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Édouard Louis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Édouard Louis, 2019

Édouard Louis, geboren als Eddy Bellegueule (* 30. Oktober 1992 in Hallencourt), ist ein französischer Schriftsteller.

Leben und Wirken

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Édouard Louis, im Jahr 1992 als Eddy Bellegueule geboren, entstammt einfachen, schwierigen sozialen Verhältnissen und wuchs in der Ortschaft Hallencourt in der Picardie auf.[1] Schon als Kind erfuhr er aufgrund von Homophobie immer wieder Diskriminierung und Gewalt, was ihn dazu bewegte, nach Amiens und später nach Paris zu ziehen und seinen Namen zu ändern. Dort studierte er als Schüler von Didier Eribon an den Elitehochschulen École normale supérieure (ENS) und École des hautes études en sciences sociales (EHESS) Soziologie und beschäftigte sich eingehend mit dem Werk des Soziologen Pierre Bourdieu, über den er ein Buch schrieb. Seinen ersten Roman widmete er Eribon.[2]

In seinem autofiktionalen Debütroman, Das Ende von Eddy (original: En finir avec Eddy Bellegueule), erzählt Louis vom Aufwachsen eines schwulen Jungen in der französischen Provinz und von seinen scheiternden Versuchen, sich an die Umgebung anzupassen. Das Buch wurde in Frankreich zum Bestseller und verkaufte sich rund 200.000 Mal. 2017 wurde es von der Regisseurin Anne Fontaine unter dem Titel Marvin verfilmt.[3]

Zusammen mit dem befreundeten französischen Philosophen und Soziologen Geoffroy de Lagasnerie verfasste Louis 2015 ein Manifest für eine intellektuelle und politische Gegenoffensive, das in der Zeitung Le Monde und später in der Los Angeles Review of Books und dem Sammelband Wie wir leben wollen erschien.[4][5][6] Sie wandten sich darin unter anderem gegen die europäische Austeritätspolitik, die Sozialistische Partei Frankreichs (PS) und die Aufmerksamkeit, die extrem rechten Meinungen im öffentlichen Diskurs zugestanden wird. Als Antwort darauf formulierten sie Prinzipien für ein neues Engagement linker Intellektueller.

In seinem 2016 erschienenen Roman Im Herzen der Gewalt[7] schildert Louis eine Vergewaltigung durch einen Algerier, den anschließenden Mordversuch des Gewalttäters und das eigene Bewusstsein, dadurch selbst vorübergehend zum xenophoben Menschen geworden zu sein. Es geht ihm jedoch bei diesem wie beim vorigen Buch um mehr: „Ich wollte aus der Gewalt einen literarischen Ort machen, so wie Marguerite Duras das mit der Leidenschaft gemacht hat oder Claude Simon mit dem Krieg. Es geht um die Gewalt, die meist unsichtbar ist. Genau darin besteht die Kraft der Literatur: mit Worten das Unsichtbare zu zeigen.“[8] Im Herzen der Gewalt wurde ab Juni 2018 in einer Bühnenfassung an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin unter der Regie von Thomas Ostermeier aufgeführt.[9][10]

Im Mai 2017 veröffentlichte die Tageszeitung New York Times anlässlich der französischen Präsidentschaftswahl einen Kommentar von Édouard Louis unter dem Titel Why My Father Votes for Le Pen (deutsch: Warum mein Vater Le Pen wählt), in dem er schildert, warum sein der Arbeiterschicht entstammender Vater sich von den linken Parteien nicht mehr repräsentiert fühlte und daher den rechten Front National (heute Rassemblement National) unterstützte.[11]

Diese Thematik greift Louis auch in seinem dritten, 2018 erschienenen Roman, Wer hat meinen Vater umgebracht, auf. Darin schildert er den körperlichen Verfall des Vaters, der nach einem Arbeitsunfall trotz Rückenleidens eine Stelle als Müllmann annimmt, um seinen Anspruch auf die staatlichen Sozialleistungen nicht zu verlieren.[12] Der Roman wurde in Frankreich als Kritik an der Sozial- und Sparpolitik während der Präsidentschaft von Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und Emmanuel Macron, aber auch unter der sozialistischen Präsidentschaft von François Hollande aufgefasst, die Louis direkt angreift.[12][13][14] Auf das Motiv des durch schwere Arbeit gezeichneten Körpers bezog sich Louis auch in seiner Stellungnahme zur Gelbwestenbewegung, die im Dezember 2018 zuerst auf der französischen Website Les Inrockuptibles erschien und in einer deutschen Fassung auf Zeit Online veröffentlicht wurde.[15][16] Louis räumt darin ein, dass sich Teilnehmer der Gelbwestenproteste rassistisch und homophob geäußert hätten, spricht sich aber dennoch für die Fortsetzung der Bewegung aus, weil „sie endlich die Gesichter und Stimmen sichtbar und vernehmbar macht, die normalerweise in die Unsichtbarkeit verbannt werden“, und so das Leiden des Prekariats unter dem Klassensystem offenbare.[16]

In zwei folgenden Büchern widmete er sich dem prekären Leben seiner Mutter. In Die Freiheit einer Frau beschreibt Louis die häusliche Gewalt, die seine Mutter in der Beziehung mit seinem Vater erfahren hat, doch auch ihren Befreiungsprozess nach der von ihr ausgehenden Trennung, der sie aus der französischen Provinz nach Paris führte.[17] Im zweiten Buch, das das Leben seiner Mutter thematisiert, Monique bricht aus, berichtet er, wie sie auch in ihrer neuen Beziehungen Opfer von Gewalt wird und mit seiner Hilfe die Flucht antritt, schließlich sogar mit ihrem Sohn die erste Auslandsreise ihres Lebens im Flugzeug unternimmt.[18]

Louis’ Werk ermöglichte eine erneuten Auseinandersetzung mit dem Begriff der sozialen Klasse im Feuilleton, sodass er als prägender Schriftsteller einer politisierten Autofiktion der 2010er Jahre gelten kann. Sein nüchterner, auf kurze Sätze setzender Stil spiegelt die karge soziale Realität wider, die er beschreibt.[19] Zugleich besteht der Widerspruch, dass Louis selbst seinen sozialen Aufstieg erreicht hat: Um den strukturellen Befund der Prekarität zu untermauern, habe er, so heißt es in der Tageszeitung taz, in mehreren Familienbüchern den Eltern nahezu jede Handlungsmacht abgesprochen, was als populistischer Zug kritisiert werde.[19] Eine an der Berliner Schaubühne gezeigte Inszenierung von Wer hat meinen Vater umgebracht als Ein-Personen-Stück, in der Louis sich selbst spielte, wurde vom bürgerlichen Theaterpublikum enthusiastisch aufgenommen.[19]

Mit Anleitung, ein anderer zu werden (2022) betont Louis seine eigene Handlungsmacht. Er beschreibt in dem Text kosmetische Eingriffe, ökonomische Abhängigkeiten von älteren Männern und den bewussten Einsatz sozialer Beziehungen als Teil seiner Emanzipations- und Aufstiegsstrategie.[19]

Im Zusammenhang mit seinem 2025 erschienenen Roman Der Absturz kündigte Louis an, künftig „nie wieder“ über seine Familie schreiben zu wollen; dieses Buch bilde den Abschluss eines Jahrzehnts, in dem er seine Herkunftslinie literarisch betrachtet habe.[19] Die Zeitung taz deutete den Roman als Versuch der Wiederannäherung an die entfremdete Familie; erzählerischer Ausgangspunkt ist der Tod eines Bruders, und geschildert werden auch materielle Spannungen, etwa Louis’ begrenzter finanzieller Beitrag zu den Beerdigungskosten.[19]

Louis’ Werk kann als Impuls für die erneute Sichtbarkeit von Klassenerfahrungen in der Gegenwartsliteratur und als Wegbereiter für ähnliche Stimmen gedeutet werden; zugleich bleibt die politische Wirksamkeit eines linken Gegenentwurfs umstritten.[19] Die autofiktionale Herkunftserzählung ist bereits seit den 1980er Jahren bei Annie Ernaux angelegt, und Louis trug zu ihrer neuerlichen Geltung, auch in der deutschsprachigen Literaturwelt bei.[19]

Seit 2016 lehrt Édouard Louis am Dartmouth College in den USA; im Sommersemester 2018 hatte er zudem die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin inne.[20][21]

Louis ist freundschaftlich eng mit seinem Lehrer Didier Eribon und dessen Lebensgefährten, dem Philosophen Geoffroy de Lagasnerie verbunden, worüber Letzterer im Jahr 2023 ein Buch veröffentlicht hat, 3 – ein Leben außerhalb. Lob der Freundschaft.[22]

„Das Arbeitermilieu, Armut, Bildungsungleichheit, der Hochmut der Intellektuellen gegenüber der Landbevölkerung und die Skepsis der Abgehängten jedem Kosmopolitismus gegenüber, das sind Louis’ Themen seit seinem autofiktionalen Debüt, „Das Ende von Eddy“ (2015).“

Miryam Schellbach: „Sie hat ihre Träume nicht verwirklicht.“ In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 262 vom 12. November 2021, S. 11.
  • Rebecca Hohnhaus: „Prekäre Männlichkeit und die Abwehr des Weiblichen. Die Vaterfiguren bei Édouard Louis und Christian Baron“, in: Lars Henk (et al.): Prekäre Männlichkeiten: Klassenkämpfe, soziale Ungleichheit und Abstiegsnarrative in Literatur und Film. transcript Verlag, Bielefeld 2022, S. 231–250, ISBN 978-3-8376-6012-8.
Commons: Édouard Louis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Edouard Louis | Entretiens, textes, vidéos, rencontres.. Archiviert vom Original; abgerufen am 2. November 2025 (Website des Autors).
  • Porträt auf franceinter.fr
  • Lit.Cologne
  • Edouard Louis bei S. Fischer

Einzelnachweise

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  1. Seronet: Qui est vraiment Eddy Bellegueule ? Abgerufen am 28. Dezember 2016
  2. Édouard Louis: "Im Herzen der Gewalt" - Die Eskalation einer spontanen Liebesnacht. In: Deutschlandfunk. (deutschlandfunk.de [abgerufen am 3. Dezember 2017]).
  3. Carolin Weidner: Coming-of-Age-Film: Licht am Ende des Tunnels. In: Spiegel Online. 4. Juli 2018 (spiegel.de [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  4. geoffroydelagasnerie: Manifeste pour une contre-offensive intellectuelle et politique. In: Le site de Geoffroy de Lagasnerie. 26. September 2015, abgerufen am 18. Februar 2019 (französisch).
  5. Geoffroy de Lagasnerie, Edouard Louis: Manifesto for an Intellectual and Political Counteroffensive. Abgerufen am 18. Februar 2019.
  6. Manifest der "Jungen Wilden" - Intellektuelle Frankreichs, engagiert Euch! Abgerufen am 18. Februar 2019 (deutsch).
  7. Edouard Louis. Im Herzen der Gewalt. Roman; auf Perlentaucher. de, 6. November 2017 (Klappentext, Leseprobe und Rezensionsnotizen)
  8. Alex Rühle: Wie aus einer Vergewaltigung eine literarische Aufarbeitung wird. In: sueddeutsche.de. 3. September 2017, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 3. Dezember 2017]).
  9. Elisabeth von Thadden: "Im Herzen der Gewalt": Bei lebendigem Leibe. In: Die Zeit. 7. Juni 2018, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  10. Über die Schmerzgrenze. Abgerufen am 18. Februar 2019.
  11. Édouard Louis: Opinion | Why My Father Votes for Le Pen. In: The New York Times. 4. Mai 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  12. 1 2 Miryam Schellbach: Die Geschichte des geschundenen Körpers. In: Die Tageszeitung: taz. 26. Juli 2018, ISSN 0931-9085, S. 17 (taz.de [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  13. Edouard Louis polarisiert in Frankreich - Ein neomarxistisches Pamphlet. Abgerufen am 18. Februar 2019 (deutsch).
  14. Iris Radisch: "Wer hat meinen Vater umgebracht": Macron beklaut meinen Vater. In: Die Zeit. 25. Januar 2019, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  15. Edouard Louis : ”Chaque personne qui insultait un gilet jaune insultait mon père”. Abgerufen am 18. Februar 2019 (französisch).
  16. 1 2 Édouard Louis: Gelbwesten: Wer sie beleidigt, beleidigt meinen Vater. In: Die Zeit. 5. Dezember 2018, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  17. Sigrid Brinkmann: Eine Frau tritt aus der Unsichtbarkeit. In: Deutschlandfunk. 11. November 2021, abgerufen am 5. Februar 2025.
  18. Peter Helling: "Monique bricht aus": Flucht aus der Gewalt. In: NDR. 31. Januar 2025, abgerufen am 4. Februar 2025.
  19. 1 2 3 4 5 6 7 8 David Hinzmann: „Der Absturz“ von Édouard Louis – Teuer bezahlt. In: Die Tageszeitung: taz. 2. November 2025 (taz.de [abgerufen am 3. November 2025]).
  20. Autor Édouard Louis wird Gastprofessor an der FU. 6. Juni 2018, abgerufen am 18. Juni 2018 (deutsch).
  21. Der französische Schriftsteller Édouard Louis wird Gastprofessor in Berlin | NZZ. 6. Juni 2018, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  22. Ann-Kristin Tlusty: Sind nur Workaholics echte Freunde? In: zeit.de. 9. Dezember 2023, abgerufen am 9. Dezember 2023.
  23. Die Hölle, die ist woanders. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15. Februar 2015, S. 38
  24. Homophobie in der Provinz: Ein Herz, verschlossen wie eine Auster Der Spiegel, 19. Februar 2015
  25. Wie wir leben wollen: Texte für Solidarität und Freiheit Hg.: Matthias Jügler - Suhrkamp Insel Bücher Buchdetail. Abgerufen am 3. Dezember 2017.
  26. Der Gangster mit der zarten Haut in FAZ vom 21. September 2017, Seite 10
  27. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.21, S. 10.
  28. Anleitung ein anderer zu werden | Édouard Louis | Aufbau. 6. September 2022, abgerufen am 9. August 2022.
  29. Über Edouard Louis. perlentaucher.de, abgerufen am 3. Dezember 2017.