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Associated Independent Recording

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Associated Independent Recording (AIR)
Rechtsform Limited Company (Ltd.)
Gründung 1965
Sitz London, Vereinigtes Konigreich Vereinigtes Königreich
Branche Tonstudio, Musikproduktion
Website www.airstudios.com

Associated Independent Recording (kurz AIR, auch AIR Studios) ist eines der großen, unabhängigen Tonstudios, das 1965 als Produktionsgesellschaft in der Oxford Street in London von dem Produzenten der Band The Beatles George Martin nach seinem Ausscheiden bei dem Plattenlabel EMI gegründet wurde. Zunächst bestand die Produktionsgesellschaft lediglich aus Musikproduzenten, die ihre Musikproduktionen für Interpreten in fremden Tonstudios durchführten. Eine Zweigstelle wurde 1979 auf Montserrat eröffnet.

Entstehungsgeschichte

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George Martin war zunehmend unzufrieden darüber, dass er am wachsenden Erfolg seiner Produktionen durch EMI nicht angemessen beteiligt wurde, denn der mittlerweile renommierte Produzent erhielt als Angestellter ein Festgehalt, jedoch keine umsatzabhängigen Tantiemen von Plattenumsätzen.[1] Deshalb kündigte er Mitte 1964, als insbesondere die von ihm produzierten Beatles bereits viele Hits mit Millionensellerstatus vorweisen konnten. Damit brachte er den EMI-Konzern derart unter Zugzwang, dass dieser ihm für 1964 eine dreiprozentige Gewinnbeteiligung anbot.

Für 1963 wurde ihm vorgerechnet, dass er dabei als Produzent durch die Gewinnbeteiligung brutto 66.000 Pfund verdient hätte. Abzüglich der Parlophone-Kosten (Gehälter und andere Fixkosten) von 55.000 Pfund wären ihm netto 11.000 Pfund geblieben – im Vergleich zu seinem tatsächlichen Fixgehalt von 3.000 Pfund jährlich. Damit hatte EMI also im Jahr 1963 durch George Martin einen Gewinn von 2,2 Millionen Pfund erwirtschaftet.[2]

Die Rechnung wies einen entscheidenden Fehler zu Lasten Martins auf: Von EMIs Nettogewinn waren die Kosten bereits abgezogen, sodass die Parlophone-Kosten nicht noch einmal von Martins Tantiemen abzuziehen waren. Als Martin das erkannte, verließ er EMI im August 1965 und gründete mit geliehenen 5.000 Pfund in London mit AIR eine von Plattenfirmen unabhängige Produktionsgesellschaft zunächst ohne eigenes Tonstudio.[3]

Mit George Martin hatten im Jahr 1965 weitere wichtige kreative Leute den EMI-Konzern verlassen: sein langjähriger Assistent Ron Richards, Columbias Produzent John Burgess und Peter Sullivan, der lange Zeit bei HMV Assistent des Produzenten Wally J. Ridley war. Jeder der vier Partner erhielt eine Beteiligung von 25 % am Kapital der AIR. Mit den Produzenten gingen auch viele der Interpreten, um sich von AIR produzieren zu lassen, behielten aber ihre Plattenverträge mit den EMI-Labels. Deshalb sah sich EMI gezwungen, mit AIR einen Vertrag zu schließen. Danach erhielt AIR für eine produzierte Platte 7 % des Einzelhandelspreises von EMI. Im Falle von bei EMI unter Vertrag stehenden Künstlern erhielt AIR zusätzlich eine Produktionstantieme von 2 % des Einzelhandelspreises. Das galt nicht für die Beatles: hier war EMI nur bereit, ein halbes Prozent vom Einzelhandelspreis bei britischen Umsätzen, in den USA lediglich 5 % der Kosten der Presswerke zu zahlen. Trotz der anhaltenden Erfolge wurde AIR hierdurch nicht wohlhabend.

AIR Studios Oxford Circus (1970–1991)

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Die Produktionsgesellschaft AIR musste mangels eigener Tonstudios andere Studios (beispielsweise die Abbey Road Studios) nutzen und dafür Miete bezahlen. Der kapitallose Martin suchte deshalb nach Sponsoren, die ihm die Errichtung eines eigenen Tonstudios finanzieren sollten.

Als dies gelungen war, konnten Martins ehrgeizige Pläne mit zeitlichen Verzögerungen realisiert werden. Nachdem sich die Baukosten für das Tonstudio fast verdoppelt und eine finanzielle Krise ausgelöst hatten, konnte es in der Oxford Street schließlich am 7. Oktober 1970 eröffnet werden. Erste Aufnahmen entstanden hier bereits am 9. Oktober 1970 für Cilla Blacks LP You’re My World. Es folgte das Album A Lot of Bottle von der Climax Blues Band, das von dem im März 1968 zu AIR gewechselten Chris Thomas produziert wurde. Die Studios wurden zum Inbegriff für die neueste Studiotechnologie, darunter die 24-Spur-Aufnahme, Mehrspur-Verbindungen zwischen Studios und 48-Spur-Mischungen.

Das größere Studio One hatte eine Akustik, die sich vor allem für Orchesteraufnahmen eignete, während das Studio Two wegen seines trockeneren Klangcharakters bei Bands beliebt war. Da Studio One sich jedoch besser für Schlagzeugaufnahmen eignete, war es monatelang im Voraus ausgebucht. Um der Nachfrage gerecht zu werden, wurden zwei weitere Studios ergänzt.

Zu den bekanntesten Alben, die in den ersten zehn Jahren bei AIR aufgenommen oder produziert wurden, gehören Meddle von Pink Floyd (1971), For Your Pleasure von Roxy Music (1973), der Soundtrack zum James-Bond-Film Live and Let Die, Sheer Heart Attack (1974) von Queen, Never Mind the Bollocks von Sex Pistols (1977), The Kick Inside von Kate Bush (1978) und das gleichnamige Debütalbum von The Pretenders (1979). Darüber hinaus arbeiteten T. Rex, Genesis, Supertramp, Electric Light Orchestra und andere Bands an neuen Veröffentlichungen am Oxford Circus.

Die Studios wurden 1991 geschlossen, nachdem der 22-jährige Mietvertrag ausgelaufen war. Zudem war es für Künstler schwierig geworden, die Studios unbemerkt zu erreichen oder zu verlassen, ohne auf der Oxford Street erkannt zu werden.[4]

AIR Studios Montserrat (1979–1989)

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Die Ruine der AIR Studios auf Montserrat

Im Jahr 1979 eröffnete Martin die Zweigstelle der AIR Studios auf der karibischen Insel Montserrat. In Technik und Ausstattung entsprachen sie den Pendants in London, boten jedoch die Vorteile der exotischen Lage in der Karibik.

Das erste in den Studios produzierte Album war Real To Reel von Climax Blues Band aus dem Jahr 1979. Martin reiste zu einigen Produktionen eigens an, so etwa für das Album Time Exposure der Little River Band (August 1981). The Police nahmen hier den Millionenseller Every Breath You Take und andere Titel für die LP Synchronicity zwischen Dezember 1982 und Februar 1983 auf. Auch Künstler wie Paul McCartney, Rush, Pink Floyd, Black Sabbath, Sheena Easton, Luther Vandross und Supertramp haben hier Platten aufgenommen. Zwischen November 1984 und März 1985 entstand hier u. a. für die Dire Straits das Album Brothers in Arms, die Rolling Stones spielten hier ihr Album Steel Wheels zwischen dem 29. März und 29. Juni 1989 ein.

Wenige Monate später wurde das Studio am 17. September 1989 durch Hurrikan Hugo weitgehend zerstört. Die völlige Zerstörung des Studios und eines großen Teils der Insel brachte dann der Ausbruch des Vulkans Soufrière Hills am 25. Juni 1997.

AIR Lyndhurst (seit 1992)

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Als Folge der Zerstörungen der AIR Studios Montserrat durch den Hurrikan wurde im Dezember 1992 in der umgebauten kongregationalistischen Kirche Lyndhurst Road Congregational Church (erbaut 1884 von dem Architekten Alfred Waterhouse) ein neuer Studio-Komplex im nördlichen Teil von London (Stadtteil Hampstead) mit einer hervorragenden Akustik eröffnet. Auch hier verdoppelten sich beinahe die veranschlagten Umbaukosten.

Der Eröffnung im Dezember 1992 wohnte Prinz Charles bei. Erste Aufnahmesession war die von Henry Mancini im Januar 1993 eingespielte Filmmusik zu Son of the Pink Panther (Der Sohn des rosaroten Panthers). Bereits im März 1993 übernahmen Chrysalis Records und der japanische Elektronikkonzern Pioneer in einem Joint Venture jeweils zur Hälfte die Anteile an AIR.[5] Den Aufwand von einer Million Pfund für den Erwerb konnte Chrysalis innerhalb von einem Jahr durch die Gewinne aus AIR fast wieder amortisieren, denn AIR hatte sich inzwischen zu einem international gefragten Tonstudio entwickelt. In 22 Jahren entstanden bei AIR 22 britische Nummer-eins-Hits.[6] Der Umbau der Kirche kostete fast 20 Millionen Pfund, den sich die beiden Konsorten teilten.

Heute gehören die AIR-Studios zu den weltweit renommiertesten Aufnahmestudios. Für Mark Cunningham[7] sind sie vielleicht die besten Studios weltweit. Lyndhurst besteht aus vier Tonstudios und einer Nachbearbeitungsabteilung für Fernsehaufnahmen.

Das Royal Philharmonic Orchestra in der Lyndhurst Hall

Die heutige Lyndhurst Hall, der Versammlungsraum der ehemaligen Kirche, hat einen sechseckigen Grundriss. Er ist mit einer Fläche von 300 m² und einer Höhe von 14 m der größte der Aufnahmeräume. Lyndhurst Hall ist für symphonische Besetzungen von über 120 Personen ausgelegt. Daneben sind vier schallisolierte Aufnahmekabinen vorhanden. Zusätzlich besteht hier ein Fassungsvermögen von 500 Gästen. Die technische Ausstattung umfasst neben einer Vielzahl von Mikrofonen und Lautsprechern unterschiedlicher Hersteller ein Mischpult mit 96 Kanälen (Neve 88R) und ein 5.1-Mehrkanal-Tonsystem mit Lautsprechern von Dynaudio.[8]

Von der romantisch disponierten Orgel, die 1880 von Henry Willis erbaut wurde, ist der Prospekt aus Gründen des Denkmalschutzes noch vollständig erhalten. Sie wird jedoch wegen Unspielbarkeit nicht für Aufnahmen genutzt. Die Kosten einer Restaurierung wären für die geplante Verwendung zu hoch gewesen. Die Orgel verfügte ursprünglich über 30 Register auf drei Manualen und Pedal.[9] Sie wurde 1913 von Norman & Beard umgebaut sowie in den Jahren 1924 und 1937 auf 41 Register erweitert.[10][11]

Disposition nach 1937:[10]
Pedal:
01. Harmonic Bass 32'
02. Major Open Diapason 16'
03. Violone 16'
04. Open Diapason 16'
05. Bourdon 16'
06. Octave 8'
07. Violoncello 8'
08. Ophicleide 16'
I. Manual – Choir:
schwellbar
09. Contra Viola 16'
10. Viol d'Orchestre 8'
11. Concert Flute 8'
12. Claribel Flute 8'
13. String Celeste II
14. Echo Dulziana 8'
15. Lieblich Flute 4'
16. Piccolo 2'
17. Corno di Bassetto 8'
18. Tuba 8'
II. Manual – Great:
19. Double Open Diapason 16'
20. Large Open Diapason 8'
21. Small Open Diapason 8'
22. Dolce 8'
23. Geigen Principal 8'
24. Principal 4'
25. Harmonic Flute 4'
26. Fifteenth 2'
27. Trumpet 8'
28. Clairon 4'
III. Manual – Swell:
schwellbar
29. Bourdon 16'
30. Open Diapason 8'
31. Salicional 8'
32. Voix Celeste 8'
33. Lieblich Gedact 8'
34. Gemshorn 4'
35. Flageolet 2'
36. Mixture III
37. Contra Fagotto 16'
38. Cornopean 8'
39. Hautboy 8'
40. Vox humana 8'
41. Clairon 4'
  • Koppeln: Swell to Pedal, Swell to Great, Swell to Choir, Swell octave to Great, Swell suboctave to Great, Swell octave, Swell suboctave, Choir to Great, Choir to Pedal, Choir suboctave, Great to Pedal

Studio 1 fasst bei einer Fläche von 140 m² etwa 50 Personen, die Aufnahmeanlage besteht im Kern aus einer für AIR hergestellten Neve A7971-Mischkonsole aus dem Jahr 1981, die bereits im Studio One in der Oxford Street eingesetzt worden war und ursprünglich über 56 Kanäle verfügte. Ergänzt durch eine weitere, von Rupert Neve entwickelte 16-Kanal-Konsole wurde sie ist auf 72 Kanäle erweitert.[12] Hier wurde als erster Auftrag das Dire Straits Live-Album On the Night vom März 1992 abgemischt.[13]

Studio 2 wird hauptsächlich für Mehrkanal-Abmischungen, insbesondere für Dolby Atmos genutzt und ist mit einem 7.1.4-Lautsprechersystem von Dynaudio ausgestattet. Neben dem Mischpult mit 80 Kanälen des britischen Tonstudioausrüsters Solid State Logic sind verschiedenste Studiokomponenten und Lautsprecher verfügbar. Die Soundtracks zu Rocketman, Mission: Impossible, Black Swan und vieler anderer Filme und Fernsehsendungen sind in Studio 2 entstanden.[14]

Studio 3 gehörte zu den ersten Digital-Abmischungsstudios weltweit. Die Studios wurden für Filmmusikaufnahmen und für die Nachproduktion ausgebaut. Der Internet Movie Database zufolge wurden in den AIR-Studios 176 Filmmusiken produziert.[15]

Am 8. Februar 2006 verkaufte das Chrysalis/Pioneer-Konsortium die AIR-Studios für 3,3 Millionen Pfund an Richard Boote, den Inhaber der Strongroom Recording Studios.[13]

Im Sommer 2018 wurde berichtet, dass die AIR Studios an einen russischen Investor verkauft wurden.[16]

Commons: Associated Independent Recording – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. George Martin with Jeremy Hornsby: All You Need is Ears. 1994, S. 179 ff.
  2. George Martin with Jeremy Hornsby: All You Need is Ears. 1994, S. 182.
  3. George Martin with Jeremy Hornsby: All You Need is Ears. 1994, S. 261.
  4. AIR Studios: History - 1970 AIR Studios, Oxford Circus. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  5. Billboard-Magazin, 6. März 1993, S. 42.
  6. George Martin, Producer, Composer, Author, Knight. In: Billboard-Magazin, 11. April 1998, S. 45 ff.
  7. Mark Cunningham: Good Vibrations: A History of Record Production, 1998, S. 347.
  8. AIR Studios: Lyndhurst Hall. Abgerufen am 4. Januar 2026.
  9. The National Pipe Organ Register: London, Greater, Hampstead, Air Studios, (Former Congregational Church), Lyndhurst Road N17089. Abgerufen am 4. Januar 2026.
  10. a b The National Pipe Organ Register: London, Greater, Hampstead, Air Studios, (Former Congregational Church), Lyndhurst Road N17090. Abgerufen am 4. Januar 2026.
  11. The National Pipe Organ Register: London, Greater, Hampstead, Air Studios, (Former Congregational Church), Lyndhurst Road N17091. Abgerufen am 4. Januar 2026.
  12. AIR Studios: Studio 1. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  13. a b John Shepherd: Continuum Encyclopedia of Popular Music of the World. 2003, S. 646.
  14. AIR Studios: Studio 2. Abgerufen am 4. Januar 2026.
  15. Associated Independent Recording bei IMDb
  16. Production Expert Ltd.: Air Studios Sold To Russian Business Tycoon. Abgerufen am 4. Januar 2026.

Koordinaten: 51° 33′ 11″ N, 0° 10′ 12″ W