Zum Inhalt springen

Edmund Kesting

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Edmund Kesting (* 27. Juli 1892 in Dresden; † 21. Oktober 1970 in Birkenwerder) war ein deutscher Maler, Grafiker, Fotograf und Kunstpädagoge. Er zählt zu den Vertretern der Informellen Malerei.

Der 1892 als Sohn eines Gemeindepolizeisekretärs in Dresden geborene Kesting studierte ab 1911 Malerei und Bildhauerei in seiner Heimatstadt an der Kunstgewerbeschule bei Friedrich Erich Kleinhempel, Ermenegildo Antonio Donadini und Richard Guhr. Ab 1915 setzte er sein Studium an der Akademie der bildenden Künste bei Richard Müller fort. Von 1915 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg in Frankreich teil. Anschließend setzte er sein Studium als Meisterschüler von Otto Gussmann fort.[1] 1919 gründete Kesting die private Kunstschule Der Weg – Schule für Gestaltung. Zeitweilig studierte dort u. a. Lea Langer. 1921 begegnete er Herwarth Walden und begann im Sturm mitzuarbeiten.

Seit 1920 entstanden konstruktivistische Arbeiten und Schnittcollagen. Er fertigte Ölgemälde, Aquarelle und Gouachen an. 1922 heiratete Kesting seine Schülerin Gerda Müller. Es bestanden enge Kontakte zu Avantgardekünstlern wie Kurt Schwitters, László Moholy-Nagy, El Lissitzky und Alexander Archipenko. Insbesondere Schwitters Arbeiten beeindruckten Kesting. Von 1923 an beteiligte er sich an den Ausstellungen des „Sturm“-Kreises.

Das Frühwerk als eigenständige Position der Avantgarde

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1919 entwickelte Edmund Kesting parallel zu seinem Studium in Dresden und zur Gründung seiner privaten Kunstschule Der Weg eine eigenständige künstlerische Position. In der wissenschaftlichen Dokumentation des GRASSI Museums für Angewandte Kunst Leipzig wird sein Frühwerk nicht als Zugehörigkeit zu einer einzelnen Avantgardebewegung, sondern als eigenständige, parallel verlaufende Position innerhalb der Avantgarde der frühen 1920er Jahre eingeordnet. Im Zentrum seiner Arbeiten stehen die Organisation von Raum, Material, Licht, Bewegung und Wahrnehmung sowie die Aktivierung des Sehens.[2]

Kennzeichnend für das Frühwerk sind verschränkte Leinwände, Bildbauwerke, Gouachen, Collagen, Schnittgrafiken, Hinterglasarbeiten, Materialbilder und konstruktive Kompositionen. Trotz unterschiedlicher Techniken folgen diese Arbeiten einem gemeinsamen Prinzip: Wahrnehmung soll nicht vorgegeben, sondern aktiviert werden. Im Mittelpunkt steht nicht allein das fertige Kunstwerk, sondern der durch das Werk ausgelöste Wahrnehmungsprozess des Betrachters.[2]

Kesting setzte sich mit den Entwicklungen des Expressionismus, Kubismus, Dadaismus und Konstruktivismus auseinander, ohne sich programmatisch einer dieser Richtungen anzuschließen. Während andere Avantgarden ihre Bildsprache mit formalen, gesellschaftlichen oder ideologischen Programmen verbanden, machte Kesting die Veränderung der Wahrnehmung selbst zum Gegenstand seiner Arbeit. Seine Werke verbinden Material, Raum, Licht und Bewegung zu offenen Bildsystemen, die den Sehprozess des Betrachters aktivieren.[2]

„Sieben“ (1922)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den wichtigsten Werken des Frühwerks zählt „Sieben“ (1922). Das Werk verbindet einen physisch verschränkten Bildträger mit Relief, Materialapplikationen und konstruktiven Bildelementen. Gemalte und reale Räumlichkeit, Licht, Bewegung und Material treten gleichzeitig in Erscheinung und beziehen den Betrachter unmittelbar in den Wahrnehmungsprozess ein. Die wissenschaftliche Dokumentation des GRASSI Museums beschreibt „Sieben“ als eine radikale Verdichtung des Frühwerks, in der Raum, Material, Licht, Bewegung und Zeit erstmals als geschlossenes System zusammenwirken.[3]

Der auf der Rückseite erhaltene originale Aufkleber der Berliner Galerie Der Sturm dokumentiert die zeitgenössische Verbindung des Werkes zum Umfeld Herwarth Waldens. Darüber hinaus wird „Sieben“ in Herta Weschers Standardwerk Die Collage. Geschichte eines künstlerischen Ausdrucksmittels ausführlich behandelt und im Zusammenhang der internationalen Entwicklung von Collage, Relief und konstruktiver Bildorganisation dargestellt. Kestings Werk zählt damit zu den frühen deutschen Positionen, die in diesem Standardwerk ausdrücklich berücksichtigt werden.[4]

Heute befindet sich „Sieben“ als Leihgabe in der ständigen Ausstellung des GRASSI Museums für Angewandte Kunst Leipzig und ist in der Sammlung Online des Museums mit einer wissenschaftlichen Werkanalyse veröffentlicht.[3]

Seit etwa 1925 beschäftigte er sich intensiver mit der Fotografie. Er erprobte experimentelle Fototechniken wie Mehrfachbelichtungen, Fotogramme und Negativmontagen; dabei verwendete Kesting Kameras mit großen Mattscheibenformaten. 1926 kam es zur Gründung der Berliner Schule Der Weg und der Gründung der Gesellschaft der Sturmfreunde in Dresden. Kesting war nun auch international erfolgreich. Er nahm an Ausstellungen in Moskau und New York teil. Das Museum of Modern Art erwarb Schnittcollagen von ihm. Er begann mit den Mehrfachbelichtungen, in denen er ausdrucksstarke Möglichkeiten der Fotografie erkundete. Seit 1930 beschäftigte sich Kesting mit Porträtaufnahmen und Tanzfotografien. Zu Anfang der 1930er Jahre trat er in den Deutschen Werkbund ein. 1931 gründete Edmund Kesting mit Erich Fraaß und Bernhard Kretschmar die Neue Dresdener Sezession.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er obligatorisch Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. 1933 fanden bei ihm erste Hausdurchsuchungen statt; Kesting vernichtete daraufhin einige seiner Werke. Er arbeitete in den folgenden Jahren als Werbefotograf für Foto- und Autofirmen. Er konnte sich bis 1936 an Ausstellungen beteiligen, erhielt dann aber ein Arbeits- und Ausstellungsverbot, von dem die Fotografie nicht betroffen war. In der Folgezeit fotografierte er Architektur in Dresden und dokumentierte die Kunstschätze im Grünen Gewölbe. Kesting entwickelte eine Technik der „Chemischen Malerei“, bei der er mit Fotosubstanzen auf lichtempfindlichem Papier unter Einbringung verschiedener Mal- und Kratztechniken experimentierte.

1937 wurde in der deutschlandweiten konzertierten Aktion „Entartete Kunst“ nachweislich zwölf seiner Bilder aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt und vernichtet.[5]

Zusammen mit Karl von Appen, Helmut Schmidt-Kirstein, Hans Christoph und anderen gründete Kesting nach dem Ende der Nazidiktatur 1945 in Dresden die Künstlergruppe der ruf – befreite Kunst. 1945/46 entstand nach der Zerstörung Dresdens eine Serie von experimentellen Fotoarbeiten mit dem Titel Dresdner Totentanz, der sich namentlich an das berühmte Renaissance-Relief anlehnt. Kesting wurde 1946 an die Akademie für Werkkunst in Dresden berufen; er übernahm die Leitung der Lehrwerkstatt „Photographie und Film“. Bereits ein Jahr später wurde er entlassen, woraufhin er sich nach Berlin orientierte und 1948 Leiter der Fachklasse für Fotografie an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee wurde. 1953 kam es zur fristlosen Kündigung im Zuge des Formalismusstreits. 1955 wurde er an die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg berufen als „Lehrbeauftragter für die Fachrichtung Kamera“; er wurde 1960 emeritiert. Ende der 1950er Jahre war er als Prominentenfotograf tätig.

1960 kehrten seine sichergestellten Arbeiten aus der Sowjetunion zurück. Er erhielt den Auftrag, die Mitglieder der Akademie der Künste zu fotografieren. Mit dem Bau seines Sommerhauses in dem durch seine Künstlerkolonie bekanntgewordenen Ahrenshoop wurde 1961 begonnen. Kesting hielt sich in den kommenden Sommern auf dem Darß und Fischland auf. Die Landschaft inspirierte ihn zu zahlreichen Werken.

Edmund Kesting starb 1970 in Birkenwerder bei Berlin, wohin er 1948 gezogen war. Zwischen 1949 und 1959 fand keine Ausstellung seiner Werke in der DDR statt, erst seit etwa 1980 fand Kestings Werk offizielle Anerkennung.[6]

1937 als „entartet“ aus öffentlichen Sammlungen nachweislich beschlagnahmte und vernichtete Werke

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stadtmuseum Dresden

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Dalmatinisches Seebild (Aquarell)
  • Frauenkirche (zwei gleichnamige Lithografien)
  • Georgentor mit Schloss (Lithografie)
  • Münzgasse mit Frauenkirche (Linolschnitt, 41,5 × 25 cm, 1933)

Kunstsammelstelle Frankfurt am Main

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Vorarlberg (Aquarell)
  • Stillleben (Aquarell)
  • Hafen (Zeichnung)
  • Hochalpen (Zeichnung)
  • Waldinneres (Zeichnung)
  • Im Dock von Siena (Aquarell)

Städelsches Kunstinstitut Frankfurt am Main

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Stillleben (Pastell)

Weitere Werkbeispiele

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Schwarz-Roter Pfeil (Collage aus diversen Materialien, 34,3 × 29 cm, 1923; 1972 erworben durch das Städtische Museum Mönchengladbach)[7]

Publizierte fotografische Werke

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Dresden, wie es war, Rembrandt-Verlag, Berlin 1955
  • Ein Maler sieht durch’s Objektiv, Fotokino Verlag, Halle 1958
  • Chorin: Gestalt und Geschichte eines Zisterzienserklosters, St. Benno-Verlag, Leipzig 1962

Ausstellungen (unvollständig)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu seinen Lebzeiten

  • 1916 Kunsthandlung Emil Richter, Dresden (nach mündlicher Aussage erste persönliche Ausstellung)
  • 1919 Galerie Arnold, Dresden (zusammen mit Carl Piepho)
  • 1923 Galerie „der Sturm“, Berlin (zusammen mit Bela Kádár u. a.)
  • 1931/32 Kunstschule „Der Weg“, Dresden (zusammen mit Lehrkräften und Schülern)
  • 1959 Kunstausstellung Kühl, Dresden (60 Aquarelle 1919–1943)
  • 1960 Kunstausstellung Kühl, Dresden (Zeichnungen und Aquarelle von der Sowjetunion gerettet und zurückgegeben)
  • 1962 Städtische Kunstsammlungen, Karl-Marx-Stadt (Malerei, Grafik, Fotografik)
  • 1966 Kunstausstellung Kühl, Dresden
  • 1964 Bunte Stube, Ahrenshoop
  • 1967 Rathaus, Birkenwerder
  • 1969 Städtische Kunstsammlungen, Görlitz

Postum

  • 1972 Galleria del Levante, Mailand und München (Kunstschule „Der Weg“)
  • 1980 Galerie am Sachsenplatz, Leipzig
  • 1982 Kunstausstellung Kühl, Dresden
  • 1983 Galerie Stolz, Köln (Die Gründer der „Weg-Schule“)
  • 1983 Kulturhaus Hans Marchwitza, Potsdam (Malerei, Grafik, Fotografie ; manuelle und maschinelle Bildgestaltung)
  • 1988/89 Albertinum, Dresden (Gemälde, Zeichnungen und farbige Blätter, Graphik, Photographien)
  • 1992 Galerie Döbele, Stuttgart
  • 2003 Kunstkaten, Ahrenshoop
  • 2005 Galerie Waldhof, Birkenwerder
  • 2012 und 2022 Galerie der Berliner Graphikpresse, Berlin
  • 2023 Dars-Sinfonie, Galerie Alte Schule, Ahrenshoop
  • 2024 Galerie 47, Birkenwerder ("Edmund Kesting – Maler, Fotograf, Grafiker und Kunstpädagoge")
  • 2026 Edmund Kersting. Avantgardist, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

Gruppenausstellungen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • 1916 Galerie Arnold, Dresden (Zweite Ausstellung Dresdner Künstler, die im Heeresdienst stehen)
  • 1920 und 1921 Lennéstraße, Dresden (Dresdner Künstlervereinigung Sommerausstellung)
  • 1924 1. Allgemeine Deutsche Kunstausstellung, Moskau und Leningrad
  • 1926 Ausstellungen in Moskau, New York und Berlin
  • 1930 Das Lichtbild. Internationale Ausstellung, München
  • 1932 Sächsischer Kunstverein, Dresden (1. Ausstellung der Dresdner Sezession 1932)
  • 1933: Dresden („Gemeinsame Ausstellung 3 Künstlergruppen. Künstlervereinigung, Deutscher Künstlerverband, Dresdner Sezession“)
  • 1934: Dresden, Brühlsche Terrasse („Sächsische Kunstausstellung“)
  • 1934: Dresden, Brühlsche Terrasse („Sächsische Aquarell-Ausstellung“)
  • 1975 Staatliche Museen, Berlin (Die Collage in der DDR)
  • 1979 Altes Museum, Berlin (Weggefährten – Zeitgenossen. Bildende Kunst aus drei Jahrzehnten)
  • 1980 Berliner Ausstellungszentrum am Fernsehturm (Berliner Kunst. Retrospektive. Malerei, Grafik, Plastik)
  • 1980 Berlinische Galerie (Kunst in Berlin. Um 1930 bis 1960)
  • 1983: Neue Galerie des Staatlichen Museums Schloss Burgk, Burgk („Druckgraphik der DDR. Arbeiten der alten Künstlergeneration“)
  • 1985 Albertinum, Dresden (Dresden. Bekenntnis und Verpflichtung)
  • 1988 Country Museum of Art, Los Angeles

Literatur (chronologisch)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Lothar Lang: Begegnungen im Atelier. Henschelverlag, Berlin, 1975, S. 18–22.
  • Klaus Werner (Hrsg.): Edmund Kesting : Ein Maler fotografiert, Fotokinoverlag, Leipzig 1987.
  • Edmund Kesting : Gemälde, Zeichnungen und farbige Blätter, Graphik, Photographien ; Ausstellung im Albertinum, 1. November 1988 – 3. Januar 1989, Kupferstich-Kabinett, Dresden 1989.
  • Guenter Roese (Hrsg.): Edmund Kesting, im Licht des Nordens : Bilder vom Meeressaum und Küstenland, MCM-Art-Verlag, Berlin 2003.
  • Dietmar Eisold (Hrsg.): Lexikon Künstler in der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 2010, ISBN 978-3-355-01761-9, S. 429.
  • Kesting, Edmund. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 1. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4 (bundesstiftung-aufarbeitung.de).

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ artnet: Edmund Kesting 1892-1970. In: Biografie. Abgerufen am 8. September 2022.
  2. 1 2 3 Das Frühwerk als eigenständige Position der Avantgarde – Die Entkrustung des Sehens. In: Sammlung Online. GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, abgerufen am 15. Juli 2026.
  3. 1 2 Edmund Kesting: „Sieben“ (1922). In: Sammlung Online. GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, abgerufen am 15. Juli 2026.
  4. ↑ Herta Wescher: Die Collage. Geschichte eines künstlerischen Ausdrucksmittels. M. DuMont Schauberg, Köln 1968, S. 256–257.
  5. ↑ Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion "Entartete Kunst", Forschungsstelle "Entartete Kunst", FU Berlin
  6. ↑ Biografie von Edmund Kesting
  7. ↑ Schwarz-Roter Pfeil | Lost Art-Datenbank. Abgerufen am 8. Mai 2022.