Zum Inhalt springen

Carroll Izard

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Carroll Ellis Izard (* 8. Oktober 1923 in Georgetown, Mississippi; † 5. Februar 2017 in Landenberg, Pennsylvania) war ein US-amerikanischer Psychologe und emeritierter Professor der University of Delaware.[1]

Er war der Sohn von Willis Lee und Willie (Cliburn) Izard. Sein Studium begann er am Mississippi College und er erwarb hier 1943 einen Bachelor of Arts; danach wechselte er an die Yale University, an der er 1945 einen Bachelor of Divinity bekam, der eig. auf eine kirchliche Laufbahn vorbereitet. 1944–1946 diente er als Leutnant der United States Naval Reserve. Dann wechselte er an die Syracuse University, an der er 1951 einen Master of Arts erwarb. Hier promovierte (Ph.D.) er auch in klinischer Psychologie.[2] In seiner Doktorarbeit unter der Betreuung von Silvan Tomkins untersuchte er die Emotionserkennung und -bezeichnung an einer Stichprobe von Erwachsenen mit und ohne Schizophrenie. Dazu schaltete er Anzeigen in Zeitungen und bat Leute, Fotos ihrer Mimik zu spenden. In Pilotversuchen reduzierte er diese Gesichtsausdrücke auf acht Grundemotionen. In der Studie bat er die Teilnehmer nicht, den Ausdruck explizit zu benennen, wie er es in seinen späteren Arbeiten tat, sondern ihren Eindruck von der Person zu schildern. Ergebnis war, dass Personen mit Schizophrenie den Personen auf den Fotos mehr Anspannung, Misstrauen, Feindseligkeit und Bedrohung zuschrieben als Menschen ohne diese Erkrankung.[3]

In der Folge wurde er 1952–1954 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Tulane University, dann 1954–1955 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universities Research Association in Philadelphia. 1955–1956 arbeitete er als Spezialist für individuelle Entwicklung und zwischenmenschliche Beziehungen bei der General Electric in Lynn. 1956 kam er zuerst als Assistenzprofessor für Psychologie und ab 1964 als Außerordentlicher Professor an die Vanderbilt University, danach war er hier bis 1976 ordentlicher Professor; in dieser Zeit war er 1956–1971 Leiter des dortigen Beratungszentrums und von 1962 bis 1967 Direktor des klinischen Ausbildungsprogramms. 1976 wechselte er als Unidel Foundation Professor of Psychology in the McKinly Lab an die University of Delaware und konzentrierte seine Arbeit auf die emotionale Entwicklung von Säuglingen und Vorschulkindern. 2014 ging er in den Ruhestand. Zuletzt war er Trustees Distinguished Professor Emeritus für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of Delaware.[4]

Er ist bekannt durch seine Beiträge zur Entwicklungsforschung über Emotionen. Dabei untersuchte mit einer Vielzahl von Verfahren Emotionen im Zusammenhang mit der Entwicklung von Emotionswissen, mit der Emotionsregulation, mit sozialer und emotionaler Kompetenz, Persönlichkeit und Verhaltensproblemen. Seine zentrale theoretische Annahme war, dass Emotionen eine zentrale Rolle bei der Motivation und Organisation von Wahrnehmung, Kognition und Handeln spielen. Nach seiner mit Silvan Tomkins, Paul Ekman und anderen vertretenen Emotionstheorie werden Emotionen als angeboren und seit frühester Kindheit voneinander abgegrenzt betrachtet. Er identifizierte mithilfe des Maximally Discriminative Affect Coding System (MAX) zehn Hauptemotionen: Angst, Wut, Scham, Verachtung, Ekel, Schuld, Leid, Interesse, Überraschung und Freude; diese sind die Basisemotionen, die sich nicht auf weitere grundlegendere Emotionen reduzieren lassen. Diese diskreten Emotionen können sich kombinieren und dyadische, triadische und sogar harmonischere oder widersprüchliche Emotionen erzeugen. Sensible Phasen in der Entwicklung können die Bildung adaptiver Verbindungen zwischen den Emotionen und anderen Systemen optimieren. Umgekehrt kann das Erleben ungünstiger Umgebungen während dieser sensiblen Phasen die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentwicklung oder einer schweren Psychopathologie erhöhen. Er schlug außerdem vor, dass jede Emotion ihre neuronale Basis und ihr Ausdrucksmuster (meist durch Mimik ausgedrückt) hat und dass jede Emotion als einzigartig erlebt wird. Das Emotionssystem gilt als das primäre Motivationssystem während der gesamten Lebensspanne. Emotionen sind die wichtigsten Organisationsfaktoren in der Bewusstseinsentwicklung und spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung höherer Bewusstseinskomplexitätsstufen im Laufe des Lebens.

Nach seiner Theorie der differentiellen Emotionen (DET) entstehen allgemein erkennbare angeborene Grundemotionen innerhalb der ersten zwei bis sieben Monate nach der Geburt ohne Vorläufer von Gesichtsbewegungen; er plädierte auch für eine Übereinstimmung von emotionalem Ausdruck und subjektivem Erleben. Dazu führte er empirische Studien zur Gesichtsfeedback-Hypothese wonach der Gesichtsausdruck einer Emotion das Erleben dieser Emotion erleichtert und wonach Emotionen mit unterschiedlichen Funktionen wiederum Gesichtsausdrücke hervorrufen, die Hinweise darauf geben, welche Emotionen eine Person empfindet. Darüber hinaus entwickelte er ein multidimensionales Selbstberichtsmaß, die Differential Emotions Scale (DES-IV), welche die zehn grundlegenden Emotionen misst, die im Gesichtsausdruck erkennbar sind: Interesse, Freude, Überraschung, Traurigkeit, Wut, Ekel, Verachtung, Selbstfeindseligkeit, Angst, Scham, Schüchternheit und Schuld.

Seine Beiträge zur Emotionskompetenzforschung begannen mit der Frage, ob das Erkennen und Benennen von Emotionen mit sozialen und verhaltensbezogenen Funktionen zusammenhängt. Er entwickelte dabei eine Theorie zum adaptiven Einsatz diskreter Emotionen, ein Konstrukt, das er als „Emotionsnutzung“ bezeichnete. Insbesondere betonte er, dass die Fähigkeit, emotionale Gesichtsausdrücke zu erkennen und zu benennen, für die Förderung sozialer und emotionaler Funktionen von zentraler Bedeutung ist. Durch die Wahrnehmung von Gesichtsausdrücken und die daraus resultierenden Vorhersagen über das Verhalten anderer entwickeln Säuglinge Wissen über Emotionen und soziale Interaktionen. Mit der Entwicklung symbolischer und sprachlicher Fähigkeiten verknüpfen Kleinkinder verbale Bezeichnungen mit Gesichtsausdrücken, inneren Erregungszuständen sowie Verhaltens- und Situationshinweisen. Wenn Säuglinge oder Kleinkinder diese Zusammenhänge nicht entwickeln oder die Normen für diese Zusammenhänge nicht verstehen, kann die adaptive soziale und verhaltensbezogene Funktion beeinträchtigt sein.

Zudem übersetzte er seine Theorie und Forschung zu Emotionen in sieben Prinzipien emotionsbasierter Prävention und Intervention und er wandte diese Prinzipien auf eine präventive Intervention an, den sog. „Emotionskurs“. Der Emotionskurs soll die Emotionskompetenz fördern und damit Problemverhalten reduziert. Dieser Emotionskurs wurde für Kleinkinder entwickelt und besteht aus einer 20-wöchigen Intervention mit kurzen Lektionen, die Vorschullehrer mithilfe eines Handbuchs leiten können. In einem vom National Institute of Mental Health finanzierten Head-Start-Projekt untersuchte er die Zusammenhänge zwischen sozialem Risiko, der Entwicklung des Emotionssystems und sozialer Kompetenz sowie von Verhaltensproblemen im Alter von 5 bis 7 Jahren und dann in der späteren Kindheit und frühen Adoleszenz. Ein Hauptziel dieser Studie war die Entwicklung wissenschaftlicher Grundlagen für Frühinterventionsprogramme, die Verhaltensstörungen vorbeugen und die Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenz fördern. Es konnte nachgewiesen werden, dass der Emotionskurs das Verhalten der Kinder im Klassenzimmer wirksam regulieren konnte und dass maladaptives Verhalten verringert wurde.

Ehrungen/Positionen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit seiner Frau Barbara Sinquefield Izard war er 65 Jahre lang verheiratet; das Paar hatte drei Kinder.

Publikationen (Auswahl)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Monografien
  • Mit Rosanna Di Maggio; Carla Zappulla: Educare alla conoscenza e alla regolazione delle emozioni. Manuale per educatori e insegnanti di scuola dell'infanzia. Edizioni Junior, 2014, ISBN 978-88-8434-599-8.
  • Patterns of Emotions: A New Analysis of Anxiety and Depression. Academic Press, Cambridge, Massachusetts 2013, ISBN 978-1-4832-4103-6.
  • The emotions course: Helping children understand and manage their feelings. Teachers’ manuals. University of Delaware Newark, DE, Newark 2001.
  • The psychology of emotions. Plenum, New York 1991.
  • Human Emotions. Springer US, Boston, MA 1977, ISBN 978-1-4899-2209-0.
    • Deutsche Ausgabe: Die Emotionen des Menschen: eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie (3. Aufl.). Beltz, Psychologie-Verl.-Union, Weinheim 1994, ISBN 978-3-621-27245-2.
  • Face of Emotion. Ardent Media, U.S.,1993, ISBN 978-0-8290-0059-7.
  • Development of Emotion-Cognition Relations. Psychology Press Ltd, New York 1990, ISBN 978-0-86377-143-9.
  • Mit Michail Rutter; Peter Read: Depression in Young People: Developmental and Clinical Perspectives. Guilford Publications, New York 1986, ISBN 978-0-89862-660-5.
  • The face of emotion. Appleton-Century-Crofts, New York 1971.
Herausgeberschaften
  • Emotions in Personality and Psychopathology. Springer, New York, NY 1979, ISBN 978-1-4613-2894-0.
  • Mit Peter B. Read; Social Science Research Council (U. S.): Measuring Emotions in Infants and Children: Based on Seminars Sponsored by the Committee on Social and Affective Development During Childhood of the Studies in Social and Emotional. Cambridge University Press, Cambridge 1982, ISBN 978-0-521-24171-7.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Mit Rosanna Di Maggio; Carla Zappulla; Ugo Pace: Adopting the Emotions Course in the Italian Context: A Pilot Study to Test Effects on Social-Emotional Competence in Preschool Children. In: Child indicators research, 2016, S. 1–20.
  • Mit Stacy R. Johnson; Kristy J. Finlon: Roger Kobak: Promoting Student–Teacher Interactions: Exploring a Peer Coaching Model for Teachers in a Preschool Setting. In: Early Childhood Education Journal, 2016, S. 1–10.
  • Mit D. Schultz; A. Grodack: State and Trait Anger, Fear, and Social Information Processing. In: M. Potegal; Gerhard Stemmler; Charles Spielberger (Hrsg.): International Handbook of Anger. Springer, New York, NY 2010, ISBN 978-0-387-89675-5.
  • Basic emotions, natural kinds, emotion schemas, and a new paradigm. In: Perspectives on Psychological Science, 2007, 2 (3), S. 260–280.
  • Mit Sarah Fine; David Schultz; Allison Mostow; Brian Ackerman; Eric Youngstrom: Emotion Knowledge as a Predictor of Social Behavior and Academic Competence in Children at Risk. In: Psychological Science, 2001, 12 (1), S. 18–23.
  • Emotional intelligence or adaptive emotions? In: Emotion, 2001, 1, S. 249–257.
  • Mit B. P. Ackerman, J. A.A. Abe: Differential Emotions Theory and Emotional Development. In: M. F. Mascolo S. Griffin (Hrsg.): What Develops in Emotional Development? Emotions, Personality, and Psychotherapy. Springer, Boston, MA 1998, ISBN 978-1-4899-1939-7.
  • Differential Emotions Theory. In: Human Emotions. Emotions, Personality, and Psychotherapy. Springer, Boston, MA. 1977.
  • Mit E. A. Youngstrom: The activation and regulation of fear and anxiety. In D. A. Hope (Hrsg.): Nebraska Symposium on Motivation: Vol. 43, Perspectives in anxiety, panic, and fear. University of Nebraska Press, Lincoln 1997.
  • Four systems for emotion activation: Cognitive and noncognitive processes. In: Psychological Review, 1993, 100, S. 68–90.
  • Mit C. A. Fantauzzo; J. M. Castle; O. M. Haynes; M. F. Rayias; P. H. Putnam: The ontogeny and significance of infants' facial expressions in the first nine months of life. In: Developmental Psychology, 1995, 31, 997-1013.
  • Mit D. Cicchetti; B. P. Ackerman: Emotions and emotion regulation in developmental psychopathology. In: Development and Psychopathology, 1995, 7, S. 1–10.
  • Mit D. Z. Libero; P. Putnam; O. M. Haynes: Stability of emotion experiences and their relations to traits of personality. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1993, 64, S. 847–860.
  • Basic Emotions, Relations Among Emotions, and Emotion-Cognition Relations. In: Psychological Review, 1992, 99 (3), S. 561–565.
  • Mit R. R. Huebner: Mothers' responses to infants' facial expressions of sadness, anger, and physical distress. In: Motiv. Emot., 1988, 12, S. 185–196.
  • Mit M. C. Hyson: Shyness as a Discrete Emotion. In: W. H. Jones; J. M. Cheek; S. R. Briggs (Hrsg.): Shyness. Emotions, Personality, and Psychotherapy. Springer, Boston, MA1986, ISBN 978-1-4899-0527-7.
  • On the Ontogenesis of Emotions and Emotion-Cognition Relationships in Infancy. In: M. Lewis; L. A. Rosenblum (Hrsg.): The Development of Affect. Genesis of Behavior, vol 1. Springer, Boston, MA 1978, ISBN 978-1-4684-2618-2.
  • Paranoid schizophrenic and normal subjects’ perceptions of photographs of human faces. In: Journal of Consulting Psychology, 1959, 23, S. 119–124.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Biographie Lucien Israël, abgerufen am 8. Oktober 2025.
  2. Carroll Ellis Izard auf prebook.com, abgerufen am 23. Oktober 2023.
  3. Izard, C. E. (1959). Paranoid schizophrenic and normal subjects' perceptions of photographs of human faces. Journal of Consulting Psychology, 23(2), 119–12.
  4. Ann Manser: In Memoriam: Carroll Izard auf University of Delaware, abgerufen am 23. Oktober 2025.