Stegreifrede
Eine Stegreifrede ist eine improvisierte Form der mündlichen Rede.
Diese Form der Rede entsteht erst in dem Moment, in dem sie auch gehalten wird. In klassischer rhetorischer Terminologie kann man sagen, dass bei dieser Gattung mehrere der fünf Produktionsstadien der Rede zusammenfallen: Die inventio, das Auffinden der Argumente, die elocutio, das Ausformulieren derselben und die actio, der mündliche Vortrag. Somit erfordert eine genuine Stegreifrede ein hohes Maß an Auffassungsgabe, gedanklicher Schnelligkeit, Kreativität und Wortgewandtheit.
Wortherkunft und Bezeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das deutsche Wort Stegreifrede kommt vom Stegreif, also dem Steigbügel der Reiter. „Aus dem Stegreif“ bedeutet also zu reden, ohne vom Pferd zu steigen – ohne längere Vorbereitung und aus voller Aktion heraus.[1] Ähnliche Begriffe sind Spontanrede, ad-hoc-Rede, freie Rede oder Gelegenheitsrede.
In der Rhetoriktheorie des alten Griechenlands wurde die Stegreifrede "αὐτοσχεδιαστιϰὸς λόγος" (autoschediastikós lógos) als Gegenstück zur niedergeschriebenen Rede "γραπτὸς λόγος" (graptós lógos) untersucht. In lateinischen Quellen liest man in diesem Zusammenhang vom "ex tempore dicere". (Vgl.: "Extemporieren")
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Antike
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sokrates war dafür bekannt, selber keine schriftlich fixierten Reden gebraucht zu haben. Die Schriften seines Schülers Platons stellen einen wichtigen Ausgangspunkt für Fragen zum Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit dar. Einerseits sind diese eine wichtige Quelle für das rhetorische Geschehen der Zeit, andererseits ist Platons zwiespältiges Verhältnis zur schriftlichen Fixierung seiner eigenen Lehrinhalte Gegenstand wissenschaftlicher Debatten (siehe: ungeschriebene Lehre).
Vom Sophisten Gorgias heißt es, dass er beide Formen beherrschte.[2] Von dessen Schülern stehen zwei archetypisch für gegensätzliche Positionen: Alkidamas bevorzugte die Stegreifrede,[3] während Isokrates vehement die akribische Ausarbeitung von Reden verteidigte.[4]
Cicero lobt die Nützlichkeit der Stegreifrede zur Übung, gibt aber der ausgearbeiteten, schriftlich verfassten Rede den Vorzug: „Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Bildner und Lehrmeister der Rede und nicht mit Unrecht.“[5] Wer das Schreiben beherrsche, würde auch bei spontanem, mündlichen Vortrag einen guten Stil zustande bringen, der dem niedergeschriebenem ähnelte.[6]
Quintilian stimmt dem insofern zu, als dass er im Schreiben ein unverzichtbarer Bestandteil der rhetorischen Bildung sieht. Dennoch ist ihm zu Folge die Fähigkeit frei zu sprechen die höchste Kunstfertigkeit, da der Stil der freien Rede authentischer wirke und vom Publikum somit als glaubhafter wahrgenommen werden würde. Er empfiehlt sogar die vorbereiteten Reden mit dem Schein der Spontanität vorzutragen.[7]
Mittelalter und Neuzeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im europäischen Mittelalter verband sich die theoretische Beschäftigung mit Stegreifreden weitgehend mit Überlegungen zur christlichen Homiletik. Ob oder inwiefern Prediger wie Berthold von Regensburg, Meister Eckhart oder Johannes Tauler spontan gesprochen haben, ist allerdings nicht bekannt.[8]
Im 17. Jahrhundert sollten Christian Weises deutschsprachige Rhetorik-Lehrbücher auch zum spontanen reden ermächtigen.[9]
Heinrich von Kleist beschäftigte sich im frühen 19. Jahrhundert in seiner Schrift Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden mit Aspekten der spontan und im Moment erzeugten Rede. Er nennt dieses Reden "ein wahrhaftes lautes Denken."[10]
Moderne
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heute existiert wieder eine breite Ratgeberliteratur zum Thema der Stegreifrede.
Die mediale Verbreitung von Aussagen durch Rundfunk, Fernsehen und digitale Plattformen hat die Bedingungen öffentlicher Rede verändert: Spontane Äußerungen können unmittelbar aufgezeichnet, verbreitet und aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst werden. Deshalb verortet z. B. Joachim Knape, dass "Stegreif, das spontane Statement, die unvorbereitete Diskussion, der öffentliche Talk und andere moderne Formen medienvermittelter Mündlichkeit immer klarer als zeitgenössische Herausforderung ersten Ranges gesehen [werden]."[11]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wissenschaftlich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Alkidamas: Über die Verfasser schriftlicher Reden. Oder: Über die Sophisten. In: Thomas Schirren und Thomas Zinsmaier (Übers. und Hrsg.): ''Die Sophisten. Ausgewählte Texte. Griechisch/Deutsch''. Stuttgart 2003, S. 346–365.
- Friemann, Sylvia: Überlegungen zu Alkidamas’ Rede über die Sophisten. In: Wolfgang Kullmann und Michael Reichel (Hrsg.): ''Der Übergang von der Mündlichkeit zur Literatur bei den Griechen''. Tübingen: G. Narr 1990 (= Script Oralia, Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Bd. 9), S. 301–315.
- Geißner, Hellmut: Stegreifrede. In: Gert Ueding (Hrsg.): ''Historisches Wörterbuch der Rhetorik''. Berlin/Boston: De Gruyter 2013. DOI:10.1515/hwro.8.stegreifrede.
- Knape, Joachim: Kreativität der spontanen Findung. Inventivik im rhetorischen Stegreif heute, bei Alkidamas und Heinrich von Kleist. In: Joachim Knape und Achim Litschko (Hrsg.): ''Kreativität. Kommunikation – Wissenschaft – Künste''. Berlin: Weidler 2013 (= Neue Rhetorik, Bd. 6), S. 183–220.
Ratgeberliteratur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hoelter, Inés: Klassische Rhetorik: solide Grundlagen für spontane Reden erarbeiten. In: ''Mitreißend sprechen wie Obama. Wie Sie Emotionen und Storytelling nutzen, um Ihr Publikum zu begeistern''. Wiesbaden: Springer Gabler 2024, S. 35–41. DOI:10.1007/978-3-658-45110-3.
- Lerche, R.: ''Rhetorik: Das Trainingsprogramm. Sicher auftreten – frei sprechen – erfolgreich diskutieren''. Augsburg: Augustus-Verlag 1995.
- Reckzügel, Matthias: Freie Rede. In: ''Moderation, Präsentation und freie Rede. Darauf kommt es an''. Wiesbaden: Springer Vieweg 2017 (= essentials), S. 31–32. DOI:10.1007/978-3-658-18062-1.
- Schloemann, Johan: ''I have a dream. Die Kunst der freien Rede. Von Cicero bis Barack Obama''. München: C. H. Beck 2019.
- Vogt, Gustav: Die freie Rede. In: ''Erfolgreiche Rhetorik. Faire und unfaire Verhaltensweisen in Rede und Gespräch''. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2010, S. 183–192. DOI:10.1524/9783486710182.183.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ ›stegreif‹ in: Deutsches Wörterbuch (¹DWB). Abgerufen am 18. Oktober 2026.
- ↑ Platon: Gorgias, 447c5-8
- ↑ Ruth Mariss, Alcidamas: Alkidamas: über diejenigen, die schriftliche Reden schreiben, oder über die Sophisten: eine Sophistenrede aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., eingeleitet und kommentiert (= Orbis antiquus. Bd. 36). Aschendorff, Münster 2002, ISBN 978-3-402-05415-4.
- ↑ Sylvia Usener: Isokrates, Platon und ihr Publikum: Hörer und Leser von Literatur im 4. Jahrhundert v. Chr (= ScriptOralia ; Reihe A, Altertumswissenschaftliche Reihe. 63. Bd. 14). G. Narr Verlag, Tübingen 1994, ISBN 978-3-8233-4278-6.
- ↑ Cicero, Marcus Tullius: Vom Redner. De Oratore. Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Raphael Kühner. 2. Auflage. Hoffmann'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1873, I, 150.
- ↑ Cicero, Marcus Tullius: Vom Redner. De Oratore. Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Raphael Kühner. 2. Auflage. Hoffmann'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1873, I, 152.
- ↑ Chris Holcomb: “The crown of all our study”;: Improvisation in Quintilian's Institutio Oratoria. In: Rhetoric Society Quarterly. Band 31, Nr. 3. Routledge, Juni 2001, ISSN 0277-3945, S. 53–72, doi:10.1080/02773940109391206 (tandfonline.com [abgerufen am 22. Oktober 2026]).
- ↑ Hellmut Geißner: Stegreifrede. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik Online. Gert Ueding, 2013, S. Sp. 1363, abgerufen am 22. Oktober 2026.
- ↑ Karl-Heinz Göttert: Einführung in die Rhetorik: Grundbegriffe - Geschichte - Rezeption (= UTB S (Small-Format). Nr. 1599). 4., überarbeitete Auflage. W. Fink, Paderborn 2009, ISBN 978-3-7705-4731-9, S. 151.
- ↑ Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. In: Siegfried Streller (Hrsg.): Werke und Briefe. 2. Auflage. Band 3. Berlin / Weimar 1984, S. 457.
- ↑ Kreativität: Kommunikation - Wissenschaft - Künste ; [interdisziplinäe Tagung am 9. und 10. Februar 2007 vom Rhetorikforum in Tübingen] (= Neue Rhetorik. Nr. 6). Weidler, Berlin 2013, ISBN 978-3-89693-601-1, S. 216.