Fraud Factory




Als Fraud Factory auch Fraud Park oder Scam Factory, Deutsch Betrugsfabrik oder Scam Fabrik bezeichnet man ein Gelände oder einen Apartmentblock, wo Online-Betrügereien (Scams) systematisch und koordiniert durchgeführt werden. Mit gut 220.000 Zwangsarbeitern aus über 100 Nationen sind Fraud Factories eines der größten Phänomene moderner Sklaverei weltweit.[1]
Vorkommen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fraud Factories findet man besonders in Kambodscha, Laos und Myanmar, meist im Grenzgebiet zu Thailand und China. Sie werden meistens von chinesischen Triaden kontrolliert. Viele Personen, welche dort arbeiten, werden zur Arbeit gezwungen. Sie wurden Opfer von Menschenhandel. Die Vereinten Nationen schätzen, dass allein in Kambodscha 2023 mindestens 100.000 Personen in solchen Fabriken festgehalten werden; in Myanmar sollen es 120.000 sein.[2] Der Begriff Fraud Factory wurde zuerst vom Sydney Morning Herald in einem Artikel am 22. August 2022 verwendet.[3]
Die betroffenen Personen werden illegal über die Grenze nach Laos, Kambodscha oder Myanmar gebracht. Die meisten Betroffenen werden online angeworben. Meist wird ihnen ein lukrativer Arbeitsplatz in Städten wie Bangkok, Thailand angeboten. Sie werden am Flughafen abgeholt. Von dort werden sie per Minibus oder Taxi in grenznahe Städte wie Mae Sot gefahren, wo ein illegaler Grenzübertritt stattfindet. Durch die illegale Ausreise stecken die Personen in einem Dilemma. Eine Wiedereinreise nach Thailand ist oftmals nur schwer möglich, da der Grenzübertritt illegal erfolgte. Ihr Aufenthalt in Myanmar oder Laos ist gleichermaßen illegal. Dieses Dilemma nutzen die Syndikate aus, um die Personen zum Unterschreiben entsprechender Arbeitsverträge zu zwingen. Aber nicht alle Beschäftigten solcher Fabriken werden zu solchen Arbeiten gezwungen. Einige machen es freiwillig und werden meist als Supervisor oder Gruppenführer eingesetzt.
In Myanmar befinden sich Fraud Factories vorwiegend in jenen Regionen des Landes, welche nicht von der Zentralregierung kontrolliert werden, bzw. deren Kontrolle örtlichen Milizen anvertraut worden sind. Als Beispiel mögen die Fraud Factories Shwe Kokko und KK Park dienen, welche von der myanmarischen Border Guard Force (BGF) kontrolliert wurden. Aber auch im Grenzgebiet zu China befanden sich Fraud Factories. Als Beispiel mögen Kokang und Mong La dienen.[2] In der Golden Triangle Special Economic Zone in Laos sollen auch Fraud Factories ihren Sitz haben.[2] In Kambodscha sollen sich Fraud Factories in Poipet und Sihanoukville befunden haben. Die kambodschanischen Behörden gingen aber in den letzten Jahren massiv gegen diese vor, sodass viele nach Myanmar umzogen.
Kriminelles Vorgehen und Gegenmaßnahmen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Vorgehensweisen in den Fabriken ähneln sich. Die Mitarbeiter nehmen Kontakt via Soziale Medien zu ihren Opfern auf und bauen ein Vertrauensverhältnis zu diesen auf. Danach bieten sie den Opfern sichere Investionsmöglichkeiten wie das Spekulieren in Cryptowährungen an. Oftmals kommen geklonte Apps zum Einsatz, die einer bekannten App ähneln. Am Anfang werden Gewinne ausgeschüttet; nachdem das Opfer genügend Geld investiert hat, werden die Konten geschlossen. Die Opfer werden aber auch auf Glücksspielseiten geködert.
In der Vergangenheit wurde wenig gegen diese Fraud Factories unternommen. Erst in letzter Zeit (2024) wurden Regierungen aktiv. So geht die chinesische Regierung massiv gegen diese vor. In diesem Zusammenhang muss man die Operation 1027 sehen, da besonders chinesische Bürger von den Betrügereien betroffen waren. Die thailändische Polizei startete 2023 eine Kampagne, um auf das Problem aufmerksam zu machen. 2023 sperrte die thailändische Provincial Electricity Authority den Strom für mehrere Fraud Factories.[4] Offiziell können die wenigsten Regierungen ihren betroffenen Bürgern helfen, da sich die Personen in Gebieten befinden, wo selbst die betroffenen Staaten wenig Einfluss haben. Es gibt Hilfsorganisationen wie Global Alms, welche versuchen, den in Not geratenen Mitarbeitern der Fraud Factories zu helfen.
In vielen Fraud Factories werden Mitarbeitende wie Sklaven gehalten. Sie müssen bis zu 16 Stunden am Tag Kontakt zu ihren Opfern via Soziale Medien halten. Quoten werden gesetzt, und werden diese nicht erfüllt, werden die Mitarbeiter verprügelt, gefoltert oder sogar getötet. Viele Fraud Factories sind oftmals wie Gefängnisse oder Kasernen aufgebaut mit bewaffneten Wachmannschaften.[5] So sollen in Kokang mehrere Mitarbeiter einer Fraud Factory mit Namen Crouching Tiger Villa erschossen worden sein, nachdem sie versucht hatten zu flüchten.[6]
Nach dem frühere Versuche zur Unterbrechung von Kommunikations- und Versorgungswegen ohne Erfolg blieben, bombardierte die Armee Myanmars im Oktober 2025 den Industriepark KK Park. In Folge soll über 7.000 Zwangsarbeitern die Flucht gelungen sein.[7] Die Angriffe trafen jedoch keine Kerninfrastruktur der Scam-Industrie der Stadt, die zum Zeitpunkt unter Kontrolle der verbündeten BGF gestanden haben soll, sodass Kritiker von einer abgesprochenen PR-Maßnahme zugunsten der burmesischen Junta ausgehen.[8]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Mai 2025 bezeichneten die UN-Sonderberichterstatter für Kambodscha, zu Menschenhandel und zur Sklaverei die Fraud Factories in einer gemeinsamen Stellungnahme als „Menschenrechtskrise“.[9] Interpol weist darauf hin, dass ‚künstliche Intelligenz‘ sowohl die Anwerbung als auch den Online-Betrug massiv beschleunige, weshalb massiv mit entsprechenden Methoden experimentiert werde.[10]
Kritiker kontextualisieren die privat oder durch organisierte Kriminalität betriebenen Städte und Industrieparks mit dem Konzept rechtslibertärer Sonderwirtschaftszonen wie Charter Cities und ZEDE. Genau wie die Sonderwirtschaftszone Shenzhen zum Symbol ökonomischen Fortschritts geworden sei, zeigten Fraud Factories „was passiert, wenn außerstaatliche Autonomie zu krimineller Infrastruktur wird.“ „Juristische Autonomie, technologische Experimente und regulatorische Flexibilität“ machten die Zonen natürlich zu einem „fruchtbaren Boden für Missbrauch“.[11]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Khesrau Behroz et al.: House of Scam. Sechsteiliger Podcast. rbb/NDR/Undone 2025.
- Khesrau Behroz et al.: War on Scam. Fortsetzung der Podcast-Reihe. rbb/NDR/Undone 2025.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Lauren Burke Preputnik, Julia Dickson, Aly Senko, Andrew Friedman: Cyber Scamming Goes Global: Sourcing Forced Labor for Fraud Factories. Center for Strategic and International Studies, 12. Dezember 2024 (csis.org [abgerufen am 18. November 2025]).
- ↑ a b c Online Scam Operations And Trafficking Into Forced Criminality In Southeast Asia: Recommendations For A Human Rights Response. (PDF) In: Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights. 2023, S. 7, archiviert vom am 19. Juli 2024; abgerufen am 7. September 2024 (englisch).
- ↑ The online scammer targeting you could be trapped in a South-East Asian fraud factory. In: The Sydney Morning Herald. (Paywall)
- ↑ Sebastian Strangio: Thailand Cuts Power Supply to Criminal Hub After Request From Military Junta. In: The Diplomat, 7. Juni 2023.
- ↑ Lewis Sanders IV et al.: How Chinese mafia are running a scam factory in Myanmar. In: Deutsche Welle, 30. Januar 2024.
- ↑ Jonathan Head: The Chinese mafia's downfall in a lawless casino town. In: BBC, 23. November 2023.
- ↑ Daniel Sokolov: Myanmar: Zwangsarbeitslager für Online-Betrug wird bombardiert. In: heise online. 28. Oktober 2025, abgerufen am 18. November 2025.
- ↑ Podcast: War on Scam: Teil 2. In: ARD Mediathek. rbb/NDR/Undone, 11. Dezember 2025, abgerufen am 18. Dezember 2025.
- ↑ Scam centres are a ‘human rights crisis’, independent experts warn. In: UN News. United Nations, 21. Mai 2025, abgerufen am 18. November 2025 (englisch).
- ↑ INTERPOL releases new information on globalization of scam centres. Abgerufen am 18. November 2025 (englisch).
- ↑ Tianyu M. Fang: Scam Cities. In: Asterisk. Oktober 2025, abgerufen am 18. November 2025 (englisch).