Wilhelm Zutt
Wilhelm Philipp Zutt (* 18. Juni 1890 in Karlsruhe; † 11. Mai 1962 in Mannheim) war ein deutscher Rechtsanwalt und nach Kriegsende erster stellvertretender Oberpräsident in Neustadt an der Weinstraße.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wilhelm Zutt wurde im Jahre 1890 als Sohn des Mannheimer Rechtsanwalts Karl Adolf Zutt (* 1845 in Radolfzell, † 1907 in Karlsruhe) und dessen Frau Ida geb. Müller (* 1867 in Zürich, † 1897 in Karlsruhe) geboren und evangelisch getauft. Durch den frühen Tod der Eltern waren er und seine Geschwister früh verwaist.
Nachdem Zutt 1911 am Gymnasium in Offenburg das Abitur abgelegt hatte, studierte er – dem väterlichen Vorbild folgend – Rechtswissenschaften in München, Tübingen und Freiburg. In Tübingen schloss er sich im WS 1911/1912 der Tübinger Burschenschaft Derendingia an.[1][2] an. Zu seinen Confüxen gehörte der Jurist Gustav Bergmann. Noch vor Ablegung des Staatsexamens brach der Erste Weltkrieg aus. Zutt meldete sich freiwillig und nahm an verschiedenen Schlachten an der Ost- und Westfront teil. 1915 wurde er zum Leutnant ernannt. Anfang 1916 wurde er schwer verletzt und verbrachte mehrere Monate in einem Lazarett in Freiburg. 1917 erhielt er das Eiserne Kreuz I. Klasse. Noch vor der deutschen Kapitulation wurde er nach Heidelberg beurlaubt, um dort das Referendarexamen abzulegen.
Nach der Promotion zum Dr. jur. nahm Zutt zunächst eine Anstellung als Syndikus bei der Rheinischen Creditbank in Mannheim an und knüpfte in dieser Funktion erste Kontakte in die Wirtschaft. Am 18. Juni 1930 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Rotary Clubs Mannheim, dem 15. Club im Deutschen Reich.[3] Gemeinsam mit dem jüdischen Rechtsanwalt Heinrich Kronstein gründete Zutt 1931 – ebenfalls in Mannheim – die Sozietät Kronstein Zutt, die sich auf Patentrecht spezialisierte. Im Jahre 1933 war Zutt Mitglied des Aufsichtsrats der Mannheimer Gummifabrik AG. Unter dem Druck der Nationalsozialisten, die Kronstein und dessen Familie aufgrund ihrer jüdischen Abstammung schikanierten, verließ Heinrich Kronstein 1935 Deutschland und emigrierte in die USA. Zutt – der dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstand – beriet auch später jüdische Mitbürger, die von der NS-Verfolgung betroffen waren und vertrat dieser gegen ihre Peiniger vor Gericht.[4] Nach dem zwangsweisen Ausscheiden Kronsteins aus der Sozietät nahm Zutt den renommierten Rechtsanwalt Karl Geiler als Sozius auf, der in den 1930er Jahren aufgrund der jüdischen Abstammung seiner Frau drangsaliert und aus dem Rotary Club Mannheim ausgeschlossen wurde.[5] 1943 folgte Rechtsanwalt Wolfgang Schilling.[6]
In der Nachkriegszeit machte sich Wilhelm Zutt als Wirtschaftsanwalt einen Namen und genoss zudem hohes Ansehen in der Fachwelt, aber auch bei der US-Militärregierung. Durch diese wurde Zutt als potenzieller Funktionär für den Wiederaufbau der Verwaltung und der Wiederherstellung der Ordnung in der zerstörten Amerikanischen Besatzungszone vorgesehen. Zutt war nie Mitglied der NSDAP und trat aus Protest aus dem Stahlhelm aus, nachdem dieser in die SA eingegliedert wurde. Schon während des Krieges tauchte sein Name in einer von Allen Welsh Dulles, Gesandter beim US-Geheimdienst Office of Strategic Services in Bern, verfassten Liste mit Namen potenzieller hoher Beamter für ein künftiges Justizministerium eines Nachkriegsdeutschlands auf.[7] Vom 10. Mai bis zum 8. Juli 1945 war Zutt stellvertretender Oberpräsident in Neustadt an der Weinstraße und Leiter der Abteilung Wirtschaft und Verkehr.[8] Die US-Militärregierung hatte ihm im Herbst 1945 auch die Ministerpräsidentschaft in Groß-Hessen angetragen, was Zutt allerdings ablehnte; stattdessen empfahl er seinen Sozius Geiler, der im Oktober 1945 in Wiesbaden in das Amt als Ministerpräsident von Groß-Hessen eingeführt wurde und bis Dezember 1946 im Amt blieb. Die US-Militäradministration ernannte Zutt zum ersten Sprecher der Mannheimer Anwälte. Außerdem war er in den 1950er und frühen 1960er Jahren Mitglied in zahlreichen Aufsichts- und Beiräten. Unter anderem war er Mitglied des Beirats der Deutschen Bank. Wilhelm Zutt praktizierte bis zu seinem Tod 1962 als Anwalt. Die von ihm mitbegründete Kanzlei, in die auch sein Sohn Jürg Zutt als Sozius aufgenommen wurde, besteht heute als Sozietät Schilling, Zutt und Anschütz fort und gehört zu den namhaftesten Sozietäten in Deutschland.[9]
Familie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zutt war ab 1923 in erster Ehe mit der Diplom-Sprachlehrerin Elisabeth Marie Anna Asta Schellenberg (* 1899), Tochter von Georg Wilhelm Otmar Schellenberg, Oberamtmann in Oberkirch, Müllheim und zuletzt Offenburg und dessen Frau Marie Elisabeth geb. Gerstenberg, verheiratet. Aus dieser Ehe stammten zwei Kinder, darunter sein späterer Sozius Jürg Zutt. Die Ehe wurde in den 1930er Jahren geschieden.
In zweiter Ehe war er von 1937 bis zu seinem Tod mit Regine Hedin Haueisen (* 1903, † 2003), Tochter des Malers und Hochschullehrers Albert Haueisen verheiratet, dessen künstlerisches Werk sie nach dessen Tod 1954 verwaltete. Aus dieser Ehe stammten zwei weitere Kinder. Die Eheleute Zutt wurde auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe im bestehenden Familiengrab beigesetzt.
Sein Bruder war der Hochschullehrer, Psychiater, Neurologe und langjährige Direktor der Universitäts-Nervenklinik in Würzburg, Jürg Zutt (1893–1980).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 567.
- ↑ Mitglieder-Verzeichnis der Burschenschaft Derendingia zu Tübingen. 1967, Stammrollen-Nr. 489.
- ↑ Hermann Schäfer: Die Rotary Clubs im Nationalsozialismus. Die ausgeschlossenen und diskriminierten Mitglieder. Ein Gedenkbuch, Göttingen 2024, S. 85.
- ↑ Lothar Steinbach: Mannheim – Erinnerungen aus einem halben Jahrhundert. Sozialgeschichte einer Stadt im Lebensbilder, Stuttgart 1984, S. 185.
- ↑ Hermann Schäfer: Die Rotary Clubs im Nationalsozialismus. Die ausgeschlossenen und diskriminierten Mitglieder. Ein Gedenkbuch, Göttingen 2024, S. 85
- ↑ Hans-Jürgen Hellwig: Berufsrecht und Berufsethik der Anwaltschaft in Deutschland und Europa, Tübingen 2015, S. 111.
- ↑ Christof Mauch: Schattenkrieg gegen Hitler. Das dritte Reich im Visier der amerikanischen Geheimdienste 1941–1945, Stuttgart 1999, S. 285.
- ↑ Ulrich Springorum: Entstehung und Aufbau der Verwaltung in Rheinland-Pfalz nach dem Zweiten Weltkrieg (1945–1947), Berlin 1982, S. 61.
- ↑ Reinhard Pöllath & Ingo Saenger: 200 Jahre Wirtschaftsanwälte in Deutschland, 2009, S. 203 f.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Zutt, Wilhelm |
| ALTERNATIVNAMEN | Zutt, Wilhelm Philipp (vollständiger Name); Zutt, Willi |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Rechtsanwalt |
| GEBURTSDATUM | 18. Juni 1890 |
| GEBURTSORT | Karlsruhe |
| STERBEDATUM | 11. Mai 1962 |
| STERBEORT | Mannheim |
- Wirtschaftsjurist
- Rechtsanwalt (Deutschland)
- Absolvent der Eberhard Karls Universität Tübingen
- Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich)
- Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse
- Leutnant (Deutsches Heer)
- Mitglied im Stahlhelm
- Person (Amerikanische Besatzungszone)
- Person (Rotary International)
- Burschenschafter (20. Jahrhundert)
- Deutscher
- Geboren 1890
- Gestorben 1962
- Mann