Szene 1a. „Die Lateinschule“ Die Sänger der Vigdis und ihres Geliebten David auf der Bühne. Sie sehen erschöpft aus wie nach einer langen Reise oder wie Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies. Es ist der Raum einer Lateinschule. Der Sänger von Vigdis’ Vater Gudbrandr schreibt den Anfang des Magnificat mit Kreide auf die schwarze Rückwand der Bühne. Die Sänger von Vigdis und David singen Vokalisen, David verlässt den Raum, und der Frauenchor hinter der Bühne stimmt zusammen mit der Sängerin der Vigdis die Worte des Magnificat an.
Szene 1b. „Die Taufe“. Das Innere der Kathedrale von Rouen im Herbst 1070. Gudbrandr und Lutgardis (mit ihrer Gouvernante bzw. Chaperon) lassen ihre neugeborene Tochter Vigdis von einem Zelebranten christlich taufen.
Szene 2a. „Der Streit“. Rouen im Frühling 1087. Während sich Vigdis mit Hilfe der Gouvernante ankleidet, bekommt sie im Nebenzimmer einen Streit ihrer Eltern mit. Gudbrandr ist wütend darüber, dass Papst Gregor XII. den römisch-deutschen König Heinrich IV. beim Gang nach Canossa drei Tage in der Kälte warten ließ. Er hält die Kirche für korrupt. Lutgardis hingegen glaubt an Gottes Gerechtigkeit. Sie meint, dass der Papst die Christen vor den Juden schütze, die Jesus gekreuzigt und Jerusalem den Sarazenen überlassen hätten. Gudbrandr sehnt sich nach einem friedvollen gemeinsamen Leben aller Menschen. Lutgardis ist empört, dass offenbar ein Jude ihrer Tochter den Hof macht.
Szene 2b. „Das Wiegenlied“. Die Gouvernante kämmt Vigdis’ Haar und singt dabei ein prophetisches Wiegenlied (Chaperon: „Once upon a dream“). Vigdis sehnt sich nach ihrem Geliebten David Todros, doch die Gouvernante warnt sie vor der Liebe zu dem Juden.
Szene 2c. „Die Tochter ihres Vaters“. Gudbrandr hat von Vigdis’ Verhältnis mit dem jüdischen Lehrer David erfahren. Er schlägt sie und verordnet ihr Hausarrest, bis er einen passenden Ehemann für sie gefunden hat. Nachdem er das Zimmer verlassen hat, ist er sichtlich erschrocken über sein Verhalten.
Szene 2d. „Das Gebet“. Vigdis steht auf, um ihren Vater um Verzeihung anzuflehen. Da wirft David einen um einen Stein gewickelten Brief durch das offene Fenster, in dem er sie bittet, ihn zu heiraten. Vigdis betet um die Stärke, die richtige Entscheidung zu treffen (Gebet: „When I feel I must run“).
Szene 2e. „Die Flucht“. David klettert durch das Fenster hinein. Er hat Vigdis schwarze Kleidung mitgebracht und bittet sie, ihm als Konvertitin in seine Heimatstadt zu folgen. Vigdis sieht keine andere Lösung mehr.
Szene 3a. „Die Parade der Narren“. Ein Kreuzweg zwischen Rouen und Narbonne im Sommer 1087. Vigdis ist erschöpft von der langen Reise. Ein Schwindler warnt die beiden vor den vielen Gefahren auf dem Weg und erzählt ihnen, dass Ritter nach einem flüchtigen Paar suchen und der Vater des Mädchens eine Belohnung ausgesetzt habe. Er kenne jedoch einen sicheren Ort in den Hügeln, zu denen er sie führen werde, wenn sich Vigdis in der Nacht ihm gegenüber „großzügig“ zeige. Als David dies ablehnt, wird der Mann handgreiflich. In diesem Moment kommt eine Prozession von Narren mit einem falschen Propheten vorbei (Chor: „If anyone has an ear, let him hear!“), denen sich David und Vigdis anschließen. Der Schwindler zieht sich lachend zurück.
Szene 3b. „Das erste Mal“. Vigdis und David verbringen zum ersten Mal die Nacht zusammen (Duett: „Dripping with sweat, wet with dew“). Anschließend gibt David ihr den hebräischen Namen „Hamoutal“ – ‚die Wärme des Taus‘. Sie fragt sich, ob seine Eltern sie, die Tochter eines christlichen Vaters, wohl akzeptieren werden, und ob sie ihre eigenen Eltern jemals wiedersehen wird.
Traum 1. „Vigdis’ Traum“. Während eines musikalischen Zwischenspiels träumt Vigdis von einem Mann mit einem langen Bart, der ihr einen Stock zuwirft. Der verwandelt sich unter ihren Händen in eine Schlange. Als sie diese ins Wasser wirft, wird sie wieder zum Stock, und das Wasser teilt sich. Der Mann sieht jetzt aus wie David. Die Szene verwandelt sich in einen offenen Raum mit einer Mikveh (einer steinernen Wanne), und man sieht Rabbi Todros einen Segen an die Wand schreiben: „Brucha ha-ba’ah b’shem Adonai“.
Szene 4a. „Tevila“. Narbonne im Herbst 1087. In Gegenwart von Davids Familie und der jüdischen Gemeinde tritt Vigdis zeremoniell zum jüdischen Glauben über und nimmt den Namen „Sarah Hamoutal“ an. Agatha, eine elegante Frau aus Alexandria, hilft ihr. Vigdis hat Visionen von ihrer Vergangenheit. Als sie das Bad verlässt, ist deutlich zu sehen, dass sie schwanger ist.
Szene 4b. „Jichud-Raum“. Narbonne im Frühling 1091. Der jüdischen Hochzeitszeremonie folgend verbringt das Paar einige Minuten allein in einem verschlossenen Raum. David versichert Vigdis, dass sie nun zu seiner Familie gehöre.
Szene 4c. „Agathas Warnung“. Agatha unterbricht die beiden. Sie hat auf dem Marktplatz Vigdis’ Verfolger bemerkt. Das Paar muss erneut fliehen.
Szene 4d. „Der Segen von Rabbi Todros“. Der Rabbi segnet das Paar (Arie: „Dear God of Abraham“). Die beiden wollen in dem abgelegenen Dorf Moniou Zuflucht suchen. Rabbi Todros will einen alten Freund, Rabbi Joshuah Obadiah, bitten, sich dort um sie zu kümmern.
Traum 2. „Sarahs Traum: Kind und Stern“. Vigdis träumt davon, dass ihr Kind wie Jesus in einem Stall unter einem unheimlichen Stern geboren wird. Nach dem Erwachen hat sie Schuldgefühle.
Szene 5a. „Das Morgengebet“. Ein Stall auf dem Weg nach Moniou im Winter 1091. Unsicher über die unverständlichen Zeichen Gottes (Arie: „Why does God keep sending signs“), betet Vigdis das Vaterunser. Der neben ihr schlafende David erwacht. Er entreißt ihr wütend den Rosenkranz und warnt sie davor, nicht in ihren alten Glauben zurückzufallen. Man werde sie sonst als Häretikerin verbrennen. Vigdis fragt sich, welcher Gott sie nach ihrem Tod richten wird.
Szene 5b. „Der Narr Urbanus“. Der Dorfnarr Urbanus wendet sich an das Publikum (Monolog: „My beloved brothers“). Er warnt vor einem „fremden Virus“, das den „heiligen Körper unseres Heilands“ verzehre. Während seiner Rede jongliert er mit drei Bällen, die die anwesenden Kinder, darunter Vigdis’ Kinder Yaakov und Justa, völlig in den Bann ziehen. Er behauptet, die Türken und Araber würden die Christen in Jerusalem und Konstantinopel angreifen und das Blut ihrer Kinder trinken, und ruft zum Kreuzzug auf. Vigdis sieht die Ritter in Gedanken wie eine riesige silberne Schlange von Norden durch ihr Tal ziehen.
Szene 6a. „Raymond von Toulouse“. Moniou im Herbst 1096. Der Heerführer Raymond von Toulouse und zwei bewaffnete Männer reiten durch die Menge. Angewidert von der Armut des Dorfes suchen sie nach einer besseren Unterkunft. Nachdem der christliche Priester die Synagoge vorgeschlagen hat, befiehlt Raymond, die jüdische Ausstattung daraus zu entfernen. Als sich der Rabbi Obadiah dem widersetzt, schlägt Raymond ihm mit seinem eisernen Handschuh ins Gesicht. David protestiert und erregt ebenfalls Raymonds Zorn.
Szene 6b. „Die Entscheidung“. Der Priester ruft seine Gemeinde zu Gewalt gegen die Juden auf. Es sei ihre heilige Pflicht, den Rittern Gottes beizustehen. Obadiah rät den Juden, den Kreuzfahrern ihre Häuser zu überlassen und Schutz in der Synagoge zu suchen.
Szene 6c. „Der Pogrom“. Die jüdische Gemeinde bereitet sich in der Synagoge auf die Nacht vor. Unterdessen verbarrikadieren die christlichen Ritter die Eingänge und setzen sie in Brand. Die Juden sitzen in der Falle. Panik bricht aus. Zwei bewaffnete Männer entdecken Vigdis, die mit Yaakov und Justa zu den letzten Überlebenden gehört. Um sich zu retten, spricht Vigdis ein christliches Gebet und nennt ihren ursprünglichen Namen. Die Männer lassen sie gehen, verschleppen aber ihre Kinder und töten David. Die Dorfbewohner draußen deklamieren in verschiedenen Sprachen: „Es ist Gottes Wille!“. Der erste Akt endet mit einem langgezogenen Schrei Vigdis’.
Szene 7a. „Gebet an die Natur“. Eine kleine Kapelle zwischen L’Estaque und Marseille am Morgen. Vigdis folgt mit ihrem neugeborenen dritten Kind den Kreuzfahrern, um Yaakov und Justa wiederzufinden. Sie versucht, sich mit einem Gebet zu beruhigen (Arie mit Stadtchor: „The silence is endless“).
Szene 7b. „Der Brief“. Das Hinterzimmer im Haus eines wohlhabenden jüdischen Schiffseigners in Marseille. Vigdis zeigt dem Schiffseigner ein Empfehlungsschreiben von Rabbi Obadiah, das ihre Geschichte erklärt (Sprechgesang: „To our people“).
Szene 7c. „In Marseille“. Vigdis hat bereits einen Platz in einer Galeere, die am nächsten Tag über Tunis und Alexandria nach Jerusalem abfahren soll. Der Schiffseigner warnt sie jedoch davor, dass Frauen auf diesen Fahrten häufig missbraucht werden. Obwohl sie dies nach all ihren Erlebnissen nicht mehr schreckt, nimmt sie sein Angebot an, auf einem seiner Schiffe nach Genua zu reisen und von dort über Palermo eine sichere Passage nach Kairo zu nehmen.
Traum 3. „Sarahs Traum: Kind und Schlange“. Vigdis träumt von Yaakovs Geburt. Eine Schlange zwischen ihren Beinen bedroht sie und das Kind.
Szene 8a. „Das Ritual in der Wüste“. Die Wüste in Alexandria. In halbwachem Zustand beobachtet Vigdis ihr tanzendes Double, mit dem zwei Wüstenfrauen ein Ritual durchführen. Sie reiben sie und ihr Kind mit Öl ein und verabreichen ihr ein schwer zu schluckendes Getränk.
Szene 8b. „Der Sklavenmarkt“. Die Frauen preisen Vigdis auf dem Sklavenmarkt an, bis sie vom Händler Embriachi vertrieben werden.
Szene 8c. „Eine Barke auf dem Nil“. Embriachi verspricht Vigdis und dem Kind Sicherheit. Sie könne jetzt ruhen und am nächsten Tag mit der Barke eines befreundeten Kapitäns nach Fustat reisen. Während der Fahrt wird Vigdis von Embriachi vergewaltigt. Ihr Kind stirbt.
Szene 9. „Das Begräbnis des Neugeborenen“. Auf dem Deck des Nilschiffes nach Kairo. Während drei Männer Vigdis festhalten, werfen die beiden Wüstenfrauen ihr totes Kind in den Nil. Vigdis schreit und versucht, von Bord zu springen. Die Männer verhindern dies auf brutale Weise.
Traum 4. „Hamoutals Traum: Der erste Anblick“. Vigdis erlebt noch einmal ihre erste Begegnung mit David in der jüdischen Schule in Rouen. Sie küssen sich.
Szene 10a. „Der Gasthof“. Ein Abend zwei Jahre später am Jakobsweg in Nájera. Rabbi Todros berichtet Obadiah von Vigdis’ weiterer Reise (Duett: „…and then she understood“). Sie habe in Fustat einen jüdischen Edelmann geheiratet und eine neue Heimat gefunden. Dann habe sie erfahren, dass ihre Kinder Yaakov und Justa noch lebten und sich bei ihren Eltern befänden. Sie sei nun auf dem Weg hierher. Die beiden Rabbis wollen sie begleiten.
Szene 10b. „Der Scheiterhaufen“. Zwei Ritter haben in Vigdis die entlaufene Tochter Gudbrandr erkannt und wollen sich die von ihrem Vater ausgesetzte Belohnung sichern. Es kommt zum Streit zwischen ihnen und den beiden Rabbis. Der christliche Priester, der Gastwirt und die aufgebrachte Menge fordern ihre Verbrennung als Hexe. Obwohl der Hauptmann der Ritter daran erinnert, dass sie die Tochter eines Edelmanns im Norden sei, wird sie zum Scheiterhaufen geschleppt. Vigdis verflucht Gott für all ihr Leid. Erst als Obadiah dem Hauptmann Geld verspricht, rettet der sie aus dem bereits brennenden Scheiterhaufen. Sie verwechselt ihn für einen kurzen Moment mit David, doch der Hauptmann hat keine tröstenden Worte für sie.
Szene 11a. „Der letzte Abschied“. Moniou, sechs Monate später. Ein Abend Ende März 1099. Nach längerer Suche findet Rabbi Obadiah, der den Rittern selbst nur knapp entkommen ist, Vigdis bzw. ihr Tänzer-Double in Moniou. Sie ist gebrochen und will nicht mehr sprechen.
Szene 11b. „Kaddisch“. Vigdis ist verstorben. Als Trauergebet singt Obadiah ein Kaddisch in aramäischer Sprache („Di b’atra qadisha haden vedi bekhol atar v’atar“).