Alberto Sughi

Alberto Sughi (* 5. Oktober 1928 in Cesena; † 31. März 2012 in Bologna) war ein italienischer Maler. Er gilt als ein wichtiger Vertreter des Neuen Realismus in der italienischen Kunst der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Häufig wird Sughis „realismo esistenziale“ dem „realismo sociale“ eines Renato Guttuso gegenübergestellt.[1]
Leben und Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kindheit und Jugend
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sughi wurde in der romagnolischen Provinzstadt Cesena in kleinbürgerliche Verhältnisse geboren. Die Mutter und ein malender Onkel förderten das früh erwachende Interesse des Jungen am Zeichnen und Malen.
Vorbilder des jugendlichen Alberto Sughi waren Ottone Rosai, Giovanni Fattori und vor allem Lorenzo Viani.[2]
Nach Kriegsende nahm der mittlerweile Volljährige in seiner Heimatstadt an einer ersten Gruppenausstellung teil, zeigte jedoch keine Ambitionen, eine Kunstausbildung zu absolvieren. Dass er Autodidakt geblieben war, bewertete der Maler rückblickend positiv: „Heute gefällt mir die Vorstellung, auf völlig natürliche Weise Maler geworden zu sein.“[3]
Aus der zweiten Hälfte der 1940er Jahre sind vor allem Handzeichnungen von figurativen Motiven erhalten. Sughi hielt fest, was er im Alltag in seinem unmittelbaren Lebensumfeld, etwa auf der Piazza, auf Märkten oder Baustellen beobachtete.
Im Jahr 1946 verbrachte Sughi einige Monate in Turin und sah unter anderem Originale von Felice Casorati, Francesco Menzio und Enrico Paulucci. Zurück in Cesena arbeitete er in Ateliergemeinschaft mit Giovanni Cappelli und Luciano Caldari.[2]
Nach einem Besuch auf der Biennale von Venedig des Jahres 1948, wo ein Stillleben André Fougerons tiefen Eindruck auf ihn machte, wandte sich Sughi vorerst der Stilllebenmalerei zu.[2] Fougeron als prononcierter Verteidiger einer engagierten realistischen Kunst beeinflusste Sughi ähnlich nachhaltig wie später Francis Bacon.
Anfänge in Rom und Cesena
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ende des Jahres 1948 brach der zu diesem Zeitpunkt 20-Jährige mit den Gefährten Capelli und Caldari nach Rom auf, wo er sich mit Unterbrechungen bis 1951 aufhielt.[3]
Im großstädtischen Rom und auch in Mailand, das er in diesen Jahren häufig besuchte, stieß Sughi, der sich als typischer Einzelgänger obsessiv der spätabendlichen Stadtstreunerei hingab, auf neue Sujets: das nächtliche Leben an den Tiberpromenaden und entlang der Boulevards, die Abendvorstellungen in den Kinos, vor allem aber die Rotlichtviertel mit ihren Nachtbars und Stundenhotels, ein Milieu, das er als eine poetische Welt der Vereinzelung und der „existenziellen Melancholie“ wahrnahm. Er wandte sich nunmehr dauerhaft der Figurenmalerei zu.
Entscheidend für die Entwicklung seiner Bildwelten war auch, dass der Maler das Kino des italienischen Neorealismo als eine Kunstform wahrnahm, die ihm, was Sujets und Ästhetik betraf, Möglichkeiten für seine eigene Malerei eröffnete.
Ebenfalls in Rom nahm Sughi Kontakt mit den Malern des Gruppo di Portonaccio auf, darunter die Maler Romano Buratti, Marcello Muccini und Renzo Vespignani, sowie der Dichter Elio Filippo Accrocca.[2]
1951 kehrte Alberto Sughi nach Cesena zurück, wo er vorerst in der Rocchetta di Piazza im Stadtzentrum ein Atelier unterhielt.
1954 stellte er gemeinsam mit Corrado Cagli und Marcello Muccini in der Galleria del Pincio in Rom aus. In den folgenden Jahren 1956 bis 1961 richteten mehrere Galerien in Rom und die renommierte Galleria Bergamini in Mailand Einzelausstellungen aus[2], die trotz der Aura der „existenziellen Einsamkeit“, die Sughis Malerei umgab, von Kritik und Publikum wohlwollend angenommen wurde. 1956 stellte Sughi auch auf der XX. Biennale von Venedig Arbeiten aus und erhielt den prestigeträchtigen Premio Suzzara verliehen.
Auch eine Reihe von frühen Beteiligungen Sughis an Präsentationen italienischer Gegenwartskunst im Ausland (New York, Wien und Budapest, Kamakura und Alessandria, 1959–1961) sind belegt.[4]
„Realismo esitenziale“ der 1960 und 1970er Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab den 1960er Jahren war der „realismo esitenziale“ der Cesenatischen Maler Sughi, Capelli und Caldari im italienischen Kunstbetrieb ein fester Begriff – auch wenn das Zentrum der Strömung Mailand war: Verbunden wurden mit diesem Begriff großstädtische Sujets, eine existenzialistische Tristesse, sowie eine gewisse Drastik, die sich nicht scheute, auch Abgründiges und Abstoßendes ins Bild zu setzen.
Sughis düsterer Zyklus „Il quotidiano nella cittá“ (dt. „Das Alltägliche in der Stadt“), in den späten 1950ern begonnen und 1965 erstmals präsentiert, verkörperte diese Attribute exemplarisch. Aus einem diffusen Halbdunkel auftauchend, wirken seine blassen Protagonisten wie Gestrandete in einer trostlosen nächtlichen Halbwelt. Sughis Art des Erzählens begnügte sich in diesen Jahren mit Andeutungen, wenige Requisiten definieren die Räume, wenige Details definieren die Körper und Gesichter. Er galt als Maler der „einsamen Vereinzelten“[5], des „farbigen Schwarz“.[6]
Dass er Anleihen bei Francis Bacon genommen hatte, war unverkennbar, doch die Nähe war nie groß genug, um den Vorwurf des Epigonentums laut werden zu lassen. Nach eigener Aussage war Bacon für ihn „in einem Moment zum Bezugspunkt geworden, als unsere Generation versuchte, das Unbehagen, die Angst des Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft zu ergründen, seinen Schrei der Isolation und des Schmerzes.“[7] So galt der Maler aus dem Provinzstädtchen Cesena einige Jahre lang als der „italienische Bacon“, ehe er sich spätestens mit dem Zyklus „Immaginazione e memoria della famiglia“ vollständig aus dem Dunstkreis des berühmten Vertreters der School of London entfernte.
Die nachfolgenden Zyklen der zweiten Hälfte der 1960er und 1970er Jahre artikulierten erstmals auch deutliche Gesellschaftskritik, wenn auch nur, indem sie das Abstoßende an bestimmten „Zirkeln der Macht“ ins Bild setzten. Gemälde wie „Classe dirigente/Politici al ricevimento“ (dt. „Leitende Klasse/Politiker beim Empfang“, 1965) und das großformatige Triptychon „Ora storica“ (dt. „Historische Stunde“, 1965) bestätigen den Anspruch des Künstlers, eine Art Psychogramm der Oberschicht der italienischen Nachkriegsgesellschaft zu skizzieren: Ausdruck eines Unbehagens, ja des Ekels vor bestimmten Auswüchsen der Institutionalisierung von Macht. Auch der Zyklus „La Cena“ (dt. „Das Abendessen“), der Mitglieder der „besseren Gesellschaft“ in tragikomischer Vereinzelung bei einem Empfang zeigt, schlägt in dieselbe Kerbe.
Kontrastiert wurde diese Gesellschaftskritik durch die sublime Poesie der sogenannten „grünen Gemälde“, einer Serie von Darstellungen von „Kulturlandschaft“, die die Beziehung des modernen Menschen zur Natur untersucht. Hier nahm Sughi gekonnt Bezug auf Positionen der klassischen Moderne, einerseits auf die Pittura metafisica eines Giorgio de Chirico und dessen Vorläufer in München, namentlich Arnold Böcklin und Ferdinand Hodler, andererseits auf den Surrealismus eines René Magritte und eines Max Ernst.[2] Inspiriert worden war der Maler zu dieser Serie durch die Übersiedlung seines Ateliers in die Frazione Carpineta, einen Weiler in den Hügeln des Apennins, unweit des Stadtzentrums von Cesena.[8]
Reifes Werk der 1980er und 1990er Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die 1980er Jahre waren das Jahrzehnt der großen Werkschauen und des Erscheinens einer ganzen Reihe von Werkmonografien.[2]
Sughi befand sich künstlerisch auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Der von Kritik und Publikum begeistert aufgenommene neue Zyklus „Immaginazione e memoria della famiglia“ (dt. „Imagination und Erinnerung der Familie“), eine Sammlung von zwanzig Gemälden und fünfzehn Studien, die in der ersten Hälfte der 1980er Jahre entstanden waren und erstmalig in der Galerie „La Gradiva di Roma“ präsentiert wurden[2], speiste sich aus Kindheitserinnerungen des Malers.[3] Es handelte sich um keinen nostalgischen Blick zurück, vielmehr ging es dem Künstler darum „das Gefühl einer Würde zu erfassen, die vom Schmerz und von den Härten des Lebens nicht ausgelöscht werden kann“.
1986 widmete ihm das Nationalmuseum der Engelsburg in Rom eine Retrospektive, die später im Museum der Schönen Künste in Budapest und in der Nationalgalerie in Prag gezeigt wurde.[4]
In den späten 1980ern und den 1990er Jahren schließlich präsentierte sich ein geläutert wirkender Alberto Sughi: Die beißende Gesellschaftskritik der Zyklen der 1960er und 1970er Jahre war einer ruhigen Melancholie gewichen, stilistisch wirkten die Werkgruppen „La Sera“ (dt. „Der Abend“) und „Andare Dove?“ (dt. „Gehen wohin?)“ freier, poetischer, malerischer – aber auch persönlicher und dadurch zugänglicher als alles Bisherige. Das zentrale Gemälde des Zyklus „La Sera“, das großformatige Gemälde „La Sera dell’pittore“ (dt. „Der Abend des Malers“), das den Künstler selbst, in abendliche Meditation versunken, in seinem Atelier zeigt, wurde pars pro toto für den ganzen Zyklus als ein Ausdruck des Innehaltens, der bilanzierenden Selbstreflexion interpretiert.[9]
Alterswerk und Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Zyklus „Notturno“, den Sughi als bereits Siebzigjähriger Ende der 1990er Jahre begann und um das Jahr 2003 vollendete, war thematisch ein Rückgriff auf die nächtlich-großstädtischen Sujets der 1950er Jahre: Mit dieser leichtfüßigeren Neuinterpretation jener Thematik, an der er in seinen Anfängen künstlerisch gewachsen war, schien sich der Kreis nun zu schließen.
Sughi widmete sich im Anschluss einer Neuinterpretation von Dante Alighieris Vita Nuova[2] und setzte seine rege Ausstellungstätigkeit innerhalb Italiens fort. Im Jahr 2005 wurde ihm der renommierte Vittorio-De-Sica-Preis für Kultur verliehen. Auch eine Reihe von Gemälden „fuori ciclo“, also außerhalb der großen Zyklen, entstand.
Um die Jahreswende 2005/2006 fand im Palazzo della Pilotta in Parma die bis dahin größte Retrospektive des Sughischen Œuvres statt.[4] In der Ausstellung wurden 642 Arbeiten gezeigt, auch das umfangreiche grafische Werk wurde entsprechend gewürdigt.
Der Künstler starb 83-jährig am 31. März 2012 in Bologna, der Leichnam wurde in seine Geburtsstadt Cesena überführt. Sein Grab im „Cimitero di Ruffio“ wird von einer schlichten Grabplatte bedeckt, die lediglich mit der Aufschrift „Alberto Sughi, Pittore“ versehen ist.[10]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Museo Nazionale di Castel Sant’Arcangelo, Rom (Hg.): Alberto Sughi. Il gioce dell’apparenza. 5 cicli pittorici dal 1960 al 1986. Uniclub, Rom 1986.
- Vittorio Sgarbi: Alberto Sughi. Skira, Mailand 2007.
- Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Katalog zur Ausstellung „Alberto Sughi“ im Complesso Vittoriano, Rom, 2007. Skira, Mailand 2007.
- Alberto Sughi: Il mio lavoro da pittore. Umberto Allemandi, Turin 2014.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Offizielle Website des Künstlers
- „The Art of Alberto Sughi“: Der Kunsthistoriker Vittorio Sgarbi im Gespräch mit Maria Teresa de Vito (YouTube-Video)
- „Ritratto di Alberto Sughi“: Dokumentarisches Porträt des Künstlers von Glauco Pellegrini aus dem Jahr 1971 (YouTube-Video)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Vittorio Sgarbi: Alberto Sughi. Skira, Mailand 2007.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Katalog zur Ausstellung „Alberto Sughi“ im Complesso Vittoriano, Rom, 2007. Skira, Mailand 2007, S. 227–242, Abschnitt „Biografia“ a cura di Serena Sughi e Stefania Zanarini
- 1 2 3 Giuseppe Bonini: „Vicende biografiche e dibattito critico.“ - In: Museo Nazionale di Castel Sant’Arcangelo, Rom (Hg.): Alberto Sughi. Il gioce dell’apparenza. 5 cicli pittorici dal 1960 al 1986. Uniclub, Rom 1986, S. 45–61.
- 1 2 3 Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Katalog zur Ausstellung „Alberto Sughi“ im Complesso Vittoriano, Rom, 2007. Skira, Mailand 2007, S. 242–243, Abschnitt „Esposizioni“.
- ↑ Youtube-Video „The Art of Alberto Sughi“: Der Kunsthistoriker Vittorio Sgarbi im Gespräch mit Maria Teresa de Vito.
- ↑ Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Skira, Mailand 2007, S. 230
- ↑ Alberto Sughi in einem Ateliergespräch, zit. n. Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Skira, Mailand 2007, S. 221.
- ↑ Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Skira, Mailand 2007, S. 154.
- ↑ Vgl. Arturo Carlo Quintavalle: Sughi. Skira, Mailand 2007, S. 184f.>
- ↑ „Ultimo addio al Maestro Sughi“ Artikel in der Tageszeitung „Cesena Today“, erschienen anlässlich des Ablebens des Künstlers (abgerufen am 18. März 2026)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Sughi, Alberto |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Maler |
| GEBURTSDATUM | 5. Oktober 1928 |
| GEBURTSORT | Cesena |
| STERBEDATUM | 31. März 2012 |
| STERBEORT | Bologna |