Seidenglänzender, faseriger Palygorskit aus dem Steinbruch Lone Jack, Glasgow, Rockbridge County, Virginia, USA Größe: 2.75" × 1.5" × 1.5"; entspricht ≈ 7 cm × 3,8 cm × 3,8 cm
Das MineralPalygorskit, veraltet auch als Bergleder, Bergkork, Bergholz oder Bergfleisch[6] sowie als Attapulgit[7] bekannt, ist ein Schichtsilikat mit der chemischen Zusammensetzung (Mg,Al)4[OH|(Si,Al)4O10]2·(4+4)H2O.[2] Die in den runden Klammern angegebenen Elemente Magnesium und Aluminium bzw. Silicium und Aluminium können sich in der Formel jeweils gegenseitig vertreten (Substitution, Diadochie), stehen jedoch immer im selben Mengenverhältnis zu den anderen Bestandteilen des Minerals.
Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und bildet durchscheinende bis undurchsichtige, meist nadelige Kristalle, aber auch faserige bis massige Aggregate von weißer, gräulicher bis gelblicher oder graugrüner Farbe. In dünnen Schichten kann er auch farblos sein. Sichtbare Kristallflächen und faserige Aggregate weisen einen wachsähnlichen Glanz auf, die massigen Aggregate sind dagegen eher erdig matt.
Es kann an einzelnen Fundorten zwar reichlich vorhanden sein, ist insgesamt aber wenig verbreitet.
Erstmals entdeckt wurde Palygorskit in der so genannten „Zweiten Mine“ am Fluss Popowka bei Palygorsk im Ural in der russischen Region Perm. Erstmals beschrieben wurde das Mineral 1862 von T. V. Savchenkov, der es nach seiner Typlokalität benannte.
Seine synonyme Bezeichnung Attapulgit erhielt das Mineral nach einer Fundstätte nahe der Stadt Attapulgus in Georgia, USA.[6]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Palygorskit die System- und Mineralnummer 74.03.01a.01. Das entspricht der Klasse der „Silikate“ und dort der Abteilung „Schichtsilikate: modulierte Lagen“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Schichtsilikate: modulierte Lagen mit verbundenen Streifen“ in der „Palygorskit-Sepiolithgruppe (Palygorskit-Untergruppe)“, in der auch Tuperssuatsiait, Yofortierit und Kalifersit eingeordnet sind.
Ein Teil seines Kristallwassers ist fest als Konstitutionswasser (auch Strukturwasser) eingebunden, ein anderer Teil dagegen „zeolithisch“ nur locker eingelagert. Beim Erhitzen auf 220°C können davon bis zu 15% allmählich abgegeben werden.[6]
Weltweit sind bisher (Stand: 2012) 265 Fundorte für Palygorskit bekannt.[5] Neben seiner Typlokalität „Zweite Mine“ bei Palygorsk trat das Mineral in Russland noch in der ebenfalls im Ural liegenden Mine Sachara, der Tscheremschanskoje-Mine und den Lagerstätten Sinar und Akkermanovskoe auf. Des Weiteren fand sich das Mineral auch in der Republik Sacha (Jakutien), bei Kawalerowo, auf der Halbinsel Kola und in der Region Wolga.
In Deutschland konnte das Mineral bisher nur bei Marktredwitz (Ziegelhütte), an mehreren Orten bei Wunsiedel und am Zeilberg in Bayern gefunden werden. Jüngster Fundort ist Trebur in Hessen, wo Palygorskit beim Abteufen einer Geothermiebohrung angetroffen wurde.[9]
In Österreich fand sich Palygorskit bisher vor allem in Kärnten, Salzburg und der Steiermark (Friesach-Hüttenberg, Frauenkogel, Gailtaler Alpen, Hohe Tauern, Koralpe, Oberdorf an der Laming), aber auch bei Atzelsdorf (Brunn an der Wild) in Niederösterreich und bei Mauthausen in Oberösterreich.
Weitere Fundorte liegen unter anderem in Australien, Bulgarien, Chile, China, Ecuador, Frankreich, Grönland, Iran, Irak, Italien, Japan, Kanada, Kasachstan, Katar, Kirgisistan, Madagaskar, Marokko, Mexiko, Namibia, Norwegen, Peru, Polen, Rumänien, Saudi-Arabien, Schweden, Senegal, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Türkei, Ukraine, Ungarn, Usbekistan, im Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten.
Liegt Palygorskit an der Oberfläche, ist er ein verlässlicher Paläoklimaanzeiger, da er unter humiden bis semihumiden Bedingungen schnell zu Smektit umgewandelt wird.[10]
Bei lokal starken Vorkommen fand Palygorskit als Wärme- oder Schallisolationsmaterial statt Asbest Verwendung.[6]
Palygorskit wird aufgrund seines dem Opal ähnlichen Aussehens als Schmuckstein-Imitation unter dem Handelsnamen Angel-Skin-Opal verkauft (siehe dazu auch Schmuckstein).[11]
Forscher entdeckten auf dem Grund eines Brunnens in Chichén Itzá, den die Maya für Menschenopfer an ihren Regengott Chaac benutzten, eine vier Meter dicke Schicht blauer Farbe. Erst Chemiker konnten durch Experimente klären, dass das „Maya-Blau“ genannte Pigment mithilfe von Palygorskit und Indigo, die zusammen erhitzt werden, erzeugt werden kann.[12][13]
In vielen Ländern ist Attapulgit (z.B. in Indonesien[14][15][16] als New Diatabs oder in Kanada als Kaopectate[17]) als Mittel gegen Diarrhoe zugelassen und wird so eingesetzt. In Deutschland ist es im Bereich der Veterinärmedizin gängig.
T. V. Savchenkov: Palygorskit. In: Sankt Petersburg: Verhandlungen der Russisch Kaiserlichen Gesellschaft für Mineralogie. 1862, S. 102–104 (Referenz 159 bei F. Bergaya, G. Lagaly: Handbook of Clay Sciencein der Google-Buchsuche)
Erich Reiter: Das Bergleder (Palygorskit). In: Naturkundliches Objekt des Monats. Biologiezentrum Linz, Februar 2012 (zobodat.at[PDF; 2MB]).
Petr Korbel, Milan Novák:Mineralien-Enzyklopädie. Nebel Verlag GmbH, Eggolsheim 2002, ISBN 3-89555-076-0, S.260 (Dörfler Natur).
123456Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X.
12
John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols: Palygorskite, in: Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America, 2001 (PDF 78,7 kB)
1234Hans Jürgen Rösler:Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1979, ISBN 3-342-00288-3, S.579.
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
↑Rüdiger Glaser, Klaus Kremb, Axel Drescher (Hrsg.):Afrika. 2., unveränderte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-24679-3.
↑Walter Schumann:Edelsteine und Schmucksteine. Alle Arten und Varietäten. 1900 Einzelstücke. 16. überarbeitete Auflage. BLV Verlag, München 2014, ISBN 978-3-8354-1171-5, S.234.
↑
Arieh Singer, Emilio Galan: Developments in Palygorskite-sepiolite Research: A New Outlook on These Nanomaterials Elsevier, Oxford 2011, ISBN 978-0-444-53607-5, S. 306. eingeschränkte Vorschauin der Google-Buchsuche