Complete Works of Voltaire

Complete Works of Voltaire (französisch Œuvres complètes de Voltaire, abgekürzt OCV) ist eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Voltaires, die von der Voltaire Foundation an der University of Oxford herausgegeben wurde. Voltaires literarisches und publizistisches Schaffen ist außerordentlich umfangreich: Die OCV erschließt mehr als 2000 Texte; hinzu kommt die von Theodore Besterman herausgegebene Referenzausgabe von Voltaires Korrespondenz, die 21.221 Briefe umfasst, darunter mehr als 15.000 von Voltaire verfasste Schreiben.[1][2]
Das 1968 von Theodore Besterman begründete Editionsprojekt wurde 2022 unter der wissenschaftlichen Leitung von Nicholas Cronk mit 205 Bänden abgeschlossen.[3] Die OCV gilt als erste vollständige kritische Ausgabe von Voltaires Gesamtwerk in der französischen Originalsprache und als erste vollständige Voltaire-Ausgabe seit den Gesamtausgaben des 19. Jahrhunderts.[4]
Nach Abschluss der Druckausgabe wurde das Editionsprojekt in eine digitale Forschungsumgebung überführt. Die Plattform Oxford University Voltaire stellt die 205 Bände der OCV in digitaler Form bereit, versteht sich jedoch nicht lediglich als Digitalisierung der Druckausgabe, sondern als digitale wissenschaftliche Edition. Sie umfasst neben mehr als 2000 Texten auch über 15.000 Stücke aus Voltaires Korrespondenz.[5]
Vorgeschichte und ältere Gesamtausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Complete Works of Voltaire stehen in einer langen Tradition von Voltaire-Gesamtausgaben. Bereits zu Voltaires Lebzeiten erschienen umfangreiche Sammelausgaben seiner Werke. Eine wichtige Rolle spielte die Genfer Ausgabe der Brüder Cramer, die als Collection complette des œuvres de M. de Voltaire verbreitet wurde. Die sogenannte „édition encadrée“ von 1775 erschien in 40 Bänden und zählt zu den bedeutenden Werkausgaben vor Voltaires Tod.[6]
Die erste große postume Gesamtausgabe war die sogenannte Kehl-Ausgabe, die von Beaumarchais initiiert und unter Mitwirkung von Condorcet herausgegeben wurde. Sie erschien 1784 bis 1789 bei der Société littéraire typographique in Kehl in 70 Bänden im Oktavformat; daneben existierte eine Ausgabe im Duodezformat mit 92 Bänden. Die Kehl-Ausgabe spielte eine zentrale Rolle für die postume Kanonisierung Voltaires und prägte die Überlieferung seiner Werke im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert.[7]
Im 19. Jahrhundert folgten weitere umfangreiche Gesamtausgaben. Besonders wichtig wurde die von Adrien-Jean-Quentin Beuchot herausgegebene Ausgabe, die 1828 bis 1834 bei Lefèvre in Paris in 72 Bänden erschien. Sie stellte einen wichtigen Schritt der editorischen Neuordnung und Kommentierung von Voltaires Werk im 19. Jahrhundert dar.[8]
Eine besonders verbreitete Referenzausgabe wurde die von Louis Moland herausgegebene Garnier-Ausgabe. Sie erschien 1877 bis 1885 in Paris bei Garnier frères in 52 Bänden und enthielt neben den Werken auch Vorreden, Varianten, Kommentare und umfangreiche Register. Die Moland-Ausgabe blieb lange eine viel benutzte Referenzausgabe und ist heute teilweise über Gallica, Wikisource, Internet Archive und HathiTrust digital zugänglich.[9]
| Ausgabe | Erscheinungszeitraum | Umfang | Herausgeber / Verlag | Bedeutung | Digitalisat / Online-Nachweis |
|---|---|---|---|---|---|
| Collection complette des œuvres de M. de Voltaire, sogenannte Cramer-Ausgabe | ab 1756; erweitert bis in die 1770er Jahre | zunächst 17 Bände; spätere Cramer-Ausgaben in erweitertem Umfang | Gabriel und Philibert Cramer, Genf | Erste große, noch zu Voltaires Lebzeiten erschienene Werksammlung unter enger Beteiligung Voltaires. Sie bildete eine wichtige Grundlage für die weitere Überlieferung seiner Werke. | Übersicht älterer Kollektivausgaben mit Cramer-Ausgaben bei c18.net. |
| Œuvres complètes de Voltaire, sogenannte Kehl-Ausgabe | 1784–1790 | 70 Bände | Société littéraire-typographique, Kehl; herausgegeben im Umfeld von Beaumarchais und Condorcet | Erste große postume Gesamtausgabe der Werke Voltaires. Sie spielte eine wichtige Rolle für die Verbreitung seines Werkes nach seinem Tod, entsprach aber noch nicht den Anforderungen einer modernen historisch-kritischen Edition. | Bibliographische Übersicht der Kehl-Ausgaben bei c18.net. |
| Œuvres de Voltaire, Ausgabe Beuchot | 1828–1840 | 72 Bände | Hrsg. von Adrien Jean Quentin Beuchot, Paris, Lefèvre | Wichtige Ausgabe des 19. Jahrhunderts. Sie ordnete den überlieferten Textbestand neu und wurde für spätere Ausgaben maßgeblich. | Digitalisate einzelner Bände u. a. im Internet Archive und bei Google Books. |
| Œuvres complètes de Voltaire, Ausgabe Moland | 1877–1885 | 52 Bände | Hrsg. von Louis Moland, Paris, Garnier frères | Lange Zeit maßgebliche Referenzausgabe. Sie enthält Vorreden, Kommentare, Variantenhinweise und Register, bleibt aber gegenüber einer modernen historisch-kritischen Ausgabe philologisch begrenzt. | Bandübersicht mit Gallica-Digitalisaten bei c18.net; Katalog- und Digitalisatnachweis außerdem bei HathiTrust. |
Die Oxford-Ausgabe (OCV)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Oxford-Ausgabe unterscheidet sich von diesen Vorgängern durch ihren Anspruch als vollständige historisch-kritische Edition. Sie sollte nicht nur die bekannten Werke Voltaires erneut abdrucken, sondern sämtliche authentischen Schriften, Varianten, Anmerkungen und bislang ungedruckten oder lange nicht neu edierten Texte auf Grundlage moderner Forschung erschließen. Die Voltaire Foundation bezeichnet die OCV als erste vollständige kritische Ausgabe von Voltaires Gesamtwerk in der Originalsprache und als erste vollständige Ausgabe überhaupt seit den Gesamtausgaben der 1870er Jahre.[10]
Digitale Ausgabe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach Abschluss der Druckausgabe wurde das Editionsprojekt in eine digitale Forschungsumgebung überführt. Die Plattform Oxford University Voltaire stellt die 205 Bände der Œuvres complètes de Voltaire / Complete Works of Voltaire in digitaler Form bereit. Sie versteht sich nicht lediglich als digitalisierte Wiedergabe der Druckausgabe, sondern als digitale wissenschaftliche Edition von Voltaires Gesamtwerk. Nach Angaben der Voltaire Foundation umfasst sie mehr als 2000 Texte sowie über 15.000 Stücke aus Voltaires Korrespondenz.[11]
Ein wesentlicher Unterschied zur gedruckten Ausgabe liegt in den Suchmöglichkeiten. Während die Arbeit mit älteren Gesamtausgaben und auch mit der gedruckten OCV wesentlich auf Register, Bandkenntnis und Einzelstellen angewiesen war, erlaubt die digitale Ausgabe eine corpusübergreifende Suche nach Wörtern, Namen, Begriffen und Textstellen in Voltaires Werk und Korrespondenz. Dadurch wird die OCV zugleich zu einem Instrument der digitalen Voltaire-Forschung.
Electronic Enlightenment und Korrespondenz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein wichtiger Teil der digitalen Erschließung betrifft Voltaires Korrespondenz. Die von Theodore Besterman herausgegebene „definitive“ Ausgabe der Korrespondenz umfasst 21.221 Briefe, darunter mehr als 15.000 von Voltaire verfasste Schreiben.[12] Die Briefe sind in die Datenbank Electronic Enlightenment aufgenommen, eine von der Voltaire Foundation entwickelte digitale Sammlung edierter Korrespondenzen der Frühen Neuzeit und Aufklärung.[13]
Die digitale Erschließung ermöglicht eine systematische Suche in Voltaires Korrespondenz nach Wörtern, Namen, Orten, Begriffen und Briefpartnern. Damit wird ein Korpus, das in der gedruckten Besterman-Ausgabe nur mit erheblichem Register- und Bandaufwand zu erschließen war, als durchsuchbares digitales Arbeitsinstrument verfügbar. Neu aufgefundene Briefe werden nach Angaben der Voltaire Foundation laufend ergänzt.[14]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Jean M. Goulemot, André Magnan, Didier Masseau (Hrsg.): Inventaire Voltaire. Gallimard, Reihe Quarto, Paris 1995, ISBN 2-07-073757-8, S. 458–460, Artikel „Éditions“.
- Robert Darnton: „Preface: Nicholas Cronk’s Voltaire“. In: Modern Languages Open, 2024, Article 14, doi:10.3828/mlo.v0i0.507.
Rezensionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Christopher Todd: „Review of Les Œuvres complètes de Voltaire (The Complete Works of Voltaire)“. In: The Modern Language Review, Bd. 67, Nr. 4, 1972, S. 895–913, doi:10.2307/3724528, JSTOR:3724528.
- Christopher Todd: „Review of Les Œuvres complètes de Voltaire (The Complete Works of Voltaire). Volumes 99–105. Correspondence and Related Documents: XV–XXI (March 1754–July 1760)“. In: The Modern Language Review, Bd. 69, Nr. 2, 1974, S. 407–412, doi:10.2307/3724613, JSTOR:3724613.
- Russell Goulbourne: „Review of The Complete Works of Voltaire / Œuvres complètes de Voltaire. Vol. IX: 1732–1733“. In: The Modern Language Review, Bd. 96, Nr. 2, 2001, S. 501–502, doi:10.2307/3737397, JSTOR:3737397.
- Edward James: „Œuvres complètes de Voltaire, 71A. Voltaire éditeur. Œuvres de 1769–1770 (I); Œuvres complètes de Voltaire, 71B. Voltaire éditeur. Œuvres de 1769–1770 (II)“. In: French Studies, Bd. 61, Nr. 4, 2007, S. 515–516, doi:10.1093/fs/knm212.
- Síofra Pierse: „Les Œuvres complètes de Voltaire, 75B: Fragments sur l’Inde et sur le général Lalli“. In: French Studies, Bd. 66, Nr. 3, 2012, S. 398–399, doi:10.1093/fs/kns126.
- Kathryn E. Fredericks: „Review of Œuvres complètes de Voltaire 143. Corpus des notes marginales 8“. In: Dalhousie French Studies, Bd. 100, 2012, S. 126–128, JSTOR:43488357.
- Jennifer Tsien: „Les Œuvres complètes de Voltaire, vol. 45A: Œuvres de 1753–57 / Writings of 1753–57. Edited by Basil Guy et al. Oxford: Voltaire Foundation, 2009“. In: Journal for Eighteenth-Century Studies, Bd. 37, Nr. 1, 2014, S. 123–124, doi:10.1111/1754-0208.12062.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Œuvres complètes de Voltaire / Complete Works of Voltaire – bei der Voltaire Foundation
- Oxford University Voltaire – digitale Ausgabe
- Electronic Enlightenment – bei der Voltaire Foundation#
- Nicholas Cronk und Gillian Pink: Reimagining the Single-author Online Resource: Digital Voltaire and Questions of Content and Access – Vortrag beim International Symposium on the Future of Digital Editing & Publishing, University College Cork, 2024.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ The Complete works of Voltaire are complete – in 205 volumes! – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Voltaire’s correspondence – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Œuvres complètes de Voltaire / Complete Works of Voltaire, now complete in 205 volumes – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Oxford University Voltaire – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Oxford University Voltaire – digitale Ausgabe der Voltaire Foundation.
- ↑ Vgl. die Übersicht in der Liste der Werke von Voltaire; dort: La Henriade, divers autres poèmes et toutes les pièces relatives à l’épopée, ohne Drucker (Cramer & Bardin), ohne Ort (Genf), 1775, 40 Bände mit den Pièces détachées, genannt L’encadrée.
- ↑ Jean M. Goulemot, André Magnan, Didier Masseau (Hrsg.): Inventaire Voltaire. Gallimard, Reihe Quarto, Paris 1995, ISBN 2-07-073757-8, S. 458–460, Artikel „Éditions“.
- ↑ Nicolas Morel: Le Voltaire de Beuchot. Une édition savante sous la Restauration. Georg, Chêne-Bourg 2020, ISBN 978-2-8257-1123-1, online: PDF.
- ↑ Andrew Brown, William H. Trapnell: Voltaire’s manuscripts and collective editions. SVEC Oxford 1970, ISBN 978-0-7294-0170-8.
- ↑ Œuvres complètes de Voltaire / Complete Works of Voltaire, now complete in 205 volumes – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Start exploring Voltaire’s works now – digitale Ausgabe der Voltaire Foundation.
- ↑ Voltaire’s letters – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Electronic Enlightenment – bei der Voltaire Foundation.
- ↑ Correspondences – bei der Voltaire Foundation.