Albert Erhardt
Albert Erhardt (* 7. April 1904 in Rostock; † 11. März 1969 in Gadderbaum bei Bielefeld) war ein deutscher Zoologe und Parasitologe.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Albert Erhardt entstammte einer akademischen Familie. Sein Vater Franz Erhardt war Professor für Philosophie an der Universität Rostock. Seine Mutter Margarete, geb. Sohm, sorgte für die häusliche Erziehung.
Studium und wissenschaftliche Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach seinem Abitur am Gymnasium Bremerhaven im Jahr 1924 studierte Albert Erhardt bis 1928 Zoologie an der Universität Rostock. Bereits im Jahr 1928 schloss er sein Studium mit einer Promotion zum Doktor der Philosophie mit dem Prädikat „magna cum laude“ ab. Seine Dissertation trug den Titel Die Verwandtschaftsbestimmungen mittels der Immunitätsreaktionen in der Zoologie und ihr Wert für phylogenetische Untersuchungen und beschäftigte sich mit immunologischen Methoden zur Bestimmung verwandtschaftlicher Beziehungen zwischen Tierarten. Diese Arbeit zeigte bereits sein Interesse an experimentellen und biochemischen Ansätzen in der zoologischen Forschung.
Zu seinen wissenschaftlichen Aktivitäten zählte auch ein viermonatiger Forschungsaufenthalt von Januar bis April 1929 an der Stazione Zoologica (siehe Zoologische Station Neapel) in Neapel.
Nach seiner Promotion arbeitete Erhardt 1929 als Volontärassistent am Zoologischen Institut der Universität Göttingen, wo er praktische Erfahrungen in der wissenschaftlichen Arbeit sammelte. Noch im selben Jahr wechselte er als Hilfsassistent zu Fritz Eichholtz an das Zoologische Institut der Universität Königsberg.
Ab 1930 erweiterte er seine Tätigkeit und arbeitete zusätzlich am Pharmakologischen Institut der Universität Königsberg, was seine interdisziplinäre Ausrichtung zwischen Zoologie und Medizin verdeutlichte.
Einer seiner Kommilitonen in Rostock war der spätere Oberregierungsrat Rudolf Kuhk.
Im Juni 1933 kehrte Erhardt nach Rostock zurück und nahm zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus eine Stelle als Hilfsassistent am Zoologischen Institut an, das sich zu jenem Zeitpunkt unter der Leitung von Paul Schulze, der gleichzeitig Rektor der Universität war, zu einer Hochburg des Nationalsozialismus entwickelte. Erhardt, der zu diesem Zeitpunkt Mitglied des Stahlhelms war, geriet dadurch in eine schwierige Position.
Trotz dieser Umstände gelang es Erhardt, seine wissenschaftliche Arbeit voranzutreiben. Im Jahr 1935 habilitierte er sich an der Universität Rostock mit einer Arbeit über Chemotherapie und Pathologie der Opisthorchiasis unter besonderer Berücksichtigung der Systematik und der geographischen Verbreitung der Gattung Opisthorchis. Diese Habilitationsschrift befasste sich mit parasitären Leberegeln und deren Bekämpfung durch chemotherapeutische Mittel. Ab 1937 erhielt er eine Stelle als Privatdozent an der Universität Rostock. Ein dreimonatiger Forschungsaufenthalt führte Erhardt Anfang 1939 an das Institut de Parasitologie in Paris, wo er als Assistent im Laboratoire de Parasitologie der Faculté de Médecine unter Émile Brumpt (1877–1951)[1] tätig war. 1942 bearbeitete und übersetzte Erhardt eine Veröffentlichung von Brumpt aus dem Französischen ins Deutsche.
Nach seiner Rückkehr aus Frankreich erhielt er ein Stipendium des Reichsforschungsrats und arbeitete von April 1939 in Heidelberg erneut mit Fritz Eichholtz, der inzwischen nach Heidelberg gegangen war, zusammen. Er wechselte 1940 als Dozent an die Universität Heidelberg. Diese Position behielt er bis August 1941. Im September 1941 folgte er einem Ruf an die Reichsuniversität Posen, wo er zunächst als Dozent und ab April 1943 als Diätendozent tätig war.
Während seiner Zeit in Posen beantragte die Landwirtschaftliche Fakultät Anfang 1943 seine Ernennung zum planmäßigen Extraordinarius. Dieser Antrag wurde jedoch vom Reichskultusministerium bis zu dessen Auflösung weder bewilligt noch formell abgelehnt. Erhardt führte dies später auf nationalsozialistische Widerstände zurück, die auf seine kritische Haltung gegenüber dem Regime zurückzuführen seien.
Verhältnis zum Nationalsozialismus und politische Verstrickungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Über sein Verhältnis zum Nationalsozialismus äußerte Albert Erhardt sich in einem ausführlichen Rechtfertigungsschreiben, das er am 29. November 1945 an Kurt Wachholder von der Universität Rostock richtete. In diesem Brief behauptete Erhardt, dass seine Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) erzwungen gewesen sei und er innerlich stets in Opposition zum Regime gestanden habe.
Nach eigener Darstellung war Erhardt zunächst Mitglied des Stahlhelms. Als der Stahlhelm 1934 in die Sturmabteilung (SA) überführt wurde, erfolgte seine Übernahme in die SA automatisch. Da er sich zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor seiner Habilitation befand und das Zoologische Institut unter der Leitung des nationalsozialistisch gesinnten Rektors Paul Schulze stand, hätte eine Verweigerung zum Eintritt in die NSDAP nach Erhardts Einschätzung das Ende seiner akademischen Karriere bedeutet. Am 1. Mai 1937 wurde er Mitglied der NSDAP, wobei er betonte, dass dies ebenfalls unter Zwang geschehen sei. Bereits 1938 erklärte Erhardt seinen Austritt aus der SA und blieb fortan nur noch zahlendes Mitglied der NSDAP sowie des NSKK bis 1943. Zudem war er Mitglied des Dozentenbundes.
Als Beleg für seine oppositionelle Haltung führte Erhardt seinen wissenschaftlichen Austausch mit Professor Nikolaj Nikolajewitsch Plotnikov vom Parasitologischen Institut der Setschenow-Universität Moskau an, der von 1932 bis 1941 bestand, obwohl Kontakte zur Sowjetunion damals politisch heikel waren.
In seinem Rechtfertigungsschreiben benannte Erhardt mehrere Professoren als Zeugen für seine antinationalsozialistische Gesinnung, darunter Hans Curschmann, Robert Bauch und Ernst Hohl in Rostock, seinen Heidelberger Vorgesetzten Fritz Eichholtz, seinen Posener Vorgesetzten Karl Friederichs sowie Émile Brumpt in Paris (siehe hierzu auch die Zeugnisse von Paul Szendrö, Richard-Ernst Bader, Heinrich Redeker, Karl Friederichs, Rudolf Kuhk und Fritz Peus in der Entnazifizierungsakte von Albert Erhardt).
Militärdienst im Zweiten Weltkrieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seine wissenschaftliche Tätigkeit wurde durch militärische Verpflichtungen unterbrochen: Von März bis Juli 1942 diente er am Kolonialmedizinischen Sonderlazarett des Oberkommandos des Heeres in Saint-Médard-en-Jalles bei Bordeaux. Von November 1942 bis September 1944 war er als Soldat in der Forschungsstation für Tropenmedizin auf dem Balkan eingesetzt, wo er unter verschiedenen Dienstgraden bei Redeker tätig war; später war er am Tropenmedizinischen Institut der Militärärztlichen Akademie, das während des Zweiten Weltkriegs nach Bad Nauheim ausgelagert worden war,[2] tätig. Für seine Verdienste in der Tropenmedizin, insbesondere bei der Malariabekämpfung, wurde ihm im September 1944 das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern zweiter Klasse verliehen.
Nachkriegszeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach Kriegsende arbeitete Erhardt zunächst von November bis Dezember 1945 als freiwilliger wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Zweigstelle Heidelberg der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft unter Oberregierungsrat Hugo Thiem. Sein Brief an Kurt Wachholder vom November 1945 zeigt, dass er sich um eine Rückkehr an die Universität Rostock bemühte, wo die Direktorstelle des Zoologischen Institutes vakant war. Dieser Versuch scheint jedoch nicht erfolgreich gewesen zu sein.
Ab 1946 übernahm er die Leitung der parasitologischen Abteilung der Asta AG[3], einer chemischen Fabrik in Brackwede bei Bielefeld. In dieser Position konnte er seine wissenschaftlichen Kenntnisse in der angewandten Forschung und Entwicklung einsetzen, hauptsächlich bei der Entwicklung von Mitteln zur Parasitenbekämpfung.
Parallel zu seiner industriellen Tätigkeit gelang es Erhardt, wieder in der akademischen Lehre Fuß zu fassen. Ab 1948 erhielt er einen Lehrauftrag für Parasitologie und Angewandte Zoologie an der Universität Münster. Im Jahr 1957 wurde er dort zum Honorarprofessor ernannt.
1962 gab er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen auf.
Wissenschaftliches Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Albert Erhardts wissenschaftliche Arbeiten konzentrierten sich auf die Parasitologie, vorwiegend auf parasitäre Würmer und deren Bekämpfung. Seine Habilitationsschrift über die Opisthorchiasis legte den Grundstein für seine weitere Forschung auf diesem Gebiet. Die Opisthorchiasis ist eine durch Leberegel verursachte Erkrankung, die vor allem in Asien verbreitet ist und erhebliche gesundheitliche Probleme verursachen kann.
Im Jahr 1962 veröffentlichte Erhardt gemeinsam mit Wolf D. Germer und Bernd Hörning die Monografie Die Opisthorchiasis, hervorgerufen durch den Katzenleberegel Opisthorchis felineus (Riv.), die in Jena erschien. Diese Arbeit fasste den damaligen Kenntnisstand über diese parasitäre Erkrankung zusammen und behandelte sowohl die biologischen Grundlagen als auch therapeutische Ansätze.
Ein weiteres Werk war die Bearbeitung des Buches Erzeugung von Krankheitszuständen durch das Experiment, das 1964 in Berlin veröffentlicht wurde. Diese Publikation befasste sich mit experimentellen Methoden zur Erforschung von Krankheiten.
Mitgliedschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Erhardts trat am 1. Mai 1937 der NSDAP bei und war von 1934 bis 1938 Mitglied und Rottenführer der SA. Bereits zuvor, von 1932 bis 1933, hatte er dem Stahlhelm als Mitglied und Rottenführer angehört. Ab 1937 gehörte er dem Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund an, von 1938 bis 1944 war er zahlendes Mitglied der NSKK, und seit 1938 Mitglied des NS-Altherrenbunds. Seit 1935 war er Mitglied der Reichsdozentenschaft.
Neben seinen politischen Aktivitäten pflegte Erhardt wissenschaftliche Netzwerke. Seit 1926 war er Mitglied der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft. Ab 1933 gehörte er dem Verein der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg an, in dem er 1937 die Funktion des Schriftführers übernahm. Seit 1942 war er Mitglied des Deutschen Naturwissenschaftlichen Vereins in Posen.
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Verwandtschaftsbestimmungen mittels der Immunitätsreaktionen in der Zoologie und ihr Wert für phylogenetische Untersuchungen. 1928.
- Chemotherapie und Pathologie der Opisthorchiasis unter besonderer Berücksichtigung der Systematik und der geographischen Verbreitung der Gattung Opisthorchis R. Blanchard 1895. 1935.
- Émile Brumpt, Maurice Neveu-Lemaire, Albert Erhardt (Übers.): Praktischer Leitfaden der Parasitologie des Menschen. Berlin, 1942 (Digitalisat).
- Albert Erhardt, Wolf D. Germer und Bernd Hörning: Die Opisthorchiasis, hervorgerufen durch den Katzenleberegel Opisthorchis felineus (Riv.). 1962.
- Infektionen, Bd. I (= Ergänzungswerk zum Handbuch der experimentellen Pharmakologie, begründet von Arthur Heffter, herausgegeben von Oskar Eichler, Bd. 16: Erzeugung von Krankheitszuständen durch das Experiment, Teil 9). Springer, Berlin 1964, S. 118.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Eintrag im Katalog und Anhang/Dokumente (Publikationsverzeichnis) zu Albert Erhardt im Catalogus Professorum Rostochiensium.
- Albert Erhardt. In: Grete Grewolls: Wer war wer in Mecklenburg und Vorpommern. Das Personenlexikon. Hinstorff Verlag, Rostock 2011, ISBN 978-3-356-01301-6, S. 2533. (Digitalisat).
- Albert Erhardt. In: Entnazifizierungsakte im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. (Digitalisat).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur über Albert Erhardt in der Landesbibliographie MV
- Werke von Albert Erhardt in der Landesbibliographie MV
- Albert Erhardt. In: lobid.
- Albert Erhardt. In: Universitätsmatrikel der Universität Rostock.
- Albert Erhardt. In: GEPRIS Historisch.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Emile Brumpt. Abgerufen am 21. April 2026.
- ↑ Wolfgang U. Eckart, Volker Sellin, Eike Wolgast (Hrsg.): Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus. Springer-Verlag, 2006, ISBN 978-3-540-39385-6 (google.de [abgerufen am 23. April 2026]).
- ↑ Klaudia Genuit-Thiessen: ASTA-Erfolgsgeschichte startet vor 100 Jahren. Abgerufen am 22. April 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Erhardt, Albert |
| ALTERNATIVNAMEN | Erhardt, Albert Otto Julius Karl Alfred August (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Zoologe und Parasitologe |
| GEBURTSDATUM | 7. April 1904 |
| GEBURTSORT | Rostock |
| STERBEDATUM | 11. März 1969 |
| STERBEORT | Gadderbaum bei Bielefeld |
- Absolvent der Universität Rostock
- Hochschullehrer (Universität Rostock)
- Hochschullehrer (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)
- Hochschullehrer (Reichsuniversität Posen)
- Hochschullehrer (Universität Münster)
- Parasitologe
- Tropenmediziner
- Ornithologe
- Sachbuchautor (Zoologie)
- Übersetzer aus dem Französischen
- Übersetzer ins Deutsche
- Mitglied im Stahlhelm
- NSDAP-Mitglied
- SA-Mitglied
- Person der deutschen Besetzung Europas 1939–1945
- Deutscher
- Geboren 1904
- Gestorben 1969
- Mann
- NSKK-Mitglied
- Generalarzt (Heer der Wehrmacht)