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Der Begriff Angst

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Der Begriff Angst (Originaltitel: Begrebet Angest) ist eine Schrift des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, die er unter dem Pseudonym Vigilius Haufniensis („der Hüter Kopenhagens“) 1844 veröffentlichte. Zumeist als Ausgangspunkt der Existenzphilosophie eingestuft, erlangte das Werk seine Bedeutung mit dem Grundlagenthema zur Angst, die unter psychologischen, religiösen Gesichtspunkten beleuchtet wird.

Kierkegaard stellt drei durch den Angstbegriff miteinander verflochtene Zustände des menschlichen Geistes vor. Im Ausgangszustand unbefangener Unschuld kennt der träumende Geist nicht sich selbst, nimmt seine Wirklichkeit als Nichts wahr. Auf der Suche nach einem Verhältnis zu sich selbst begegnet er der Angst vor dem Nichts, die ihn bei Ausübung seiner Freiheit zwischen Möglichkeiten zu wählen, in gleicher Weise anzieht wie abstößt. Auch weitergehend bewirkt die Angst, dass Versuche der Selbstverhältnissuche fehlgehen und der Geist stattdessen an die Sünde fällt, Resultat und Zustand des freien, aber fehlgehenden Akts der Auswahl. Die Angst, die unmittelbar grundlos sich selbst ist und selbst frei von Sünde, ist erneut da, denn mit der Angst kam die Sünde in den Geist und die Sünde wiederum brachte die Angst. Die Ausweglosigkeit führt in die totale Verzweiflung, der Geist findet sich nicht. Aus der Aporie heraus, findet er allein durch Glauben. Allein der Glaube hebt den Geist zur Erlösung an.

Die Kapitel lassen sich (bei Beibehaltung der Originaltitel) wie folgt skizzieren:

  • Vorwort: Eine geistreiche Satire auf den Literaturbetrieb, die das ursprüngliche Vorwort des „Begriffs Angst“ (nachträglich unter Pseudonym wiedergegeben) ersetzte
  • Einleitung: Beobachtungen zur Analyse des Begriffes → Entscheidung eines psychologischen Zuganges; Kritik am Systematiker Hegel (der am konkreten Menschen vorbeidenkt)
  • Erstes Kapitel: Angst als Voraussetzung der Erbsünde und als das die Erbsünde nach rückwärts auf ihren Ursprung Erklärende: Adam und die Erbsünde, Adam als Prototyp
  • Zweites Kapitel: Angst als die Erbsünde im Fortschreiten: die Bedeutung der Erbsünde für die folgenden Generationen
  • Drittes Kapitel: Angst als Folge derjenigen Sünde, welche das Ausbleiben des Sündenbewusstseins ist: Was ist wenn ein Sündenbewusstsein fehlt oder ausbleibt?
  • Viertes Kapitel: Die Angst der Sünde oder Angst als Folge der Sünde in dem Einzelnen: Analyse der Angst vor dem Bösen (erneuten Sünde) und vor dem Guten (als Neurose)
  • Fünftes Kapitel: Angst als das kraft des Glaubens Erlösende: Angst als Erzieherin, die mithilfe des Glaubens die Erlösung ermöglicht

Der Text ist an die Kopenhagener Leserschaft gerichtet, was an vielen Anspielungen zu sehen ist. Solche für den heutigen Leser nicht unmittelbar verständlichen Seitenbemerkungen und die komprimierte Form der Darstellung seiner Gedanken erschweren den Zugang zum Text.

Kierkegaards Thesen

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Ursünde und Sünde

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Kierkegaard beschreibt, dass sich jede Wissenschaft im Rahmen ihrer (je eigenen) Aufgabe bewegen muss, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen. Der Sünde entspricht keine Wissenschaft, am ehesten noch die Ethik (weil die ihr entsprechende Stimmung der Ernst ist). In der psychologischen Analyse werden daher nur Erscheinungen analysiert (die reale Möglichkeit von Sünde), es kann aber nicht erklärt werden, dass die Sünde in die Welt kommt (ideelle Möglichkeit der Sünde).

Vor dem Sündenfall besteht Unwissenheit, diese muss nicht (wie im hegelschen Denken) zwangsläufig aufgehoben werden. Adam hatte also die Möglichkeit, nicht zu sündigen. Kierkegaard legt großen Wert darauf, abweichend von der überlieferten Dogmatik, Adam als Teil der Menschheit sowie als Einzelnen zu beschreiben („Er ist er selbst und das Geschlecht“): Wenn im Hinblick auf Adam nicht dasselbe wie für jeden anderen Menschen gilt, dann steht dieser außerhalb des Geschlechts. Es müssen also für ihn dieselben Bedingungen gelten wie für jeden anderen Menschen auch. Da aber Adam keinen Begriff von Sünde hatte, weil dieser erst mit der Erbsünde geschaffen wurde, bestand die Angst der Möglichkeit nach nur als Angst vor dem Nichts; Adam konnte ja nicht wissen, was er wählte, Gut und Böse zu unterscheiden war ihm unmöglich. Weder vom einen noch vom anderen hatte er sich einen Begriff bilden können, auch von Sterblichkeit wusste er nichts. Insofern ging keine Anziehungskraft des von Gott Versprochenen für ihn aus. Die Sünde kam also durch eine (Ur-)Sünde in die Welt und mit ihr auch das Bewusstsein um dieselbe. Und die (Ur-)Sünde geht alle Menschen an, da Adam Repräsentant seiner Gattung war. Adam setzte die erste Sünde, quantitativ gemessen, die erste von vielen in der Geschichte der Menschheit und das Sündenkonto wächst.

Für die nachfolgenden Generationen besteht nun dieselbe Situation wie für Adam. Für sie alle besteht die Sünde zunächst nur der Möglichkeit nach. Wie die Sünde konkret ins Leben eines Einzelnen eintritt, ist eine subjektive Frage. Sie kommt immer wieder durch den Einzelnen in die Welt.

Daher stellt sich für Kierkegaard die Frage nach dem Unterschied der Ursünde zu den übrigen Sündenfällen. Den Unterschied macht er zunächst daran fest, dass Adams Sünde nicht rein quantitativ, sondern wesentlich qualitativ verschieden ist, was darauf aufbaut, dass für Kierkegaard die Welt in Quantität und Qualität zerfällt. Dasjenige, was zählbar ist, ist das Quantitative. Quantität ist nicht identisch mit Qualität, da Qualität dasjenige ist, was Identität stiftet. Daher ist die „erste“ Sünde für Kierkegaard „die“ Sünde und damit das abstrakte Ärgernis für die abstrakte Verständigkeit, die da meint, einmal sei keinmal, aber vielmals sei etwas, was ganz und gar verkehrt ist, da die vielen Male entweder jedes für sich genau soviel bedeuten wie das erste Mal oder alle zusammen nicht annähernd soviel.

Kierkegaard bezeichnet den individuellen Sündenfall als einen „qualitativen Sprung“. Gemeint ist damit ein Sprung aus der je gewählten Möglichkeit in die Sünde. Ein Sprung, der in die Faktizität der Sünde führt. Durch diesen „Sprung“, der selber keine kausale Wirkmächtigkeit besitzt, da er dasjenige ist, was Möglichkeit und Notwendigkeit verbindet, durch ebendiesen Sprung wird die Sünde der Qualität nach bestimmt. Den Sprung selbst kennzeichnet die Grund- und Sinnlosigkeit seiner Setzung. Er ist unmittelbar und vermittelt die Sünde, die allein sich selbst voraussetzt. Ihre Faktizität kam mit Adam in die Welt; Spekulationen darüber, wie sich aus Unschuld Schuld überhaupt herleiten lässt, erübrigt sich aufgrund des sich selbst genügenden Grundes der Sünde. Unschuld bezeichnet den arglos-natürlichen Ausgangszustand des menschlichen Geistes, der im Naturzustand in Unkenntnis um Gut und Böse ist. Kierkegaard führt aus: „Der Unschuldige würde niemals darauf kommen, so zu fragen; der Schuldige aber sündigt, wenn er so fragt; denn er möchte in seiner ästhetischen Neugier ignorieren, dass er selbst die Verschuldung in die Welt gebracht hat, selber die Unschuld durch Schuld verloren hat.“[1] In der Unschuld träumt der Geist, strebt zugleich aber nach dem Bewusstsein und Wissen um sein Selbst. Und: jede einzelne Wahl einer Möglichkeit bedeutet den Sprung in die Sünde. Die Sünde lässt die Endlichkeit an die Stelle der Unendlichkeit treten und verhält sich damit wider die menschliche Bestimmung.

Die Vielzahl der Sünden, die auf Adams Ursünde folgten, sind lediglich quantitativ umfassender, der Qualität nach jedoch nicht dieselben wie diese erste. Daher ist Adams Ursünde der Anfang der Geschichtlichkeit von Sünde. Wäre diese Sünde nur eine von vielen, d. h. rein quantitativ bestimmt, dann wäre Adam vom Menschengeschlecht ausgeschlossen – und damit seine theologische und lebensweltliche Relevanz für die Christenheit. Die Ursünde ist folglich dasjenige, welches im Christentum das geschichtliche Bewusstsein für die Sünde als solches schafft. Unschuld als Ausgangszustand ist der Mangel an Bewusstsein um die Möglichkeit der Sünde. Die Unschuld wird zur Schuld, hebt sich in demselben Moment auf, da sie das Bewusstsein um die Möglichkeit erlangt und sich zu sich selbst verhält.

Dieses „Selbst“ beschreibt Kierkegaard als eine Synthese, eine Synthese von Körper und Seele – die durch den Geist gehalten – Wirklichkeit gewinnt. Im reflektierenden Moment, in dem der Mensch sich zur Sünde verhält, tritt der Geist zu Seele und Körper hinzu und schafft die Synthese. Es entsteht ein dynamisches Verhältnis. Daraus folgt auch unmittelbar die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz, weil: ist das Verhältnis gestört, ist der Mensch verstört. Zugleich verdeutlicht dies die christliche Aufgabe: Selbstwerdung, um aus sich eine Einheit zu schaffen.

Eine Einheit schafft der Mensch insofern, als sein Verhältnis zu seiner Existenz nicht gestört ist. Diese menschliche Existenz ist wesentlich durch das Verhältnis des Menschen zu Gott bestimmt. Denn: Als Synthese aus Zeitlichkeit und Ewigkeit verhält sich der christliche Mensch als sterbliches Wesen zu seiner möglichen Ewigkeit. Karl Jaspers erklärt dazu „Der Weg des Offenbarwerdens ist die Innerlichkeit, diese ist ein Verstehen der Ewigkeit“.[2] Kierkegaard richtet sich direkt und unmittelbar an die christliche Bevölkerung in Kopenhagen. Seine Überlegungen sind folglich unmittelbar an den westlichen Kulturkreis gebunden.

Dabei beschreibt er die Situation des Christenmenschen mit dem Bild des Schwindels als Atmosphäre, in der die Sünde geschieht: Für ihn liegt es zum einen am beängstigenden Abgrund, zum anderen an der Betrachtungsweise des Menschen. Er blickt in die Möglichkeit seiner Freiheit, gerät ins Taumeln und ergreift taumelnd das Falsche. Nolens volens ist die Sünde geschehen und der Mensch blickt zurück und kann es nicht mehr ändern. Die Möglichkeit der Sünde schlug um in Faktizität und unterliegt damit der Notwendigkeit.

Mit der Sündigkeit ist auch die Sinnlichkeit gesetzt. Es erscheint, als würden Anklänge an die Pubertät erhoben, denn mit dem Eintreten der Sinnlichkeit, begänne auch die Geschichte des Menschen. Mit der Setzung des Geistes wird der Mensch zum einen zum Individuum. Zum anderen entsteht im Augenblick die „Synthese des Zeitlichen und Ewigen“.[3] Der Mensch steht also augenblicklich im Zentrum einer doppelte Synthese. Diese Synthese wird durch den Geist gesetzt.

Das „religiöse Genie“ zeichnet sich schließlich dadurch aus, dass es durch sich selbst, für sich selbst in die Tiefe des Sündenbewusstseins versinkt.[4] Anders verhält es sich im Heidentum, das dem „Schicksal“ hold ist und auch im Judentum mit seiner „Schuld“. Sie verunmöglichen dies.

Angst und ihre Arten

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Nachdem der Einzelne gesündigt hat, ergeben sich zwei Arten von Angst. Die Angst vor dem Bösen und die Angst vor dem Guten. Die Angst vor dem Bösen ist die Angst vor erneutem Sündigen. Sie erweist sich als ein grundlegender Zustand des Menschen, der sich der Vielzahl seiner Möglichkeiten bewusst wird, mit seiner Freiheit am Abgrund dieser Möglichkeiten umzugehen. Die Angst vor dem Guten (das Dämonische) ist eine Art von Störung/Neurose (denn das Gute bezeichnet die Errettung/Erlösung). Kierkegaard beschreibt seelische/körperliche und geistige Formen der Angst vor dem Guten: Übersensibilität, Hysterie etc. Die Angst vor dem Guten ist ein Zustand, sie ist Ausdruck einer gestörten Synthesis von Körper, Seele und Geist.

Angst ist bei Kierkegaard kein isoliertes Thema, sondern es erschließt, was es bedeutet Mensch zu sein.[5]

Angst bezieht sich hierbei nicht nur auf einen psychischen Zustand, Kierkegaards Analyse ist komplexer. Drei zentrale Aussagen über die Angst sind:

  1. Angst macht unfrei.
  2. Angst als Möglichkeit der Freiheit.
  3. Man muss lernen sich zu ängstigen, dann hat man das Höchste gelernt.

Angst kann den Menschen unfrei machen, weil sie Macht über ihn erlangt und ihn unfähig macht zu handeln. Weil der Mensch sich ängstigt, handelt er nicht selbst. Angst ist eine Möglichkeit der Freiheit, weil sie das Endliche als Endliches entlarven kann. Sie führt zu einem radikalen Sündenbewusstsein, weil sie die Reue als unzureichend entlarvt.

Mit Zweifel (Skepsis) lässt sich gut leben. Im Gegensatz zur Furcht, ist Angst unbestimmt.[6] Furcht beruht regelmäßig auf einem äußeren Grund, einer konkreten Gefahr. Diese Gefahr wird als Bedrohung von außen wahrgenommen und kann zumeist behoben werden. Anders die Angst, die einen inneren Grund hat, die nicht deutlich benannt werden kann, undurchschaubar ist, unfassbar. Dasein und Welt verdüstern sich. Den Geängstigten entmutigt nicht „Etwas“, sondern „Nichts“. Die Angst ist in Kierkegaards Analyse allerdings zweideutig. Zum einen kann sie dazu führen, dass der Mensch in porentiefer Verzweiflung aufgeht, weil der Grund seines Seins – schlicht alles – ins Bodenlose gerissen wird und er an den Abgrund seiner Existenz geführt wird, seine Angst Gefahr läuft, sich selbst zu verfallen. Angst führt dann in die nihilistische Sinnlosigkeit, in den Untergang, des Selbst, der Welt. Zum anderen aber hält Kierkegaard fest, dass Angst diejenigen trifft, die zur Freiheit bestimmt sind, die aus der Möglichkeit zu allem Möglichen schöpfen können und unter endlichen Bedingungen ihre unendliche Bestimmung erfahren. Weil Endliches den Drang der Freiheit nicht befriedigt, steht er vor der Herausforderung, als Mensch „er selbst“ zu werden, gerät in der Angst aber in den Sog der Möglichkeiten und wird „selbstisch“. Selbstische Freiheit bedeutet Sünde, die nicht lediglich – im Sinne der klassischen Lehre – verstanden werden darf, als Schuld des Menschen, Hypothek der Ursünde aus dem Paradies, auch nicht als Schuld desjenigen Menschen, dem als Delinquenten Motiv und Tatvollzug angelastet werden, sondern längst bereits aus der Stellung der Wahl, zwischen Gut und Böse entscheiden zu können. Da der Mensch dabei in eine Ausweglosigkeit geführt wird, erklärt Kierkegaard die Angst – sie selbst ist frei von Sünde – zu einer Kraft als „Zwischenbestimmung“, denn die Dynamik des Sogs der Angst treibt in die Sünde hinein. Die Sünde selbst ist vermittlungslos unmittelbar, in grundloser Weise setzt sie sich selbst voraus. Vor dem Abgrund des Menschen, ist ihr Unwesen Faktizität: nicht metaphysisch, nicht ethisch, nicht moralisch heilbar. Hilfe stellt allein der Glaube.[7] Auf diesem Grunde wird sympathetische Antipathie und antipathetische Sympathie erweckt: Das heißt, Angst ist gleichzeitig anziehend und abstoßend, vergleichbar mit der Flasche Alkohol für einen Alkoholiker. Kierkegaard will nicht die „peccatum originale“ – die Erbsünde – herleiten und erklären, er will psychologische Hilfen stellen im Umgang mit ihr, überlässt sie mangels wissenschaftlicher Greifbarkeit dem Zwiegespräch der Predigt.

Angst ohne Grund zur Furcht ist ein Daseinsphänomen. Sie kann nicht verallgemeinert werden, ist auf den Einzelnen bezogen, daher inkommensurabel, wissenschaftlich nicht zugänglich (singulare tantum). In der Angst kann der Mensch aber die „Möglichkeit der Freiheit“ erfahren, als sein Grundwesen. Für seine Entscheidungen innerhalb der Freiheit erfährt er, dass sein Sein nicht festgelegt ist, er vielmehr aus einer Gemengelage ihn fordernder Möglichkeiten sein Sein bestimmen kann, jede für sich ein Seinkönnen. Durch Wahl und Entscheidung kommt er zu sich selbst.[8] Erscheint aber die Wahl der „Möglichkeit für die Möglichkeit“ zu uferlos, zu weit zu sein und führt sie zu grenzenlosen Überforderung, so wird Angst zum Schwindel der Freiheit. Die Selbstbestimmung in der der moderne Mensch sich wähnt, die er vermeintlich autonom und frei ausübt, wird zur „gefesselten Freiheit“, er ist seiner Möglichkeiten beraubt.[9] Wenn der Mensch es allerdings lernt, sich richtig zu ängstigen, und die Angst in religiösem Ernst zu durchleben, kann sie überwunden werden. Das heißt, dass er die Angst entlarvt, das Endliche als endlich erkennt. Wenn sich einstellt, dass die Gegenwart Ewigkeit ist, wird der Weg zu den Möglichkeiten aufsperrt. Hinzukommen muss der Glaube – verstanden im Sinne Hegels als „innere Gewissheit, welche die Unendlichkeit vorwegnimmt“ gedacht (BA 163[10]) – damit wir für die Erlösung bereit sind. Insoweit am Abgrund, deutet Kierkegaard hier erneut die Gebrechlichkeit des Lebens an, indem er darauf verweist, dass eine falsche Erziehung durch die Angst zum Selbstmord führt.

Unterschiedliche Lesarten von Der Begriff Angst

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  • Biografisch als verborgenes Gespräch mit Regine Olsen und darin auch mit sich selbst:
    Bis zu „Stadien auf des Lebens Weg“ lassen sich die Schriften nach 1841 als verborgenes Gespräch mit Regine lesen: mit seiner Schwermut und seiner Schuld.

Im Begriff Angst lässt sich der Schwindel der Freiheit wie folgt interpretieren:

  • Psychologisch-dogmatisch als Neuformulierung der christlichen Sündenlehre:
    Neuansatz bewusst pseudonym als Kritik der Sündenlehre des hegelianisch geprägten Martensen. Kierkegaard geht es um die Wahrnehmung der Sünde und ihrer Auswirkungen. Er grenzt dabei seine psychologischen Analysen mehrfach ab von dem Versuch, Sünde zu rechtfertigen. Die Angst nennt er eine psychologische Approximation (Annäherung), womit sich erklären lässt, dass ein Individuum sündigt, ohne die eigene Verantwortung und Freiheit zu negieren.
  • Existentiell-dichterisch als Analyse der menschlichen Existenz vor Gott:
    Verständnis als Sokrates von Kopenhagen, der die Menschen – und dabei sich selbst – befragt, wie es um ihre Seele bestellt ist (Geistlosigkeit?). Kierkegaard will seinen Leser existentiell packen (der Umgang mit Angst gibt Auskunft über das Christsein). Angst kann ganz positiv die Endlichkeit der Welt entlarven. Wer zu seiner Schuld dennoch stehen kann und die Sünde in ihrer Abgründigkeit glauben kann, ist für K. ein wahrhaft freier und verantwortlicher Mensch, weil er das nur im Glauben kann, mit dem er in der Vorsehung ruht (Energie des Gottesverhältnis und Tiefe des Sündenbewusstseins).

Rezeption und Nachwirkung

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Wie auch andere Schriften Kierkegaards, wurde Der Begriff Angst im deutschsprachigen Raum zunächst zögerlich wahr- und angenommen. Um 1940 setzte die erste wissenschaftliche Diskussion ein, es sollte aber bis 1952 dauern, dass Emanuel Hirschs eine übersetzte Ausgabe auf den Markt brachte, der sich weitere Ausgaben dann anschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt existierte lediglich eine Übersetzung von Christoph Schrempf aus dem Jahr 1890.[11] Nach Erkenntnissen Hirschs, brach Kierkegaard mit Hegel und dessen fortschrittsgläubigen System der „Vernunft der Geschichte“, und besann sich zurück auf die Philosophie der griechischen Antike, in der er einen geeigneten Gesprächspartner für die christliche Theologie erblickte. Karl Jaspers stellte die gegensätzlichen Positionen der beiden einander gegenüber: Das „Entweder—Oder“ gegen das „Sowohl—als auch“; die „Verzweiflung“ gegen das harmonisierende „Versöhnungsdenken“; die „Religiosität“ gegen die „philosophische Spekulation“.[12]

Martin Heidegger, der etliche zentrale Begriffe Kierkegaards in seinem eigenen philosophischen Denkschatz (Sein und Zeit) verarbeitete, und Karl Jaspers, der Kierkegaards „kommunizierende Freiheit“ als „Offenbarwerden des Selbst“ amplifizierte,[13] ließen sich als Philosophen abseits der eigentlichen Kierkegaard-Forschung beeinflussen, ebenso Karl Barth und Rudolf Bultmann als Theologen, bei ihren Untersuchungen zu menschlichem Sein, Welt und Gott.[14] Einzelheiten zum „Ernstbegriff“, zur „postidealistischen Ontologie“ und „theologischen Anthropologie“, zu den „Angstanalysen“, zum „Existenzialismus“ folgten.[15] Mitte der 1980er Jahre nahm die Forschung Fahrt auf. Arbeiten zur Anthropologie Kierkegaards, zum Sündenbegriff und zum Freiheitsbegriff bestimmten die Debatten. Konzeptionelles Zentrum dabei ist der „Freiheitsbegriff“. Die wissenschaftlichen Untersuchungen versuchen ihn für eine kritische Wissenschaftstheorie urbar zu machen.[16] Dabei stellt sich heraus, dass Der Begriff Angst im Zentrum der heute gestellten Fragen, der Vielfalt der eröffneten Perspektiven und bei allen methodischen Defiziten, zur wohl wichtigsten theologischen und philosophischen Schrift zu Kierkegaards Anthropologie erhoben werden muss.[17]

Werkausgaben

  • Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst (Originaltitel: Begrebet Angst. Aus dem Dänischen übersetzt und herausgegeben von Emanuel Hirsch). In: Gesammelte Werke. 11/12, (= Gütersloher Taschenbücher Siebenstern. Band 608). 3. Auflage. Gütersloher-Verlagshaus, Gütersloh 1991, ISBN 3-579-00608-8.
  • Liselotte Richter: Sören Kierkegaard Werke Band 1: „Der Begriff Angst“. Übersetzt von Liselotte Richter, Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 1960.

Sekundärliteratur

  • Gernot Böhme: Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst. In: Gerhard Gamm, Eva Schürmann (Hrsg.): Von Platon bis Derrida. 20 Hauptwerke der Philosophie. Darmstadt 2005, S. 207–219.
  • Torsten Bohlin: Angst, Verzweiflung und Glaube. Ein Beitrag zum Verständnis der Sündenauffassung bei Kierkegaard. In: Glaube und Ethos, Festschrift für Georg Wehrung. Stuttgart 1940, S. 141–151.
  • Michael Bongardt: Der Widerstand der Freiheit. Eine transzendentaldialogische Aneignung der Angstanalysen Kierkegaards. Frankfurt am Main 1995.
  • Niels Jørgen Cappelørn, Herman Deuser, Jon Stewart (Hrsg.): Kierkegaard Studies Yearbook 2001. Søren Kierkegaard Research Centre Copenhagen. Walter de Gruyter, New York / Berlin 2001 (enthält zahlreiche Aufsätze zu Der Begriff Angst. dessen Kontext und Rezeption, auch Überblicke zur internationalen Forschungsdiskussion).
  • Arne Grøn: Angst bei Søren Kierkegaard. eine Einführung in sein Denken (Originaltitel: Begrebet angst hos Søren Kierkegaard) Aus dem Dänischen übersetzt von Ulrich Lincoln. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-91936-8.
  • Romano Guardini: Vom Sinn der Schwermut. Der Ausgangspunkt der Denkbewegung Sören Kierkegaards. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1983, ISBN 3-7867-1073-2.
  • Axel Hutter: Das Unvordenkliche der menschlichen Freiheit. Zur Deutung der Angst bei Schelling und Kierkegaard. In: J. Hennigfeld, J. Stewart (Hrsg.): Kierkegaard und Schelling. Freiheit, Angst und Wirklichkeit. Berlin / New York 2003, S. 117–132.
  • Gordon D. Marino: Anxiety in “The Concept of Anxiety”. In: Alastair Hannay, Gordon Daniel Marino (Hrsg.): The Cambridge Companion to Kierkegaard. Cambridge University Press, Cambridge 1998, S. 308–328.
  • Elisabeth Niessen: Der anthropologische Geistbegriff bei Sören Kierkegaard. (Fulda 1939). Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im Katholischen Deutschland (Hrsg.): Philosophisches Jahrbuch. Im Auftrag der Görres-Gesellschaft herausgegeben. Band 52 (1939), S. 59–84 und 181–201.
  • Peter Pedersen: Die solipsistische Wissenschaft als Motor von Zivilisation: eine Kritik und ihre Konsequenzen zu Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb. Fogep Verlag, Hamburg / Greifswald / Berlin 2014, ISBN 978-3-943726-95-4.
  • Deng Zhang: Angst als Gefühl bei Kierkegaard. In: H. Feger, T.-W. Kwan (Hrsg.): Idealismus und Idealismuskritik. Subjekt, Person und Zeit. Würzburg 2009.

Einzelnachweise und Anmerkungen

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  1. Zusammenfassung aus Gunther Wenz, vgl. Weblink, S. 7–8.
  2. Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen. Springer, Berlin 1919, ISBN 3-540-05539-8. (Inhaltsübersicht; PDF; 275 kB) S. 373 f.
  3. Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen. Springer, Berlin 1919, ISBN 3-540-05539-8. (Inhaltsübersicht; PDF; 275 kB) S. 93 f.
  4. BA 112; vgl. Luther „totus peccatus“.
  5. Arne Grøn: Angst bei Søren Kierkegaard. Eine Einführung in sein Denken (Originaltitel: Begrebet angst hos Søren Kierkegaard.) Aus dem Dänischen übersetzt von Ulrich Lincoln. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-91936-8. S. 10.
  6. Nach Gunter Wenz geht Furcht freilich häufig in Angst über und Angst beinhaltet nicht selten Furchtmomente; gleichwohl seien beide Begriffe phänomenologisch zu unterscheiden.
  7. Zusammenfassung aus Gunther Wenz, vgl. Weblink, S. 5–7.
  8. Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1966 (erweiterte Ausgabe 1973, ISBN 3-485-00863-X, Neuauflage 2000), S. 230–237, hier S. 233 f.
  9. Vgl. Teilzitat, Karl Barths, in: Peter Schütz: Der Begriff Angst im Kontext der Kulturtheologie Paul Tillichs. In: Christian Danz, Werner Schüßler (Hrsg.): Paul Tillichs Theologie der Kultur: Aspekte – Probleme – Perspektiven. Berlin, Boston, De Gruyter, 2011, S. 327–346, hier S. 333.
  10. „Kierkegaard scheint (wie immer, wenn er 'einmal' sagt) aus ganz freier Erinnerung heraus eine Angabe zu machen. ...“ (Anmerkung E. Hirsch, Nr. 276, S. 271 (1958))
  11. Ulrich Lincoln: Literaturbericht: Der Begriff Angst in der deutschsprachigen Kierkegaard-Forschung. In: Kierkegaard Studies Yearbook (2001), Band 2001, Heft 2001, S. .295–312, hier S. 296.
  12. Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen. Springer, Berlin 1919, ISBN 3-540-05539-8. (Inhaltsübersicht; PDF; 275 kB) S. 329.
  13. Ulrich Lincoln: Literaturbericht: Der Begriff Angst in der deutschsprachigen Kierkegaard-Forschung. In: Kierkegaard Studies Yearbook (2001), Band 2001, Heft 2001, S. .295–312, hier S. 297.
  14. Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1966 (erweiterte Ausgabe 1973, ISBN 3-485-00863-X, Neuauflage 2000), S. 230–237, hier S. 233.
  15. Ulrich Lincoln: Literaturbericht: Der Begriff Angst in der deutschsprachigen Kierkegaard-Forschung. In: Kierkegaard Studies Yearbook (2001), Band 2001, Heft 2001, S. .295–312, hier S. 297–299.
  16. Ulrich Lincoln: Literaturbericht: Der Begriff Angst in der deutschsprachigen Kierkegaard-Forschung. In: Kierkegaard Studies Yearbook (2001), Band 2001, Heft 2001, S. .295–312, hier S. 299–311 (etwa Angst, Sünde, Leiblichkeit, Glauben, Schicksal und Erlösung); zur Angst im Selbst- und Gottesverhältnis, vgl.: Traugott Koch: Die Angst und das Selbst- und Gottesverhältnis. In: Jan Rohls, Gunther Wenz (Hrsg.): Vernunft des Glaubens. Wissenschaftliche Theologie und kirchliche Lehre. (Festschrift für Wolfhart Pannenberg), Göttingen 1988, S. 176–195, und Wolfhart Pannenberg: Anthropologie in theologischer Perspektive, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1983.
  17. Ulrich Lincoln: Literaturbericht: Der Begriff Angst in der deutschsprachigen Kierkegaard-Forschung. In: Kierkegaard Studies Yearbook (2001), Band 2001, Heft 2001, S. .295–312, hier S. 311 f. (etwa Angst, Sünde, Leiblichkeit, Glauben, Schicksal und Erlösung).