hohen und späten Mittelalters. Göttingen 2007, S. 77–95, hier: S. 82.
- ↑ Anna Aurast: „Nachbarn“ als Fremde?: „Nationale“ Abgrenzung in der Vorstellungswelt von Gallus Anonymos und Cosmas von Prag. In: Jürgen Sarnowsky (Hrsg.): Bilder – Wahrnehmungen – Vorstellungen. Neue Forschungen zur Historiographie des hohen und späten Mittelalters. Göttingen 2007, S. 55–75, hier: S. 57.
- ↑ Anna Aurast: Gäste, Fremde, Feinde. Fremdbilder in der Chronik des Gallus Anonymus. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 43 (2009), S. 439–452, hier: S. 442.
- ↑ Andrzej Pleszczyński: Das Reich und das Verhältnis des Piastenstaates zu ihm im Urteil der Chronik des sogenannten Gallus Anonymus. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 43 (2009), S. 297–314, hier: S. 306–309.
- ↑ Eduard Mühle: Cronicae et gesta ducum sive principum Polonorum. Neue Forschungen zum so genannten Gallus Anonymus. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Bd. 65 (2009), S. 459–496, hier: S. 463 (Digitalisat)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gallus Anonymus |
| KURZBESCHREIBUNG | Benediktinermönch |
| GEBURTSDATUM | 11. Jahrhundert |
| STERBEDATUM | nach 1116 |