Die BMW 500 Kompressor (auch BMW RS 255 Kompressor) war ein Rennmotorrad von BMW mit Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, das von 1935 bis 1951 für Rennen und Rekordfahrten eingesetzt wurde.
Bereits die BMW WR 750 von 1929 erhielt eine Motoraufladung mittels Zoller-Kompressor. Der Motor der WR 750 entstammte direkt aus den Serienmodellen R47 und R57. Die WR 750 wurde überwiegend für Rekordfahrten von Ernst Jakob Henne eingesetzt, der erstmals am 19. September 1929 mit 216,75km/h über die fliegende Meile gemessen wurde. Der letzte Rekord mit der unverkleideten WR 750 wurde am 27. September 1935 aufgestellt: Henne fuhr auf der neu eröffneten Autobahn 5 zwischen Frankfurt am Main und Darmstadt 256,046km/h über den fliegenden Kilometer.[1] Konstrukteur Rudolf Schleicher erkannte jedoch frühzeitig die Leistungsgrenze des stoßstangengesteuerten Motors und entwickelte Anfang der 1930er-Jahre für den Boxermotor eine OHC-Ventilsteuerung.
Der von Rudolf Schleicher konstruierte Boxermotor, der über Königswellen angetriebene obenliegende Nockenwellen besaß und mit einem – an der Stirnseite angebrachten – Zoller-Kompressor aufgeladen wurde, erreichte 1935 auf Anhieb eine Leistung von 90PS.[1] Die Bohrung des 493cm³ Hubraum großen Motors wird mit 66mm, der Hub mit 72mm angegeben. Die Motorleistung der Geschwindigkeitsrekordmaschine (Gewicht ohne Verkleidung: 117kg) soll 1937 zwischen 105PS und 108PS bei 8000min−1 betragen haben,[2][3] während die Straßenrennmaschine (Leergewicht 138kg) je nach Quelle mit „über“ 50PS bei 6500min−1 oder 60PS bei 7000min−1 angegeben wird. Die Leistung wurde über den Ladedruck (0,4 bis 2bar) und speziellen Kraftstoff variiert.[4][5] Beide Versionen hatten ein Vierganggetriebe, einen gebogenen Rohrrahmen, der später bei der BMW R 5 eingeführt wurde, Teleskopgabel, Geradewegfederung hinten und eine Reifengröße vorne von 21×3 und hinten 19×3½ Zoll.
Georg Meier auf einer BMW RS 500 TT, 1989Meier bei seinem Senior-TT-Sieg 1939
Am 12. Oktober 1936 erzielte Ernst Jakob Henne mit der von der 500Kompressor abgeleiteten, vollverkleidetenBMW WR 500 auf der Autobahn 5 den ersten Weltrekord, indem er den fliegenden Kilometer auf der abgesperrten Autobahn bei Frankfurt am Main mit 272,006km/h absolvierte.[6] Die Rekordfahrt war nicht unproblematisch; ab 250km/h zeigten sich an der BMW starke Fahrwerksunruhen. Auf der obligatorischen Rückfahrt war Henne auf das Schlingern vorbereitet und konnte die Bewegungen des Motorrades besser unter Kontrolle halten. „Später stellen Aerodynamiker fest, dass das Motorrad sich bei 280km/h unweigerlich quergestellt hätte.“[1]
1937 entwickelte sich ein internationaler Wettbewerb um den absoluten Geschwindigkeitsweltrekord für Motorräder, an dem sich drei Fahrer beteiligten: Am 19. April 1937 überbot Eric Fernihough auf einer Brough Superior mit 996cm³-J.A.P.-Motor die Bestmarke und fuhr in Ungarn (Gyón) den Kilometer mit 273,244km/h. Am 21. Oktober 1937 steigerte Piero Taruffi auf der Autostrada bei Brescia den Rekord mit der Gilera Rondine auf 274,181km/h.[6] Henne wollte den Rekord zurück. Bei Fahrversuchen Ende Oktober 1937 stellte sich jedoch heraus, dass die bislang verwendete Vollverkleidung („Henne-Ei“) an der BMW für einen weiteren Rekord nicht geeignet war. Bei der folgenden Überarbeitung der Vollverkleidung wurden auf Anraten Ferdinand Porsches die Seitenflossen entfernt, die Heckflosse verlängert und die Sichtkanzel weggelassen; Henne fuhr wieder mit seinem bekannten Tropfenhelm.[1] Am 28. November 1937 schraubte er auf der Autobahn 5 den Weltrekord für Motorräder auf 279,503km/h (173,67mph), ein Rekord der 14Jahre Bestand hatte und erst am 12. April 1951 von Wilhelm Herz auf NSU mit 290,322km/h überboten wurde.[6]
„Ernst Hennes Motorrad der 30er Jahre […] war kaum gefedert und lief gar nicht stabil. Damit 280km/h zu fahren, in unbekanntes Terrain vorzustoßen, war eine große Herausforderung – mental wie physisch. Wenn wir heute mit einigen Serienmotorrädern 280km/h problemlos fahren können, sollten wir nicht vergessen, dass dies erst rund ‚60 nach Henne‘ möglich wurde. Dies unterstreicht die Pionierleistung […]“
Ab 1936 wurde die BMW 500 Kompressor bei allen großen europäischen Straßenrennen eingesetzt. 1937 wurde Karl GallDeutscher Meister in der Klasse bis 500cm³ Hubraum.
Den größten Erfolg erzielte der Rennfahrer Georg Meier, als er 1938 Europameister wurde und 1939 auf der BMW 500 Kompressor das Senior-Rennen der Isle of Man TT gewann. Nach dem Zweiten Weltkrieg fuhren Meier, Ludwig Kraus und Walter Zeller die BMW 500 Kompressor bis 1950 bei nationalen Meisterschaften, bis das Kompressorverbot der FIM auch in Deutschland galt.
Die 1953 entwickelte BMW RS 54 stammt direkt von der BMW 500 Kompressor ab. 2013 wurde bei Bonhams eine BMW 500 Kompressor für 374.000Euro versteigert.[8]
Fred Jakobs:Vorkriegs-Kompressor heimgekehrt. In: BMW Group Mobile Tradition (Hrsg.): Mobile Tradition live. Nr.03.2003. München Oktober 2003, S.14–15 (Dokument im BMW Group Archiv[abgerufen am 12.November 2014]).
12345100 Jahre Ernst Jakob Henne.(PDF; 2,9MB)BMW Veteranen-Club Österreich,2003,S.29 ff.,archiviertvomOriginal(nicht mehr online verfügbar)am4.März 2016;abgerufen am 8.Mai 2025.
↑Christian Rey und Harry Louis: Berühmte Motorräder. Wilhelm Heyne Verlag München, 1977, ISBN 3-453-52062-9, S. 100
↑Siegfried Rauch: Berühmte Rennmotorräder. 2. Auflage. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-87943-590-1, S. 32
↑Fred Jakobs:Vorkriegs-Kompressor heimgekehrt. In: BMW Group Mobile Tradition (Hrsg.): Mobile Tradition live. Nr.03.2003. München Oktober 2003, S.14–15 (Dokument im BMW Group Archiv[abgerufen am 12.November 2014]).
123L. J. K. Setright: The Guinness Book of Motorcycling. Facts and Feats. 1982, ISBN 0-85112-255-8, S. 238.
↑Der Text: BMW Weltrekordmaschine 1936 ist falsch. Vgl. 100 Jahre Ernst Jakob Henne. S. 41
↑bonhams.comAuktion 20469 (abgerufen am 20. Oktober 2014)