Sven Hedin
Sven Anders von Hedin (* 19. Februar 1865 in Stockholm; † 26. November 1952 ebenda) war ein schwedischer Geograf und Entdeckungsreisender. Von 1935 bis 1952 lebte Hedin in Stockholm. Er ist begraben auf dem Adolf Fredriks Kyrkogård in Stockholm.

Werdegang
Das prägende Kindheitserlebnis
Mit 15 Jahren erlebte Sven Hedin die triumphale Rückkehr des schwedischen Polarforschers Adolf Erik Nordenskiöld nach der erstmaligen Befahrung der Nordostpassage. Er beschreibt das in seinem Buch Mein Leben als Entdecker folgendermaßen: Am 24. April 1880 lief die Verga in Stockholms Ström ein. Die ganze Stadt war illuminiert. Die Häuser rings um den Hafen flammten im Schein unzähliger Lampen und Fackeln. Auf dem Schloss leuchtete in Gasflammen das Sternbild der Verga. Mitten in diesem Lichtermeer glitt das berühmte Schiff in den Hafen. Mit meinen Eltern und Geschwistern stand ich auf den Bergen von Södermalm, von wo wir eine beherrschende Aussicht hatten. Größte Spannung hatte mich erfasst. Mein ganzes Leben lang werde ich an diesen Tag zurückdenken, er wurde entscheidend für meinen künftigen Weg. Von Kais, Straßen, Fenstern und Dächern dröhnte donnernder Jubel. „So will ich einst heimkommen“, dachte ich.
Am 17. Januar 1909 erlebte Sven Hedin einen ähnlichen triumphalen Empfang bei der Rückkehr von seiner dritten Expedition nach Asien.
Erste Reise nach Persien

Im Mai 1885 machte Sven Hedin sein Abitur an der Beskowska-Schule in Stockholm. Danach nahm er das Angebot an, den Schüler Erhard Sandgren als Hauslehrer nach Baku zu begleiten, wo dessen Vater als Ingenieur auf dem Erdölfeld von Robert Nobel arbeitete.
Im Sommer 1885 nahm er einen Monat lang an einem Kurs in Topografie für Generalstabsoffiziere und einige Wochen lang am Unterricht im Porträtzeichnen teil. Das war seine einzige Ausbildung in Topografie und Zeichnen.
Am 15. August 1885 reiste er mit Erhard Sandgren nach Baku. Er unterrichtete ihn dort 7 Monate lang und begann in dieser Zeit, Latein, Französisch, Deutsch, Persisch, Russisch, Englisch und Tatarisch zu lernen. In späterer Zeit erlernte er einige persische Dialekte, Türkisch, Kirgisisch, Mongolisch, Tibetanisch und etwas Chinesisch.

Am 6. April 1886 fuhr Sven Hedin mit dem Raddampfer über das Kaspische Meer und ritt durch das Elburs-Gebirge nach Teheran, Isfahan, Schiras und zur Hafenstadt Buschehr, fuhr mit dem Schiff den Tigris aufwärts bis Bagdad, kehrte über Kermanschah nach Teheran zurück und reiste durch den Kaukasus über das Schwarze Meer nach Konstantinopel und von dort aus heim nach Schweden, wo er am 18. September 1886 eintraf. Über diese Reise veröffentlichte er 1887 das Buch Durch Persien, Mesopotamien und Kaukasien.
Studium
Sven Hedin studierte zwischen 1886 - 1888 Geologie, Mineralogie, Kristallographie, Zoologie und Latein in Stockholm bei dem Geologen Waldemar Brøgger und in Uppsala. Im Dezember 1888 wurde er Kandidat der Philosophie. Vom Oktober 1889 bis zum März 1890 studierte er in Berlin bei Ferdinand Freiherr von Richthofen.
Zweite Reise nach Persien
Am 12. April 1890 begleitete er als Dolmetscher und Vizekonsul eine kaiserliche Gesandtschaft nach Persien, die dem Schah von Persien die Insignien des Seraphinenordens überreichen sollte. In Teheran nahm er 1890 zusammen mit der schwedischen Gesandtschaft an der Audienz des Schahs Nāser ad-Dīn Schah teil. Er plauderte mit ihm und begleitete ihn in das Elburs-Gebirge. Am 11. Juli 1890 bestieg er mit 2 Begleitern den Demavend (5.604 m) und sammelte dort Primärmaterial für seine Dissertation. Am 9. September 1890 reiste er auf der Seidenstraße über Meschhed, Aschchabad, Buchara, Samarkand, Taschkent und Kaschgar an den Westrand der Wüste Taklamakan. Auf der Heimfahrt besuchte er in Karakol am Ufer des Sees Issyk-Kul das Grab des russischen Asienforschers Nikolai Michailowitsch Prschewalski (= Prjevalsky). Am 29. März 1891 kam er nach Stockholm zurück. Über diese Reise veröffentlichte Sven Hedin die Bücher König Oscars Gesandtschaft zum Schah von Persien im Jahre 1890 und Durch Chorasan und Turkestan.
Promotion und Berufsentscheidung
Am 27. April 1892 fuhr Sven Hedin nach Berlin, um sein Studium bei Ferdinand Freiherr von Richthofen fortzusetzen. Anfang Juli 1892 reiste er weiter nach Halle, hörte Vorlesungen bei Alfred Kirchhoff und promovierte bei ihm im selben Monat zum Doktor der Philosophie mit der 28seitigen Dissertation Der Demavend nach eigener Beobachtung. Diese Dissertation ist eine Kurzfassung eines Abschnittes aus seinem Buch König Oscars Gesandtschaft zum Schah von Persien im Jahre 1890. Eric Wennerholm schreibt dazu: Ich kann zu keinem anderen Ergebnis kommen, (als) dass Sven den Dr. phil. mit 27 Jahren nach einem zusammengerechnet nur achtmonatigen Studium und dem eineinhalbtägigen Sammeln von Primärmaterial auf dem schneebedeckten Gipfel des Demavend bekam.

Ferdinand Freiherr von Richthofen hatte Hedin nahegelegt, nicht nur ein flüchtiges Studium zu absolvieren, sondern sich gründlich mit allen Zweigen der geographischen Wissenschaft und den Methoden der Forschungsarbeit vertraut zu machen, damit er später als Forschungsreisender arbeiten konnte. Sven Hedin verzichtete darauf und erklärte das im Alter so: Ich war dieser Forderung nicht gewachsen. Ich war zu früh auf die wilden Wege Asiens hinausgekommen, ich hatte zuviel von der Pracht und Herrlichkeit des Orients, von der Stille der Wüsten und der Einsamkeit der langen Wege verspürt. Ich konnte mich mit dem Gedanken nicht befreunden, wieder für längere Zeit auf der Schulbank zu sitzen.
Damit hatte sich Sven Hedin entschlossen, Entdeckungsreisender zu werden. Ihn reizte es, die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Asiens aufzusuchen und diese in Europa unbekannten Gebiete zu kartieren. Als Entdeckungsreisender wurde Sven Hedin wichtig für die asiatischen und die europäischen Großmächte, die ihn hofierten und zu zahlreichen Vorträgen einluden, um von ihm topographische, wirtschaftliche und strategische Informationen über Innerasien zu bekommen, das sie zu ihrem Einflussbereich zählten.
Als die Zeit der Entdeckungsreisenden um 1920 vorüber war, begnügte sich Sven Hedin damit, für ausgebildete Forschungsreisende die Sino-Swedish Expedition zu organisieren.
Expeditionen
Erste Expedition
Zwischen 1893 und 1897 forschte er im Tarimbecken, in Xinjiang und Nord-Tibet. Der Versuch, 1894 den 7.546 Meter hohen Muztagata, den Vater der Eisberge, im Pamir Gebirge zu besteigen, schlug fehl; den Muztagata konnte erst 62 Jahre später 1956 eine sowjetisch-chinesische Expedition bezwingen. 1896 entdeckte er den Bosten-See (=Bagrasch-köl = Bagrax-hu), einen der größten Binnenseen Zentralasiens. Er berichtete, dass der Bagrasch-köl einen einzigen, aber gewaltigen Zufluss, den Hädik- oder Chaidu-gol (Kaidu-he) genannt, besitzt.
Zweite Expedition

1899 - 1902 folgte eine erneute Expedition in Zentralasien durch das Tarimbecken, durch Tibet und Kaschmir. Dabei befuhr er den Fluß Tarim, fand das ausgetrocknete Seebecken des alten Lop Nor, entdeckte die Ruinen der antiken Stadt Loulan in der Lop-Wüste im Tarimbecken. Er beschrieb 1903 als erster die sogenannten Yardangs in der Wüste Taklamakan.
Dritte Expedition

1905 - 1908 erforschte er die Wüsten Persiens und das westliche Hochland Tibets und den Transhimalaya, der danach zwischenzeitlich nach ihm Hedin-Gebirge genannt wurde. Er besuchte den Taschi Lama (jetzt Panchen Lama genannt) in dem Taschi Lhumpo Kloster in Shigatse. Sven Hedin war der erste Europäer, der in die Kailash-Region gelangte, zum heiligen Berg Kailash und Mittelpunkt der Welt für die buddhistische und hinduistische Mythologie. Wichtigstes Ziel der Expedition war die Suche nach den Quellen des Indus und des Brahmaputra, die Hedin dann auch beide gefunden hat.

Von dieser Expedition brachte er als geologisches Material eine Sammlung von Gesteinsproben mit, die im Magazin der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in der Münchener Universität aufbewahrt und ausgewertet wird. Diese Sedimentgesteine wie Brekzien, Konglomerate, Kalksteine und Tonschiefer sowie vulkanische Gesteine und Granite, dokumentieren die geologische Vielfalt der Gebiete, die Sven Hedin bei dieser Expedition besucht hat.
Autofahrt durch die Mongolei
1923 kam Sven Hedin über die USA und Japan nach Peking.
grün: Baikal-Amur-Magistrale
Wegen der Unruhen in China muss er auf eine Expedition nach Xinjiang verzichten. Stattdessen reist er zusammen mit dem landeskundigen Kaufmann Herzog Frans August Larson (genannt Der Herzog der Mongolei) im November und Dezember 1923 in einem Dodge – Automobil von Peking durch die Mongolei über Ulan Bator nach Verkhne-Udinks und in der Transsibirischen Eisenbahn weiter nach Moskau.
Vierte Expedition
Sven Hedin leitete 1927 - 1935 die internationale Sino-Swedish Expedition (Einzelheiten siehe dort), die die meteorologischen, topographischen und prähistorischen Gegebenheiten in der Mongolei, der Gobi und Xinjiang untersuchte. Sven Hedin sprach von der wandernden Universität, in der die beteiligten Wissenschaftler nahezu selbständig arbeiteten, während Sven Hedin wie ein Manager vor Ort mit den Behörden verhandelte, Entscheidungen fällte, alles Notwendige organisierte, Geld beschaffte und die zurückgelegten Routen kartographierte.

28 Expeditionsteilnehmer begleiteten Sven Hedin: 11 Deutsche, davon 8 Militärpiloten, 1 Däne, 7 Schweden und 10 chinesische Wissenschaftler und Studenten, darunter Vertreter aller wichtigen Einzelgebiete der geographischen Forschung.
Der erste Teil der Expedition führte in den Jahren 1927 - 1930 von Peking über Baotou zur Mongolei, in die Wüste Gobi und durch Xinjiang nach Urumtschi und in den nördlichen und östlichen Bereich des Tarimbeckens.

Von Ende 1933 bis 1934 führte Sven Hedin im Auftrag der Kuomintang-Regierung unter Chiang Kai-shek in Nanking eine chinesische Expedition durch, um Pläne und Karten für den Bau einer Autostraße und einer Eisenbahnverbindung entlang der Seidenstraße von China nach Xinjiang zu erstellen. Diese Verkehrsanbindung gab der Volksrepublik China später die Möglichkeit, in dem Gebiet des ausgetrockneten Lop Nor das chinesische Atomversuchsgelände und das chinesische Raumfahrtszentrum zu errichten.

Mit drei Fords und einem Ford Tudor Sedan startete die Expedition am 31. Oktober 1933 von der Eisenbahnstation Xuefeng am Rande der Mongolei. In Urumtschi, unweit der russischen Grenze, wurde die Expedition von aufständischen chinesischen Truppen der Hui (chinesische Muslims) unter der Führung von Ma Chung-ying (= Großes Pferd) festgesetzt, die alle Fahrzeuge beschlagnahmten. Es gelang Sven Hedin in seinen Verhandlungen, dass die Expedition doch nach einiger Zeit weiterfahren und alle Forschungen abschließen konnte. Für die Rückfahrt wählt Hedin die Route entlang der alten Seidenstraße bis Xi'an, wo die Expedition am 7. Februar 1934 ankam.
Im Frühjahr 1934 begann Sven Hedin seine Flußexpedition zum See Lop Nor. Er fuhr zwei Monate lang im Boot bis zum Lop Nor, der nun wieder in sein altes Seebecken zurückgekehrt war.
Der wandernde See Lop Nor
Ein Thema der Geografie Zentralasiens, mit dem Hedin sich besonders intensiv auseinandersetzte, war der von ihm so genannte "Wandernde See" Lop Nor. Die antike Stadt Loulan, ein wichtiger Knotenpunkt der alten Seidenstraße, lag ursprünglich an einem See, dem alten Lop Nor. Als sich im vierten Jahrhundert nach Christus der Unterlauf des den See speisenden Flusses Tarim änderte, trocknete der See aus, die Stadt wurde verlassen und verfiel. 1901 fand Sven Hedin auf seiner zweiten Expedition den See in seinem weiter südlich liegend Becken vor. Im Jahre 1921 änderte der Unterlauf des Tarims, der Kum-Darja, abermals sein Bett und ließ den See Lop Nor an alter Stelle neu entstehen.
Hedin untersuchte in seiner zweiten Expedition von 1899 - 1902 den Flusslauf des Kum-Darja, die Ruinen der Stadt Loulan und versuchte die Theorie vom wandrenden See Lop Nor mit Messungen vor Ort zu bestätigen. Mit einem Boot befuhr er im Frühjahr 1934 den Kum-Darja bis zu seiner Mündung in den neu entstandenen, "gewanderten" Lop Nor. Dabei kartographierte er den neuen Fluss und Teile des Sees. Er untersuchte die wirtschaftliche Bedeutung der "Wanderung" insbesondere für die Bewässerung der Lop-Wüste.
Sven Hedins Arbeitsergebnisse
Sven Hedin sah bei seinen Expeditionen den Schwerpunkt seiner Arbeit in der Feldforschung.
Er fertigte Routenaufnahmen an, in denen er viele Tausende von Kilometern seiner Karawanenwege mit den Details eines Messtischblattes kartographisch festlegte und durch zahllose Höhenmessungen und astronomische Ortsbestimmungen ergänzte. Er entwarf die ersten genauen Karten von bis dahin unerforschten Gebieten von Pamir, Taklamakan, Tibet, Seidenstraße und Himalaya an. Wahrscheinlich war er der erste Europäer, der erkannte, dass der Himalaya ein zusammenhängendes Gebirge ist.

Er untersuchte systematisch die Seen Innerasiens, machte durch viele Jahre sorgfältige klimatologische Beobachtungen und legte umfassende Sammlungen von Gesteinen, Pflanzen, Tieren und Altertümern an. Unterwegs fertigte er Aquarelle, Skizzen, Zeichnungen und Fotografien an, die er später in seinen Werken veröffentlichte. Die beste Druckqualität der Fotografien und Landkarten findet sich in den schwedischen Originalwerken.
Über die Forschungsergebnisse seiner Expeditionen gab Hedin jeweils ein wissenschaftliches Werk heraus. Der Umfang dieser Dokumentationen stieg von Expeditionen zu Expeditionen gewaltig an. Seinen Forschungsbericht über die erste Expedition veröffentlichte er im Im Jahr 1900 unter dem Titel: Die geographisch-wissenschaftlichen Ergebnisse meiner Reisen in Zentralasien 1894-97 (Ergänzungsband 28 zu Petermanns Mitteilungen), Gotha 1900. Das Werk über die zweite Expedition Scientific Results of a Journey in Central Asia wuchs auf 6 Text- und 2 Atlasbände an. Southern Tibet, die wissenschaftliche Veröffentlichung über die dritte Expedition, umfasst insgesamt 12 Bände, davon 3 Atlanten. Die Ergebnisse der Sino-Swedish Expedition wurden in den Reports from the scientific expedition to the north-western provinces of China under leadership of Dr. Sven Hedin. The sino-swedish expedition veröffentlicht; diese Edition hat 49 Ausgaben.
Diese Dokumentationen waren von Hedin kostbar ausgestattet, und der Preis wurde dadurch so hoch, dass nur wenige Bibliotheken und Institute sie bezahlen konnten. Die immensen Kosten für die Drucklegung musste Sven Hedin ebenso wie die Kosten der Expeditionen zum größten Teil selbst tragen. Er verwendete dazu die Honorare, die er für seine populärwissenschaftlichen Bücher und für seine Vorträge bekam. Noch als Siebzigjähriger hielt Sven Hedin 111 Vorträge in 91 deutschen Städten, außerdem 19 Vorträge in Nachbarländern. Dazu legte er in 5 Monaten eine Strecke von der Länge des Äquators zurück, 23.000 Kilometer mit der Bahn und 17.000 Kilometer mit dem Auto.
Sven Hedin hat seine Dokumentationen nicht selber wissenschaftlich ausgewertet, sondern anderen Wissenschaftlern zur Auswertung übergeben. Da er die Erlebnisse bei seinen Expeditionen populärwissenschaftlich verbreitete und in einer Vielzahl von Vorträgen, Reiseberichten, Jugend- und Abenteuerbüchern verarbeitete, wurde er jedoch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er galt bald als eine der bekanntesten Persönlichkeiten seiner Zeit.
Sven Hedins kartographische Aufzeichnungen sind Ende des 2. Weltkrieges von amerikanischen Truppen beschlagnahmt worden. Sie dienten später zur Interpretation von Satellitenfotos und wurden von den Piloten der US-Airforce im Afghanistankrieg zur besseren Orientierung verwendet.
Bewertung der Arbeitsergebnisse
D. Henze schrieb im Zusammenhang mit der Ausstellung des Deutschen Museums Sven Hedin, der letzte Forschungsreisende im Jahr 1997 über Sven Hedin: Er war Pionier und Wegweiser im Übergang zum Jahrhundert der Spezialforschung. Kein Einzelner hat als Erheller und Darsteller unbekannter Länderräume mehr vollbracht als er. Allein seine Karten stellen eine einmalige Schöpfung dar. Dem Reisekünstler stand der Gelehrte nicht nach, der in entrückten Nachtstunden mit Schnelle und scheinbar mühelos ehrfurchtgebietende Werke schuf. Die Geographie, zumindest die deutsche, hat sich bislang nur an seine volkstümlichen Berichte gehalten. Noch steht der konsequente Einbau der ungehobenen Riesenschätze seines wissenschaftlichen Werks in der Länderkunde Asiens aus.
Sven Hedin und die Monarchien in Schweden und Deutschland
Hedin war monarchistisch geprägt. Ab 1905 nahm er in seiner schwedischen Heimat Stellung gegen die heranwachsende Demokratie, er warnte vor den Gefahren, die seiner Meinung nach von Russland ausgingen und forderte eine militärische Aufrüstung. August Strindberg war in diesen Fragen einer seiner Widersacher. 1912 engagierte sich Hedin öffentlich für den Schwedischen Panzerkreuzer-Verein. Mit Spenden aus der Bevölkerung kann daraufhin das Kriegsschiff Sverige gebaut werden.
Zum Deutschland des Kaiserreichs, das er während des Studiums kennengelernt hatte, entwickelte er eine besondere Affinität. Das zeigte sich in seiner Verehrung des deutschen Kaisers Wilhelm II, den er auch noch in dessen Exil besuchte. Sven Hedin fühlte sich zu den führenden Personen seiner Zeit hingezogen und mystifizierte sie, oft ohne deren Handeln zu hinterfragen, weil er davon ausging, dass ihre Integrität durch ihr Amt verbürgt sei. So verhielt er sich auch loyal zu Mao Tse-tung und Adolf Hitler. Zeit seines Lebens behielt er ein romantisiertes Deutschlandbild, in dem Deutschland die Rolle einer Weltmacht hatte, deren Aufgabe es war, auch Schweden vor Übergriffen Russlands zu schützen.
Den Ersten Weltkrieg sah er als Kampf der Germanen (insbesondere gegen Russland) und ergriff in Büchern wie Ein Volk in Waffen. Den deutschen Soldaten gewidmet entsprechend Partei. Als Folge verlor er seine Freunde in Frankreich und England und wurde aus der britischen Royal Geographical Society ausgeschlossen.
Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg und der damit verbundene internationale Bedeutungsverlust Deutschlands trafen ihn tief. Dass Schweden 1920, nach dem Scheitern des Kapp-Putsches, Wolfgang Kapp als politischen Flüchtling aufnahm, soll in erster Linie seinem Wirken zuzuschreiben sein.
Sven Hedin und der Nationalsozialismus in Deutschland
Sven Hedin traf wiederholt Adolf Hitler und andere führende Nationalsozialisten, mit denen er auch im Briefwechsel stand. Er setzte sich in der Folge auch publizistisch für den Nationalsozialismus ein. Bei den Olympischen Spiele von 1936 hielt er die Rede Sport als Erzieher. Auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches bereute er seine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten nicht; denn diese Zusammenarbeit hatte es ihm ermöglicht, zahlreiche Opfer des Nationalsozialismus vor Hinrichtungen oder vor dem Tod in Vernichtungslagern zu retten.
Johannes Paul schrieb 1954 in seiner Biographie über Sven Hedin: Manches in der Anfangszeit der nationalsozialistischen Herrschaft fand seinen Beifall. Er scheute sich jedoch nicht, Kritik zu üben, wo ihm dies notwendig erschien, so besonders in der Frage der Judenverfolgung, des Kampfes gegen die Kirchen und der Unterbindung der freien Wissenschaft. (In: Abenteuerliche Lebensreise Seite 367.)
Sven Hedin war befreundet mit Alfred Philippson, der wie Hedin Student bei Ferdinand Freiherr von Richthofen und später Professor in Bonn gewesen war und 1929 Emeritus wurde. 1933 erhielt Hedin zusammen mit ihm die Goldene Ferdinand-von-Richthofen-Medaille. Sven Hedin bemühte sich, seinen Freund Alfred Philippson, der Jude war, vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu schützen. Dadurch wurde er aber für die Nationalsozialisten erpressbar. Noch im Jahr 1937 weigerte sich Sven Hedin, sein Buch Deutschland und der Weltfrieden in Deutschland zu veröffentlichen, weil das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda auf der Streichung NS-kritischer Passagen bestand; Sven Hedin antwortete Vor meinem Gewissen habe ich bis jetzt niemals kapituliert und werde es auch diesmal nicht tun. Deshalb wird nichts gestrichen. und veröffentlichte das Buch dann in Schweden. Daraufhin entzogen die Nationalsozialisten Alfred Philippson und seiner Familie 1938 die Reisepässe, um sie an der beantragten Ausreise ins amerikanische Exil zu hindern und als Faustpfand Sven Hedin gegenüber in Deutschland zu behalten. Nun äußerte sich Sven Hedin in seinem Buch Fünfzig Jahre Deutschland wohlwollender gegenüber den Nationalsozialisten, unterwarf sich gegen sein Gewissen der Zensur des Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und veröffentlichte das Buch in Deutschland. Am 8. Juni 1942 verstärkten die Nationalsozialisten den Druck auf Sven Hedin, indem sie Alfred Philippson mit seiner Familie in das KZ Theresienstadt deportierten. Sie erreichten dadurch, dass Sven Hedin 1942 das Buch Amerika im Kampf der Kontinente gegen sein Gewissen in Kooperation mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und anderen Regierungsstellen schrieb und in Deutschland veröffentlichte. Als Gegenleistung stuften die Nationalsozialisten Alfred Philippson als "A-Prominent" ein und gaben seiner Familie Hafterleichterungen, sodass diese letztlich überleben konnte.
Sven Hedin setzte sich für den norwegischen Dichter Arnulf Øverland und für den Osloer Philologieprofessor und Universitätsdirektor Didrik Arup Seip ein, die sich im Konzentrationslager Sachsenhausen befanden. Er erreichte die Freilassung von Didrik Arup Seip, aber seine Bemühungen um die Freilassung von Arnulf Øverland blieben vergeblich; allerdings überlebte Arnulf Øverland seinen Aufenthalt im Konzentrationslager Sachsenhausen .
Nachdem das Reichskriegsgericht in Berlin den Norweger Christian Oftedahl und neun weitere Norweger zum Tode verurteilt hatte, setzte sich Sven Hedin über den Generaloberst Nikolaus von Falkenhorst bei Adolf Hitler erfolgreich für deren Begnadigung ein. Als der Generaloberst Nikolaus von Falkenhorst seinerseits 1946 von dem englischen Militärgericht zum Tode durch Erschießen verurteilt worden war, erreichte Sven Hedin dessen Begnadigung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit mit dem Hinweis, Nikolaus von Falkenhorst habe sich ebenso wie er für die Begnadigung der zehn zum Tode verurteilten Norweger eingesetzt.
- siehe auch: Knut Hamsun
Auszeichnungen
1902 wurde Hedin aufgrund seiner Verdienste, als letzter Schwede überhaupt, geadelt und 1905 in die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.
Zitat
Bei seiner ersten Expedition 1893 bis 1897 gelang es Sven Hedin nicht, den 7.546 Meter hohen Muztagata, den Vater der Eisberge, im Pamir Gebirge zu besteigen. Von seinem Höhenlager in 6.300 Meter Höhe hatte er aber einen einzigartigen Blick auf den 7.546 m hohen Muztagata:
Die Sonne ging unter, und ihr Purpurschein erlosch auf den Westhängen des Muztagata. Als der Vollmond über der Zinne der Felswand an der Südseite des Gletschers aufstieg, trat ich in die Nacht hinaus, um eines der großartigsten Schauspiele zu bewundern, die ich je in Asien gesehen habe. Die ewigen Schneefelder auf der höchsten Kuppe des Berges, das Firnbecken, das den Gletscher speist, und seine höchsten Regionen badeten im Silberschein des Mondes, aber wo der Eisstrom in seiner tiefen Felsrinne lag, herrschte nachtschwarzer unergründlicher Schatten, über die gewölbten Schneefelder zogen weiße dünne Wolken, und man glaubte die Geister des Berges zu sehen, die im Freien ihre Tänze aufführten. Ich stand so hoch wie der Gipfel des Chimborazo oder des Mount McKinley und höher als der Kilimandscharo, der Montblanc und alle Bergspitzen dreier Erdteile; nur die höchsten Gipfel Asiens und der Anden waren höher. Bis zur Spitze des höchsten Berges der Erde, des Mount Everest, fehlten noch 2.600 Meter. Aber ich glaube dennoch, dass das Bild, das sich vor mir entrollte, an wilder, phantastischer Schönheit alles übertraf, was ein Sterblicher auf Erden erblicken kann.
Die Sven-Hedin-Forschung
Quellen für die Sven-Hedin-Forschung
Eine Übersicht über die umfangreichen Quellen der Sven-Hedin-Forschung zeigt, dass es zur Zeit schwierig sein dürfte, eine angemessene Beurteilung der Persönlichkeit und des Werkes von Sven Hedin zu finden. Der überwiegende Teil der Quellen ist noch nicht wissenschaftlich ausgewertet, 30.000 Briefe sind immer noch nicht angesehen und sortiert, obgleich Sven Hedin schon vor über 50 Jahren verstorben ist. Selbst das dreijährige DFG-Projekt Sven Hedin und die deutsche Geographie musste sich auf eine enge Auswahl und auf die stichprobenartige Überprüfung von Quellen beschränken.
Die Quellen für die Sven-Hedin-Forschung sind in umfangreichen Archivalien (Primärliteratur, Schriftwechsel, Zeitungsberichte, Nekrologen, Biographien und Sekundärliteratur) enthalten.
- Die eigenen Veröffentlichungen von Sven Hedin umfassen etwa 30.000 Seiten.
- Etwa 2500 Zeichnungen und Aquarelle, Filme und viele Fotografien liegen vor.
- Dazu kommen 25 Bände mit Aufzeichnungen von den Reisen und Expeditionen und 145 Bände der regelmäßig geführten Tagebücher.
- Der umfangreiche Bestand der Sven Hedin Stiftung (Sven Hedins Stiftelse), die den Nachlaß von Hedin verwaltet, befindet sich im Etnografiska museet Stockholm bzw. im Riksarkivet in Stockholm.
- Sven Hedins Briefwechsel liegen im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn, im Bundesarchiv in Koblenz, im Institut für Länderkunde Leipzig und vor allem im Etnografiska museet bzw. im Riksarkivet in Stockholm. Der größte Teil des Briefnachlasses ist im Riksarkivet untergebracht und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich. Dieser Bestand besteht aus ca. 50.000 nach Ländern und Absendern alphabetisch geordneten Briefen. Bis 30.000 weitere Briefe sind noch ungeordnet archiviert.
- Der wissenschaftliche Nachlaß sowie eine nach Jahren geordnete (1895-1952), in 60 Folianten gebundene Sammlung von Zeitungsartikeln über Hedin befinden sich im Etnografiska museet in Stockholm.
- Die Fundstücke aus Tibet, der Mongolei und Xinjiang befinden sich unter anderem in Stockholm im Etnografiska museet (rund 8000 Einzelstücke), in Uppsala in den Geologischen, Mineralogischen und Paläontologischen Instituten der Universität, in den Magazinräume der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München und in dem History Museum in Beijing.
Aktuelle Sven-Hedin-Forschung
Eine wissenschaftliche Überprüfung der Persönlichkeit von Sven Hedin und seiner Beziehungen zum Nationalsozialismus wurde in der Universität Bonn von Professor Hans Böhm, Dipl. Geogr. Astrid Mehmel und Christoph Sieker M.A. im Rahmen des dreijährigen DFG-Projekts Sven Hedin und die deutsche Geographie vorgenommen.
Literatur
Bibliografie (Auswahl)
- Im Herzen von Asien, 2 Bände, Leipzig (1903)
- Scientific results of a journey in Central-Asia, 6 Text- und 2 Atlasbände, Stockholm (1904-1908)
- Transhimalaja, 3 Bände, Leipzig (1909-1912)
- Zu Land nach Indien, 2 Bände, F.A. Brockhaus, Leipzig (1910)
- Von Pol zu Pol, 3 Bände, (1911-1912)
- Volk in Waffen F.A. Brockhaus, Leipzig (1914)
- Nach Osten F.A. Brockhaus, Leipzig (1915)
- Southern Tibet, 9 Text- und 3 Atlas Bände, Stockholm (1917)
- Bagdad, Babylon, Ninive F.A. Brockhaus, Leipzig (1918)
- Jerusalem F.A. Brockhaus, Leipzig (1918)
- Mount Everest (1923)
- Von Peking nach Moskau. F.A. Brockhaus, Leipzig (1926)
- Grand Canyon: Mein Besuch in amerikanischen Wunderland. F.A. Brockhaus, Leipzig (1926)
- Mein Leben als Entdecker (1928)
- Auf großer Fahrt: meine Expedition mit Schweden, Deutschen und Chinesen durch die Wüste Gobi 1927-1928 F.A. Brockhaus, Leipzig (1929)
- Rätsel der Gobi: die Fortsetzung der grossen Fahrt durch Innerasien in den Jahren 1928-1930. F.A. Brockhaus, Leipzig (1931)
- Die Flucht des großen Pferdes F.A. Brockhaus, Leipzig (1935)
- Der wandernde See F.A. Brockhaus, Leipzig (1937)
- Die Seidenstraße F.A. Brockhaus, Leipzig (1936)
- Mein Leben als Zeichner. Zum 100. Geburtstag herausgegeben von Gösta Montell. Brockhaus, Wiesbaden (1965.) Enthält 240 seiner Zeichnungen.
- Central Asia atlas Stockholm, Statens etnografiska museum, (1966)
Die deutschen Veröffentlichungen von Sven Hedin wurden im F.A. Brockhaus-Verlag aus dem Schwedischen in das Deutsche übersetzt. Insofern sind schwedische Ausgaben jeweils die Originalausgabe. Der F.A. Brockhaus-Verlag veröffentlichte nach der Erstausgabe oft auch gekürzte Versionen unter dem gleichen Titel.
Biografie
- Paul, Johannes: Abenteuerliche Lebensreise - Sieben biographische Essays (Seite 317 - 378: Sven Hedin: Der letzte Entdeckungsreisende). Wilhelm Köhler Verlag Minden 1954.
- Hedin, Alma: Mein Bruder Sven. Nach Briefen und Erinnerungen. Brockhaus Verlag Leipzig 1925.
- Wennerholm, Eric: Sven Hedin 1865 - 1952. F. A. Brockhaus Verlag Wiesbaden 1978.
Bibliographie
- Hess, Willy: Die Werke Sven Hedins. Versuch eines vollständigen Verzeichnisses (=Sven Hedin--Leben und Briefe, Vol. I). Stockholm, 1962. dgl.: Erster Nachtrag. Stockholm, 1965
- Kleiner, Manfred: Sven Anders Hedin 1865-1952 : eine Bibliographie der Sekundärliteratur. Eigenverlag Manfred Kleinert, Princeton 2001.
Sekundärliteratur
- Brennecke, Detlef: Sven Hedin mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg, 1991.
- Reihe Reports from the scientific expedition to the north-western provinces of China under leadership of Dr. Sven Hedin. The sino-swedish expedition
- Mehmel, Astrid: Sven Hedin und nationalsozialistische Expansionspolitik. In: Geopolitik. Grenzgänge im Zeitgeist Bd. 1 .1 1890 bis 1945 hrsg. von Irene Diekmann, Peter Krüger und Julius H. Schoeps, Potsdam 2000, S. 189-238.
- Mehmel, Astrid: „Ich richte nun an Sie die große Bitte, eine zweckdienliche Eingabe in dieser Sache zu machen..." Zwei Briefe von 1942 an Sven Hedin von Hans-Joachim Schoeps. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Geistesgeschichte 2000.
- Böhm, Hans: Die Abenteuerromane Sven Hedins. Eine Produktion von Forschungsreisendem und Verleger. München (Faszination Himalaya. Forscher, Bergsteiger und Abenteurer erzählen. Eine Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum der Bibliothek des Deutschen Alpenvereins, Begleitheft 2). (2002)
- Böhm, Hans: Finanzierung der Zentralasienexpedition Sven Hedins: "Strengste Geheimhaltung wird von allen Beteiligten als unerlässlich angesehen". In: Erdkunde 57, 40-54. (2003)
Weblinks
Kartenmaterial
- Die Lage von Loulan an der Seidenstraße und die benachbarten Oasenstädte im Tarimbecken
- Shigatse 1902 von Sarat Chandra Das
- Das Taschi Lhumpo Kloster in Shigatse 1902 von Sarat Chandra Das
Bildmaterial
Sven Hedin
- DFG-Projekt Sven Hedin und die deutsche Geographie
- Biographie beim LeMO
- Daniel C. Waugh: A Sven Hedin Bibliography (engl.)
- Andreas Kunkel/Martina Kölbl-Ebert/Elisabeth Jobe: Sven Hedins Steine
- Johannes Paul: Sven Hedin: Der letzte Entdeckungsreisende
- Ausstellung im Deutschen Museum München: Sven Hedin, der letzte Forschungsreisende
Personendaten | |
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NAME | Hedin, Sven Anders von |
KURZBESCHREIBUNG | schwedischer Geograf und Forschungsreisender |
GEBURTSDATUM | 19. Februar 1865 |
GEBURTSORT | Stockholm |
STERBEDATUM | 26. November 1952 |
STERBEORT | Stockholm |