Datenklo

Als Datenklo wurde ursprünglich ein Selbstbau-Akustikkoppler des Chaos Computer Clubs bezeichnet, dessen Bauanleitung 1985 in der Hackerbibel veröffentlicht wurde[1] und bis Mitte 1988 eine Verbreitung von mehr als 25.000 Exemplaren erreichte.[2] Ende der 1990er-Jahre etablierte sich der Begriff für die mobilen Toilettenhäuschen, die auf verschiedenen Hackercamps für Netzwerk-Infrastruktur genutzt wurden und in denen Router, Switche und WLAN-Accesspoints witterungsgeschützt untergebracht wurden.
Geschichte des Modems
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Das ursprüngliche Datenklo war ein per Bauanleitung selbst zu bauendes Telefonmodem. Auch als CCC-Modem bezeichnet, war es eine kostengünstige, aber illegale Alternative zu den wenigen in dieser Zeit von der Deutschen Bundespost zugelassenen Modems. Es wurde Mitte 1984 in Reaktion auf die recht restriktive Gesetzgebung im Bereich der Telekommunikation in Deutschland entwickelt und bot eine mit 300 DM (nach heutiger Kaufkraft 341 €) günstige Möglichkeit, Datenfernübertragung zu betreiben. Für Modems bestand damals in Deutschland noch ein Endgerätemonopol, private Geräte waren verboten. Es gab zunächst nur Mietgeräte der Bundespost. Anfang 1987 betrug die Gebühr für ein BTX-MultiTel 1 monatlich 48 DM (nach heutiger Kaufkraft 53 €) und für ein MultiTel 2 78 DM (nach heutiger Kaufkraft 87 €).[3] Das erste im Mai 1988 mit FTZ-Zulassung versehene Modem kostete als Tischmodell 1950 DM (nach heutiger Kaufkraft etwa 2.140 €). Die Bundespost-Modems entsprachen den internationalen Normen der CCITT (heute ITU-T), viele Hobby-Benutzer verlangten aber nach einfacheren Standards, zum Beispiel nach Modems der Firma Hayes.[4] Anfang der Neunziger kostete das Zyxel U1496-Modem mit Postzulassung ca. 1000,- DM, ohne Zulassung nur ungefähr die Hälfte.[5]
Zentraler Baustein des CCC-Modem ist der AM7910 (FSK-Modem-Chip, unterstützt Bell 103/113/108/202 und CCITT V.21/V.23) von AMD, der auf einem einzigen Chip ein asynchrones Frequenzumtastungs-Modem mit Übertragungsraten von 300 bis 1200 Baud realisiert und voll kompatibel mit den Bell- und CCITT-Standards V.21 und V.23 ist.[6]
Seinen Namen erhielt der Akustikkoppler durch die als Verbindungselement und zur Geräuschabschirmung vorgesehenen Gummimuffen, bei denen es sich um Gummidichtungen handelte, die im Sanitärbereich zwischen Spülwasserrohr und Toilettenbecken verwendet wurden,[7][8] sowie in Anlehnung an das Kunstwort „Datenfön“, einer umgangssprachlichen Bezeichnung für Akustikkoppler, basierend auf der einst populären Dataphon-Baureihe S21 der Firma Woerltronic aus Cadolzburg. Die Größe ist dabei so gewählt, dass ein Lautsprecher mit 66 mm Durchmesser in die Gummidichtung passt und sich diese passgenau über eine Telefonhörermuschel stülpen lässt. Letzteres ist laut Bauanleitung wichtig für die Abschirmung von Umgebungsgeräuschen.
Camp-Infrastruktur
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Als die Bedeutung von Modems und Netzzugängen über analoge Telefonleitungen zurückging, wurde der Name für die aus mobilen Toilettenhäuschen gebauten Netzwerk-Verteilstellen auf Outdoor-Hackerveranstaltungen wiederverwendet. Beim ersten Chaos Communication Camp 1999 wurden ein gutes Dutzend mobile Dixitoiletten verwendet, um Netzwerktechnik wettergeschützt über dem Gelände zu verteilen,[9] beim Folgecamp 2003 wurde das System erneut eingesetzt.[10] Beim Camp 2015 wurden 34 Datenklos installiert.[11]

Die mobilen Toiletten wurden als „perfekter Ort für Outoor-Netzwerkknoten“ von anderen europäischen Camps übernommen, weil sie Belüftung und Witterungsschutz bieten und dabei mobil und einfach abschließbar sind. Spätere Iterationen verfügten über LED-Lichtinstallationen, die Aufschluss über die Verfügbarkeit des Netzwerks gaben.[12] Der Formfaktor erlaube die Unterbringung eines kompletten Racks voller Switche.[13] Das britische EMF-Camp übernahm neben den Toilettenhäuschen auch den deutschen Begriff Datenklo für die Infrastruktur.[14]
Der Begriff wurde von den Medien häufig aufgegriffen,[9][10][15] Hackaday bezeichnete die Datenklo-Beschreibung als obligatorisch für einen Hackercamp-Bericht.[13]
Trivia
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Spiel Saints Row: The Third findet man die moderne Version des Datenklos in Form mehrerer Toilettenhäuschen am nordwestlichen Rand der Karte.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Schwarz-Schilling: Toll, woll. In: Der Spiegel. Nr. 38, 1985 (online).
- ↑ Gail Schares: Cover Story: A German Hacker’s Club that promotes creative chaos. (pdf; 1,1 MB) Businessweek, 1. August 1988, abgerufen am 20. November 2009.
- ↑ Antwort der Bundesregierungen auf die kleine Anfrage der Grünen: Wirtschaftlichkeit des Bildschirmtext-Dienstes der Deutschen Bundespost. (PDF; 369 kB) bundestag.de, 3. März 1987, abgerufen am 20. November 2009.
- ↑ Die Post und die nicht zugelassenen Modems: Bundespost lässt erstes 300/1200/2400-bit/s-Modem zu. toppoint.de, 22. Mai 1988, abgerufen am 26. Dezember 2016.
- ↑ Urs Mansmann: Legal, illegal, total egal: Warum verbotene Modems so beliebt waren. In: c’t. Band 2021, Nr. 27, 18. Oktober 2021, ISSN 0724-8679, S. 42–43 (heise.de [abgerufen am 8. Februar 2026]).
- ↑ AM7910 datasheet. AMD, 16. Mai 1989, abgerufen am 18. November 2009.
- ↑ Peter Glaser: Der Chaos Computer Club wird 25 - mit ihm ein Stück deutscher Computergeschichte: Ungebremster Datendrang. In: Berliner Zeitung. 11. September 2006, abgerufen am 17. Februar 2024.
- ↑ Peter Glaser: „Datenklo“ mit Gummimuffen auf futurezone.orf.at
- ↑ a b Stefan Krempl: CCC-Sommercamp: Rau(s)chende Datenklos. In: Der Spiegel. 10. August 1999, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 8. Februar 2026]).
- ↑ a b Markus Becker: CCC-Sommercamp: Datenklo macht Hacker froh. In: Der Spiegel. 8. August 2003, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 8. Februar 2026]).
- ↑ Patrick Beuth: Chaos Communication Camp: Internet, wie es sein sollte. In: Die Zeit. 15. August 2015, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 8. Februar 2026]).
- ↑ Annalee Newitz: Live As If You Are Already In The Future At Hacker Camp. In: Gizmodo. 17. August 2009, abgerufen am 8. Februar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b Elliot Williams: Chaos Communication Camp 2015: Dispatch From Day One. In: Hackaday. 15. August 2015, abgerufen am 8. Februar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Victoria Turk: Not Your 'Traditional Hacker Camp': Inside Electromagnetic Field Festival. In: VICE. 2. September 2014, abgerufen am 8. Februar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Judith Horchert: Chaos Communication Camp: Hacker-Zeltlager in Brandenburg beginnt. In: Der Spiegel. 21. August 2019, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 8. Februar 2026]).