Agrinierit kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem und entwickelt meist tafelige, senkrecht zur c-Achse abgeflachte sowie durch Zwillingsbildung pseudohexagonale Kristalle. Die Oberflächen der durchsichtigen bis durchscheinenden und orangefarbenen Kristalle weisen einen harz- bis fettähnlichen Glanz auf.
Erstmals entdeckt wurde Agrinierit zusammen mit Rameauit im Uranbergwerk von Margnac („Mine de Margnac“) in der französischen Gemeinde Compreignac. Die Erstbeschreibung erfolgte durch Fabien P. Cesbron, W. L. Brown, Pierre Bariand und Jacques Geffroy,[7] die das Mineral nach Henri Agrinier (1928–1971) benannten. Als Ingenieur im Mineralogischen Labor der französischen Atomenergiekommission in Paris trug er zur Identifizierung der meisten uranhaltigen Minerale bei.
Das Mineralogenteam sandte seine Untersuchungsergebnisse und den gewählten Namen 1971 zur Prüfung an die International Mineralogical Association (interne Eingangsnummer der IMA: 1971-046[1]), die den Agrinierit als eigenständige Mineralart anerkannte. Die Erstbeschreibung wurde im Jahr darauf im Fachmagazin Mineralogical Magazine veröffentlicht. Die seit 2021 ebenfalls von der IMA/CNMNC anerkannte Kurzbezeichnung (auch Mineral-Symbol) von Agrinierit lautet „Agn“.[2]
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer IV/H.02-010. Dies entspricht der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Uranyl([UO2]2+)-Hydroxide und -Hydrate“, wo Agrinierit zusammen mit Rameauit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer IV/H.02 bildet.[4]
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Agrinierit die System- und Mineralnummer 05.05.01.01. Auch dies entspricht der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Uran- und thoriumhaltige Oxide“, wo das Mineral als einziges Mitglied in einer unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 05.05.01 innerhalb der Unterabteilung „Uran- und thoriumhaltige Oxide, die Alkali- und Erdalkalimetall-Elemente enthalten (wasserhaltig)“ zu finden ist.
Die chemische Analyse des gefundenen Materials ergab eine durchschnittliche Zusammensetzung von 2,05% SrO, 3,35% K2O, 2,20% CaO, 85,15% UO3 und 7,45% H2O, was der idealisierten Oxidformel 2(K2,Ca,Sr)O·6UO3·8H2O entspricht.[9]
Gemäß der Kristallchemischen Strukturformel nach Strunz wird die Zusammensetzung mit (K2,Ca,Sr)[(UO2)3|O3|(OH)2]·3H2O angegeben.[3] Die in den runden Klammern angegebenen Elemente Kalium, Calcium und Strontium können sich dabei in der Formel jeweils gegenseitig vertreten (Substitution, Diadochie), stehen jedoch immer im selben Mengenverhältnis zu den anderen Bestandteilen des Minerals.
Nach einer Neuanalyse der Struktur durch Christopher L. Cahill, Peter C. Burns wurde die empirische chemische Zusammensetzung mit K2(Ca0,65Sr0,35)[(UO2)3O3(OH)2]2·5H2O[10] redefiniert und die idealisierte Formel mit K2Ca[(UO2)3O3(OH)2]2·5H2O[1] angegeben.
Das Mineral ist durch seinen Urangehalt von bis zu 71,48% sehr stark radioaktiv. Unter Berücksichtigung der Mengenanteile der radioaktiven Elemente in der idealisierten Summenformel sowie der Folgezerfälle der natürlichen Zerfallsreihen wird für das Mineral eine spezifische Aktivität von etwa 127,958kBq/g[5] angegeben (zum Vergleich: natürliches Kalium 0,0312kBq/g). Der zitierte Wert kann je nach Mineralgehalt und Zusammensetzung der Stufen deutlich abweichen, auch sind selektive An- oder Abreicherungen der radioaktiven Zerfallsprodukte möglich und ändern die Aktivität.
F. Cesbron, W. L. Brown, P. Bariand, J. Geffroy:Rameauite and Agrinierite, two new hydrated complex uranyl oxides from Margnac, France. In: Mineralogical Magazine. Band38, Nr.299, 1972, S.781–789, doi:10.1180/minmag.1972.038.299.01 (minersoc.org[PDF; 451kB; abgerufen am 5.April 2018]).
Michael Fleischer:New Mineral Names. In: American Mineralogist. Band58, Nr.7–8, 1973, S.805–807 (minsocam.org[PDF; 281kB; abgerufen am 5.April 2018]).
Christopher L. Cahill, Peter C. Burns:The structure of agrinierite: a Sr-containing uranyl oxide hydrate mineral. In: American Mineralogist. Band85, 2000, S.1294–1297 (rruff.info[PDF; 135kB; abgerufen am 5.April 2018]).
Agrinierite search results.In:rruff.info.Database of Raman spectroscopy, X-ray diffraction and chemistry of minerals (RRUFF);abgerufen am 15.Mai 2025(englisch).
12345Hugo Strunz, Ernest H. Nickel:Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S.250.
12Stefan Weiß:Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
12345678910
Agrinierite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org[PDF; 56kB; abgerufen am 15.Mai 2025]).
12Agrinierite.In:mindat.org.Hudson Institute of Mineralogy,abgerufen am 15.Mai 2025(englisch).
↑F. Cesbron, W. L. Brown, P. Bariand, J. Geffroy:Rameauite and Agrinierite, two new hydrated complex uranyl oxides from Margnac, France. In: Mineralogical Magazine. Band38, Nr.299, 1972, S.785, doi:10.1180/minmag.1972.038.299.01 (minersoc.org[PDF; 451kB; abgerufen am 5.April 2018]).
↑Christopher L. Cahill, Peter C. Burns:The structure of agrinierite: a Sr-containing uranyl oxide hydrate mineral. In: American Mineralogist. Band85, 2000, S.1294–1297 (englisch, rruff.info[PDF; 135kB; abgerufen am 15.Mai 2025]).
↑
Fundortliste für Agrinierit beim Mineralienatlas und bei Mindat (englisch), abgerufen am 15. Mai 2025.