Essighaus


Das Essighaus (auch Esich-Haus) in der Langenstraße in Bremen war ein prächtiges Giebelhaus im Stil der Weserrenaissance. Es wurde im Zweiten Weltkrieg bis auf das Erdgeschoss zerstört und 1956 teilweise rekonstruiert.
Das Gebäude steht seit 1917/1973 unter Bremer Denkmalschutz.[1]
Im Juli 2022 begannen die Abbrucharbeiten des Essighauses. Die historischen Bauteile des Erdgeschosses wurden gesichert und in das im Rahmen des Balgequartiers errichtete Neue Essighaus integriert.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vorkriegszeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Essighaus wurde 1618 im Auftrag der Kaufmannsfamilie Esich als schmales, aber prachtvolles Patrizierhaus in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadtwaage vom Lemgoer Baumeister Ernst Crossmann errichtet.[2] Ursprünglich besaß das Haus fünf Stockwerke, eine Prunkfassade mit Skulpturen aus Obernkirchener Sandstein und einen mit Rollwerk verzierten Giebel. An der Fassade war folgender Spruch zu lesen: „Has Neit Abgunst ist gar umsunst – was Got bescheret bleibt unverweret.“
Nachdem das Gebäude lange Jahre in Kaufmannshand war, betrieb Conrad Büchner hier ab 1828 eine Bierbrauerei. Sein Nachfolger, Heinrich Rasch, richtete eine Essigfabrik ein, weshalb das Haus ab dem 19. Jahrhundert als „Essighaus“ bekannt wurde. Unter der wechselnden gewerblichen Nutzung verkam das Gebäude zusehends und sollte abgerissen werden. 1893 bewarb sich das Londoner South Kensington Museum um den Ankauf, um zumindest die Fassade zu erhalten und in England wieder zu errichten. Der Architekt Albert Dunkel bemühte sich um eine Restaurierung mit Mitteln einer Bremer Stiftung und wurde kurzzeitig selbst Eigentümer des Gebäudes, aber das Geld reichte nicht, um die Arbeit zu vollenden. 1897 sprang das Bremer Weinhandelshaus Reidemeister & Ulrichs ein und erwarb das Essighaus für 125.000 Mark[3]. Dunkel vollendete bis 1901 den Umbau des Gebäudes, in dessen Räumen das Weinlokal Alt-Bremer-Haus eröffnete, das besonders wegen seiner aufwändigen Innenausstattung Bekanntheit erlangte. 1901 wurde in diesem Lokal der Ostasiatische Verein Bremens gegründet.
Kriegszerstörung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Durch die Bombenangriffe am 5. September 1942[4] und 6. Oktober 1944 wurde das Haus mit Ausnahme des Erdgeschosses völlig zerstört.
Nachkriegszeit und Wiederaufbau (1956)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde 1947 auf den verbliebenen Fundamenten ein provisorischer Notbau errichtet, der auch Teile des Nachbarhauses Langenstraße 12 einbezog. Damit war das Grundstück frühzeitig wieder nutzbar, bevor der eigentliche Wiederaufbau begann.[5]
Beim Wiederaufbau 1956 wurden nur die Utluchten (die ebenerdigen Erker) und das Portal rekonstruiert, während die Obergeschosse neu gestaltet wurden. Der linke Giebel nach dem Vorbild des ehemaligen Caesarschen Hauses vom Domshof wurde erst 1972 im Zuge der Umgestaltung durch die Bank Martens & Weyhausen aufgesetzt, während der rechte Giebel aus Teilen der ehemaligen Sonnenapotheke von der Sögestraße bereits zuvor in den Nachkriegsbau integriert worden war. Diese beiden Giebel prägten das Erscheinungsbild des Gebäudes bis zum Abriss 2022.
1967 erwarb die Bank Martens & Weyhausen das Gebäude und wandelte Teile der Gasträume in Büroräume um. Der bisherige Pächter wechselte als gastronomischer Leiter in den Bremer Ratskeller und verstarb im selben Jahr. Im Zuge dieser Veränderungen wurden die Hausnummern der Langenstraße neu geordnet.
1968 wurde das Weinlokal aufgegeben und unter dem Namen „Löwenbräu im Essighaus“ als Bierlokal neu eröffnet. Das Lokal war im Stil der 1960er Jahre eingerichtet, mit Blasmusik und weißgescheuerten Holztischen. Später folgte die Umbenennung in „Restaurant International“.
Ab 1972 wurde das Gebäude von Banken genutzt, zuletzt ab 1985 von der Deutschen Factoring Bank.[6]
Planungsphase (2018–2022)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im August 2018 stellte der Unternehmer Christian Jacobs seine Pläne zum Umbau des Gebäudekomplexes vor, der die Vollendung der Rekonstruktion der historischen Renaissance-Fassade des Essighauses beinhaltet.[7]
Im Februar 2022 wurden überarbeitete Pläne des Neubaus vorgestellt, die auf eine Rekonstruktion verzichten.[8][9] Stattdessen sollen nur die Utluchten und das Portal in eine moderne Fassade integriert werden.
Abriss und Neubau (2022–2026)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Juli 2022 begann die Bergung der historischen Bauteile des Essighauses. Anschließend wurde der Gebäudekomplex vollständig abgerissen. Seit 2025 werden die historischen Elemente, darunter die Utluchten und das Portal, wieder in die Fassaden integriert. Die Fassadenarbeiten an der Langenstraße waren 2025 weit fortgeschritten.[10]
Der historische Giebel der ehemaligen Sonnenapotheke, der seit den 1960er‑Jahren zur Langenstraße ausgerichtet war, wurde im Zuge des Neubaus neu positioniert. Seit 2025 ist er zum Jacobshof hin orientiert.
Im Frühjahr 2026 wurden die geborgenen historischen Fassadenelemente an der Neubaufassade montiert. Im Sommer 2026 wurde der Neubau fertiggestellt; die letzten Gerüste wurden entfernt und die rekonstruierte Renaissance‑Fassade vollständig freigelegt.
Nutzungen und Eröffnungen (ab 2025)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]November 2025 eröffnete das Einzelhandelsunternehmen Dille & Kamille im Neubau, mit einem Eingang am Jacobshof. Im Mai 2026 eröffnete das Gastronomieunternehmen Beets & Roots im Neubau und ergänzte damit die bereits seit November 2025 bestehende Filiale von Dille & Kamille.[11]
Sigmund Freud und C. G. Jung im Essighaus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Essighaus fand eine für die Geschichte der Psychoanalyse bemerkenswerte Begegnung statt: Sigmund Freud und C. G. Jung hatten sich im August 1909 bei einem Besuch in Bremen auch die mumifizierten Leichen im Bleikeller angesehen. Während Freud vom Anblick der Toten abgestoßen war (und sich später in seinem Reisejournal daran anknüpfend für die Feuerbestattung aussprach), wollte Jung, als man sich anschließend im damals noch Alt-Bremer Haus genannten Lokal zu Tisch setzte, das Gespräch nachdrücklich auf den Bleikeller bringen, worüber Freud sich so aufregte, dass er in Ohnmacht fiel. Freud war überzeugt, das Insistieren Jungs bedeute, dass dieser ihm unbewusst den Tod wünsche. Jung dagegen interpretierte den Vorfall als Ausdruck einer Neurose Freuds. Die Entfremdung zwischen Freud und seinem vorübergehenden Anhänger Jung wird mit dieser Begegnung in Verbindung gebracht.[12]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen-Lexikon. 2., aktualisierte, überarbeitete und erweiterte Auflage. Edition Temmen, Bremen 2003, ISBN 3-86108-693-X.
- Rudolf Stein: Das Bürgerhaus in Bremen. Verlag Wasmuth, Tübingen 1970.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Denkmaldatenbank des LfD Bremen
- ↑ Heiner Borggrefe: Georg und Ernst Crossmann. In: Heimatland Lippe. August 2013, S. 199 (llb-detmold.de).
- ↑ Karl Löbe in: Weinstadt Bremen, Verlag Heinrich Döll & Co., Bremen 1981, Seite 140
- ↑ http://www.historic.de/Bremen_im_Krieg/Bombenangriffe/Bombenangriffe1942.htm
- ↑ Peter Strotmann: Alles Essig ohne das Essighaus. In: WK | Geschichte. 29. April 2015, abgerufen am 15. September 2026 (deutsch).
- ↑ Weser-Kurier vom 15. Januar 1996, Seite 5: „Für viele noch ein Fremdwort – Factoringbank bietet seit 1971 modernes Finanzierungsinstrument“
- ↑ Bremer Nachrichten vom 1. September 2018, Seite 19.
- ↑ Webseite: Neues Essighaus
- ↑ Was mit Essighaus und Langenstraße passieren soll, Weser Kurier vom 10. Februar 2022
- ↑ Jürgen Hinrichs: Fassadenarbeiten am Essighaus schreiten voran. In: Weser‑Kurier. 12. Dezember 2025.
- ↑ Jürgen Hinrichs: Fassade freigelegt: Das neue Essighaus ist fertig. In: Weser‑Kurier. 3. August 2026.
- ↑ Sigmund Freud: Gesammelte Werke, Bd. 8: Werke aus den Jahren 1909–1913, 8. Aufl., 1990; Anna Freud-Bernays: Eine Wienerin in New York: Die Erinnerungen der Schwester Sigmund Freuds, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2006; Dirk Strobel: Was haben Sie denn mit diesen Leichen, in: TAZ Ausgabe 7184 vom 17. 10. 2003; Peter L. Rudnytsky: Rescuing Psychoanalysis from Freud and Other Essays in Re-Vision, London: Routledge, 2011, S. 47. ISBN 978-1-78049-858-4.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bilder vom Inneren des Hauses. In: www.deutsche-factoring.de. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 28. September 2008.
- Abriss der Geschichte des Bremer Bürgerhauses (Teil 1)
- Abriss der Geschichte des Bremer Bürgerhauses (Teil 2)
- „Stadtbild Deutschland“ zur Rekonstruktion der Fassade
Koordinaten: 53° 4′ 35,4″ N, 8° 48′ 18″ O