Vierpunktameise
| Vierpunktameise | ||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
Vierpunktameisen-Arbeiterin, gesehen in Budweis, 2023. | ||||||||||||
| Systematik | ||||||||||||
| ||||||||||||
| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||
| Dolichoderus quadripunctatus | ||||||||||||
| (Linnaeus, 1771) |
Die Vierpunktameise (Dolichoderus quadripunctatus) ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Art der Gattung Dolichoderus. Abgesehen von einem breiten Streifen entlang der Küsten kommt sie in Deutschland und allen europäischen Ländern südlich davon vor. Durch vier helle Punkte auf dem Hinterleib ist sie sicher von anderen mitteleuropäischen Arten zu unterscheiden.
Merkmale
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei Insekten ist der Körper von vorne nach hinten in drei Abschnitte untergliedert: Den Kopf, den Thorax (Brust), der an jedem seiner drei Segmente ein Beinpaar hat, und das Abdomen. Bei Ameisen (und anderen Taillenwespen) besteht die Besonderheit, dass eine Engstelle zwischen Mitte und hinterem Abschnitt des Körpers vorhanden ist, die aber nicht etwa den Thorax vom Abdomen trennt. Der mittlere Körperteil (Mesosoma) entspricht vielmehr dem Thorax und dem ersten Segment des Abdomens (Propodeum, bei Ameisen auch Epinotum genannt), die zusammengewachsen sind. Die dahinter liegenden Abschnitte des Abdomens werden als Metasoma zusammengefasst. Dazu gehören die Engstelle, die als Stielchen oder Petiolus bezeichnet wird, und der dahinter liegende sehr viel dickere Gaster, der die meisten inneren Organe enthält. Das Stielchen entspricht also dem zweiten Segment des Abdomens.
Arbeiterinnen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kopf und Gaster der Vierpunktameise sind schwarz, Thorax und Stielchen dagegen rötlich. Auf der Oberseite des Gasters befinden sich die namengebenden vier hellen Punkte oder Flecken, zwei auf dem ersten und zwei auf dem zweiten Segment.[1] Die Flecken entstehen, weil der Chitinpanzer an diesen Stellen farblos ist und daher der darunter liegende Fettkörper durchscheint.[2]
Kopf und Thorax haben zahlreiche grubenförmige Vertiefungen. Die Gesamtlänge beträgt 3 bis 4 Millimeter. Durch die charakteristische Färbung kann eine Verwechslung mit anderen in Deutschland lebenden Arten ausgeschlossen werden.[1]
Der Kopf hat gerundete Seiten und ist breiter als der Thorax. Die Fühler sind 12-gliedrig und haben einen Schaft, der nach hinten gelegt bis zum hinteren Kopfrand reicht. Die Mandibeln haben etwa 10 kräftige Zähne. Die Facettenaugen sind flach oval, im Gegensatz zu vielen anderen Arten fehlen Ocellen (kleine Zusatzaugen) meist, manchmal ist nur die vordere vorhanden oder als kleine Grube noch erkennbar.[3]
Zwischen Mesonotum (zweites Thorax-Segment) und Propodeum ist eine tiefe Kerbe. Die Oberseite des Propodeums ist flach gewölbt, die hintere chitinöse Kante steht besonders seitlich deutlich über die senkrecht-konkave Hinterfläche hervor. In diese konkave Höhlung passt der Gaster hinein, wenn er angehoben wird. Am glatten und glänzenden Gaster sind von oben gesehen nur vier Segmente erkennbar. Die Kloakenöffnung ist ein Spalt auf der Unterseite des Gasters.[3]
Vierpunktameisen haben kaum Haare, am Kopf finden sich nur an den Stirnleisten auf beiden Seiten drei und auf dem Hinterkopf seitlich je ein langes Borstenhaar. Mandibeln, Fühler, Tibien und Tarsen sind dunkelgelb, die Schenkel und der Kaurand der Mandibeln noch dunkler.[3]
Königin
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Königin ähnelt den Arbeiterinnen, sie hat aber am Thorax schwarze Flecken und sie ist etwa 5 mm groß.[4]
Männchen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Männchen werden etwa 4–5 mm lang. Die Fühler sind 13-gliedrig, Kopf und Thorax sind fein gerunzelt mit groben und zerstreuten Punkten. Sie sind bis auf kleinere braungelbe Stellen schwarz.
Verbreitung und Lebensraum
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Verbreitungsgebiet der Vierpunktameise in Europa umfasst nahezu alle Gebiete südlich etwa 52,5 Grad nördlicher Breite (etwa die Höhe von Hannover und Berlin). Weiter nördlich liegende Vorkommen bis zum 54. Breitengrad sind vermutlich Ausnahmen.[5][6]
In geschlossenen Laubwäldern liegen die Nester meist in den oberen Baumkronen und die Arbeiterinnen laufen selten den Stamm herunter, daher wird die Verbreitung vermutlich unterschätzt. Ein Buch von 2007 nannte die Zahl von 138 Fundorten in Deutschland, mit häufigeren Funden in warmen Gebieten. Die Art lebt auf Bäumen und Sträuchern (arboricol) und ist wärmeliebend (thermophil). Nadelgehölze werden nicht besiedelt, dagegen gibt es Funde in Streuobstwiesen, Gärten und alten Alleebäumen. Alle Laubbäume scheinen geeignet, beschrieben sind Eichen, Kirschen, Nussbäume[1], Linden und Pappeln. Gelegentliche Funde auch in städtischen Gebieten.[5]
Auf demselben Baum können mehrere Ameisenarten vorkommen. Auf Nussbäumen fanden sich nicht selten neben Vierpunktameisen noch Stöpselkopfameisen (Colobopsis truncata) und Temnothorax affinis.[7]
Lebensweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vierpunktameisen sind tagaktiv. Bei unter 18 Grad verlassen sie das Nest nur, wenn es von der Sonne beschienen wird. Sie gehen anderen Ameisenarten wenn möglich aus dem Weg. Zu anderen Vierpunktameisen können sie jedoch aggressiv sein. Sie können sich gut festhalten und sind daher bei Untersuchungen schwerer als andere Ameisen aus dem Laub herunter zu schütteln.[5]
Ernährung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wesentlicher Bestandteil der Ernährung ist Honigtau, der in der Regel nur auf dem Baum gesammelt wird. Lediglich wenn dieser abgestorben ist oder sich der Nistplatz nicht auf einem Baum befindet (etwa Holzpfahl), wird auch auf dem Boden und in der Umgebung nach Nahrung gesucht.[5] Auch Nektar und kleine, meist tote, Insekten gehören zum Nahrungsspektrum[8].
Nestbau
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Nester werden meist in Spalten und Hohlräumen in totem Holz angelegt, teils auch unter Borke, gelegentlich in Holzpfählen oder Schilf-Halmen. Morsches Holz wird ausgehöhlt, bei intaktem Holz besteht „nur geringe Fähigkeit“ zum Bilden von Gängen, hier werden vorhandene Hohlräume benötigt.[5]
Die Höhe des Nests im Baum hängt ab von der Sonneneinstrahlung und der Verfügbarkeit von totem Holz. Sie liegt an Waldrändern oder einzeln stehenden Bäumen bei mindestens 80 cm über dem Boden. Im geschlossenen Baumbestand finden sich Nester nur in den Wipfeln. Im Leipziger Auwald wurde sie dort als dominante Ameise festgestellt, die höchsten Nester lagen bei 28 Metern.[5]
Eine Kolonie hat nur eine Königin (monogyn) und selten mehr als 300 Arbeiterinnen. Wenn der Platz im ursprünglichen Hohlraum nicht ausreicht, werden bis zu 5 – 10 Meter entfernt Satelliten-Nester gebildet, die 15 – 40 Arbeiterinnen enthalten.[5]
Fortpflanzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fortpflanzungsfähige Jungtiere treten von Juli bis September auf.[2] Geflügelte Ameisen (Alate) sind jedoch über einen langen Zeitraum beobachtbar. Sehr früh oder sehr spät im Jahr auftretende Alate sprechen für eine Überwinterung der geflügelten Tiere.[5]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 Karl Escherich: Die Ameise - Schilderung ihrer Lebensweise. Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig 1906, S. 94, 218.
- 1 2 Bernhard Seifert: Ameisen beobachten, bestimmen. Naturbuch Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-89440-170-2, S. 162, 276.
- 1 2 3 Karl Gößwald: Organisation und Leben der Ameisen. In: Wolfgang Höll (Hrsg.): Bücher der Zeitschrift Naturwissenschaftliche Rundschau. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1985, ISBN 3-8047-0691-6, S. 314–316.
- ↑ Otto Schmiedeknecht (Hrsg.): Die Hymenopteren Nord- und Mitteleuropas mit Einschluss von England, Südschweiz, Südtirol und Ungarn. 2. Auflage. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1930, S. 548–549.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 Bernhard Seifert: Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas. lutra Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Görlitz/Tauer 2007, ISBN 978-3-936412-03-1, S. 252–254.
- ↑ Vierpunktameise (Dolichoderus quadripunctatus). In: iNaturalist. Abgerufen am 2. Juni 2026.
- ↑ Karl Escherich: Die Ameise - Schilderung ihrer Lebensweise. 2. verbesserte und vermehrte Auflage. Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1917, S. 191.
- ↑ Heiko Bellmann, Klaus Honomichl: Jacobs/Renner Biologie und Ökologie der Insekten. 4. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-8274-1769-5, S. 202.