Volluniversität
Als Volluniversität (lateinisch universitas litterarum) wird im deutschsprachigen Hochschulwesen eine Universität mit einem besonders breiten Fächerspektrum bezeichnet.[1] Historisch war der Begriff mit der Vorstellung einer Universität verbunden, an der das „gesamte“ Wissen ihrer Zeit vertreten sein sollte.[2][3]
Traditionell bezog sich dies auf die vier klassischen Fakultäten Artistenfakultät beziehungsweise Philosophie, Theologie, Jurisprudenz und Medizin. So beschrieb die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ihre Gründung 1385 als Errichtung einer „Volluniversität“ mit Artistenfakultät sowie den „Hohen Schulen“ Theologie, Jurisprudenz und Medizin.[4]
Der Ausdruck „Volluniversität“ ist mindestens seit dem frühen 19. Jahrhundert belegt; so wurde die 1811 gegründete Universität Breslau rückblickend als „erste preußische Volluniversität“ bezeichnet.[5]
Eine allgemein anerkannte Definition des Begriffs existiert jedoch nicht. Insbesondere ist umstritten, ob Ingenieurwissenschaften zwingender Bestandteil einer Volluniversität sein müssen. In der neueren Hochschulpolitik wird der Begriff zudem mit Interdisziplinarität und dem Zusammenwirken unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche verbunden.[6][7]
Eine allgemein etablierte englische Entsprechung des Begriffs existiert nicht; in internationalen Zusammenhängen wird teilweise die Bezeichnung „comprehensive university“ verwendet.[3]
Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im deutschen Hochschulsystem wird zwischen verschiedenen Hochschultypen unterschieden. Der Hochschulforscher Reinhard Kreckel bezeichnete als „klassische Volluniversitäten“ Hochschulen, die neben den traditionellen „oberen Fakultäten“ Theologie, Jura und Medizin über ein breites natur-, sozial- und geisteswissenschaftliches Fächerspektrum einschließlich sogenannter „kleiner Fächer“ verfügen.[8]
Kreckel unterschied diese klassischen Volluniversitäten von „modernen Schwerpunktuniversitäten“ mit begrenzterem Fächerspektrum sowie von Fachhochschulen.[8] Zugleich betonte er, dass die Volluniversität zwar „als Regelhochschule überholt“, nicht jedoch „als Leitbild für die deutsche Hochschullandschaft“ anzusehen sei.[8]
Historisch wurde der Begriff in Deutschland mit dem mittelalterlichen Modell der Universität mit vier Fakultäten verbunden. So beschrieb die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ihre Gründung 1385 als Schaffung einer „Volluniversität“ mit Artistenfakultät sowie den „Hohen Schulen“ Theologie, Jurisprudenz und Medizin.[4]
Auch in der Hochschulforschung wird darauf verwiesen, dass unter einer Volluniversität ursprünglich eine Universität mit den vier traditionellen Fakultäten verstanden wurde, an denen das „gesamte“ Wissen der Zeit gelehrt wurde.[2]
Seit den 1990er Jahren wird der Begriff daneben auch verwendet, um Universitäten mit einem breiten Fächerspektrum aus Natur-, Ingenieur-, Geistes-, Sozial- und Medizinwissenschaften zu beschreiben. Besonders prominent nutzte die Technische Universität Dresden den Begriff nach ihrer Hochschulreform von 1993. In Publikationen der Universität wurde der Ausbau von einer technisch ausgerichteten Hochschule zu einer „Volluniversität mit einer in Deutschland fast einzigartigen Breite der Fächerkulturen“ hervorgehoben. Die Universität bezeichnete sich dabei ausdrücklich als „Universitas Litterarum“, also als Volluniversität.[9]
Mehrere Hochschulen verwenden oder verwendeten den Begriff zudem als Bestandteil ihres institutionellen Selbstverständnisses. So bezeichnete sich die Technische Universität Dresden nach ihrer Erweiterung um geistes-, sozial- und medizinwissenschaftliche Fakultäten seit den 1990er-Jahren ausdrücklich als Volluniversität.[6]
Auch die Georg-August-Universität Göttingen bezeichnete sich im Zusammenhang mit ihrer Umwandlung in eine Stiftung öffentlichen Rechts 2003 als „erste Volluniversität in Deutschland“.[10]
Die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg verband den Begriff im Rahmen der Exzellenzinitiative zudem mit Interdisziplinarität und dem Zusammenwirken unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche.[7]
Österreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch in Österreich wird der Begriff „Volluniversität“ verwendet. Im Zusammenhang mit der Gründung der Universität Wien wurde der Ausbau um eine theologische Fakultät 1384 rückblickend als Errichtung einer „Volluniversität“ beschrieben.[11]
Bis zur Ausgliederung der medizinischen Fakultäten galten insbesondere die Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck als klassische Volluniversitäten. Im Zuge der österreichischen Universitätsreform wurde auch von einer „Lösung der medizinischen Fakultäten von der Volluniversität“ gesprochen.[12]
Die Verwendung des Begriffs ist jedoch nicht einheitlich. So bezeichnet sich etwa die Universität Innsbruck als „einzige Volluniversität Österreichs“,[13] während die Gustav Mahler Privatuniversität für Musik nach Einführung eines Doktoratsstudiums 2026 als „zweite Volluniversität Kärntens“ bezeichnet wurde.[14]
Schweiz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch im Schweizer Hochschulwesen wird der Begriff „Volluniversität“ verwendet. Mehrere Universitäten benutzen ihn als Bestandteil ihrer Selbstdarstellung und verbinden ihn insbesondere mit einem breiten Fächerspektrum sowie interdisziplinärer Forschung.
So bezeichnet sich etwa die Universität Bern als „Volluniversität mit 39 Bachelor- und 74 Masterstudiengängen“.[15] Die Universität Basel beschreibt sich als „klassische Volluniversität“ mit sieben Fakultäten und einem breiten Angebot „von A wie Altertumswissenschaften bis Z wie Zahnmedizin“.[16]
Auch die Universität Freiburg bezeichnet sich als „einzige zweisprachige Volluniversität der Schweiz“.[17]
Das Konzept der Volluniversität ist in der Schweiz zudem Gegenstand hochschulpolitischer Diskussionen. Dabei werden insbesondere die Breite der Disziplinen sowie die Möglichkeiten interdisziplinärer Forschung hervorgehoben.[18]
Luxemburg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Luxemburg wurde das Konzept der Volluniversität bereits vor der Gründung der Universität Luxemburg diskutiert. In einem 1992 veröffentlichten Gespräch bezeichnete der Historiker Franz Irsigler die Schaffung einer luxemburgischen Volluniversität als grundsätzlich möglich, ausgenommen einer medizinischen Fakultät. Dabei wurden insbesondere die Verbindung von Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften sowie die Einheit von Forschung und Lehre hervorgehoben.[19]
Auch die spätere Entwicklung der Universität Luxemburg wurde wiederholt als Ausbau „in Richtung Volluniversität“ beschrieben, etwa im Zusammenhang mit dem Aufbau medizinischer und biomedizinischer Studiengänge.[20]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Volluniversität. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- 1 2 Peer Pasternack: Stabilität durch Flexibilität. Die Reform der Studienstrukturen in Sachsen-Anhalt (= HoF-Arbeitsberichte. Band 2). Institut für Hochschulforschung Wittenberg, Wittenberg 2007, S. 148 (uni-halle.de [PDF; abgerufen am 13. Mai 2026]).
- 1 2 Rudolf Stichweh: The Institutional Structure of the German University. 2010 (uni-bonn.de [PDF; abgerufen am 13. Mai 2026]).
- 1 2 Die Anfänge der Heidelberger Universität und ihrer Gründungsfakultäten. In: Universitätsbibliothek Heidelberg. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Johann Gustav Büsching – Biographie. In: Zeno.org. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- 1 2 Volluniversität – Auslaufmodell oder Zukunftsvision? In: idw-online. 9. April 2001, abgerufen am 13. Mai 2026.
- 1 2 Oliver Fink: Das Prinzip Volluniversität. Zum Abschneiden der Universität Heidelberg bei der Exzellenzinitiative. In: Badische Heimat. Nr. 2, 2008, S. 176–183 (d-nb.info [abgerufen am 13. Mai 2026]).
- 1 2 3 Reinhard Kreckel: Universitätsreform – warum und zu welchem Ende? 12 Thesen. In: die hochschule. Nr. 2, 2002, S. 4–15 (uni-halle.de [PDF; abgerufen am 13. Mai 2026]).
- ↑ 20 Jahre Volluniversität. (PDF) In: Dresdner Universitätsjournal. 2013, S. 13, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Enormer Wandel in den vergangenen 25 Jahren. In: Universität Göttingen. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Stefan May: 650 Jahre Universität Wien – Die ganz alte Schule. In: Deutschlandfunk Kultur. 11. März 2015, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Anhörung zur Universitätsreform. In: Parlamentskorrespondenz Nr. 114. 27. Februar 2002, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Über uns. In: Universität Innsbruck. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Gustav-Mahler-Privatuniversität feiert neuen Status als Volluniversität. In: mein-klagenfurt.at. 11. März 2026, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Studium auf einen Blick. In: Universität Bern. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Universität Basel. In: Kanton Basel-Stadt. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Universität Freiburg. In: Verbandsmanagement Institut der Universität Freiburg. Abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ Patrik Schellenbauer: Sind Volluniversitäten noch zeitgemäss? In: Avenir Suisse. 12. September 2016, abgerufen am 13. Mai 2026.
- ↑ „Luxemburg kann sich eine Volluniversität leisten“. In: forum. Dezember 1992, S. 33–36 (forum.lu [PDF; abgerufen am 13. Mai 2026]).
- ↑ Universität Luxemburg: Tatendrang und große Pläne. In: Wort. 8. Januar 2018, abgerufen am 13. Mai 2026.