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Chajka Klinger

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Chajka Klinger (hebräisch חייקה קלינגר; geboren am 25. September 1917 in Będzin, Zagłębie Dąbrowskie, Polen, gestorben am 18. April 1958 in Israel) war eine Führerin der jüdischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair in Będzin. Die Widerstandskämpferin war Mitgründerin des Będziner Zweigs der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) und beim Aufstand im Ghetto Będzin beteiligt. Von der Gestapo gefasst und gefoltert, konnte sie entkommen und nach Palästina fliehen. Ihre Tagebuchaufzeichnungen gelten als wichtiges Dokument des jüdischen Widerstands im Holocaust.

Familie und Jugend

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Chajka Klinger wurde am 25. September 1917 in der Stadt Będzin in der Region Zagłębie im Südwesten Polens geboren.[1] Sie stammte aus einer verarmten chassidischen Familie. Chajkas Mutter, Perla Schwinkelstein, sicherte durch den Betrieb eines kleinen Lebensmittelladens den Lebensunterhalt der Familie, während ihr Vater Leibel sein Leben dem Studium der Tora widmete.[2.1]

Gruppe von jungen Männern und Frauen, pfadfinderähnlich gekleidet (Halstuch)
Eine Hashomer Hatzair-Jugendgruppe in Slonim, 1934

Chajka hatte vier Geschwister. Ihr Bruder Abraham starb noch vor dem Holocaust. Ihre beiden Schwestern Sara und Mania sowie ihr Bruder Menachem Mendel waren alle mit der jüdisch-sozialistischen Jugendbewegung verbunden und gehörten Gruppen wie der linkszionistischen Partei Poale Zion, der sozialistisch-zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hatzair (Junge Wächter) und einer kommunistischen Gruppe an. Chajkas Eltern und ihre Schwester Sara wurden 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihre Schwester Mania starb 1944 in einem Arbeitslager.[3]

Chajka besuchte das zweisprachige jüdische Fürstenberg-Gymnasium in Będzin, was damals unüblich für ein Mädchen aus einem religiösen Elternhaus war. Sie erlernte mehrere Sprachen fließend, darunter Polnisch, Jiddisch, Hebräisch und Deutsch. In den 1930er Jahren schloss sie sich im Alter von 14 Jahren der Jugendorganisation Hashomer Hatzair an. Schnell wurde sie Gruppenleiterin und Mitglied der lokalen Führung.[4] 1938 zog sie in einen Kibbuz der Bewegung bei Kalisz, um sich durch eine landwirtschaftliche Ausbildung (Hachschara) auf eine Auswanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina vorzubereiten.[3][2.1]

Untergrundarbeit und bewaffneter Widerstand

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Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 floh Chajka Klinger mit ihrem Freund Dawid Kozlowski in die litauische Stadt Vilnius. Von dort aus wollten sie nach Palästina ausreisen, was nicht gelang. Im Frühjahr 1940 wurden beide von der Hashomer Hatzair-Leitung nach Bedzin zurückbeordert, um die Organisation im Untergrund neu aufzubauen. Klinger, Kozlowski sowie die Schwestern Lea und Idzia Pejsachson wurden zu Führungspersonen des Będziner Untergrundzweigs von Hashomer Hatzair.[2.1]

3 junge Frauen und 3 junge Männer putzen sich in einer Küche die Zähne
Mitglieder der Jugendgruppe Gordonia in Bedzin 1940

Da die Ghettoisierung im Gebiet Zagłębie erst spät begann, hatten sich zu diesem Zeitpunkt Tausende junger Menschen nach Będzin geflüchtet und die Untergrundgruppe war entsprechend groß. Viele der Jugendlichen ließen in einem kibbuzähnlichen Lager („farma“) landwirtschaftlich und politisch-ideologisch mit dem Ziel einer Auswanderung (Hachscharah) ausbilden. Die Gemeinschaft, geleitet von Chajka Klinger und Dawid Koslowski, wurde für die Jugendlichen zu einer Zukunftshoffnung und einem Familienersatz.[4]

Ab 1942 mehrten sich in Będzin und Region Zagłębie Selektionen und Verschleppungen der jüdischen Bevölkerung in das Vernichtungslager Auschwitz. Das veränderte Chajka Klingers politische Einstellung grundlegend. Aus der Erkenntnis heraus, dass die deutschen Besatzer die völlige Vernichtung des Judentums (Holocaust) planten, sah sie keinen Sinn mehr darin, Auswanderungspläne oder Fluchtversuche zumindest der jugendbewegten Funktionäre zu unterstützen. Stattdessen trat sie vehement für eine jüdische Revolte ein. In ihren Tagebüchern schrieb sie: „Die Avantgarde muss dort sterben, wo ihre Menschen sterben“.[2.2][3] Diese Radikalität brachte sie nicht nur in Konflikt mit anderen Jugendgruppen, sondern vor allem mit dem Będziner Judenrat, der auf eine Kollaboration mit den Besatzern setzte und befürchtete, der aktivistische Untergrund gefährde seine Stillhaltebemühungen.[5]

Mitglieder der Jugendbewegung „Dror“ in Bedzin vor einer Gedenktafel für die Untergrundkurierin Frumka Plotnicka
Mitglieder der Jugendbewegung in Bedzin vor Gedenktafel für Frumka Plotnicka (1947)

Im selben Jahr 1942 gründete sich in Będzin eine lokale Untergruppe der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB), an deren Gründung Chajka Klinger beteiligt war. Die Jüdische Kampforganisation, ein Zusammenschluss mehrerer Gruppen der jüdischen Jugendbewegung, wollte bewaffnet Gegenwehr leisten, weitere Deportationen verhindern und Aufstände gegen die Besatzer vorbereiten.[6] Die Warschauer ŻOB-Leitung entsandte die erfahrene Funktionärin Frumka Plotnicka als Anführerin des Widerstands nach Będzin. Andere Führungsmitglieder der ŻOB wie Tosia Altman, Josef Kaplan oder Mordechai Anielewicz, der spätere Kommandeur des Aufstand im Warschauer Ghetto, reisten wiederholt nach Będzin, um die lokale Kampfgruppe zu beraten.[3][4]

Klinger schilderte in ihrem Tagebuch, dass der Będziner Untergrund trotz all dieser Anstrengungen auf einen Abwehrkampf nur unzureichend vorbereitet war, insbesondere, weil er über zu wenig Waffen verfügte. Die vorwiegend jungen Aufständischen erlitten enorme Verluste, bevor es überhaupt zu einer Revolte kam. Viele wurden vor den geplanten Widerstandsaktionen gefasst und ermordet, einige davon durch Verrat.[1]

zwei kleine Mädchen in einer Straße mit zerstörten Gebäuden und kaputtem Mobiliar
Ghetto von Bedzin zwischen 1940 und 1943

So lieferte zum Beispiel der Judenrat, der um seinen Einfluss in der Bevölkerung fürchtete, wichtige Untergrundaktivisten wie Lipek Minz und Zvi Dunski an die Gestapo aus, die sie hinrichtete. Eine weitere Gruppe jüdischer Kämpfer, die zu den Partisanen in die Wälder aufgebrochen war, wurde von einem polnischen Kontaktmann verraten. Die SS erschoss alle bis auf eine Person, die entkommen konnte. Unter den Toten befand sich auch Chajka Klingers Gefährte Dawid, den sie einen Monat zuvor geheiratet hatte.[7] Im Juli 1943 hatte Klinger bereits zahlreiche Kampfgefährten verloren.[4]

Am 1. August 1943 erfuhr die Leitung der ŻOB, dass die SS das Ghetto Będzin endgültig ‚liquidieren‘ und die Bevölkerung in Vernichtungslager deportieren wollte. Daraufhin kam es zum Aufstand. Die Jüdische Kampforganisation unter Leitung von Frumka Plotnicka leistete drei Tage lang erbittert Widerstand gegen die schwer bewaffnete SS und ihre Hilfstruppen.[8] Dann ging ihnen die Munition aus. Fast alle aus der Kampfgruppe wurden von der SS gefasst und ermordet, darunter auch Frumcka Plotnicka.[9]

Chajka Klinger hielt sich zu diesem Zeitpunkt, mit einem Revolver bewaffnet, in einem unterirdischen Bunker auf, wo SS-Truppen sie entdeckten. Sie wurde von der Gestapo verhört, gefoltert und auf die Deportationsliste nach Auschwitz gesetzt.[3]

„Zum Leben verurteilt“

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Plakat aus dem Jahr 1940, das zur Rettung und Einwanderung nach „Eretz Israel“ aufruft

Überlebende des Untergrunds verhalfen ihr zur Flucht und brachten sie in einem Versteck bei polnischen Familien im Dorf Dąbrówka unter.[2.1] Dort verfasste sie den größten Teil ihrer Tagebuchaufzeichnungen. Ende Dezember 1943 wurde sie mit einigen anderen über die slowakische Grenze geschleust und von Hashomer Hatzair-Untergrundaktivisten um Yaakov Rosenberg empfangen.[2] Im Januar 1944 wurde sie sie weiter nach Ungarn geschmuggelt, wo sie sich ihrer Organisation in Budapest anschloss.[3]

In beiden Ländern berichtete Klinger über die Judenvernichtung in Polen und forderte ihre Genossen zu einem jüdischen Aufstand auf, doch bei vielen stieß sie damit auf Skepsis. Manche hielten ihre Berichte für eine Übertreibung, andere lehnten die Forderung nach einer jüdischen Revolte rundum ab. Wie Klinger schrieb, habe ein Genosse sarkastisch geäußert: „Ich möchte nicht, dass ein Kibbuz in Israel nach mir benannt wird – ich möchte in einem leben.“[3][2.1]

Im März 1944 wurde Chajka Klinger mit einem der wenigen legalen Einwanderungszertifikate, die in Ungarn erhältlich waren, ins Mandatsgebiet Palästina weitergesandt. Ihre lange Reise führte sie durch den Balkan, über Istanbul, Syrien und den Libanon, bis sie Haifa erreichte.[3]

Dort ließ sie sich im Kibbuz HaOgen nieder. Nachdem sie 1944 Yaakov Rosenberg geheiratet hatte, arbeitete sie an der Veröffentlichung ihrer Tagebücher, die sie in ihrem Versteck in Polen geschrieben hatte – ein Vorhaben, das sie jedoch nie zu Ende führte. Nachdem ihr Sohn Zvi geboren wurde, beschloss sie ihre Aufzeichnungen ganz einzustellen. In den folgenden Jahren brachte sie zwei weitere Kinder zur Welt: die Söhne Avihu und Arnon.[3]

Die Tagebücher

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Chajka Klingers Tagebücher gelten als frühe und bedeutende Quelle zur Geschichte des jüdischen Untergrunds in Polen.[10] Ihre Organisation hatte Klinger damit beauftragt, zu überleben und Zeugnis über den jüdischen Widerstand abzulegen. Sie selbst hätte es vorgezogen, gemeinsam mit ihren Gefährten zu sterben. Als eine der wenigen Überlebenden fühlte sie sich, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt, „zum Leben verurteilt“.[2]

Nach dem Krieg wurden Teile ihrer Aufzeichnungen in israelischen Zeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht. Dabei wurden ihre Texte vielfach ohne ihre Zustimmung redaktionell bearbeitet, gekürzt oder zensiert. Passagen, in denen sie Kritik an der zionistischen Führung, an Teilen des Jischuvs oder an Entscheidungen jüdischer Organisationen im Ausland geäußert hatte, wurden weggelassen oder abgeschwächt. Klinger selbst verstand ihre Aufzeichnungen als unverfälschtes Zeugnis ihrer Erfahrungen, zu denen auch die kritische und selbstkritische Schilderung von Schuldgefühlen, Wut, Enttäuschung und Trauer gehörten. Die nachträgliche Umgestaltung der Texte zu einer eher heroisch eingefärbten Erinnerungserzählung empfand sie als Verfälschung ihres Anliegens und als Missachtung des Andenkens ihrer getöteten Gefährten.[2]

Die Eingriffe in ihre Texte sowie Versuche einer politischen Instrumentalisierung führten auch zu Konflikten mit ihrer eigenen Bewegung Hashomer Hazair in Israel.[2.1] Zugleich war die fortgesetzte Beschäftigung mit ihren Kriegserfahrungen eine schwere Belastung für sie, denn das Schreiben rief die Erinnerung an die Verfolgung und den Tod ihrer Freunde und Gefährten immer wieder wach. In den folgenden Jahren durchlitt sie mehrere psychische Krisen.[10]

Am 18. April 1958 nahm sie sich das Leben. Ihr Tod fiel auf den fünfzehnten Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto.[3]

  • Chajka Klinger: I Am Writing These Words to You. The Original Diaries, Będzin 1943. Edited by Avihu Ronen, Yad Vashem und Moreshet 2017, ISBN 978-965-308-548-0.[11]
  • Avihu Ronen: Condemned to Life: The Diaries and Life of Chajka Klinger. Yad Vashem Publications 2024, ISBN 978-965-308-706-4.
  • Judy Batalion: Sag nie, es gäbe nur den Tod für uns: Die vergessene Geschichte jüdischer Freiheitskämpferinnen. Piper Verlag 2021, ISBN 978-3-492-05956-5.
  • Dalia Ofer: Condemned to Life? A Historical and Personal Biography of Chajka Klinger. On Avihu Ronen's book: Condemned to Life: The Diaries and Life of Chajka Klinger, Yad Vashem studies 42, 2014

Einzelnachweise

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  1. 1 2 Chaika Klinger, member of Ha - Shomer ha - Tsa'ir and the Jewish Fighting Organization in the Bedzin ghetto, and later, in the Zionist pioneering underground in Hungary. In: Infocenters (Ghetto Fighters House). Abgerufen am 13. Mai 2026.
  2. 1 2 3 Avihu Ronen: Introduction. In: The Diaries of Chajka Klinger. Yad Vashem; Moreshet, Israel 2017, ISBN 978-965-308-548-0, S. 8 ff.
    1. 1 2 3 4 5 6 Ronen, The Diaries, S. 10
    2. Ronen, The Diaries, S. 7
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Chajka Klinger. In: Jewish Women's Archive. Abgerufen am 26. März 2026 (englisch).
  4. 1 2 3 4 Klinger Chajka | Virtual Shtetl. Abgerufen am 13. Mai 2026.
  5. Dr. David Silberklang: Revolt or Rescue? Jewish Dilemmas from the Holocaust. Yad Vashem, 9. Februar 2014, abgerufen am 13. Mai 2026 (englisch).
  6. Avihu Ronen: Pamiętniki Chajki Klinger. In: Zagłada Żydów. Studia i Materiały. Nr. 9, 1. Dezember 2013, ISSN 2657-3571, S. 335–379, doi:10.32927/ZZSiM.593 (zagladazydow.pl [abgerufen am 14. Mai 2026]).
  7. IR HAMETIM Town of the Dead (The Extermination of the Jews in the Zaglembia Region). Abgerufen am 24. Mai 2026.
  8. Denkmal für die Opfer des Ghettos Bendzin. In: Memorialmuseum. Abgerufen am 18. Mai 2026.
  9. World Jewish Congress: This week in Jewish history | Insurgents revolt in Będzin Ghetto as Nazis attempt to liquidate camp. Abgerufen am 18. Mai 2026 (englisch).
  10. 1 2 Dalia Ofer: Condemned to Life? A Historical and Personal Biography of Chajka Klinger. (academia.edu [abgerufen am 19. Mai 2026]).
  11. Chajka Klinger: I Am Writing These Words to You. The Original Diaries (PDF). Yad Vashem, 2017, abgerufen am 13. Mai 2026 (englisch).