Solenit
Solenit ist ein im Jahr 1896 in Italien entwickeltes, rauchloses Treibladungspulver (umgangssprachlich „Rauchschwaches Pulver“). Es handelt sich chemisch um ein zweibasiges Pulver, das als Standard-Treibmittel der italienischen Streitkräfte (Regio Esercito) im Ersten Weltkrieg diente. Solenit wurde primär als Treibladung für die Gewehrmunition des Systems Carcano Modell 1891 (Kaliber 6,5 × 52 mm) sowie für verschiedene Typen der Feldartillerie eingesetzt. Der Name Solenit stammt von dem griechischen Wort griechisch σωλην sōlos ab, dass zu Deutsch Röhre oder Kanal heißt und sich auf die spezielle Formgebung der Endprodukte bezieht.
Geschichte und Entwicklung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit der Erfindung des ersten praxistauglichen rauchlosen Pulvers Poudre B durch den Franzosen Paul Vieille im Jahr 1884 gerieten die übrigen europäischen Großmächte unter Zugzwang. Fast zeitgleich hatte Max von Duttenhofer ein dem Poudre B überlegenes Treibladungspulver erfunden. Sowohl das französische Poudre B als auch das deutsche Rottweiler Pulver (R.C.P.) von Duttenhofer waren einbasige Pulver. Das erste zweibasige Pulver wurde 1887 von Alfred Nobel erfunden. Seine bekanntesten Varianten heißen Ballistit und Kordit.
In Italien war man sich der Nachteile des Poudre B bewusst, so neigte es dazu, sich bei der Lagerung schleichend zu zersetzen. Dabei spalteten sich giftige Stickoxide ab, die den Zersetzungsprozess rasant beschleunigten (Autokatalyse). Es verbrannte nicht mehr gleichmäßig, sondern neigte zu plötzlichen, extremen Druckspitzen. Dies führte beim Abfeuern immer wieder dazu, dass Gewehrläufe und Artilleriegeschütze regelrecht zerrissen und die eigenen Soldaten töteten. Auch neigte das Poudre B zu Selbstentzündungen. Die Explosionen auf den französischen Schlachtschiffen Iéna (1907) und Liberté (1911) sind hierauf zurückzuführen.
Italien adaptierte für seine Gewehrentwicklung zunächst das von Alfred Nobel 1887 patentierte Ballistit. Dieses bestand zu gleichen Teilen aus Nitroglycerin und Nitrozellulose. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass die extreme Verbrennungstemperatur des Ballistits die Gewehrläufe durch Erosion (Auswaschung) innerhalb kürzester Zeit unbrauchbar machte. Zudem neigte das frühe Ballistit unter extremen klimatischen Bedingungen zur Instabilität.
Um diese Mängel zu beheben, modifizierten Chemiker in der staatlichen italienischen Pulverfabrik von Fontana Liri die Rezeptur. Im Jahr 1896 senkten sie den Anteil des aggressiven Nitroglycerins erheblich und fügten Stabilisatoren hinzu. Das Ergebnis war Solenit, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Rückgrat der italienischen Handfeuerwaffen-Munition bildete.[1]
Zusammensetzung und Gebrauch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Solenit besteht zu 61 % aus Nitrocellulose, zu 36 % aus Nitroglycerin und zu 3 % aus Mineralöl.[2]
Im Gegensatz zum französischen Poudre B, das ein rein einbasiges Nitrozellulose-Pulver war, besaß Solenit durch den Nitroglycerin-Anteil eine deutlich höhere Energiedichte. Es verbrannte extrem gleichmäßig, entwickelte einen hohen Gasdruck und war unempfindlich gegenüber Feuchtigkeit und starken Temperaturschwankungen, was sich besonders im alpinen Gebirgskrieg bewährte. Die Modifikation sorgte dafür, dass der Laufverschleiß im Vergleich zum reinen Ballistit auf ein militärisch akzeptables Maß sank.
Die hohe Leistung des Solenits erlaubte den italienischen Konstrukteuren die Entwicklung einer für die damalige Zeit revolutionär kleinen und leichten Patrone, der 6,5 × 52 mm Carcano. Solenit beschleunigte das schlanke, 10,45 g schwere Projektil auf eine Mündungsgeschwindigkeit (v₀) von rund 700 m/s. Dies resultierte in einer für die Epoche außergewöhnlich flachen (gestreckten) Flugbahn und hoher Präzision auf Distanzen bis zu 400 Metern. Ein weiterer ballistischer Vorteil war der durch das kleine Kaliber und die progressive Pulververbrennung bedingte, sehr geringe Rückstoß, was die Schützen im Dauerfeuer entlastete.[3]
Als moderne Alternativen gelten W-760 und H-414 Pulver, die ähnliche Eigenschaften aufweisen.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Michele Giua: Trattato di chimica industriale. Band VI: Esplosivi. UTET, Turin 1932.
- Arthur Marshall: Explosives. Their History, Manufacture, Properties and Tests. P. Blakiston’s Son & Co., Philadelphia 1917.
- Henrotin Gerard: The Carcano Rifle M91. HL Publishing, 2017.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ APM – Archeologia Postmedievale, 21, 2017. All’Insegna del Giglio, 2018, ISBN 978-88-7814-794-2, S. 46 f. (google.de – die Seite ist nicht in der Leseprobe enthalten).
- ↑ Solenite. In: Enciclopedia on line. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom (italienisch, treccani.it).
- ↑ Siro Offelli: Le armi e gli equipaggiamenti dell’esercito austro-ungarico dal 1914 al 1918. Band 2: Bandiere reggimentali, decorazioni, armi e dotazioni individuali. 2002.