Zum Inhalt springen

Collège de France

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
« DOCET OMNIA » („Es lehrt alles“) im Tympanon des Dreiecksgiebels des Haupteingangs des Collège de France

Das Collège de France (deutsch Kolleg Frankreichs) ist eine öffentliche Universität in Paris. Es genießt als Grand établissement (wie etwa die Elite-Hochschulen École des hautes études en sciences sociales (EHESS) oder Sciences Po) ein herausragendes wissenschaftliches Prestige. Bis dato sind mit dem Collège de France 21 Nobelpreisträger und 8 Fields-Medaillengewinner verbunden. Jeder Professor ist verpflichtet, Vorlesungen zu halten, deren Teilnahme kostenlos und für jedermann zugänglich ist. Die etwa 50 Professoren werden von den Professoren selbst aus einer Vielzahl von Disziplinen sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften ausgewählt. Das Collège de France wurde im Jahr 1530 gegründet und steht unter dem Motto „Docet Omnia“ (Latein für „Es lehrt alles“).

Der Haupteingang des Collège de France an der Place Marcelin-Berthelot im 5. Arrondissement in Paris

Das im 5. Arrondissement von Paris angesiedelte Collège de France ist einmalig in Frankreich und ohne Vergleich im westlichen Bereich (vergleichbare Ausnahmen sind allenfalls das Institute for Advanced Study in Princeton oder das All Souls College an der University of Oxford). Obwohl es mit seinen Professuren und Instituten universitären Charakter hat, kennt es keine eingeschriebenen Studierenden, kein durchstrukturiertes Lehrprogramm und keine Abschlusszeugnisse. Vielmehr dient es der freien natur- und geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung und deren publikumswirksamer Vermittlung in Form von Veröffentlichungen sowie von Vorlesungen, die kostenlos allen Interessierten zugänglich sind. Der offizielle Auftrag des Collège ist es, „das Wissen in seiner Entstehung zu lehren“ (enseigner le savoir en train de se faire).

Seit einigen Jahren gibt es eine Außenstelle des Collège, die mit der Universität Paul Cézanne Aix-Marseille III verbunden ist und je ein Institut zur Erforschung von Klimaveränderungen und von Erdbeben umfasst.

Die 54 Professuren des Collège decken ein breites Fächerspektrum ab, das in fünf Gruppen aufgeteilt ist: Mathematik, Physik, sonstige Naturwissenschaften einschließlich Medizin, Philosophie/Soziologie/Wirtschafts- und Rechtswissenschaft sowie Geschichte/Sprach- und Literaturwissenschaft/Archäologie. Die Lehrstuhlinhaber sind in der Regel Franzosen, doch ist das Collège darauf bedacht, immer auch einen gewissen Prozentsatz Ausländer zu berufen. Zwei der Professuren werden jeweils für ein Jahr mit ausländischen Gastprofessoren besetzt. Hinzu kommen kürzere Vortragsserien eingeladener Forscher aus dem In- und Ausland.

Wird eine Professur vakant, berät und befindet die Versammlung der Professoren darüber, welcher Disziplin und Forschungsrichtung sie in Zukunft gewidmet sein und welche Person auf sie berufen werden soll. Rufe erhalten nur Persönlichkeiten, die als führende Kapazitäten ihres Faches anerkannt sind. Ein Lehrstuhl am Collège de France gilt in Frankreich unbestritten als Krönung einer Gelehrtenkarriere. Eine bestimmte formale Qualifikation als Einstellungsvoraussetzung wird nicht verlangt.

Der Innenhof des Collège de France mit einer Statue des Humanisten Guillaume Budé, auf dessen Anregung hin König Franz I. die Institution im Jahr 1530 gründete

Der Ursprung des Collège de France geht auf das Jahr 1530 zurück, als König Franz I. einem Vorschlag seines Bibliothekars, des bedeutenden Humanisten Guillaume Budé, folgte und „königliche Vorleser“ (lecteurs royaux) ernannte. Diese sollten finanziell gesichert und unabhängig in Fächern tätig sein und lehren, die dem jungen Humanismus verpflichtet waren, aber von der Pariser Universität, die von den orthodoxen Theologen der Sorbonne beherrscht wurde, geächtet wurden. Diese Fächer waren zunächst Hebräisch und Altgriechisch, dessen Studium die Sorbonne kurz zuvor (1529) verboten hatte, sowie klassisches Latein. Wenig später kamen Recht, Mathematik sowie Medizin hinzu.

Der Name des neuen Gelehrtenkollegiums war Collège Royal oder auch Collège des trois langues (bzw. lateinisch Collegium Trilingue, in Anlehnung an eine ältere Einrichtung im Umkreis der Universität Löwen). Es war die erste Institution des höheren Bildungswesens in Frankreich, die bewusst an den Universitäten vorbei gegründet wurde, da diese als von gestrigen Theologen und Juristen beherrscht und verkrustet erschienen. Nach der Revolution wurde das Collège umbenannt in Collège national, um im 19. Jahrhundert je nach Regime mehrfach den Namen zu wechseln: Collège impérial, royal, national, impérial und schließlich mit der Etablierung der III. Republik im Jahr 1870 Collège de France.

2019 wurde mit Thomas Römer erstmals ein Deutscher zum Leiter des Collège de France gewählt.[1]

Seine lateinische Devise lautet seit der Gründung: docet omnia, deutsch „(es) lehrt alles“.

Lehrende des Collège

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Münze des Collège de France von 1845, Vorderseite: Adam Mickiewicz, Jules Michelet, Edgar Quinet
Münze des Collège de France von 1845, Rückseite: Aufschrift: Ut omnes unum sint.
(Am Rand: Borrel fecit 1845)

Weitere Dozenten des Collège de France finden sich unter Kategorie:Hochschullehrer (Collège de France).

Gegenwärtiges Kollegium

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Name Nationalität Startjahr Professur (Deutsch) Professur (Französisch)
Nalini Anantharaman  Frankreich 2022 Spektralgeometrie Géométrie spectrale
Timothy Gowers  Vereinigtes Königreich 2020 Kombinatorik Combinatoire
Xavier Leroy  Frankreich 2018 Informatik Sciences du logiciel
Pierre-Louis Lions  Frankreich 2002 Partielle Differentialgleichungen und Anwendungen Équations aux dérivées partielles et applications
Stéphane Mallat  Frankreich 2017 Datenwissenschaft Sciences des données
Jean Dalibard  Frankreich 2012 Atome und Strahlung Atomes et rayonnement
Louis Fensterbank  Frankreich 2023 Aktivierungen in der Chemie Activations en chimie moléculaire
Marc Fontecave  Frankreich 2008 Chemie biologischer Prozesse Chimie des processus biologiques
Antoine Georges  Frankreich 2009 Physik kondensierter Materie Physique de la matière condensée
Marc Henneaux  Belgien 2019 Felder, Strings und Schwerkraft Champs, cordes et gravité
Jean-François Joanny  Frankreich 2018 Weiche Materie und Biophysik Matière molle et biophysique
Jean-Marie Tarascon  Frankreich 2013 Festkörperchemie und Energie Chimie du solide et énergie
Edouard Bard  Frankreich 2001 Entwicklung des Klimas und der Ozeane Évolution du climat et de l'océan
Françoise Combes  Frankreich 2014 Galaxien und Kosmologie Galaxies et cosmologie
Alessandro Morbidelli  Italien 2023 Planetenbildung: von der Erde zu Exoplaneten Formation planétaire : de la Terre aux exoplanètes
Hugues de Thé  Frankreich 2014 Zelluläre und molekulare Onkologie Oncologie cellulaire et moléculaire
Stanislas Dehaene  Frankreich 2005 Experimentelle kognitive Psychologie Psychologie cognitive expérimentale
Denis Duboule  Schweiz/  Frankreich 2022 Entwicklungsbiologie und Genomentwicklung Évolution du développement et des génomes
Sonia Garel  Frankreich 2020 Neurobiologie und Immunität Neurobiologie et immunité
Edith Heard  Vereinigtes Königreich 2012 Epigenetik und Zellgedächtnis Épigénétique et mémoire cellulaire
Jean-Jacques Hublin  Frankreich 2021 Paläoanthropologie Paléoanthropologie
Thomas Lecuit  Frankreich 2016 Dynamiken des Lebendigen Dynamiques du vivant
Lluis Quintana-Murci  Frankreich/  Spanien 2019 Humangenetik und Evolution Génomique humaine et évolution
Patrick Boucheron  Frankreich 2015 Geschichte der Macht in Westeuropa, 13.–16. Jahrhundert Histoire des pouvoirs en Europe occidentale, XIIIe-XVIe siècle
Jean-Pierre Brun  Frankreich 2011 Technik und Wirtschaft im antiken Mittelmeerraum Techniques et économies de la Méditerranée antique
Dominique Charpin  Frankreich 2014 Mesopotamische Zivilisation Civilisation mésopotamienne
Anne Cheng  Frankreich 2008 Chinas Geistesgeschichte Histoire intellectuelle de la Chine
Laurent Coulon  Frankreich 2023 Zivilisation des pharaonischen Ägyptens Civilisation de l'Égypte pharaonique
François Déroche  Frankreich 2014 Geschichte des Korans: Text und Überlieferung Histoire du Coran. Texte et transmission
François-Xavier Fauvelle  Frankreich 2019 Geschichte und Archäologie der afrikanischen Länder Histoire et archéologie des mondes africains
Jean-Luc Fournet  Frankreich 2015 Schriftkultur der Spätantike und byzantinische Papyrologie Culture écrite de l'Antiquité tardive et papyrologie byzantine
Frantz Grenet  Frankreich 2013 Geschichte und Kulturen des vorislamischen Zentralasiens Histoire et cultures de l'Asie centrale préislamique
Henry Laurens  Frankreich 2003 Neuere Geschichte der arabischen Welt Histoire contemporaine du monde arabe
Antoine Lilti  Frankreich 2022 Geschichte der Aufklärung, 18.–21. Jahrhundert Histoire des Lumières, XVIIIe-XXIe siècle
Dario Mantovani  Italien 2018 Recht, Kultur und Gesellschaft des antiken Roms Droit, culture et société de la Rome antique
Vinciane Pirenne-Delforge  Belgien 2017 Religion, Geschichte und Gesellschaft in der antiken griechischen Welt Religion, histoire et société dans le monde grec antique
Thomas Römer  Deutschland/  Schweiz 2008 Biblische Umwelt Milieux bibliques
William Marx  Frankreich 2019 Vergleichende Literaturwissenschaft Littératures comparées
François Recanati  Frankreich 2019 Philosophie der Sprache und des Geistes Philosophie du langage et de l'esprit
Luigi Rizzi  Italien 2020 Allgemeine Sprachwissenschaft Linguistique générale
Claudine Tiercelin  Frankreich 2010 Metaphysik und Erkenntnistheorie Métaphysique et philosophie de la connaissance
Philippe Aghion  Frankreich 2015 Institutionen-, Innovations- und Wachstumsökonomie Économie des institutions, de l'innovation et de la croissance
Samantha Besson  Schweiz/  Vereinigtes Königreich 2019 Völkerrecht Droit international des institutions
Esther Duflo  Frankreich 2022 Armut und staatliche Politik Pauvreté et politiques publiques
Didier Fassin  Frankreich 2022 Moralische Fragen und politische Herausforderungen in zeitgenössischen Gesellschaften Questions morales et enjeux politiques dans les sociétés contemporaines
François Héran  Frankreich 2017 Migration und Gesellschaft Migrations et sociétés
Pierre-Michel Menger  Frankreich 2013 Soziologie kreativer Arbeit Sociologie du travail créateur

Stand: September 2024[3]

  • André Tuilier: Histoire du Collège de France. Band I. Fayard, Paris 2006.
Commons: Collège de France – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Thomas Römer. PSL, abgerufen am 17. Januar 2020.
  2. Barbara I. Tshisuaka: Récamier, Joseph-Claude-Anthelme. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1219.
  3. Chaires statutaires – Collège de France. In: college-de-france.fr. www.college-de-france.fr, 2021, abgerufen am 4. September 2024 (französisch).

Koordinaten: 48° 50′ 57″ N,  20′ 44″ O