Bernhard Ohsam (* 5. Juni1926 in Braller in Siebenbürgen, Rumänien; † 6. November2001 in Bremen) war ein rumäniendeutscher Journalist, Schriftsteller und Hörfunkredakteur. Er gehörte der deutschsprachigen Minderheit der Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien an, wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Sowjets in ein sowjet-ukrainisches Zwangsarbeitslager verschleppt und flüchtete von dort in mehreren Etappen in den Westen nach Deutschland. Seine Herkunft sowie seine Erlebnisse aus seiner Deportation und Flucht verarbeitete er später journalistisch und literarisch; außerdem wurde er durch zahlreiche Reiseerzählungen bekannt.
Bernhard Ohsam verbrachte seine Kindheit und Jugend in Siebenbürgen. Sein Großvater war der Mundartdichter und Autor Friedrich Rosler (1855–1943), der überwiegend in Agnetheln (rumänisch Agnita) in Siebenbürgen lebte und dort als Predigerlehrer sowie zeitweilig als Schriftleiter des Agnethler Wochenblattes tätig war.[1] Ohsam wuchs zunächst in seinem Geburtsort Braller (rumänisch Bruiu) in Siebenbürgen auf und besuchte später das Samuel-Brukenthal-Gymnasium (Bild) in der Kreisstadt Hermannstadt (rumänisch Sibiu), das der deutschsprachigen Ausbildung der deutschen Minderheit diente. Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Rote Armee seine Heimatregion erreichte, stand er kurz vor seiner Abiturprüfung.[2][3]
Ohsam geriet Anfang 1945 mit in Gefangenschaft, als eine Kolonne der deutschen Wehrmacht durch die Rumänische Armee– die nach dem Königlichen Staatsstreich in Rumänien nun auf Seiten der Sowjetunion kämpfte– gefangen genommen wurde. Ein erster Fluchtversuch missglückte. Familienmitglieder wurden als Geiseln genommen und Ohsam wurde durch die Rote Armee in die Ukraine deportiert, wo er als „Aufbauarbeit“ deklarierte Zwangsarbeit leisten musste.[2][3]
Ansicht des Arbeitslagers Petrowka bei Stalino (heute Donezk) in der Ukraine
Fritz Göckler,1945/46
Bleistiftskizze (angefertigt vom Baumeister und Architekten Fritz Göckler aus Mediasch/Siebenbürgen während seiner Deportation im Lager Petrowka[4])
Bei damaligen Außentemperaturen in den Wintermonaten von bis zu minus 30Grad musste Ohsam in den ukrainischen Kohlengruben schwere Zwangsarbeit leisten. Er wurde vor allem für Zimmererarbeiten eingesetzt.[5]
Nach einem halben Jahr gelang es Ohsam, zusammen mit vier Mitschülern aus dem Zwangsarbeitslager auszubrechen. Eine nach seinen späteren Berichten „abenteuerliche Flucht“ führte die kleine Gruppe durch den Kaukasus und über das Schwarze Meer zurück in ihre Heimat in Rumänien.[5]
Dort bestand Ohsam 1946 das Abitur und setzte danach seine Flucht „in den Westen“ fort. Ohne gültige Papiere und mit nur geringer Barschaft gelangte er durch Ungarn nach Österreich, wobei er alle Grenzen zu Fuß überquerte. In Wien begann er ein Ingenieurstudium, das Examen legte er 1951 in der Bundesrepublik Deutschland ab.[5] Hier endete letztlich „seine Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft in den Westen“, bei der er in „abenteuerlicher Fahrt und Wanderung den Weg von der Wolga an den Rhein“ etappenweise in zusammengerechnet „eineinhalb Jahren zurückgelegt“ und dabei „sieben Grenzen ohne gültige Papiere überschritten“ hatte.[6]
Ab 1951 lebte Ohsam in (West-)Deutschland. Er erhielt aufgrund seiner deutschen Volkszugehörigkeit die deutsche Staatsbürgerschaft und war zunächst einige Zeit in der Industrie als Ingenieur tätig.[5] 1954 begann er mit seiner journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit.[2][3] Ab 1955 veröffentlichte er Erzählungen und andere Beiträge in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, wie u.a. in der in München erscheinenden Siebenbürgischen Zeitung. Zudem gehörte er dem 1957 bei einer Tagung der Deutschen Jugend des Ostens (DJO) gegründeten Marburger Kreis an, der literarische Arbeiten seiner Mitglieder in limitierten und signierten Einzelfolgen der sogenannten Marburger Druckbogen herausgab.[7]
1958 debütierte er mit seinem Roman Eine Handvoll Machorka und arbeitete seither hauptberuflich als Schriftsteller und Journalist.[5] Ohsam, der zu der Zeit in Stuttgart lebte, wurde für den Südfunk Stuttgart tätig.[7] Er unternahm viele private Fernreisen in Länder auf der ganzen Welt und verarbeitete seine Erlebnisse in zahlreichen Reiseerzählungen.[2] Für den Südfunk reiste er u.a. 1973, diesmal mit gültigen Papieren, nach Rumänien, um Hörfunksendungen vorzubereiten. 1974 wechselte er als Hörfunkredakteur in die Rumänienabteilung des Deutschlandfunks in Köln und verlegte seinen Wohnsitz an den neuen Arbeitsort.[7]
Später übersiedelte Ohsam nach Bremen, wo er im Ortsteil Borgfeld wohnte. Ab 1984 lebte er dort mit der deutschen Bildhauerin Alice Peters (1929–2021) zusammen, die er später heiratete.[2] Gemeinsam mit seiner Frau ging er weiterhin auf Reisen, die bis nach Australien, Nordamerika, Nordafrika und in den Vorderen Orient führten.[8]
Bernhard Ohsam starb 2001 im Alter von 75Jahren in seiner Wahlheimat Bremen.[3]
Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurden durch die Rote Armee bei deren Vormarsch und ab Dezember 1944 zudem durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD etwa 360.000arbeitsfähige Deutsche und Deutschstämmige aus Mittel- und Osteuropa zur „Aufbauarbeit“ in die Sowjetunion deportiert. Neben Jugoslawien (etwa 73.000) und Ungarn (etwa 50.000) entfiel auf Rumänien mit etwa 70.000Deportierten ein großes Kontingent, das sich aus etwa 30.000bis 35.000Banater Schwaben, etwa 30.300Siebenbürger Sachsen, etwa 5.300Sathmarer Schwaben und Nordwestsiebenbürgern und etwa 5.000Deutschen aus dem Altreich zusammensetzte. Sie wurden mehrheitlich in Arbeitslager im Donezbecken (russisch Donbass) deportiert, wo sie Zwangsarbeit im Bergbau, in der Schwerindustrie und auf Baustellen leisten mussten.[9]
Aufgrund der unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen starben etwa 15Prozent der Deportierten, bis 1949 die Rückführung beschlossen wurde. Erst 1956 kehrte der letzte Siebenbürger nach Hause zurück.[9]
Ohsam verarbeitete seine Deportation und seine „abenteuerliche Flucht“ aus dem sowjetischen Arbeitslager in seinem Roman Eine Handvoll Machorka, der 1958 beim Adam-Kraft-Verlag in Augsburg herauskam. Sein literarisches Erstlingswerk hatte einigen Erfolg und wurde 1995 beim Kölner Kösler Verlag unter dem Titel Hunger und Sichel zum fünften Mal aufgelegt. Nach seinem Romandebüt schrieb er überwiegend Reiseerzählungen. Nahezu alle Geschichten seiner Reisebücher erschienen als Vorabdruck in den Fliegenden Blättern der Bordzeitschrift der deutschen Fluggesellschaft Condor. Ohsams humoristische Reiseprosa begleitete die Urlauber auch in die Hotels, wo seine Erzählungen als sogenannte Reisebonbons auslagen. Insgesamt schrieb Ohsam rund200 bis 300Kurzgeschichten.[2][3]
Eine Handvoll Machorka. Roman aus Russland. Kraft, Augsburg 1958, DNB453641792; 3.Auflage unter gleichem Titel: Meschendörfer, München 1970, ISBN 3-87538-000-2; 4.Auflage unter gleichem Titel: Westkreuz, Berlin u.a. 1988, ISBN 3-922131-35-2;
5.,bearbeitete und erweiterte Auflage unter dem Titel: Hunger& Sichel. Die Geschichte einer Flucht. Kösler, Köln 1995, ISBN 3-924208-19-0.
Europatransit. Abenteuerliche Fahrt über heiße Grenzen von der Wolga zum Rhein. Mit Illustrationen von Franz Hauber. Heimatwerk, München 1964, DNB453641784 (Jugenderzählungen).
Erweiterte Neuauflage unter dem Titel: Doswidanija Stalin. Odyssee einer Freiheitssuche. Westkreuz, Bad Münstereifel 1991, ISBN 3-922131-14-X (Autobiografie 1945–1947).
Eine seltsame Reise und andere Erzählungen. Heimatwerk, München 1964, DNB453641806.
Brückenschlag für einen Stein. Erzählung (=Marburger Bogendrucke, Folge19). Marburger Kreis, Freising 1970, DNB720247691.
Freunde, lasst uns fröhlich loben. 20Jahre Südmährische Sing- und Spielschar. Sealsfield, Stuttgart 1970, DNB740444824 (Medienkombination mit Schallplatte).
Miriam und das lila Köfferchen. 15heitere Reiseskizzen (=Humor in der Tasche, Band4). Mit Zeichnungen von Winnie Jakob. Wort-und-Welt, Innsbruck 1974, ISBN 3-85373-009-4.
Mioritza will nicht fressen (=Marburger Bogendrucke, Folge62). Marburger Kreis, Freising 1980, DNB880692952.
Die Maus im Bierglas. Touristengeschichten rund um die Welt. Mit 20Zeichnungen von Wilfried Gebhard. Kösler, Köln 1983, ISBN 3-924208-00-X; Neuausgabe unter gleichem Titel: Ebd., Köln 1986, ISBN 3-924208-12-3.
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Vgl. Angaben zu Ohsam Bernhard (1926–2001) in: Klaus Popa: Völkisches Handbuch Südosteuropa. Online-Lexikon völkisch-deutsches Südosteuropa. BuchstabeO, S.8 (Stand: 25.Juni 2013); online als PDF, 210kB; abgerufen am 11.Februar 2015.
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Silja Weisser: Die Bildhauerei ist ihr Traumberuf. Alice Peters-Ohsam hat sich in einer künstlerischen Männerdomäne durchgesetzt. In: Weser-Kurier/Stadtteil-Kurier Nordost vom 9.August 2012, S.3.*