Dreros

Dreros (altgriechisch Δρῆρος) war eine antike Stadt auf Kreta. Sie liegt östlich vom modernen Neapoli.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dreros liegt im Norden der Insel nahe der Ebene von Mirabello auf zwei Hügeln am Abhang des Kadiston. Es gibt keine Reste aus minoischer Zeit. Die Stadt wurde von dorischen Einwandern oder Kolonisten wohl im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. gegründet und erlebte vor allem in geometrischer und archaischer Zeit ihre Blüte. Aus der 2. Hälfte des 7. Jahrhundert v. Chr. hat sich die wohl früheste Verfassungsbestimmung des antiken Griechenland erhalten, nach der die Polis folgenden Beschluss gefasst hat: Der Kosmos kann das Amt erst nach zehn Jahren wieder bekleiden und es ist ihm untersagt, das Amt in der Zwischenzeit auszuüben, seine Verfügungen sind ungültig, er muss die doppelte Summe dessen zahlen, zu der er [etwaige Beklagte?] verurteilt hat, und kann kein Amt mehr bekleiden. Dies schwören [wohl jährlich] der Kosmos, die Damioi [Bedeutung unklar] und zwanzig Mitglieder der Polis.[1][2] Der Kosmos fungierte offenbar vorrangig als Richter, und der amtierende war der einzige, der berechtigt war, Urteile zu sprechen. Sinn der Bestimmung war, dass keine Familie einen Vorrang vor den anderen erlangen sollte. Wie der Kosmos (in Dreros war es offenbar nur einer) bestimmt wurde, durch Wahl oder turnusmäßig von den führenden Familien, ist nicht bekannt. Bemerkenswert ist auch, dass die Polis hier erstmals nicht nur als „Burg“, sondern als eine politische Einheit aufgefasst wird.
In einer weiteren Inschrift schwört Dreros von um 222 v. Chr. Feindschaft mit Lyktos, was bedeutete, dass Dreros im Lyttischen Krieg (221–219 v. Chr.) mit Knossos (und Gorthyn) verbündet war. Danach verlor die Polis wahrscheinlich ihre Eigenständigkeit und gehörte zu Knossos oder Lyktos. In hellenistischer Zeit prägte Dreros eigene Münzen. Der Ort war auch noch unter den Römern und den Byzantinern bewohnt. Die Hauptgottheiten waren Apollo Delphinios und Athene Polioucho.

Archäologie
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Die Stadt ist zum großen Teil ausgegraben. Das Zentrum lag zwischen den beiden Hügeln. Hier befand sich die relativ große Agora (etwa 40 × 20 Meter). Oberhalb der Agora, im Südwesten, stand ein Tempel, in dem Apollo verehrt wurde und bei dem es sich um einen der frühesten erhaltenen griechischen Tempel überhaupt handelt. Hier fanden sich auch drei Bronzestatuen mit einem einstigen Holzkern, die vielleicht Apollo, Artemis und Leto darstellen. Sie datieren um 650 bis 640 v. Chr. Der eigentliche Tempel ist wahrscheinlich um 775 v. Chr. erbaut worden. Die Cella ist etwa 10,90 × 7,20 Meter groß (Außenmaße).[3] Unterhalb des Tempels wurde im späten dritten Jahrhundert eine große Zisterne (3,50 × 5,50 m und etwa 8 m tief) errichtet. Es fanden sich eine Widmungsinschrift und diverse andere, die hier wahrscheinlich vom Tempel hinuntergefallen sind, darunter das oben erwähnte Gesetz. Zwei Inschriften aus der Stadt sind in eteokretischer Sprache verfasst. Es sind umfangreiche Festungsanlagen erhalten. Teile eines Friedhofes konnten ausgegraben werden.
Die Ruinen können heutzutage besucht werden.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ R. Osborn, Greece in the Making: 1200–479 BC, London 2009 (2. Aufl.), S. 174.
- ↑ A. Chaniotis, Das antike Kreta, München 2014 (2. Aufl.), S. 52.
- ↑ Geometric Art II Bilder des Tempels und der Statuen
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ludwig Bürchner: Dreros. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band V, 2. Stuttgart 1927, Sp. 1699 (Digitalisat).
- Spyridon Marinatos: Le temple géométrique de Dréros. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 60, 1936, S. 214–285 (Digitalisat).
- Pierre Demargne, Henri van Effenterre: Recherches à Dréros. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 61, 1937, S. 5–32 (Digitalisat).
- Henri van Effenterre: À propos du serment des Drériens. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 61, 1937, S. 327–332 (Digitalisat).
- Pierre Demargne, Henri van Effenterre: Recherches à Dréros, II Les inscriptions archaïques. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 61, 1937, S. 333–348 (Digitalisat).
- Pierre Demargne, Henri van Effenterre: Recherches à Dréros. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 62, 1938, S. 194–195 (Digitalisat).
- Henri van Effenterre: Pierres inscrites de Dréros. In: Bulletin de correspondance hellénique. Band 85, 1961, S. 544–568 (Digitalisat).
- Gunnar Seelentag: Der Abschluss der Ephebie im archaischen Kreta. Bemerkungen zu einer Gesetzesinschrift aus Dreros. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 168, 2009, S. 149–160 (online).
- Gunnar Seelentag: Regeln für den Kosmos. Prominenzrollen und Institutionen im archaischen Kreta. In: Chiron. Band 39, 2009, S. 63–97 (online).
- Malcolm Cross: The Creativity of Crete. City States and the Foundations of the Modern World, Oxford 2011, ISBN 978-1-904955-95-5, S. 215.
- Vasiliki Zographaki, Alexandre Farnoux: Dréros: Cité et sanctuaire. In: Florence Gaignerot-Driessen, Jan Driessen (Hrsg.): Cretan cities: formation and transformation. Presses Universitaires, Louvain-La-Neuve 2015, S. 103–118.
- Gérard Genevrois: Le vocabulaire institutionnel crétois d’après les inscriptions (VIIe–IIe s. av. J.-C.). Étude philologique et dialectologique. Droz, Genf 2017.
- Ernst Kirsten: Das kretische Dreros. Neue Funde aus einer alten Dorierstadt. In: Die Antike. Zeitschrift für Kunst und Kultur des klassischen Altertums. Band 14, 1938, S. 73–77.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- David J. Blackman: Dreros Crete. In: Richard Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton University Press, Princeton NJ 1976, ISBN 0-691-03542-3 (englisch, perseus.tufts.edu).
- Dominique Mulliez: Le Mirabello – Dréros. American School of Classical Studies at Athens, 22. Oktober 2010, abgerufen am 5. März 2018 (französisch).
- École française d’Athènes: Dreros. American School of Classical Studies at Athens, 7. Mai 2014, abgerufen am 5. März 2018 (französisch).
- Michael Blöchinger-Däumling: Die antike Stadt Driros. (PDF; 674 kB) Naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Obertshausen-Mosbach, 5. Februar 2018.
Koordinaten: 35° 15′ 24″ N, 25° 37′ 38″ O