Stephan Nolte

Stephan Heinrich Nolte (* 19. Oktober 1955 in Münster) ist ein deutscher Kinderarzt, Psychotherapeut, Kulturwissenschaftler, Fachjournalist und Autor.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kindheit und Ausbildung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nolte wuchs in Warburg als zweites Kind des HNO-Arztes Elmar Nolte und dessen Frau Hildegard, einer Tochter des Architekten Heinrich Bartmann, auf. Nach Besuch der Gymnasien in Warburg und St. Blasien studierte er Medizin und empirische Kulturwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universität Paris Descartes. Noch während des Studiums heiratete er und bekam fünf Kinder.
Im Jahr 1980 wurde er promoviert, arbeitete zunächst in der Herz-Kreislaufforschung am physiologischen Institut bei Albrecht Fleckenstein und anschließend bis 1990 an der Kinderklinik des Universitätsklinikum Freiburg, geprägt durch Wilhelm Künzer. Er forschte zur Nierenfunktionsdiagnostik[1] und zu neuen Beatmungsstrategien.[2][3][4] 1990 wurde er leitender Oberarzt an der Kinderklinik der Universität Marburg mit den Schwerpunkten Allgemeinpädiatrie, Sozialpädiatrie und Psychosomatik, Nephrologie und Neonatologie.
Praxis in Marburg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1992 gründete er eine eigene Praxis als Kinder- und Jugendarzt in Marburg und schloss eine psychotherapeutische Ausbildung ab. Er ist Lehrbeauftragter an der Philipps-Universität Marburg und war umfangreich publizistisch sowie berufspolitisch u. a. als Landespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Hessens (BVKJ), tätig. Ende Juni 2022 beendete er seine Praxistätigkeit und widmete sich über das Medizinische hinaus dem Schreiben und der Lehre.
Idiopathische Medizin
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1993 führte er den Begriff der idiopathischen Medizin ein.[5] Er definierte ihn als eine Medizin, die die Erkenntnis und die Akzeptanz der Schicksalhaftigkeit von Gesundheit und Krankheit in ihren somatischen und psychosozialen Bedingtheiten und Zusammenhängen akzeptiert und eine empathisch begleitende und beratende ärztliche Grundhaltung gegen eine von therapeutischem Aktionismus geprägte handlungsorientierte Medizin abgrenzt. Dahinter steht eine Grundhaltung, die davon ausgeht, dass das, was uns gesund erhält (Salutogenese), in der Regel ebenso wenig bekannt ist wie das, was krank macht (Pathogenese). Das gilt auf der körperlichen ebenso wie auf der psychischen Ebene. Ehe nun durch blindes therapeutisches Handeln in einem komplexen System mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird, sollten Ärzte angesichts dieses Unverständnisses den Patienten empathisch begleiten und stärken sowie mechanische, psychische und soziale Heilungshindernisse erkennen und beseitigen.[5]
Medizinhistorische Forschung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nolte forscht zur Geschichte der Kinderheilkunde und ihrer Protagonisten, insbesondere der jüdischen Kinderärzte, mit Schwerpunkt auf Polen, Breslau und Prag. 2021 erhielt er gemeinsam mit Vera Trnka den Herbert-Lewin-Preis zur Aufarbeitung der Geschichte von Ärzten in der Zeit des Nationalsozialismus für die Monographie über Berthold Epstein.
COVID-19-Pandemie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Während der COVID-19-Pandemie positionierte sich Nolte 2021 kritisch zu den staatlichen Maßnahmen bei Schul- und Kitaschließungen. Seiner Auffassung nach seien Kinder und Jugendliche weniger schwer von einer Infektion betroffen, wohingegen dessen soziale und psychische Folgen negativ überwiegen. Außerdem stellte er die Aussagekraft von Inzidenzwerten und PCR-Tests ohne Berücksichtigung der Viruslast infrage. Insgesamt fasste er als „Corona-Alarmismus“ auf. Virologen wie die Frankfurter Forscher Martin Stürmer oder Sandra Ciesek widersprachen, da auch Kinder zur Verbreitung des Virus beitragen und die getroffenen Maßnahmen daher dem Schutz der Gesamtbevölkerung dienten.[6]
Veröffentlichungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- mit Annette Nolden: Das große Buch für Babys erstes Jahr. Das Standardwerk für die ersten 12 Monate. Gräfe und Unzer, München 2013, ISBN 978-3-8338-2533-0.
- Maßvoll impfen. Risiken abwägen und individuell entscheiden. Kösel-Verlag, München 2016, ISBN 978-3-466-31066-1.
- Alles halb so schlimm: Die häufigsten Fragen an den Kinderarzt und überraschend einfache Antworten. Kösel-Verlag, München 2017, ISBN 978-3-466-31091-3.
- mit Vera Trnka: In den Grauzonen der Geschichte: Der Prager Kinderarzt Berthold Epstein (1890–1962). Hentrich & Hentrich, Leipzig 2021, ISBN 978-3-95565-484-9. Englische Ausgabe: In the Gray Zones of History: The Prague Pediatrician Berhold Epstein Hentrich & Hentrich, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95565-555-6.
- Heilen oder Behandeln? Reflexionen zu ärztlichem Wirken heute Mabuse-Verlag, Frankfurt 2022, ISBN 978-3-86321-620-7.
- Moritz Coschell – Ein vergessener Maler Hentrich & Hentrich, Leipzig 2023, ISBN 978-3-95565-596-9
- Die Entstehung der polnischen Pädiatrie: Die Anfänge der klinischen Pädiatrie, die Polnische Gesellschaft für Kinderheilkunde und ihre Schlüsselfiguren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. pädiatrische praxis 101, 1–11 (2024)
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 2011: Samuel-Hahnemann-Medaille des DZVhÄ
- 2021: Herbert-Lewin-Preis (gemeinsam mit Vera Trnka)[7]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ S. Nolte, B. Müller, W. Pringsheim: Serum alpha1-microglobulin and β2-microglobulin for estimation of fetal glomerular renal function. In: Ped Nephrol. 5, 1991, S. 573–577.
- ↑ S. Nolte: Evolutionsbiologische Aspekte zur Physiologie der extracorporalen CO2-Entfernung. In: Anaesthesist. 38, 1989, S. 622–625.
- ↑ S. Nolte, W. J. Jonitz, J. Grau, H. Roth, E. R. Assenbaum: Hemodialysis for extracorporeal Bicarbonate/CO2-Removal (ECBicCO2R) and Apneic oxygenation for respiratory failure in the newborn. In: Trans Am Soc Artif Intern Org. 35, 1989, S. 30–34.
- ↑ S. H. Nolte, R. H. Benfer, J. Grau: Extracorporeal CO2-removal with hemodialysis (EcBicCO2-R): How to substitute for the bicarbonate loss? In: Int J Artif Org. 14, 1991, S. 759–764.
- 1 2 Stephan Heinrich Nolte: Idiopathische Medizin. Empathische Begleitung und Beratung statt therapeutischem Aktionismus. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 90, 1993, A1, S. 2614–2616.
- ↑ Björn Wisker: Marburger Kinderarzt kritisiert Corona-Politik als „verheerend“. In: Oberhessische Presse. 23. März 2026, abgerufen am 30. März 2026.
- ↑ Deutsches Ärzteblatt online, abgerufen am 28. November 2021
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Nolte, Stephan |
| ALTERNATIVNAMEN | Nolte, Stephan Heinrich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Pädiater und Autor |
| GEBURTSDATUM | 19. Oktober 1955 |
| GEBURTSORT | Münster |