Anna Geddes
Anna, Lady Geddes, geborene Morton (* 19. November 1857 in Liverpool; † 9. Juni 1917 in Lucknow, Uttar Pradesh, Britisch-Indien), eine englisch-britische sozial‑ökologische Aktivistin und Musikerin sowie eine wichtige Partnerin in der Arbeit von Patrick Geddes. Während ihrer Ehe leistete sie organisatorische und intellektuelle Unterstützung für viele seiner Projekte, und beide unternahmen ausgedehnte Reisen im Rahmen ihrer gemeinsamen Arbeit.[1]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Geddes war das vierte von sechs Kindern des Ulster‑schottischen Kaufmanns Frazer Morton (1819–1889) und seiner Ehefrau Annie Maria Liddell (1827–1889).[2][3]
Aufgewachsen in einem streng presbyterianischen Haushalt,[4]S. 108 wurde sie dennoch ermutigt, sich der Musik zu widmen. Nach dem Abschluss eines Internats wurde sie nach Dresden geschickt, um Gesang und Klavier zu studieren; später arbeitete sie als Musiklehrerin.[2][3][5]
In London wandte sich Geddes zunehmend der Sozialarbeit zu, in einer Zeit, die von der Frauenwahlrechtsbewegung im Vereinigten Königreich sowie von den Reforminitiativen Octavia Hills und Josephine Butlers geprägt war.[2] Sie gründete ein soziales Unternehmen für Mädchen in Liverpool und half 1884, gemeinsam mit ihrer Schwester Edith und deren Ehemann James Oliphant (Rektor einer privaten Mädchenschule am Charlotte Square), bei der Gründung der Environmental Society (die sich später zur bekannteren Social Union entwickelte).
Bereits 1883 hatte sie bei einem Besuch ihrer Schwester Patrick Geddes, einen Kollegen ihres Schwagers Oliphant, kennengelernt.[4]S. 82 f. Sie heirateten im April 1886. Ab dann war Geddes sehr eng in die Arbeit ihres Mannes eingebunden.[2][6] Sie wurde als eine „unabhängig denkende, heroische, selbstlose und zugleich heiter‑zugewandte Partnerin“ beschrieben.[7] Häufig übernahm sie Finanz‑ und Verwaltungsaufgaben in Patrick Geddes’ Projekten und reiste vielfach mit ihm.[2] Zu den gemeinsamen Reisen, die das Ehepaar unternahm, zählten unter anderen Fahrten nach Zypern und die Organisation der Hilfe für armenische Flüchtlinge (1896–1897),[4]S. 17 ein Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Ende 1899 bis Anfang 1900,[4]S. 185–187 sowie ein längerer Aufenthalt 1900 in Paris, wo Patrick Geddes während der Weltausstellung eine Sommerschule leitete.[1][4]S. 189 f. Ihr Hintergrund als englische Frau und Tochter eines Liverpooler Kaufmanns verlieh der sozialen Reformarbeit ihres Mannes zusätzliche Glaubwürdigkeit und Autorität.[6]
In den späten 1880er Jahren, nach der Gründung der Edinburgh Social Union im Jahr 1885, die Künstlerinnen und Musiker für öffentliche Aufführungen zusammenführte, entwickelte Anna Geddes eine enge Freundschaft mit Marjory Kennedy-Fraser; beide musizierten gemeinsam am Klavier und teilten sich Kinderbetreuung. Geddes und Fraser leiteten das Veranstaltungskomitee der Edinburgh Social Union, das Veranstaltungen mit Schwerpunkt auf Musik und Dichtung organisierte.[2] Geddes betreute viele praktische Details der von ihrem Mann in den 1890er Jahren organisierten Summer Meetings, insbesondere das Musikprogramm, und zog hierfür auch Fraser hinzu.[1]
Das Ehepaar hatte langjährigen Kontakt mit dem Künstlerpaar Charles Rennie Mackintosh und Margaret MacDonald Mackintosh und die Frauen korrespondierten privat.[8] Geddes korrespondierte mit dem französischen Geografen Élisée Reclus und war so in die Zusammenarbeit ihres Mannes innerhalb eines Netzwerks zeitgenössischer anarchistischer Geografen eingebunden.[9][10]
1887 bekam Geddes ihr erstes Kind, Norah (1887–1967), die Landschaftsarchitektin wurde und mit ihrem Vater zusammenarbeitete. Es folgten Alastair Cosmo Burton (1891–1917) und Arthur Fraser (1896–1968). Die Geburt der Tochter fand in einem heruntergekommenen Mietshaus am Lawnmarket statt, wohin das Ehepaar gezogen war, um an den Sanierungsvorhaben der Altstadt von Edinburgh zu arbeiten. Während ihrer Schwangerschaft gründete Patrick Geddes ein Studentenwohnheim, indem er mehrere Wohnungen nahe ihrem Zuhause anmietete. Unbeachtet ihrer Umstände übernahm Geddes die praktischen Aufgaben des Reinigens und Einrichtens.[4]S. 112–114
Nach dem Tod ihres Vaters 1891 zog die Familie nach Ramsay Garden und ihr Erbe floss maßgeblich in die Finanzierung der Bebauung ein.[1][4]S. 125, 153 Alle drei Kinder wurden zu Hause unterrichtet[11] und die Sommer verbrachte die Familie auf dem Land bei Dundee.[4]S. 155
1917, während einer zweiten Reise nach Indien, bei der Geddes die Hauptorganisatorin einer Variante der Edinburgher Summer Meetings war und die Rabindranath Tagore einbeziehen sollte, starb Geddes in Lucknow an Typhus.[2][4]S. 270 Ihr Leichnam wurde in Indien eingeäschert.[1] Ihr Nachlass ist Teil des Nachlasses ihres Mannes, der an der University of Strathclyde verwahrt wird.[12]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 Elizabeth Ewan, Rose Pipes, Jane Rendall und Siân Reynolds (Hrsg.): The New Biographical Dictionary of Scottish Women. 2. Auflage. Edinburgh University Press, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-4744-3627-4.
- 1 2 3 4 5 6 7 Paddy Lyons, Willy Maley und John Miller (Hrsg.): Romantic Ireland: From Tone to Gonne; Fresh Perspectives on Nineteenth-Century Ireland. Cambridge Scholars Publishing, Cambridge 2013, ISBN 978-1-4438-5358-3, S. 173.
- 1 2 Anna Morton Geddes 1857–1917. In: Lothian Women’s Forum. Workers' Educational Association, November 2016, archiviert vom am 4. März 2016; abgerufen am 8. Mai 2026.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Paddy Kitchen: A most unsettling person: An introduction to the ideas and life of Patrick Geddes. Gollancz, London 1975, ISBN 0-575-01957-3.
- ↑ Walter Stephen (Hrsg.): Learning from the Lasses: Women of the Patrick Geddes Circle. Luath Press, Edinburgh 2014, ISBN 978-1-910021-06-4 (google.com).
- 1 2 Helen Meller: Patrick Geddes: Social Evolutionist and City Planner. Routledge, London 2005, ISBN 978-1-134-84928-4, S. 5 f. (google.de).
- ↑ Philip Mairet: Pioneer of sociology: The life and letters of Patrick Geddes. Lund Humphries, London 1957, S. 80.
- ↑ Volker M. Welter: Arcades for Lucknow: Patrick Geddes, Charles Rennie Mackintosh and the Reconstruction of the City. In: Architectural History. Band 42, 1999, S. 316–332, doi:10.2307/1568717.
- ↑ Federico Feretti: Situated Knowledge and Visual Education: Patrick Geddes and Reclus's Geography (1886–1932). In: Journal of Geography. Band 116, 2016, S. 3–19, doi:10.1080/00221341.2016.1204347.
- ↑ Federico Feretti: Globes, savoir situé et éducation à la beauté : Patrick Geddes géographe et sa relation avec les Reclus. In: Annales de Géographie. Band 124, Nr. 706, 2015, S. 681–715, doi:10.3917/ag.706.0681.
- ↑ Deborah Anne Reid: Unsung heroines of horticulture : Scottish gardening women, 1800 to 1930. Dissertation, University of Edinburgh, 2025 (ed.ac.uk).
- ↑ Collection T-GED - Patrick Geddes papers. University of Strathclyde Archives and Special Collections, abgerufen am 8. Mai 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Geddes, Anna |
| ALTERNATIVNAMEN | Geddes, Anna, Lady; Morton, Anna (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | englisch-britische sozial‑ökologische Aktivistin und Musikerin |
| GEBURTSDATUM | 19. November 1857 |
| GEBURTSORT | Liverpool, England, Vereinigtes Königreich |
| STERBEDATUM | 9. Juni 1917 |
| STERBEORT | Lucknow, Uttar Pradesh, Britisch-Indien |