C. Violet Butler
Christina Violet Butler, auch C. Violet oder C. V. Butler (* 25. Januar 1884 in Oxford, Oxfordshire; † 19. Mai 1982 ebenda), war eine englisch-britische Sozialforscherin und Hochschullehrerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Studie Social Conditions in Oxford von 1912, in der sie die Lebensverhältnisse der Arbeiterbevölkerung der edwardianischen Stadt dokumentierte. Sie unterrichtete außerdem Volkswirtschaftslehre, Frauenstudien und bildete Sozialarbeiter in Oxford aus.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Butler wurde als jüngstes von vier Kindern 1884 in der 14 Norham Gardens in Oxford geboren und lebte dort bis 1949. Ihr Vater, Arthur Gray Butler (1831–1909), war Dozent für Recht und Geschichte am Oriel College in Oxford. Ihre Mutter, Harriet Jessie, geborene Edgeworth (1851–1946), engagierte sich in wohltätigen Initiativen zur sittlichen Wohlfahrt von Frauen.[2] Sie hatte einen Bruder, Harold Edgeworth (1878–1951), und zwei Schwestern, Olive Harriet Edgeworth (1879–1971) und Ruth Florence (1881–1982). Ihre Tante war die Feministin und Sozialreformerin Josephine Butler.[1] Butler erhielt bis zum Alter von 14 Jahren Hausunterricht durch ihre Eltern und eine Gouvernante; anschließend besuchte sie Wycombe Abbey.[2]
Butler studierte von 1903 bis 1905 neuere Geschichte an der Society for Home Students, dem späteren St Anne’s College in Oxford, und erreichte einen Abschluss erster Klasse,[3] der ihr jedoch als Frau nicht offiziell verliehen wurde.[4] Zudem erwarb sie ein Lehrdiplom an der University of London.[1] 1905 sammelte Butler erste Forschungserfahrungen, als sie ihrer Schwester half, Informationen zu sammeln und einen Artikel über Industrien für das Geschichtsprojekt Victoria County History zu verfassen. 1906/07 begann sie ein wirtschaftswissenschaftliches Diplom am Somerville College, Oxford, zu erwerben; weitgehend autodidaktisch, jedoch mit Betreuung durch Sidney Ball und Francis Ysidro Edgeworth. Sie erwarb den Abschluss mit Auszeichnung.[3]
Angestoßen durch ihr Interesse an der Unterstützung von Jugendlichen wurde Butler ehrenamtliche Sekretärin des Council for the Industrial Advancement of Young People in Oxford, der Schulabgänger dazu ermutigte, technische Kurse zu besuchen und qualifizierte Beschäftigung aufzunehmen. Butler und ihre Helferinnen besuchten in den Jahren 1910–1911 die Wohnungen von rund 400 Jungen, um mit ihnen über ihr Leben nach dem Schulabschluss zu sprechen. 1910 arbeitete sie zudem mit dem Women’s Industrial Council an einer landesweiten Untersuchung zur Hausarbeit. Die Schlussfolgerungen ihrer Forschung forderten kein Ende des Klassensystems, auf dem Hausarbeit beruhte, sondern konzentrierten sich auf bewährte Praktiken und gute Arbeitgeber.[3][4]
Butler war in der Charity Organization Society tätig und gehörte ab 1910 dem Unterausschuss für invalide und behinderte Kinder des Oxford‑Zweiges an. Sie blieb bis zum Zusammenbruch des Zweiges im Jahr 1922 Mitglied des Gesamtausschusses.[3] Butler glaubte an gegenseitigen Respekt zwischen den Klassen und an die Stärke der Gemeinschaft. Sie argumentierte, dass Nichtregierungsorganisationen und der Staat eine starke soziale Unterstützung bereitstellen sollten.[5]
Social Conditions in Oxford war eine von Butler 1912 durchgeführte Erhebung, in der sie die Erfahrungen der arbeitenden Bevölkerung Oxfords dokumentierte.[6] Sie war eine von mehreren regionalen Erhebungen, die durch Seebohm Rowntrees Poverty: a Study of Town Life (1901) angeregt wurden; weitere fanden in Norwich und Cambridge statt.[1] Die Studie baut auf einem früheren Artikel von Butler auf, der 1910 im Economic Review erschienen war.[2] Ziel von Social Conditions war es, die Lebensbedingungen armer Menschen in Oxford zu verbessern, indem die Zusammenarbeit von Ehrenamtlichen und staatlichen Mitarbeitenden gefördert und Unterstützungsangebote in der Stadt gebündelt wurden.[4] Der Schwerpunkt lag dabei auf dem Mangel an Möglichkeiten und dem hohen Anteil Tagelohnarbeit unter Jugendlichen in Oxford. Butler konzentrierte sich weniger auf strukturelle Ursachen der Arbeitslosigkeit und war vielmehr der Ansicht, dass harte Arbeit soziale Probleme lösen könne. Butler zeichnete für Datenerhebung, Analyse und Forschung sowie die Erstellung des Manuskripts von Social Conditions verantwortlich. Sie stützte sich sowohl auf qualitative als auch auf quantitative Daten und argumentierte, beide seien „gleichermaßen unverzichtbar“. Ein Teil ihrer Forschung bestand in Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern vor Ort. Als Frau hatte sie bei ihren Forschungen praktische Einschränkungen zu bewältigen und benötigte Begleitpersonen, um Vorlesungen und die Bibliothek aufzusuchen.[2][4]
Später äußerte Butler über die Studie: „Ich bin nicht stolz auf das Buch“, und verwies auf den vermeintlichen Mangel an Originalität und einen bevormundenden Ton. Dennoch wurde die Untersuchung sowohl von zeitgenössischen als auch von späteren Kritikern gelobt.[3] Das Athenaeum hob den die einzelne Person ins Zentrum stellenden Ansatz von Social Conditions hervor und erklärte: „das von ihr gezeichnete Oxford hört nie auf, eine Stadt lebender Menschen zu sein“.[2] Der Historiker Brian Harrison beschrieb die Studie in einem Essay in Traditions of Social Policy als „eine ungewöhnliche Leistung und ein wichtiges Dokument an sich“.[3] Die Studie verschaffte Butler akademische Reputation, und sie wurde von 1914 bis 1945 Dozentin für Volkswirtschaftslehre am St Anne’s College.[1]

1914 war Butler an der Konzeption des Department of Social Policy and Intervention der Universität Oxford, anfangs nach Canon Barnett Barnett House genannt, beteiligt. Von 1919 bis 1948 war sie Tutoren‑Sekretärin für Studentinnen und langjährige die „De-facto-Direktorin“ des Social-Work-Currculums. Von 1946 bis 1948 war sie die erste Direktorin der University Delegacy of Social Training.[7] Ab 1920 gehörte sie dem Rat von Barnett House an.[1][5] Während ihrer gesamten Tätigkeit in Barnett House erhielt sie stets kein Gehalt.[2]
1916 verfasste Butler den sozialwissenschaftlichen Forschungsbericht Domestic Service: An Enquiry by the Women’s Industrial Council.[8]
Als Pädagogin in Oxford prägte Butler zwischen 1914 und 1945 Generationen von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.[9] Viele ihrer Studierenden gingen später dazu über, eigene lokale Projekte im Vereinigten Königreich, in Indien, Westafrika und Malaya zu initiieren.[4]
Nach dem Ersten Weltkrieg unterstützten der Carnegie United Kingdom Trust und Harold Plunkett Barnett House bei einem Projekt zur ländlichen Erneuerung. Butler hatte zuvor die Entwicklung von Kooperationen auf dem Land und ein Programm für Dorfschullehrkräfte erprobt und ihren Forschungsansatz 1928 in Village Survey Making – an Oxfordshire Experiment dokumentiert. Ihr Ansatz ermutigte Schulkinder, selbst zu Forschenden in ihren Gemeinschaften zu werden, Informationen zu sammeln und an die Gemeinschaft weiterzugeben. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Miss Simpson bildete sie zudem Lehrkräfte aus.[4]
Butler engagierte sich in Jugendklubs, auf Spielplätzen, in der Erwachsenenbildung und in Gemeindezentren, sowohl lokal als auch landesweit..[4] Nach dem Zweiten Weltkrieg trat sie in den Ruhestand, blieb jedoch in Oxford aktiv und verfolgte weiterhin die Entwicklung der Nachkriegspolitik in der Stadt.[10]
Der Historiker Brian Harrison führte mehrere Oral-History-Interviews mit Butler im Rahmen des Suffrage-Interviews-Projekts Oral evidence on the suffragette and suffragist movements: the Brian Harrison interviews.[11] Im September,[12] Oktober[13] und November 1974[14] sprach er mit Butler über ihre Oxford‑Erhebung, Barnett House und das Lady Margaret Hall Settlement. Die Sammlung enthält außerdem ein Interview mit ihrer Schwester Ruth Butler.[15]
Zu Butlers neunzigstem Geburtstag beschlossen A. H. Halsey und seine Kolleginnen und Kollegen, ihr zu Ehren eine Aufsatzsammlung zur Sozialpolitik herauszugeben, die unter dem Titel Traditions of social policy: Essays in honour of Violet Butler.[10]
Nach Butlers Tod 1982 bezeichnete der britische Beamte John Redcliffe‑Maud, der in den 1930er Jahren von ihr unterrichtet worden war, sie als „ein herausragendes Beispiel der britischen Ehrenamtlichkeit“.[4] An der Adresse Norham Gardens 14, wo Butler geboren wurde, befindet sich heute zu ihrem Gedenken eine Oxfordshire Blue Plaque.[16] An der Tür von Barnett House ist ebenfalls ihr Name verzeichnet sowie ihr Porträt im Inneren.[5]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 Brian Harrison: Butler, (Christina) Violet (1884–1982). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 23. September 2004, doi:10.1093/ref:odnb/37250 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 Kathryne Crossley: Series 1, Episode 1: C. Violet Butler (1884-1982). In: Women in Oxford's History Podcast. Alice Parkin und Bethany White, 25. Juni 2016, abgerufen am 23. April 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 Brian Harrison: Miss Butler’s Oxford Survey. In: A. H. Halsey (Hrsg.): Traditions of social policy: Essays in honour of Violet Butler. Basil Blackwell, Oxford 1976, ISBN 0-631-17130-4, S. 27–72 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 Elizabeth Peretz: C Violet Butler, Progressive Thinker and Social Reformer, 1884–1982. Department of Social Policy and Intervention, University of Oxford, 2019, archiviert vom am 15. September 2019; abgerufen am 23. April 2026 (englisch).
- 1 2 3 Elizabeth Peretz: Violet Butler: Relating Social Research to Social Action: a lifetime's work. Department of Social Policy and Intervention, University of Oxford, 20. Oktober 2018, archiviert vom am 15. Dezember 2018; abgerufen am 23. April 2026 (englisch).
- ↑ C. Violet Butler: Social Conditions in Oxford. Sidgwick & Jackson, Ltd., London 1912 (englisch, Online).
- ↑ George Smith, Elizabeth Peretz und Teresa Smith: Social enquiry, social reform and social action, one hundred years of Barnett House. Department of Social Policy and Intervention, University of Oxford, Oxford 2014, ISBN 978-0-9929333-0-2, S. 70, 308 (englisch, Online [PDF]).
- ↑ Christina Violet Butler und Marie Frances Lisette Hanbury Verney, Baroness Willoughby de Broke: Domestic Service: An Enquiry by the Women’s Industrial Council. G. Bell & Sons, London 1916 (englisch, Online).
- ↑ Shirley du Boulay: Cicely Saunders, founder of the modern Hospice Movement. 1984, ISBN 0-340-35103-9, S. 33 (englisch).
- 1 2 A. H. Halsey (Hrsg.): Traditions of social policy: Essays in honour of Violet Butler. Basil Blackwell, Oxford 1976, ISBN 0-631-17130-4, S. vii, x–xi (englisch).
- ↑ Gilian Murphy: The Suffrage Interviews. London School of Economics and Political Science, abgerufen am 24. April 2026 (englisch).
- ↑ Butler, Miss Christina Violet. In: Oral Evidence on the Suffragette and Suffragist Movements: the Brian Harrison interviews, 1974–1988. The Women's Library, 16. September 1976, abgerufen am 24. April 2026 (englisch).
- ↑ Butler, Miss Christina Violet. In: Oral Evidence on the Suffragette and Suffragist Movements: the Brian Harrison interviews, 1974–1988. The Women's Library, 7. Oktober 1976, abgerufen am 24. April 2026 (englisch).
- ↑ Butler, Christina Violet. In: Oral Evidence on the Suffragette and Suffragist Movements: the Brian Harrison interviews, 1974–1988. The Women's Library, 23. November 1976, abgerufen am 24. April 2026 (englisch).
- ↑ Butler, Miss Ruth. In: Oral Evidence on the Suffragette and Suffragist Movements: the Brian Harrison interviews, 1974–1988. The Women's Library, 17. Oktober 1976, abgerufen am 24. April 2026 (englisch).
- ↑ Violet Butler (1884–1982). In: Oxfordshire Blue Plaques Scheme. Oxfordshire Blue Plaques Board, abgerufen am 24. April 2026 (englisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Butler, C. Violet |
| ALTERNATIVNAMEN | Butler, Christina Violet (Geburtsname); Butler, C. V. |
| KURZBESCHREIBUNG | englisch-britische Sozialforscherin und Hochschullehrerin |
| GEBURTSDATUM | 25. Januar 1884 |
| GEBURTSORT | Oxford, Oxfordshire, England, Vereinigtes Königreich |
| STERBEDATUM | 19. Mai 1982 |
| STERBEORT | Oxford, Oxfordshire, England, Vereinigtes Königreich |